BRUCE DICKINSON: Die Einsamkeit eines Ausnahmekünstlers…

 

BRUCE DICKINSON arbeitete bei “Chemical Wedding“ mit der gleichen Besetzung wie bei “Accident Of Birth“ zusammen – Roy Z (Produzent, Gitarre), Adrian Smith (Gitarre), Eddie Casillias (Bass) and Dave Ingraham (Drums) – einer Platte, die sich mehr als doppelt so oft verkaufte wie der Vorgänger “Skunkworks“. Und mit seiner neuen Scheibe “Chemical Wedding“ wird BRUCE DICKINSON sicherlich noch weitaus mehr Exemplare an den Mann bringen können…

Aufgenommen wurde das Album in den Silver Cloud Studios in Los Angeles, und obwohl es sich bei dieser Scheibe um ein sorgfältig ausgearbeitetes Konzept handelt, begann die Band gleich nach der Veröffentlichung von “Accident…“ mit dem Songwrtiting.

Also, um ehrlich zu sein, haben wir bereits auf der Tournee angefangen, Songs zu schreiben. Roy hatte immer einen kleinen Walkman im Umkleideraum dabei, wenn er Gitarre spielte, so dass er da bereits Ideen sammelte. Ich kann auf Tourneen nicht wirklich Stücke schreiben, da es sehr schwierig für mich ist, denn mein Instrument ist meine Stimme, und die versuche ich auf Tourneen zu schonen. Die Tour endete aber kurz vor Weihnachten und bereits im Februar haben wir angefangen, effektiv zu schreiben.

Ihr habt also auch nicht während der Soundchecks Ideen gesammelt?

bruce-dickinson-chemical-wedding-coverUnsere Soundchecks sind sehr funktional, wir versuchen wirklich nur, den richtigen Sound zu finden. Ich hasse Soundchecks, aber man muss sie machen. Ich mag es aber absolut nicht, auf der Bühne zu stehen, ohne eine Publikum vor mir zu haben. Aus dem gleichen Grund mag ich auch die Proben für Tourneen nicht. Ich hasse es, auf der Bühne zu stehen und so zu tun, als ob ein Publikum da wäre. Deshalb übe ich auf dem Boden. Weißt du, es ist eine psychologische Sache. Ich übe auf dem Boden, ich schreibe auf dem Boden. Wenn jedoch ein Publikum da ist, dann habe ich eine Bühne und möchte auch unbedingt da rauf. Ich denke, es hat auch etwas mit Aberglauben zu tun, aber je länger ich auf der Bühne herumwandere, ohne ein Publikum unten zu haben, desto schwerer fällt es mir, auf der Bühne zu sein. Mir kommt es so vor, als würde ich mehr oder weniger die Bühne kehren. Für mich ist die Bühne eine heilige Stätte, es ist der Ort, wo ich meine Kunst ausübe. Und deshalb, wenn ich diese Jungs habe, die auf die Bühne springen… okay, es hängt von meiner Stimmung ab, aber wehe, jemand tut es im falschen Moment… dann ist es kein netter Ort für denjenigen, weil ich dann sehr sauer werde, weil es meine Bühne ist, unsere Bühne. Ich bin da sehr empfindlich.

Aber beim Soundcheck fehlt die Magie. Nimm zum Beispiel den Zauberer von Oz, wenn der große, mächtige Oz erscheint (macht irgendwelche Geräusche) und der Hund den Vorhang wegzieht, dann sagt der alte Mann: ‚Achtet nun auf den Mann hinter dem Vorhang’ – es zerstört einfach die Magie.

