ANATHEMA: Hinterher ist man immer schlauer

ANATHEMA: Hinterher ist man immer schlauer

Während die Musikwelt auf ein neues Studiowerk von ANATHEMA wartet, erscheint stattdessen ein semiakustisches Album namens Hindsight auf der Bildfläche. Retrospektive also statt Innovation? Gitarrist Danny Cavanagh sieht die Angelegenheit naturgemäß weitaus entspannter und gibt Auskunft über die Entstehung von Hindsight sowie die nähere, hoffentlich rosige Zukunft der Band.

Wie kamt ihr auf die Idee, ein halbakustisches Album wie Hindsight aufzunehmen?

Die Idee geisterte schon seit 2001 in unseren Köpfen herum und jetzt schien uns die Zeit dafür gekommen zu sein. Uns war klar, dass die Aufnahmen entspannt ablaufen würden, da die Songs ja bereits geschrieben waren. Der Druck war also gering und wir konnten uns gleichzeitig wieder an das Leben im Studio gewöhnen. Was neu war, war die Tatsache, dass wir erstmals alles mit unserer eigenen Ausrüstung aufgenommen haben. Ein weiterer Grund, das Album aufzunehmen, bestand darin, dass wir den Gewinn aus den Verkäufen in die Aufnahmen zu unserem kommenden nächsten Studiowerk stecken können.

Was war eure künstlerische Motivation, dieses Album aufzunehmen?

Letztlich wollten wir die Chose interessant gestalten und die Lieder auf die Weise einspielen, die sich richtig anfühlte. Besonders bei Fragile Dreams, Are You There, Inner Silence und One Last Goodbye bot es sich an, die Songs ganz anders als die Originale zu gestalten.

 ANATHEMA
 Wie es der Zufall so will, habe ich gerade erst gestern mal wieder unsere EP Crestfallen angehört. Ich war überrascht, wie melodisch unsere Riffs damals waren und auf welch hohem technischen Level wir damals doch schon gespielt haben.

Nach so vielen Jahren und vielen großartigen Platten war es doch sicherlich schwer, die Lieder für die Neubearbeitungen auszuwählen. Welche Kriterien habt ihr zur Auswahl angewendet?

An sich war die Auswahl ganz und gar nicht schwer. Da ich über die Jahre hinweg unzählige Akustikkonzerte gegeben habe, war mir schnell klar, welche der Songs sich am besten machen in diesem Kontext. Wir benötigten gerade mal fünf Minuten dafür, die Tracklist zusammenzustellen.

Welche Lieder waren besonders schwer umzusetzen?

Als wirklich schwierig empfand ich keines der Stücke. Am leichtesten fielen uns Temporary Peace und Are You There, da diese Songs sehr einfach strukturiert sind. Verzwickter war da schon ein Lied wie Flying, das sehr dicht aufgebaut ist und in dem jede Menge passiert.

Wo siehst du Unterschiede zwischen den Aufnahmen zu einem regulären ANATHEMA-Album und diesem halbakustischen Werk?

Nun, zunächst einmal standen wir diesmal nicht unter Druck und mussten keine neuen Songs schreiben. Letztendlich benötigten wir zwar dann doch mehr Zeit als veranschlagt, aber es ergab sich alles natürlich. Normalerweise läuft bei uns im Studio immer noch einiges an Songwriting und Experimentieren ab und die Lieder sind neu und ungewohnt. Dieses Mal spielten wir Lieder ein, die wir schon etliche Male live gespielt hatten, von daher war es einfacher, erst im Nachhinein die Versionen aufzunehmen.

Gab es Versuche, auch ältere Stücke von The Silent Enigma oder Serenades zu integrieren?

Wir zogen in der Tat ein, zwei ältere Songs in Betracht, aber mir schien es unmöglich, die Gesänge passend zu gestalten. Zwar hätte das Material vielleicht auch rein instrumental funktioniert, aber wir hatten bereits genügend andere Songs zur Verfügung.

Wann hast du dir eure ganz alten Sachen eigentlich zum letzten Mal selber angehört?

Wie es der Zufall so will, habe ich gerade erst gestern mal wieder unsere EP Crestfallen angehört. Ich war überrascht, wie melodisch unsere Riffs damals waren und auf welch hohem technischen Level wir damals doch schon gespielt haben. Der Gesang gefällt mir heute jedoch nicht mehr, wenngleich die Texte mich immer noch total ansprechen. Beim Song Crestfallen fiel mir auf, dass er viel zu langsam eingespielt wurde, wofür ich die Verantwortung trage. Naja, hinterher ist man immer schlauer.

Man mag Infoblättern im Allgemeinen vorwerfen können, dass sie nur Marketinggewäsch enthalten, aber im Info zu Hindsight steht die durchaus akzeptable Phrase, dass es euer Hauptziel ist, Gefühl durch Klang auszudrücken. Auch wenn Gefühle stets etwas Individuelles, Subjektives sind – welche Emotionen dominieren für dich persönlich eure Musik?

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 An sich war die Auswahl ganz und gar nicht schwer. Da ich über die Jahre hinweg unzählige Akustikkonzerte gegeben habe, war mir schnell klar, welche der Songs sich am besten machen in diesem Kontext. – Danny zur Auswahl der Stücke auf Hindsight

Gerade in letzter Zeit ist unsere Musik für mich ein Spiegel all der Liebe und Schönheit des Lebens. geworden. Sie beinhaltet keine Negativität mehr und ist dennoch höchst emotional, dynamisch und intensiv. Wenn man sich uns menschliche Wesen anschaut, so sind wir im Grunde pure Energie, und das soll unsere Musik wiedergeben. In meinen eigenen Songs der letzten drei Jahre findet sich diese Perspektive auf das Leben und die damit verbundene persönliche Gesundung wieder. Für ANATHEMA schreibe aber nicht nur ich die Songs, die anderen in der Band haben auf diese Frage sicher eine ganz andere Antwort.

Gibt es Pläne, Hindsight auch live aufzuführen?

Ich spiele sowieso Akustikkonzerte, wann immer ich die Gelegenheit dazu habe, da mir diese Art des Auftretens sehr gefällt. Offizielle Pläne für eine Akustiktour gibt es nicht, aber möglich ist alles, warten wir es ab. In der Zwischenzeit sind wir mit der Band ganz normal auf Tour, ich habe außerdem vor, 2009 solo zu touren und dabei Akustikgigs zu spielen.

Für 2009 ist außerdem ein neues Studioalbum namens Horizons von euch angekündigt. Ist der einzige neue Song auf Hindsight, Unchained, bereits ein Vorgeschmack darauf?

Nicht wirklich. Unchained passt eher in den Rahmen des Akustikalbums. Die anderen neuen Lieder sind viel abwechslungsreicher und intensiver. Sie dürften einige Leute angenehm überraschen, glaube ich.

Werden die Lieder, die bereits in den letzten Monaten im Netz offiziell kursierten, auf Horizons zu finden sein?

Abwarten und Tee trinken. Wir haben eine so große Auswahl an Songs und es ist noch zu früh für eine endgültige Entscheidung. Bei Angels Walk Among Us bin ich mir allerdings ziemlich sicher, dass er berücksichtigt wird, und auch mindestens eins der beiden anderen Lieder dürfte auf dem Album landen, schätze ich.

Bilder: Label / Caroline Traitler (photopit.com)