BURIED INSIDE: Der Gong und die Axt

"Was, eine Stunde zu früh?" Ob Bassist Steve Martin von BURIED INSIDE diese Stunde, in der Captain-ich-bin-mit-der-Vorbereitung-noch-fertig mit seiner Vorbereitung fertig wurde, noch mit dessen Bong verbracht hat, ist eine natürlich bösartige Unterstellung, auf der anderen Seite ist der freundliche Kanadier ein suspekt entspannter Gesprächspartner, und das obwohl "Spoils of Failure", die neueste Großtat seiner Combo, ein wahres Wechselbad der Gefühle ist. Nicht anders ist es in diesem knapp fünfundvierzigminütigem Interview: Es gibt viel zu lachen, aber manche Texte der Ausnahme-Hardcore-Formation bringen uns auch zu bedrückenden, aktuellen Ereignissen auf diesem Planeten.

Was, eine Stunde zu früh? Dass Bassist Steve Martin von BURIED INSIDE diese Stunde, in der Captain-ich-bin-mit-der-Vorbereitung-noch-fertig mit seiner Vorbereitung fertig wurde, noch mit seiner Bong verbracht hat, ist eine natürlich bösartige Unterstellung, auf der anderen Seite ist der freundliche Kanadier ein suspekt entspannter Gesprächspartner, und das obwohl Spoils of Failure, die neueste Großtat seiner Combo, ein wahres Wechselbad der Gefühle ist. Nicht anders ist es in diesem knapp fünfundvierzigminütigem Interview: Es gibt viel zu lachen, aber manche Texte der Ausnahme-Hardcore-Formation bringen uns auch zu bedrückenden, aktuellen Ereignissen auf diesem Planeten.

 

Hallo Steve, herzlichen Glückwunsch zu Spoils of Failure, ein wirklich großer Schritt für BURIED INSIDE. Chronoclast war ein nahezu perfektes Album in seinem eigenen Mikrokosmos, ein Album welches das Thema Zeit musikalisch und textlich perfekt verband und mit seinen zwei gespiegelten Hälften wirklich etwas neues bot. Es war sicherlich schwierig mit dem Songwriting weiter zu machen.

Es verstrich viel Zeit, bis wir anfingen, Spoils of Failure zu schreiben, wir haben fast zwei Jahre für Chronoclast getourt und hatten da ein paar Ideen, allerdings nur sehr vage. Das Schreiben ging sehr langsam vonstatten, wir hatten anfangs auch nicht wirklich einen Plan, wo wir hinwollten. Wir haben uns einfach treiben lassen. Wir wollten auch bewusst weg gehen von den Strukturen von Chronoclast, diese zwei großen Hälften an Musik zu wiederholen wäre lächerlich gewesen.

Ich habe gehört, dass fast alles an Spoils of Failure gejammt wurde. Kein Wunder dass das Songwriting zwei Jahre gedauert hat.

Ja, so ziemlich alles entstand im Proberaum, einer von uns hat vielleicht mal ein Riff mitgebracht und darauf haben wir dann aufgebaut, es bearbeitet und zurecht gebogen. Dieses Album ist die deutlichste Gemeinschaftsarbeit, die wir bisher hatten.

Nach Chronoclast hat Mathias Palacious-Hardy die Band verlassen, ist aber nach wie vor für die optische Seite von BURIED INSIDE zuständig. Ich gehe davon aus, dass es kein böses Blut zwischen euch gegeben hat.

Nein, gar nicht. Er gehört mental nach wie vor zu uns, auch wenn er nicht mehr mit uns spielt. Er zog nach Toronto, das sind fünf Stunden zu fahren, für kanadische Standards ist das zwar nicht weit, aber leider funktionierte es daher nicht mehr, mit ihm zu spielen.

Emanuel Sayer, sein Nachfolger hebt sich stilistisch von ihm nicht allzu sehr ab.

Ja, er zog nach Ottawa, aber er hat einen ähnlichen Background wie der Rest von uns. Er passt perfekt zu uns, ist ein entspannter Typ und schreibt mit einer ähnlichen Herangehensweise seine Musik, wie Mathias.