Der Gitarrensound hat sich im Gegensatz zum Vorgängeralbum stark verändert, er klingt sehr rau und ungeschliffen, was ein wenig verwundert, da Adrian Smith eigentlich ein sehr melodiöses Spiel hat…

Das war Roys Idee. Er hat nach Möglichkeiten gesucht, die normale E-Saite der Gitarre zu ersetzen und die anderen Saiten zu verändern und sie dem Bass-G anzupassen. Es ist ein wirklich guter Sound geworden. Einige Sachen mussten auch angefertigt werden. Die meisten Sechssaiter sind einfach zu dünn, aber wir haben nicht wirklich herumexperimentiert. Er besorgte sich diese Gitarre und nahm Zuhause einige Demos auf, die er mir dann schickte, und ich sagte ihm: ‚Geil, Roy, das klingt wirklich heavy’, und er meinte nur: ‚Ja, ja, ich weiß, aber warte, bis Du die Gitarre hörst’. Und das war es dann auch. Er schickte Adrian dann die Vorschläge, und Adrians Roadie veränderte zwei von Adrians Gitarren, und damit waren wir ausgerüstet.

Ein wirklich sehr herausstechender Song auf dem neuen Album ist “Jerusalem“, das sehr von Folk-Elementen inspiriert ist, sehr rhythmuslastig ist, halt wie ein episches, traditionelles Stück klingt…

Ich liebe Folk-Musik, die mit einer Art von keltischem, heidnischem Gefühl ausgestattet ist. Wir sprachen darüber, einen keltisch klingenden Song zu machen, weil ich so etwas einfach liebe, Roy ebenfalls, und deshalb sagten wir: ‚Okay, dann machen wir das einfach’. Aber um ehrlich zu sein, wenn wir die Chance gehabt hätten, wenn wir jemanden gefunden hätten, hätten wir ein richtiges keltisches Schlagzeug verwendet, das man ‚Bodhran’ nennt, ein sehr großes Element (springt auf und zeigt, wie man es spielt). Es klingt wirklich hervorragend. Und in diesem Stück gibt es einen Rhythmuspart (versucht, den Teil zu demonstrieren) – es ist ein irischer, keltischer Tanzrhythmus und er hätte großartig mit einer Bodhran geklungen. Ich habe in Los Angeles aber keine auftreiben können (lacht).

Ist das vielleicht auch ein gutes Beispiel für die ‚Freiheit’, wenn man so sagen will, dass Du nach Iron Maiden keinen Begrenzungen mehr ausgesetzt bist und Leute von Dir erwarten, dass Du immer weiter Schema F verfolgst?

Ich mag das wirklich nicht. Ich verstehe auch nicht, warum Leute das machen. Wenn Du Dir die größten Bands der Welt anschaust, keine hat dies gemacht. Wenn Du Dir alle LED ZEPPELIN -Alben anschaust, alle sind unterschiedlich. Okay, sie alle klingen nach LED ZEPPELIN, aber jedes ist anders und alle hatten einen sehr eigenen Sound. Und das ist auch bei den alten DEEP PURPLE -Alben – also die vor “In Rock“ – der Fall – ich meine, wie unterschiedlich können Alben klingen? Und dann “Machine Head“, auf dem es viele wirklich kommerzielle Stücke gibt; dann das Doppel-Live-Album. Jedes Album ist anders. Es war wirklich nie mein Ding, dass man sich eine Formel vorgeben ließ, der man unbedingt folgen musste. Ich mag und mochte keine Bands, die bestimmten Regeln gehorchen. Es ist langweilig, und ich selbst würde mich dann so fühlen, als ob ich die Leute über Ohr hauen würde. Regeln bedeuten, dass man nicht nachdenken muss, und das ist Mist.

Es gab um die Unterschiede zwischen “Skunksworks“ und den Alben danach viele Diskussionen, wie dieser ‚Wandel’ zustande kam; einige sagten, es wäre auf den mangelnden Erfolg von “Skunksworks“ zurückzuführen gewesen. Ich denke aber, dass Alben sich immer unterscheiden, da sie auch so etwas wie ‚Zeitzeugnisse’ sind, die das wiederspiegeln, was, wer und wie die jeweiligen Bands zum Zeitpunkt der Scheibe waren…

