OZZY OSBOURNE: Patient Number 9

Es ist schon ein bissle her, das damals der Schreiberling als kleiner Bubi mit 7 die Erstausstrahlung des Songs „Black Sabbath“ bei BFBS miterlebt hat. Und fasziniert war von dem coolen heavy Gitarrenspiel und dem gruseligen Sänger. Nun also hat dieser seltsame Mann mit dem diabolischen Lachen wieder Einzug gehalten, OZZY OSBOURNE präsentiert uns sein 13. Studioalbum. Mit dem Vorgänger „Ordinary Man“ hat der Madman einerseits die schwächeren Alben davor wieder weggefegt, aber trotz einiger starker Songs bleibt es ein über-produziertes, teils zu sehr auf modern gebürstetes Album, auch bedingt einiger entsprechender Musiker.

OZZY OSBOURNE setzt auf „Patient Number 9“ auf namhafte Kollegen

Da bekommt man fast Angst, wenn man die Gästeliste zum neuen Album „Patient Number 9“ liest. Noch mehr große Namen, Weggefährten und Helden der OZZY/BLACK SABBATH-Generation, dazu wieder ein paar zeitgemäßere Kollegen. Hat der Prince Of Darkness dieses Namedropping nötig? Oder will er einfach nochmal richtig auf den Putz hauen? Schließlich möchte er ja mit „Patient Number 9“ endlich sein Nummer 1-Album haben. Irgendwas muss er sich ja auch an die Wand hängen, wenn er wieder in seiner Heimat England wohnt. Abzüge gab es direkt in der B-Note. Das Vinyl hat gleich mal eine Welle, und das rot-schwarze Farbspiel ist längst nicht so schön wie auf den Werbebildern. Und auch die Aufmachung ist recht mager.

Aber lassen wir die Musik sprechen. Der Titelsong hat ja schon früh die Runde gemacht und knüpft an bei den Highlights von „Ordinary Man“. Catchy, theatral, ausreichend heavy, spinnige Gitarren von Blues-Rocker JEFF BECK. Die Mannschaft hinter OZZY, Produzent, Gitarrist und Keyboarder Andrew Watt, OZZY-Kenner ZAKK WYLDE, Drummer Chad Smith (RED HOT CHILI PEPPERS) und der oft vertretene METALLICA-Basser Robert Trujillo gestalten den Song unterhaltsam, jeder OZZY-Fan ist glücklich. „Immortal“ setzt da nicht wirklich an, da hilft auch PEARL JAM´s Mike McCready mit seinem zerfahrenen Solo nichts. Anders „Parasite“, wo Sidekick ZAKK WYLDE sich auf dem BLACK SABBATH-Trip zeigt. Damit es nicht zu viel ZAKK SABBATH wird bekommt OZZY einen poppigen, eingängigen Refrain, den wir fröhlich mitsingen.

Großes BLACK SABBATH-Kino vom Team IOMMI/OSBOURNE

Dann gibt es für manche von uns den Hauptgrund, sich auf „Patient Number 9“ zu freuen wie eine kopflose Fledermaus: OZZY zusammen mit Riffgott TONY IOMMI! Ein Zeichen, dass es das erste mal wieder soweit ist seit dem BLACK SABBATH Abschiedsalbum „13“ von 2013, und OZZY ebenfalls sein 13. Studioalbum vorlegt? Eine Andeutung auf ein Abschiedsalbum? IOMMI-Jünger haben gleich Gänsehaut, starke 80er SABBATH-Vibes als ruhigen Auftakt, dann ein typischen heavy IOMMI-Riff. Stumpf nach vorn, reiten auf diesem Riff, so wurde der Doom damals auch geboren. Es darf melodisch werden, IOMMI liefert ein cooles Solo, überraschungsfrei, typisch Tony halt. Ein zartes „Oh Yeah“, OZZY ist ja auch noch da. Wir sehen, wie er live seine Arme im zurückgezogenen Takt wiegt, ohne sich wirklich für diesen Takt zu interessieren. Tony gibt Gas, ja wir wussten vorher, wann es soweit sein wird. Nichts ist hier überraschend, aber alles cool präsentiert und richtig gut. „No Escape From Now“ hätte auch auf dem letzten BLACK SABBATH-Album stehen können. Für alle, die sich auch an „13“ nicht satthören können und gern Nachschub hätten. Für mich persönlich wenig überraschend das Highlight des Albums, als IOMMI-Jünger kaum anders zu erwarten.