Genau darum erkennt man BURIED INSIDE eindeutig wieder, auch trotz der erneuerten Ausrichtung. Gerade die Gitarren sind sehr charakteristisch und machen bei euch viel vom Gesamtbild aus.

Emanuel hat sich uns auch angeglichen, ganz klar. So ist es eben, wenn man in eine Band kommt, die seit vielen Jahren besteht.

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Die abstrakte Visualisierung des Titels: Das Artwork von Ex-Gitarrist Mathias.

 Überhaupt hattet ihr ansonsten noch nie einen Besetzungswechsel.

Genau, bis auf den Ausstieg von Mathias sind wir die selben seit 1997.

Schade übrigens, dass du diese hypnotisierenden Bassläufe, wie bei VIII nicht öfter einsetzt. Ich habe eigentlich gehofft, nach Time as Imperialism auf Chronoclast würdest du das ausbauen.

Es hat sich nicht anders ergeben. Bei Chronoclast hatte ich diese Ausgangsidee sogar zu Hause, als ich geübt habe, bei VIII kam es spontan im Proberaum.

Der Basssound auf Spoils of Failure ist einzigartig, er klingt oftmals recht weich und wirkt zwischen den noisigen Gitarren wie ein beruhigender Gegenpol.

Ich habe einen Orange Thunderbird-Amp, den ich vor allem im Studio verwende. Fußschalter setze ich eigentlich keine ein, aber ich drehe gerne am Gain und am Verzerrer herum. Bei den heftigen Stellen mag ich es, wenn er übersteuert. Auf jeden Fall kommt er so ziemlich gut durch die restliche Musik durch und wirkt in den ruhigen Stellen recht dezent.

Deine Kollegen an der Gitarre verwenden auch eher altmodische Verstärker.

Ja, das tun sie. Sie haben die gleichen Amps und drei Setups eingestellt, dabei verwenden sie meisten das gleichen Einstellungen um einen homogenen Sound zu erhalten. Trotzdem benutzen sie bei verschiedenen Songs auch manchmal verschiedene Setups, um dem Song zu geben was er braucht. Es ist gut für die Kreativität, aus vielen Möglichkeiten wählen zu können.

Interessant ist, dass auch wieder Mark Molnar, wie schon auf den letzten beiden Alben Streicher angefügt hat, aber ehrlich gesagt, trotz des sehr häufigen Hörens von Spoils of Failure, habe ich diese bisher noch nicht entdeckt.

Auf Chronoclast gab es ja deutlich mehr Streicher zu hören. Uns wurde schnell bewusst, dass es eigentlich zu viele waren, wir wollten nicht, dass das Album darunter erstickt. Deshalb sind die Streicher auf Spoils of Failure eher versteckt, sie unterstützen viel mehr die Atmosphäre. VI hat am Anfang, bei der leisen Stelle mit der Trompete welche, außerdem beinhaltetet VIII versteckte Streicher.

VI ist ein gutes Stichwort, das ist ein schönes Westernfeeling am Anfang. Wer hat die Trompete gespielt?

Das war unser Gitarrist Andrew Tweedy.

Das ist ja auch einer meiner favorisierten Songs. Auch wenn ich sagen muss, dass zwar jeder der Songs für sich allein stehen kann, Sinn macht Spoils of Failure aber nur, wenn man es als Ganzes hört.

Das wollten wir auch erreichen. Jeder der Songs sollte auch unabhängig stehen können und nicht so sehr vom Rest des Albums abhängig sein.

Ich finde es ziemlich überraschend, wie das Album entstand. Kurt Ballou hat es aufgenommen, Matt Bayles hat es gemischt und Alan Douches hat es gemastert. Warum hat es Kurt nicht gemischt?