Ja, so ist es, und es kann sowohl eine gute als auch eine schlechte Sache sein, denn wenn es dir zu diesem Zeitpunkt nicht gut geht, dann machst du auch eine schlechte Platte. Es ist sehr schwierig. “Skunkworks“ war eine miserable Platte und ich hatte eine miserable Zeit, als ich das Album gemacht habe. Ich mag die Platte, weil sie sehr intensiv ist. Viele Leute mochten sie nicht, mögen aber dafür “Accident Of Birth“, und als ich letztere Scheibe gemacht habe, ging es mir sehr gut und das Album zu machen bedeutete viel Spaß. Bei diesem Album ist es so, dass es sehr heavy geworden ist, sehr
düster, manchmal aber auch sehr optimistisch. Und bei den Aufnahmen ging es uns allen hervorragend; es war toll, Roy wieder dabei zu haben, und natürlich Dave und Eddy. Sie sind wirklich herausragende Musiker und sie handeln sehr instinktiv, wenn es um Entscheidungen geht, was gut und was schlecht klingt, was funktionieren wird und was nicht. Wir verstehen uns alle sehr gut und das ist wichtig und wirklich wunderbar.

Der Autor, dessen Werke dem Konzeptalbum von Dickinson zugrunde liegen, ist der englische Frühromantiker William Blake (1757-1827). Blake begann zunächst, als Graveur zu arbeiten.1789 schrieb er die ‚Songs Of Innocence’, das erste Werk in einer Reihe von selbstentworfenen und illustrierten Gedichten. In den folgenden sechs Jahren schrieb und illustrierte er zudem ‘The Book Of Thel’, ‘The Marriage Of Heaven And Hell’, ‘Visions Of The Daughters Of Albion’, ‘America’, ‘Songs of Experience’, ‘Europe’ und ‘The Book Of Urizen’. Im Jahr 1800 versuchte Blake, London und seiner Beschäftigung als Graveur zu entfliehen, indem er die Einladung des Dichters und Kritikers William Havley annahm, bei ihm, in der Nähe von Sussex, unter seiner Förderung zu arbeiten. Blake orientierte sich zu dieser Zeit an mythologischem Stoff für seine Wege.Als er 1803 nach London zurückkehrte, arbeitete er an ’Milton’ und ’Jerusalem’, des weiteren an Bildern und Auftragsarbeiten für Illustrationen. Viele Jahre wurden Blakes Leistungen nicht anerkannt, doch am Ende seines Lebens sammelte er eine Gruppe tiefer Bewunderer bestehend aus jungen Künstlern um sich, die für den Erhalt eines Großteils von Blakes Kunst sorgten.

Welches Werk hat zuerst oder besonders Dein Interesse für Blake geweckt, und welche Aspekte magst Du besonders an seiner Arbeit?

Es war ’The Book of Urizen’, das mich zuerst gefangen nahm. Ich las ein wenig in den ’Songs of Innocence and Experience’, und sie waren sehr interessant, sicher. Aber dann las ich das ’Book of Urizen’, und ich entdeckte, wie dunkel dieses Werk war. Dann nahm ich Blakes Bilder hinzu, und all das schien für mich ein Bild der Seele Blakes zu sein. ’Urizen ’ war wie eine Karte seinen Unterbewusstseins, und die beiden Brüder – Urizen, oder ‚your reason’ (dein Verstand), war kalt, logisch, rational, tot, pessimistisch, negativ – das ist Urizen; und sein Bruder, Los, – oder ‚Sol’ rückwärts – der hitzig, fantasiereich ist, aber dazu verdammt ist, in der Hölle zu verweilen und die Hölle immer jeden Tag auf die ideenreichste Art und Weise neu zu erschaffen. Diese beiden Brüder sind seit der Geburt für immer voneinander getrennt und können niemals zueinander finden. Und das ist Blake, sowohl innerlich als auch äußerlich. Er begann, die sehr schweren Sachen zu schreiben, als sein Bruder starb, glaube ich, und das hatte einen sehr großen Einfluss auf ihn. Ich fand, dass in ’Urizen ’ so viel war, zu dem ich persönlich einen Bezug herstellen konnte, dass ich dachte, darüber einen Song zu schreiben. Danach las ich das ’Book of Thel’, das gleichermaßen erstaunlich ist und in dem yeine junge Frau, die sich als Jungfrau herausstellt, aber darüber nachdenkt, unter Umständen keine mehr zu sein, dies aber nicht in die Tat umsetzt. Es geht um das Erwachen der Sexualität, und Blake gab verschiedene poetische Hinweise darauf. Worüber sie eigentlich nachdenkt, ist natürlich der Sexualakt, sie ist sich dessen aber nicht wirklich bewusst. Sie verführt sich selbst in ihrem Tagtraum, der vielleicht gar kein Tagtraum ist – es gibt am Ende eine Wendung. Ich liebe es und es ist auf eine wundervolle Weise unschuldig, und ich benutzte es und verwandelte es in etwas Furchtbares.

