TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA: Tempodrom, Berlin, 25.01.2014

TSO boten einen SAVATAGE-lastigen Auftritt mit gewohnt spektakulärer Licht- und Pyro-Show. Und gleich dreimal rührte mich die Musik zu Tränen.

TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA – das bedeutet atemberaubende Laser-Effekte, Pyros, kitschige Klassik-Melodien und wuchtige E-Gitarren, superben Gesang und eine überraschend positive Grundhaltung. TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA – das ist eine Show für die ganze Familie, das ist ein glasklarer Sound, das ist SAVATAGE anno 2014.

Beim Konzert in Berlin rührte mich die Musik gleich dreimal zu Tränen. Dass der Streets-Klassiker Believe eine derartige Reaktion auslöst, war beinahe zu erwarten, selbst ohne Jon Oliva am Gesang. Groß war wenig später meine Freude, als Al Pitrelli All That I Bleed ankündigte. Zwar zeigte sich auch hier der feine Unterschied zwischen einem Weltklassesänger (an diesem Abend Nathan James) und einem genialen Sänger (im Original Zak Stevens). Doch im Handumdrehen zog mich das Stück in seinen Bann. Natürlich wusste ich, dass zum Ende der I will fly away-Teil kommt. Dennoch erwischte er mich mit einer melodischen Wucht, bei der ich beinahe das Atmen vergaß. Der dritte Moment kam schließlich in Form von Epiphany, dem bewegenden Höhepunkt des Night Castle-Albums. Die epische Komposition profitierte sicher von der stimmlichen Präsenz des Original-Sängers Rob Evan, aber auch von der passenden Lichtshow und der erwartungsgemäß tadellos aufspielenden Band.

TRANS-SIBERIAN
Die eindringliche Gesangsdarbietung von Rob Evan bei Epiphany gehörte zu den zahlreichen Höhepunkten des Abends.

Vor dem Song hatte der chronisch unterbeschäftige Erzähler ein paar Zeilen aus Rahmengeschichte von The Lost Christmas Eve eingeflochten mit der Frage, ob eine böse Tat im Leben alle guten überscheinen kann oder ob vielleicht doch eine gute Tat im richtigen Moment alle Fehler zu beheben vermag. Ich hoffe natürlich, das mein dilettantischer Versuch, das Erlebte hier in Worte zu fassen, verzeihlich ist. Ich möchte einfach nicht so tun, als ob es ein stinknormales Konzert war, bei dem ein paar Musiker ein paar Lieder spielen, obwohl das für Außenstehende möglicherweise so ausgehen hat. Viele Fans werden vermutlich andere Songs besonders ergreifend gefunden haben. Auf alle Fälle gab es reichlich Gelegenheit zum Staunen, Freuen und Genießen. Insbesondere die SAVATAGE-Anhänger bekamen auf dieser Tour zum ersten mal ein umfangreiches Paket alter Songs im TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA-Gewand zu hören. Diese fügten sich nahtlos in das abwechslungsreiche Programm ein, wobei insbesondere das bluesige Handful Of Rain (Gesang: Erika Jerry) in diesem Kontext wesentlich besser funktionierte als auf einem Metal-Album. Natürlich wurde auch ordentlich gerockt, zum Beispiel als früh in der Show Gutter Ballet aus dem Hut gezaubert wurde. Die SAVATAGE-Recken Johnny Lee Middleton (Bass), Chris Caffery (Gitarre) und Jeff Plate (Schlagzeug) entfachten hier ordentlich Druck, so dass man von der Streicherfraktion – wie auch sonst – nur wenig mitbekam.