Wir wollten ursprünglich mit Matt auch aufnehmen, wie schon in der Vergangenheit. RELAPSE und Matt konnten sich aber nicht einigen, aber wir wollten unbedingt, dass er an Spoils of Failure beteiligt werden würde, einfach weil er auch Anteil daran hatte, wie wir uns entwickelt haben und dass wir bei RELAPSE gelandet sind, denn wir hatten damals ja keinen Plattenvertrag, als Chronoclast aufgenommen wurde. Kurt ist aber auch ein feiner Kerl und hatte keine Probleme damit, nur die Aufnahmen zu machen. Es war gar nicht schlecht, noch zwei Ohren zu haben, die zusätzlich in diesem Prozess miteingebunden waren.

Dadurch ist der Sound auch ziemlich einzigartig.

Genau so ist es!

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Wir haben uns einfach treiben lassen, wollten aber bewusst weg von den Strukturen von ´Chronoclast´. Die Entstehung von Spoils of Failure war kein leichtes Unterfangen.

Das Artwork ist dieses Mal ziemlich pragmatisch, es gibt eigentlich nur drei Elemente: Das Cover mit den vor der Sonne kreisenden Vögeln, der Querschnitt durch den Stamm und der Bär, der das Damwild frisst. Meine Interpretation ist folgende, die Vögel kreisen wie eine Spirale, aber der Baumstamm, bei dem jedes Jahr ein Ring dazu kommt, macht das zu einem Fortschritt, der nicht aufzuhalten ist, umgekehrt sozusagen. Der Bär steht für die mächtigen, der Hirsch für die kleinen Leute. Das ergibt für mich zusammen genommen den Albumtitel. Kannst du mir überhaupt folgen?

Ja, das kann ich, ich mag diese Interpretation! Du bist auch gar nicht so weit von der ursprünglichen Aussage entfernt, gerade mit den Jahresringen des Baumes hat der Titel viel zu tun. Das Artwork ist ein wenig abstrakt gehalten und verdeutlicht den Titel auf ungewöhnliche Art und Weise. Mathias kann sich nach wie vor gut in BURIED INSIDE hineinversetzen, weil er so lange Mitglied dieser Band war. Es ist auch eine Art Yin-Yang, ein ewig Auf und Ab, das hier symbolisiert wird. Zusätzlich fließt hier durch das Bild mit dem Bär die physische wie mentale Freifläche Kanadas ein.

Auch die Texte sind bei BURIED INSIDE stets ein großes Thema. Traditionell gibt es zu jedem der Texte ein Zitat, ebenso bei Spoils of Failure. Ist das eine Zusammenfassung des Themas, oder soll der Leser hier eine Hilfe erhalten, die Worte zu verstehen?

Das kann beides sein. Oftmals sind diese Zitate auch Ausgangspunkte, aus denen Nick (Shaw, Sänger – Anm. d. Verf.) seine Inspiration zum Text zieht.

Ich habe einige Zeit mit den Texten verbracht und habe drei bis vier große Themen herausgelesen. Das wären Wissenschaft und Biotechnologie, dann Kommunikation und Sprache, aber auch Verbrechen und Justiz und Geschichte kommen vor.

Das hast du richtig erkannt, das ist im Groben der Themenkomplex. Wir wollten eben kein neues Konzeptalbum machen, Nick wollte sich nicht mehr auf ein Thema beschränken. Neue Themengebiete zu erforschen, das war uns wichtig.

Hat Nick Politik oder Philosophie studiert?

Nein, damit befasst er sich schon lange privat selbst. Er liest viel und die Ideen für Texte kommen auch oftmals aus Filmen oder anderer Kunst.

V hat gestern wieder einmal einen schrecklichen Bezug zur Realität erhalten. Die Worte: Criminal justice fails in order to protect a particular image of crime kommen mir bei den Ermittlungspannen und der generellen Geschehnisse des Amokläufers in Deutschland ins Gedächtnis.

Ich habe davon gehört. Ehrlich gesagt, habe ich nicht allzu viel darüber nachgedacht, weil das ist so weit weg, so geht es euch wahrscheinlich auch, wenn in den USA etwas passiert. Ich weiß aber, dass sechzehn Menschen gestorben sind. Wie alt war der Schütze?

Er war siebzehn.