Für den Titel hast Du das Konzept der ‚Chemical Wedding’ aufgegriffen, was in der Sprache der Alchimisten die Einheit des Menschen (unedles Metall oder Blei) mit dem Göttlichen (Gold) war, und letztlich die Transmutation der Seele als Ziel hatte…

Blake war ein Dichter, der sich auf die Elemente bezog, deshalb bezeichne ich ihn als alchimistischen Dichter. Blake existierte in zwei verschiedenen Welten zur gleichen Zeit. Er hatte sein ganzes Leben über Visionen. Er saß manchmal in seinem Garten und unterhielt sich zwanzig Minuten lang mit dem Propheten Ezekiel und befragte ihn: ‚Das Alte Testament – war es wirklich so schlimm wie beschrieben?’ ‚Oh, ja sicher, klar’. Und dann saß er dort und unterhielt sich eine Zeit lang mit John Milton und fragte ihn nach ’Paradise Lost’: ‚Sag mal, wolltest Du eigentlich wirklich, dass Satan gewinnt? Du warst doch auf Satans Seite, oder?’ Er stellte all diese Fragen und schrieb sie in seinem Buch auf, und er hatte diese Visionen bis zu dem Tag, an dem er starb. Als er auf seinem Sterbebett lag, sagte er: ‚Oh, hört auf zu weinen. Ich sehe ganz deutlich, wohin ich gehen werde und es ist großartig dort’.

(N.B.: Dickinsons Text entspricht nicht genau Blakes ‘From the Preface to Milton’)

JERUSALEM
AND DID THOSE FEET IN ANCIENT TIMES
WALK UPON ENGLAND’S MOUNTAINS GREEN?
AND WAS THE HOLY LAMB OF GOD
ON ENGLAND’S PLEASANT PASTURES SEEN?

AND DID THE COUNTENANCE DIVINE
SHINE FORTH UPON OUR CLOUDED HILLS?
AND WAS JERUSALEM BUILT HERE,
ON ENGLAND’S GREEN AND PLEASANT LAND

LET IT RAIN, LET IT RAIN
WASH THE SCALES FROM YM EYES
LET IT RAIN, LET IT RAIN
LET ME SEE GAIN

BRING ME MY BOW OF BURNING GOLD
BRING ME MY ARROWS OF DESIRE
I SHALL NOT SLEEP, O CLOUDS, UNFOLD
BRING ME MY CHARIOUT OF FIRE

LET IT RAIN, LET IT RAIN
TEARS OF BLOOD FALL OUT OF THE SKY
LET IT RAIN, LET IT RAIN
WASH ME CLEAN AGAIN
FROM TH FROZEN WATERS
THE KING WILL RISE AGAIN
WITH TWO SUNS IN THE SKY

I SHALL NOT CEASE FROM MENTAL FIGHT
NOR SHALL MY SWORD SLEEP IN MY HAND
TILL WE HAVE BUILD JERUSALEM
IN ENGLAND’S GREEN AND PLEASANT LAND

