TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA: The Lost Christmas Eve [US-Import]

Eine routinierte Gratwanderung zwischen Festtagskommerz und Melodieträumen mit verstreuten schöpferischen Geistesblitzen. In Metaller-Ohren klingt die CD ungeheuer kitschig. Trotzdem kann es passieren, dass einen die Musik packt und man ganz sentimental wird.

Nein, liebe SAVATAGE-Fans, dieses Album ist nichts für Euch! Es ist durch und durch eine Weihnachts-CD, auf der es zwar reichlich E-Gitarren gibt, die aber ansonsten mit Heavy Metal herzlich wenig zu tun hat. Die Produktion ist so glatt, dass man sich darin spiegeln kann. Von der bedrohlichen Atmosphäre des Vorgängerwerks Beethoven´s Last Night ist wenig übrig geblieben. Stattdessen wird – wie schon auf den ersten beiden TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA-Alben – eine Weihnachtsgeschichte erzählt, die damit beginnt, dass Gott einen Engel Richtung Erde losschickt. Mehr dazu später.

Die Musik auf The Lost Christmas Eve kann man grob in drei Kategorien einordnen, die jeweils etwa ein Drittel der Gesamtspielzeit ausmachen:

1. bekannte Melodien von Klassikstücken und Weihnachtsliedern,

2. uninspirierte Instrumentalstücke quer durch die unterschiedlichsten Stile,

3. großartiger, stimmungsvoller Klassikrock mit Hang zur Dramatik.

Die Wiederverwertung von bekannten Melodien ist nichts Neues. Die harmlosen akustischen Einsprengsel und die sporadischen Abstecher in Blues-, Jazz- und Rock´n´Roll-Gefilde hat man in der Vergangenheit ebenfalls schon gehabt. Deshalb will ich mich auf den Hinweis beschränken, dass sich in diesen beiden Bereichen Routine eingeschlichen hat. Wer sich die 75 Minuten am Stück anhört, muss sich dementsprechend auf einige Längen gefasst machen.

Damit wäre ich auch schon beim Thema: The Lost Christmas Eve eignet sich besonders in der Weihnachtszeit hervorragend als Hintergrundmusik! Tatsächlich habe ich mir die CD bereits direkt nach ihrem Erscheinen vor einem Jahr gekauft und seither fast ausschließlich in Fahrstuhlmusiklautstärke angehört. Auch als ich sie vorhin zum ersten Mal nach der Sommerpause wieder anhörte, lief sie leise im Hintergrund.

Allerdings besitzt das Album noch eine weitere Qualität: Es kann nämlich passieren, dass einem beim Zuhören warm ums Herz wird und man mit einem gütigen Seufzen nach der Repeat-Taste sucht. Um Missverständnissen vorzubeugen: In Metaller-Ohren klingt die CD ungeheuer kitschig. Trotzdem kann es passieren, dass die Musik einen packt und man ganz sentimental wird. In diesem Zusammenhang will ich auf das Konzept von The Lost Christmas Eve eingehen. Obwohl die Geschichte aus der Feder von Paul O´Neill um der Musik Willen zahlreiche inhaltliche Schlenker macht, liest sie sich ausgesprochen gut und wartet mit einem herzerweichendem Happy End auf.

Die einzelnen Lieder handeln weniger von konkreten Handlungsereignissen, sondern schildern mehr die inneren Konflikte der Hauptpersonen. Die Leadgesang-Besetzung von Beethoven´s Last Night wurde zwar komplett ausgewechselt. Dennoch hat das TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA erneut eine ganzen Reihe exzellenter Sängerinnen und Sänger am Start, die die Stücke mit Leidenschaft und Können zum Leben erwecken. Selbst ein harmloses Lied wie For The Sake Of Our Brother klingt dadurch noch beeindruckend. Und auch Back To A Reason klingt mit dem voluminösen Gesang von Robert Evan im Vergleich zur Poets And Madmen-Version (gesungen von Jon Oliva) um Längen besser!

Obwohl es zu Beginn mit dem recht düsteren Titeltrack und dem tollen Instrumental Wizards In Winter zwei äußerst gelungene Nummern gibt, gefällt mir die zweite Albumhälfte weitaus besser. Den wahren Höhepunkt des Albums stellt dabei What Child Is This? dar. Dabei handelt es sich erwartungsgemäß um die weihnachtliche Fassung von Greensleeves, die allerdings ausgesprochen schleppend und bedrohlich klingt. Nach drei Minuten kippt plötzlich die Stimmung weg vom nagenden Zweifel und hin zum emotionalen Ausbruch in typischer TSO-Manier. Einmal mehr ist es Robert Evan, der hier eine furiose Gesangsleistung abliefert. Zuletzt gibt es mit Christmas Canon Rock noch die Fortsetzung des Christmas Canon (vom Album The Christmas Attic), welche zeitlos schön klingt und somit ebenfalls zu den Kaufargumenten gezählt werden kann.

Ich würde The Lost Christmas Eve auf eine Stufe mit dem Debüt Christmas Eve And Other Stories stellen und diesem im Zweifelsfall vorziehen, da man in Sachen Spielzeit, Geschichte und Inlay (44 Seiten!) einen Tick mehr bekommt.

Veröffentlichungstermin: 12.10.2004

Spielzeit: 74:38 Min.

Line-Up:
Robert Kinkel: Klavier, Keyboards

Jon Oliva: Klavier, Keyboards

Al Pitrelli (ex-MEGADETH): Gitarre, Keyboards

Paul O´Neill: Gitarre

Chris Caffery: Gitarre

Tristan Avakian: Gitarre

Angus Clark: Gitarre

Johnny Lee Middleton (SAVATAGE): Bass

David Z: Bass

Jeff Allegue: Bass

Jane Mangini: Klavier

Carmine Giglio: Keyboards

Mee Eun Kim: Keyboards

Jeff Plate (SAVATAGE): Schlagzeug

John O´Reilly (WESTWORLD, ex-RAINBOW): Schlagzeug

Takanori Niida: Schlagzeug

J. Mark McVey: Gesang (Track 2)

Michael Lanning: Gesang (Track 3)

Wendy Eggers: Gesang (Track 8)

James Robert Lewis: Gesang (Track 9)

Gary Giles: Gesang (Track 11)

Robert Evan: Gesang (Track 13, 17 und 19)

Daryl Pediford: Gesang (Track 14)

Jennifer Cella: Gesang (Track 21 und 22)

und 52 andere Musikerinnen und Musiker!

Produziert von Paul O´Neill
Label: Lava Records

Homepage: http://www.trans-siberian.com

Tracklist:
1. Faith Noel

2. The Lost Christmas

3. Christmas Dreams

4. Wizards In Winter

5. Remember

6. Anno Domine

7. Christmas Concerto

8. Queen Of The Winter Night

9. Christmas Nights In Blue

10. Christmas Jazz

11. Christmas Jam

12. Siberian Sleigh Ride

13. What is Christmas?

14. For The Sake Of Our Brother

15. The Wisdom Of The Snow

16. Wish Liszt (Toy Shop Madness)

17. Back To A Reason (Part II)

18. Christmas Bells, Carousels & Time

19. What Child Is This?

20. O´Come All Ye Faithful

21. Christmas Canon Rock

22. Different Wings

Post Script:

23. Midnight Clear