Jesus Christus. Und er hat sich selbst gerichtet. Es ist jedes Mal das selbe.

Was glaubst du, als Mitglied einer politisch sehr interessierten Band, wie kann so etwas verhindert werden?

In Kanada haben wir Strukturen, da kommt nur sehr wenig Gewalt auf. In meiner Familie haben auch einige Personen Waffen, aber niemals werden sie benutzt, eigentlich sind sie gar nicht nötig. Ich glaube, dieses Thema ist viel sensibler in den USA. Es allerdings gab vor zwei, drei Jahren so einen Vorfall in Montreal, da wurden zwei Menschen, inklusive dem Amokläufer getötet. Das war auf jeden Fall ein Schock für uns. Es wird nach solchen Geschehnissen natürlich immer über Videospiele diskutiert und auch einige meiner Freunde spielen öfter so etwas, man kann es sich nicht so einfach machen und alle Spieler über einen Kamm zu scheren, weil es auch so weit an der Realität vorbei zieht. Es ist ein großer Sprung von virtuellem Mord zu realem Mord.

Ich habe gerade das Gefühl, dass Michael Moore mit Bowling

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Kein neues Konzeptalbum. Nick Shaw (Mitte) will neue Themengebiete erforschen.

for Columbine doch kein so falsches Bild von Kanada und der Gewalt in den USA gezeichnet hat.

Ich erinnere mich an die Szene mit den nicht abgeschlossenen Haustüren. Ich meine, wenn ich zu Hause bin, warum soll ich die Türe absperren? Ich glaube auch, dass er gar nicht so falsch liegt mit seinem Film.

Was ich übrigens sehr gut finde, ist dass ihr bewusst auf Songtitel verzichtet habt. Ist das eine Provokation an den Konsumenten, dass er es sich nicht so einfach manchen soll und die Texte lesen soll?

Nick hat einfach die Texte geschrieben, der Titel war ihm nicht wichtig. Es gab kein Bedürfnis, eine spezifische Zeile zu schreiben, die dann als Titel fungiert. Wenn es hilft, dass die Fans, dann auch die Texte lesen und sich damit beschäftigen, sind wir auf dem richtigen Weg.

Ihr wart für Chronoclast viel unterwegs. Ich gehe davon aus, dass ihr zu Spoils of Failure auch wieder ausgiebig touren werdet.

Ja, wir hoffen dass es wieder so kommt. Momentan haben wir eine Wochenend-Tour in Kanada am laufen, es ist immer schwierig Kanada ordentlich abzuarbeiten, weil es so verdammt groß ist. Die USA werden im Juni betourt, Europa wird dann im Herbst dran sein, circa Ende September oder Anfang Oktober. Wir freuen uns auf Deutschland, wir lieben Deutschland. (lacht)

Das hätte ich an deiner Stelle auch gesagt. Ihr wart erst einmal in Europa unterwegs und, Asche über mein Haupt, ich habe euch verpasst. Jetzt bin ich neugierig, wie ist ein Konzert von BURIED INSIDE?

Hm. Es ist… Es ist intensiv. (lacht)

Das ist schon mal nicht schlecht. Ich habe gehört, ihr hattet mal einen Gong als Attraktion.

Ja, das ist schon einige Jahre her. Der ist aber kaputt, es passierte auf der Bühne. Nick hat eine Axt verwendet. (lacht)

Ansonsten, Pläne für die nächste Zukunft? Wird es ein Video geben, oder eine Split, oder sonst etwas?

Nein, nichts dergleichen. Wir haben alle Jobs und müssen irgendwie über die Runden kommen.

Da fällt mir ein, ich habe gehört einer von euch hat ein Independent-Kino, stimmt das?

Ja, das gehört Nick. Aber das ist eher ein kleines Kulturzentrum, mit Theater und so weiter. Da läuft viel gutes Zeug, das kannst du mir glauben.

Wenn ich mal in Ottawa bin, schau ich vorbei, sei gewarnt. Danke für deine Zeit!

Ich habe zu danken, bis zum Herbst!

Bilder: Relapse Records