LET IT RAIN, LET IT RAIN
TEARS OF BLOOD FALL OUT OF THE SKY
LET IT RAIN, LET IT RAIN
SET ME FREE AGAIN

SEE THE GLEAMING SPIRES OF THE CITEDAL
THE KING AND QUEEN WILL DWELL, IN OUR HEARTS

CAN JERUSALEM BE REBUILDED HERE
IN THIS TRIVIAL TIME, IN THIS LAND OF FEAR?
IN JERUSALEM, WHERE THE GRAIL REMAINS
WALK INTO THE LIGHT AND DISSOLVE THE CHAINS

JERUSALEM

Er war ein sehr außergewöhnlicher Mann, er lebte in zwei Welten, er lebte gleichzeitig in einem anderen Universum und in dieser Welt, die er, glaube ich, zum Teil als sehr erbärmlich betrachtete. Wenn er durch London ging, sah er Schmutz, Kämpfe, Armut, missbrauchte Kinder, die aufkeimende Industrialisierung und die Zerstörung der Umwelt, er sah dies und sagte: ‚Gott, das ist so furchtbar. Meine Welt ist viel besser als das hier’ – seine andere Welt. ’Jerusalem ’ war eines seiner Gedichte oder ein Teil eines seiner Gedichte, welches die Einleitung von einem Gedicht mit dem Titel ’Milton’ ist. Jerusalem war für ihn ein Ort, der in jedem einzelnen errichtet werden könnte, er bezog sich aber damit im besonderen auf England als ‚geheiligtes Land’. Das ist etwas, an das er wirklich sehr stark glaubte, dass es etwas sehr Besonderes an England gab, im Gegensatz zu allen anderen Orten auf dieser Welt, dass England eine besondere Form der Spiritualität in sich trug, eingebettet im Land selbst, in den Bäumen, in der Erde, in allem; dass es dort lag und dass es unsere Aufgabe sei, dies zu schützen und uns darum zu kümmern, und letztlich Jerusalem dort zu erbauen. Er war im Grunde genommen letztlich ein Heide. Er war auch ein Druide. Später wurde er auch Mitglied eines Druidenbundes.

THE TOWER
THERE ARE 12 COMMANDMENTS, THERE ARE 12 DIVISIONS
12 ARE THE PAGANS WHO HAVE MAPPED THE SKY,
FROM THE OUTER CIRCLE TO THE INNER SANCTUM
FROM THE OCTAVE AT THE END OF TIME

THE FOUNTAIN OF TRINITY
THE PILGRIM IS SEARCHING FOR BLOOD
TO LOOK FOR HIS OWN FREE WILL
THE STONE OF INFINITY, WASHED IN THE BLOOD

LOVERS IN THE TOWER
THE MOON AND SUN DIVIDED
THE HANGED MAN SMILES
LOVERS IN THE TOWER
THE MOON AND SUN DIVIDED
LET THE FOOL DECIDE

IN THE ATOM CIRCLE, WHERE WE BREAK THE STARS
HAMMER INTO ANVIL SNUFFING OUT THE SUN
WITNESS ALL THE KILLING, SEE THE BIRTH OF MARS
ALL OF OUR RELIGION THROWN INTO THE FIRE

THE FOUNTAIN THE TRINITY,
THE PILGRIM IS SEARCHING FOR BLOOD
TO LOOK FOR HIS OWN FREE WILL
THE STONE OF INFINITY, WASHED IN THE BLOOD

LOVERS IN THE TOWER
THE MOON AND SUN DIVIDED
THE HANGED MAN SMILES
LOVERS IN THE TOWER
THE MOON AND SUN DIVIDED
THE MAGICIAN LAUGHS
LOVERS IN THE TOWER
THE MOON AND SUN DIVIDED
THE PRIESTESS KNEELS
LOVERS IN THE TOWER
THE MOON AND SUN DIVIDED
LET THE FOOL DECIDE