Den ganzen Abend über wechselten sich Lieder mit Gesang und instrumentale Zwischenstücke ab. Letztere boten eine gute Gelegenheit, um die Virtuosität von Asha Mevlana an der Violine bzw. Vitalij Kuprij am Keyboard zu bestaunen oder auch einfach die spektakulären Lasereffekte auf sich wirken zu lassen. Ansonsten durften die meisten Mitglieder des zehnköpfigen Chors auch mal nach vorne treten und den Lead-Gesang übernehmen. So mimte Jeff Scott Soto wie schon auf der Beethoven`s Last Night-Tour den Mephisto, Rob Evan spielte Beethoven in seiner schwersten Stunde und Chloe Lowery bot eine großartige Leistung bei After The Fall. In der Konzertmitte gab es zudem einen kurzen Moment zum Luftholen, als die Showeffekte pausierten und Neuzugang Kayla Reeves nur von einer akustischen Gitarre begleitet Somehow leidenschaftlich in den Saal schmetterte. Nachdem der letzte Ton verklungen war, erhielt sie reichlich Applaus und sicher auch das ein oder andere Besucherherz.

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Sängerin Chloe Lowery lieferte eine tolle Version von After The Fall ab.

Einige leere Plätze im Tempodrom deuteten zwar daraufhin, dass das TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA hierzulande noch nicht den Superstar-Status wie seiner Heimat hat. Als nach gut zweieinhalb Stunden der letzte Ton des Rausschmeißers Christmas Eve (Sarajevo 12/24) verklungen war, dürften aber zumindest alle Anwesenden tief beeindruckt und an einer weiteren Tour in absehbarer Zukunft interessiert sein.

Dabei hatte der Abend für zahlreiche Besucher alles andere als angenehm begonnen, da viele im Internet bestellte Karten nicht zugeschickt worden waren, sondern zur Abholung an der mit zwei Personen völlig unterbesetzten Abendkasse bereit lagen. Das war umso ärgerlicher, als dass viele über eine halbe Stunde bei zweistelligen Minustemperaturen schlotternd in der Schlange standen. Für (bis zu) 70 Euro Eintritt kann man hier vom Veranstalter definitiv mehr Planungskompetenz erwarten – oder eben eine spontane Lösung, was angesichts der zahlreichen Ordnungskräfte im Saal sicher gut möglich gewesen wäre.

Es spricht umso mehr für den gelungenen Auftritt, dass der Ärger rasch verflog. Hinzu kam die beständig eingestreute Botschaft, dass das Leben zu kurz, zu einmalig, zu wertvoll ist, um sich in Wut, Hass und Konflikten zu verlieren. Und umso wichtiger sind gute Taten, Rücksicht und gegenseitige Verständigung. Manche Bands sind bemüht, ihre Fans von der Restbevölkerung abzuheben, sei es durch Glorifizierung der Anhänger oder durch die Beschimpfung aller anderen. Das TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA dagegen verbindet in seinem Publikum die verschiedensten Menschen, spendet konsequent einen Teil des Eintritts an lokale gemeinnützige Organisationen und nimmt sich nach dem Auftritt Zeit für eine ausführliche Autogrammstunde. Und so habe ich tatsächlich den Eindruck, dass ich das Konzert als besserer Mensch verlassen habe.

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Gitarrist Chris Caffery ergänzte die Lichteffekte und Showelemente um diverse Grimassen und Bühnenrandbesuche.

Setlist TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA:

  1. Time And Distance
  2. Winter Palace
  3. This Is The Time (1990)
  4. Christmas Jam
  5. Handful Of Rain
  6. A Last Illusion
  7. Gutter Ballet
  8. Misery
  9. Mephistopheles` Return
  10. Mozart / Figaro
  11. Sparks
  12. The Hourglass
  13. Someday
  14. Child Unseen
  15. Believe
  16. Wish Liszt (Toy Shop Madness)
  17. After The Fall
  18. Wizards In Winter
  19. All That I Bleed
  20. Dreams Of Fireflies (On A Christmas Night)
  21. Carmina Burana
  22. Epiphany
  23. The Mountain
  24. Keyboardsolo
  25. Lied der Deutschen
  26. Beethoven
  27. Requiem (The Fifth)
  28. Christmas Eve (Sarajevo 12/24)