WINTERSUN: Wintersun

WINTERSUN sind eine durchaus erfolgsversprechende Kooperation von und mit Jari Mäenpäa (Ex-ENSIFERUM) und Kai Hahto (ROTTING SOUND), die mit ihrem selbstbetitelten Debüt zu den ganz großen Favoriten für den Titel "Debütalbum des Jahres" zählen dürften!

Kaum wahrnehmbar illuminiert die Wintersonne die tannenreiche Waldlandschaft inmitten eines finnischen Gebirges, welches in der zweiten Jahreshälfte stets von trister, endlos erscheindender Dunkelheit befallen ist. Die unsäglichen Schneemassen bedecken nicht nur den nährbaren Boden, sondern begraben auch in angenehmeren Zeiten herrschende Tugenden – Sämtliche Mutmacher, wie Hoffnung und Zuversicht sind augenscheinlich mitsamt den üblichen Naturalien den abgrundtiefen Temperaturen zum Opfer gefallen. Auch der schmerzverzerrte Gesichtsausdruck des alten Greises, der sich mit letzter Kraft seinen Weg durch das strapaziöse Szenario gebahnt hat, ist mittlerweile sichtbar erstarrt und der indisponierte Wanderer scheint der klirrenden Kälte der Umgebung nicht mehr gewachsen zu sein: Mutlos hinterlässt er die letzten kräftezehrenden Fußspuren, bevor er mit endgültiger Todessehnsucht über dem eisigen Boden zusammenbricht und sich den rohen Naturgewalten seiner schneeweißen Ruhestätte geschlagen gibt…

Diese oder minimal abweichende Eindrücke ruft das Artwork der ersten WINTERSUN-Scheibe hervor und es ist an dieser Stelle wohl nicht zu weit hergeholt, dass der alte Mann eventuell den Märtyrer für die erfolgsversprechendste Erstveröffentlichung der letzten Monate – vielleicht sogar für das Debüt des Jahres darstellt und die Schneelandschaft die düstere musikalische Ausrichtung des Tonträgers perfekt charakterisiert, auch wenn mir bei den momentan eher sommerlichen Temperaturen nicht gerade das Blut in den Adern zu gefrieren scheint. Die Band um den Ex-ENSIFERUM Sänger Jari Mäenpäa und den ROTTEN SOUND-Drummer Kai Hahto ist ein Emporkömmling mit bemerkenswerter Geschichte, so gaben sich die Verantwortlichen von Nuclear Blast bereits mit einer drei Tracks umfassenden aber scheibar sehr aussagekräftigen Eigenproduktion zufrieden, um WINTERSUN mit einem fetten Plattenvertrag zu entlohnen. Hatte Mäenpäa anfangs nur ein Nebenprojekt geplant, so kündigte er Anfang des Jahres seinen Sängerposten bei ENSIFERUM, um sich voll und ganz auf seine Arbeit konzentrieren zu können. Und das hat sich auch gelohnt: Mit dem selbstbetitelten Debütalbum hat der Multiinstrumentalist quasi im Alleingang (Mäenpäa verantwortet sich auf Wintersun für sämtliche Instrumentierungen, das exzellente Drumming einmal ausgenommen) ein wunderschönes Stück Melodic Death geschaffen, das an Abwechslungsreichtum wohl kaum zu überbieten ist. Ähnlich wie bei seinem ehemaligen Arbeitgeber paaren sich hier zahllose Black/Death Metal-Einflüsse mit den gewohnten Folk-Anleihen ála MOONSORROW – Mäenpäa schafft allerdings noch den Kunstgriff, weitere Elemente in das Soundgefüge zu inkludieren, ohne dabei jedoch den Faden zu verlieren. Unter anderem finden sich auf Wintersun brachiale DISSECTION-Klänge (Winter Madness), typische CHILDREN OF BODOM-Frickeleien (Beyond The Black Sun) und sogar Anbiederungen an den traditionellen Metal der Marke HAMMERFALL – oder stehe ich etwa mit der Meinung alleine da, dass der Refrain von Death And The Healing ein wenig an deren Kult-Ballade Glory To The Brave erinnert?