In der Alchimie war der Turm von sehr großer Bedeutung, und in der Alchimie ging es vor allem auch um die Elemente des rechten und des linken Weges. Die Alchimisten begriffen, dass es den einen nicht ohne den anderen geben konnte, dass man nicht Kenntnis von allem haben konnte, das heißt dass man nicht nur Wissen über die guten Dinge haben konnte. Man brauchte das Wissen über die dunkle Seite, um das ganze Universum erfassen zu können, weil wir klein und nichtssagend sind und es gibt Engel und Teufel in jedem von uns, was der Turm auf gewisse Weise sehr gut darstellte. So teilten sie also die verschiedenen Tarot-Karten den unterschiedlichen astrologischen Zeichen zu, genau so, wie die Okkultisten es taten. Der Turm war ein Bild, das sie oft verwendeten und eigentlich der Turm von Babel war, der Turm, der gebaut wurde, um bis an den Himmel heranzureichen. Das gleiche wie ‚Jacob’s Ladder’, – ebenfalls ein Bild von Blake – das auch eine Leiter in den Himmel darstellte, die ‚stairway to heaven’. Es gibt noch ein anderes alchimistischen Bild, welches LED ZEPPELIN verwendeten, das des ‚King Crimson’, des ‚King in Crimson’ oder ‚Crimson King’. Der ‚karmesinrote König’ war für die Alchimisten eigentlich die Sonne, weil sie beim Aufgang rot ist und ebenfalls diese Farbe hat, wenn sie untergeht. Beim Sonnenuntergang gab es einen weiteren ‚Crimson King’ für sie, und das war Satan. Und es bedeutete auch beides, es kam darauf an, wie du den Begriff verwenden wolltest. Die meisten Dinge haben in der Alchimie mindestens zwei Bedeutungen, manchmal sogar drei oder vier, weil zum Teil auch Begriffe absichtlich eine falsche Bedeutung bekamen, um andere Alchimisten fehlzuleiten. Das alles ist ein sehr weites Feld. Aber wenn du die das Stück “The Tower“ anschaust, dann ist es wunderbar, wenn du dir die ganzen Bildnisse ansiehst, und ein Stück wie “The Tower“ zu schreiben – da kann man gar nicht viel falsch machen. Eines ist mit dem anderen verbunden. Wenn du den Turm nimmst, dann reicht der Turm bis zum Himmel, du hast Romeo und Julia, weil sie auch auf einem Turm stehen, damit hast du die Tragödie, du hast die Liebenden, du hast den linken Weg, den rechten Weg, den Mond und die Sonne, männlich und weiblich – sie sind getrennt. Du hast den Magier und die Priesterin – beide sagen: ‚Das gehört mir’. Es ist die Schlacht, der Kampf zwischen Gut und Böse und dem Männlichen und dem Weiblichen. Sie können nicht zusammen leben, sie können aber auch nicht getrennt leben, und das ist es, worum es bei dem Turm geht. Sehr oft sieht man auch Blitze um den Turm herum, und irgendwie ist mir das im Gedächtnis geblieben. Es wäre toll, wenn ich diesen Effekt auf der Bühne haben könnte: (fängt an zu singen) ‚Lovers in the Tower’ (Blitzschlag)… ‚The Moon and Sun divided’ (noch ein Blitzschlag). Es ist wie eine Tragödie. Für mich ist es wie eine Beziehung, es ist das, was in Beziehungen überall jeden Tag passiert: es gibt Trennungen, man findet wieder zusammen, etc.

Blake hat seine eigenen Antworten für sich selbst gefunden. Er glaubte, dass der Mensch Gott ist, und dass gleichzeitig Gott nicht mehr als der Mensch selbst ist. Zwar verneinte er, dass die Welt die Basis für Religion sein könnte, sagte aber, dass alles, was lebt, ‚heilig’ sei…

Und deshalb sagte ich, dass Blake für mich ein alchimistischer Dichter war, weil er das Wissen hatte, diesen Glauben an den Makrokosmos, das große Bild, und dann den Mikrokosmos – das sind wir. Diese beiden Dinge aber sind das gleiche, so, als würde man eine große Lupe nehmen und durchschauen. Das Universum ist in einem Sandkorn und das Sandkorn ist das gesamte Universum. Wenn man dem Sandkorn das Wissen des Universums geben könnte, dann würde es alles in sich vereinen, was es bräuchte.

Blake befasste sich mit dem Übernatürlichen und Visionen, welche einige seiner Zeitgenossen, wenn sie seine Werke lasen, wörtlich nahmen, andere dachten, es seien reine Provokationen. Was auch immer es war, seine Werke, denke ich, spiegelten die Schwierigkeiten wieder, die ein Künstler hatte, der seiner Zeit voraus war…

Ich glaube, ich mag Blake, weil er seltsam war. Er passte nicht hinein und auch ich fühle mich oft so, als würde ich nicht hineinpassen. Ich passe hinein, ich meine, ich setze ein lachendes Gesicht auf und bin freundlich und bin ‚Mr Nice Guy’, aber ganz tief in mir weiß und fühle ich, dass ich nicht hier reinpasse. An manchen Tagen wünsche ich mir, in einer Höhle zu leben und niemanden zu sehen. Blake beschwerte sich sehr oft: ‚Warum wurde ich mit einem anderen Gesicht geboren’. Sich mit anderen Menschen auseinander zu setzen, war ein großes Problem für ihn, und ich habe eine Art ‚soziale Fähigkeit’ entwickelt, um mit menschlichen Wesen umzugehen, und ich bin jetzt sehr gut darin, aber tief in mir spüre ich, dass ich es nicht wirklich mag. Mir geht es wesentlich besser, wenn nur ein oder zwei Personen um mich herum sind, und viele Tagträume.

Und manchmal – während irgendeiner Party oder inmitten einer Menschenmenge und solchen Sachen – habe ich fast außerkörperliche Erfahrungen, so als würde ich sehr, sehr klein werden inmitten all dieser Menschen. Ich kann das nachempfinden, was er fühlte. Ich kann auch nachempfinden – auch wenn ich nicht so schlechtgelaunt bin wie er war – wie er diese Zornanfälle bekam. Ich kann nachvollziehen, was er dabei fühlte. Aber er war auch sehr kompromisslos, wenn es darum ging, was er als gut und schlecht ansah, wenn es um Kunst ging, und er war auch nicht gerade schüchtern darin, seine Meinung mitzuteilen. Er bekam große Schwierigkeiten mit den Kunstlehrern am Royal College, weil er zum Beispiel viele Sachen als Mist bezeichnete. Diese wiederum sagten dann jedoch, dass es eine gute Technik sei, und er meinte dann, dass die Technik Mist sei und keine Leidenschaft in einem speziellen Kunstobjekt
zu finden sei. Das war sein Argument, und es ist das gleiche Gefühl, dass ich immer über Form und Funktion hatte – es ist besser, ein Demoband mit vier Jungs zu haben, die schief singen, bei denen der Gesang aber aus dem Bauch heraus kommt – oder ist es besser, ein im Studio produziertes, glattes Album zu haben, das sich zehn Millionen Mal verkauft? Man kann sagen: ‚Zehn Millionen Menschen haben diese Scheibe gekauft’, ich kann aber sagen: ‚Dieses Album ist ein Stück Dreck’ – was ich wahrscheinlich nicht machen würde, weil ich dann großen Ärger bekäme, und deshalb bin ich nicht wie William Blake. Tief in mir aber denke ich manchmal, dass dieses oder jenes Mist ist. Und deshalb ist es manchmal sehr schwer, mit mir zu leben, denn wenn ich mich schlecht fühle, dann kommt genau das an die Oberfläche und es ist dann fast wie ein Akt der Selbstzerstörung, und auch Blake war ein wenig selbstdestruktiv. Er hat sich sehr oft selbst geschadet. Wenn er zum Beispiel Angebote für Auftragsarbeiten bekam: ‚Mr. Blake, jemand möchte sie als Maler beschäftigen, könnten Sie das vielleicht übernehmen?’, dann sagte Blake oft: ‚Könnte ich, das ist aber Mist, und das werde ich nicht machen!’, und danach bekam er dann für einige Zeit keine Aufträge mehr. Was das betrifft, bin ich nicht unbedingt wie Blake, es gibt aber seltsame Tage, wenn ich mein großes Mundwerk zu weit aufreiße.