Wurde er bei ENSIFERUM meist aus dem Songwritingprozess ausgeschlossen, so kann der allgemeinhin vollkommen unterschätzte Musikus nun endlich sein künstlerisches Potenzial auf eindrucksvolle Weise unter Beweis stellen. Neben den wie erwähnt sehr umfangreichen Songstrukturen ist Jari Mäenpäa natürlich weiterhin ein bärenstarker Sänger, was durch die selbstkomponierten Gesangslinien noch einmal wesentlich deutlicher zur Geltung kommt. Mit eleganter Leichtigkeit wechselt der Gesang zwischen den gewohnten Melo-Death Kratzvocals und glasklar trällendem Gesang, der sich stets fernab der Eunuchen-Tonlage befindet. Hinzu kommt das virtuose Drumming von Kai Hahto, der auch einen hörbaren Einfluss auf das Liedgut hatte – der Härtegrad von ROTTEN SOUND wird selbstverständlich nie ganz erreicht, dennoch scheppert der Ausnahmemusiker zum Teil in bester Grindcore-Manier ganz schön drauf los um sich anschließend wieder etwas zu beruhigen und den zahllosen Melodien den nötigen Raum zu geben. Eben diese ziehen sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album und schmücken dabei besonders die Aushängeschilder Sleeping Stars und Death And The Healing, doch auch die schnelleren Stücke Beyond The Dark Sun und Battle Against Time lassen die wunderschönen Gitarrenläufe stets nicht vermissen und wissen dabei immer sehr zu gefallen. Etwas ärgerlich ist allerdings, dass sich diese Songs allesamt in der ersten Hälfte der Tracklist befinden, während die letzten Stücke des Longplayers zwar auch gut, aber alles andere als überragend ausgefallen sind. Da kann auch die überdimensionale Länge dieser Tracks – die letzten drei Lieder sprengen allesamt die 7 Minuten-Grenze – nichts mehr retten, vielmehr wirken die Songs dadurch eher künstlich in die Länge gezogen, da sie musikalisch an und für sich auch nicht mehr zu bieten haben als die eher kürzeren Tracks des Albums.

Trotz des leicht verunglückten Abschlusses ist Wintersun zweifelsohne ein empfehlenswertes Debütalbum zweier großartiger Instrumentalisten geworden und ich bin mir eigentlich sicher, dass dies der Startschuss einer ziemlich erfolgsversprechenden Karriere sein wird. Da der Sound sehr weitschweifig ausgefallen ist, werden sich wohl nicht nur Metalheads, die Jari Mäenpäa schon zu ENSIFERUM-Zeiten heilig gesprochen hatten, sondern auch Anhänger aus verschiedenen Stilrichtungen – sowohl NIGHTWISH– als auch AT THE GATES-Jünger werden auf dem Longplayer nämlich durchaus vertraute Elemente wiederfinden – für das Album begeistern können. Zur Zeit sind die beiden Musiker übrigens auf der Suche nach weiteren Mitgliedern, um das Line-Up für die ersten Live-Auftritte zu vervollständigen – man darf also gespannt sein, was da noch auf die Hörerschaft zukommen wird…

Veröffentlichungstermin: 13.09.2004

Spielzeit: 54:13 Min.

Line-Up:
Jari Mäenpäa – vocals, guitars, basses, programmings

Kai Hahto – drums

Produziert von Mika Jussila
Label: Nuclear Blast

Tracklist:
01. Beyond The Dark Sun

02. Winter Madness

03. Sleeping Stars

04. Battle Against Time

05. Death And The Healing

06. Starchild

07. Beautiful Death

08. Sadness And Hate