Ich teile seine Auffassung, dass es universelle Standards gibt, dass es universelle Maße gibt, in der Kunst, in der Musik, in der Poesie; und dass, wenn du ein Genie deiner Zeit bist, dein Genius für immer anhalten wird, die Zeit überdauern und alle Grenzen überschreiten wird. Michelangelo überschreitet alles – damals ein Genie, heute ein Genie. Und selbst in ethnischer Kunst, zum Beispiel Höhlenmalereien – damals wie heute: ein Genie im Steinzeitalter, mit seinem Finger, heute immer noch erstaunlich. Warum? Weil es nichts mit Technik zu tun hat, es ist die Seele, die Seele des mit dem Finger gemalten Tieres auf der Höhlenwand, und er hat die Seele des Tieres mit seinem Finger eingefangen, und das ist es, was du siehst und was es bedeutet. Und es geht über das akademische ‚diese Linie hier und diese Linie dort: Perspektive!’ und diesen ganzen Mist hinaus. Das ist der Geist von Urizen, das ist der kalte, klägliche, mit den Ketten klirrende Urizen: ‚Ja, Mr Blake, diese Linie ist aber nicht wirklich gerade’. Und aus diesem Grund liebe ich Blakes Gedichte, denn darum geht es bei ihnen, besonders bei einigen von seinen letzten, den wirklich brutalen, die schon in Richtung Horror gehen. Er richtet Dinge in dir an oder tut es den Menschen an, über die er schreibt, die alles offenbaren.

Du hast jetzt Dein eigenes Label gegründet, Air Raid Records…?

Der Grund, warum ich es gegründet habe, war, dass ich niemanden finden konnte, der einen guten Job gemacht hätte, so einfach ist das. Jede Plattenfirma, mit der ich je gearbeitet habe, ist mir auf die eine oder andere Art und Weise auf den Wecker gefallen. Das ist noch immer so, aber zumindest tragen wir jetzt die Verantwortung dafür. Zweitens, Air Raid Records – es war eigentlich Roys Idee. Wir waren im Studio und ich grübelte darüber nach, welchen Namen ich dem Label verpassen sollte. Ich hatte einige Ideen und Namen und Roy sagte: ‚Warum nennst Du es nicht Air Raid?’, und ich sagte: ‚Was für eine großartige Idee’. Und ich denke, der Grund dafür, dass er mit diesem Namen ankam, war, dass ich selbst Pilot bin und mein Spitzname bei IRON MAIDEN, als ich zur Band kam, ‚Air Raid Siren’ war. Ich weiß nicht, ob er das im Kopf hatte, als er mit dem Namen ankam, oder eher an die Flugzeuge dachte, ich dachte mir aber dann: ‚Jaaaa! Air Raid – We bomb your mind, coming to flatten a city near you!’ Ich mag das. Es ist ein Heavy Metal-Label und wir lassen Sachen auf Leute fallen und wir zerplatschen sie, das mag ich. Wenn irgendwelche Pazifisten ein Problem damit haben – weißt Du, ich bin hart im Nehmen, habt ein wenig Humor. Ich würde gerne einige Bands unter Vertrag nehmen; nicht sehr viele, weil ich denke, wir könnten unseren Job nicht gut erledigen, wenn wir zu viele Bands unter Vertrag hätten. Ich möchte einige interessante Bands signen, Leute, die ich mag und mit denen ich gerne Zeit verbringe und mit denen ich auskomme. Trotzdem heißt das nicht, dass ich jemanden unter Vertrag nehme, nur weil ich ihn mag, denn leider müssen wir damit auch unseren Lebensunterhalt verdienen. Die Philosophie steht aber trotz alledem dahinter.

Interview: Claudia Feldmann