Auch Kollegen vom Blues-Rock geben sich die Ehre

„One Of Those Days“ bietet einen doch überraschenden Gast, Bluesman ERIC CLAPTON gibt sich die Ehre. Entsprechend zurückhaltend kommen die Gitarren, wenn vorher IOMMI und WYLDE aufgedreht hatten. Dafür bekommt der Song einen Refrain, der sich catchy ins Ohr fräst und man kaum stillsitzen kann. Der hängt auch noch im Kopf, wenn die Platte schon lange nicht mehr dreht. Ein seltsames, aber interessantes Gegenspiel dieser beiden tragenden Elemente. Dann ist es Zeit für endlose Handylämpchen, die live „A Thousand Shades“ erhellen werden. Wir schunkeln mit, die Melodie kennen wir von reichlich anderen OZZY-Songs, es liegt wieder an JEFF BECK, dem Song etwas eigenes zu geben. Dass der Leadsound nicht wirklich zum Song passt merkt wohl keiner, sind ja alle am Mitschunkeln.

OZZY OSBOURNE und ZAKK WYLDE bleiben ein Dreamteam

Dann ist Heimspiel angesagt, die nächsten Songs gehören ZAKK WYLDE. Auch wenn Mastermind Andrew Watt sehr viel sehr richtig macht, kaum ein Musiker kennt OZZY besser als WYLDE. Der lässt den Paranoid tanzen, gibt ihm den ruhigen Moment, der eben diesem „Mr. Darkness“ so gut steht. Da dürfte das Publikum sauber abgehen, wieder ein zartes „Oh Yeah“, ein fetter SABBATH-Part, ein wildes WYLDE-Solo. Überraschungsfrei, wir wissen, wann es quitscht und wann das Wahwah waht. Aber kaum wer macht das so schön wie der blonde Hühne. Der wie gehabt auch ganz zart kann, wie bei „Nothing Feels Right“. Als Single ausgekoppelt sicher auch live geplant, alle schunkeln wieder mit und hören bereits hier, wie schief die Vocals sein werden. Es kommt der Moment, wo wie wissen, dass jetzt der Abgehpart kommt. Oder auch nicht, kommt tatsächlich nicht, statt dessen ein ausgedehntes, gewohnt cooles Solo von WYLDE.

ZAKK WYLDE bringt genauso viel BLACK SABBATH rein wie TONY IOMMI

Dann schaut man aufs Cover, das zweite Lied mit TONY IOMMI? Nein, ZAKK WYLDE spielt nochmals heavy BLACK SABBATH, es doomt der „Evil Shuffle“, um dann fast psychedelischen Gitarren Platz zu machen. WYLDE hat vielleicht HENDRIX-Platten gedreht? Nett, viel hängen bleibt aber nicht. Dagegen liefert TONY IOMMI wieder mächtig ab mit „Degradation Rules“. Das erstaunlich lautstark, hätte eben so auch von WYLDE kommen können. Eine eingestreute Harmonika soll natürlich an frühe BLACK SABBATH-Tage erinnern. IOMMI haut seine Riffs und Leads im erfreulich fetten Sound raus, statt auf seinen lange zelebrierten Black Country Customs TI-BOOST Sound zu setzen, sehr gut. Ja ja, ich benutze den ja auch…

„Dead And Gone“ trudelt etwas an einem vorbei, WYLDE´s Einsatz ist wieder zu berechenbar. „God Only Knows“ wird nochmal theatral und nachdenklich, wieder dieser Schunkelgroove. Ein seltsames Solo mit seltsamen Sound von Josh Hommes (KYUSS, QUEENS OF THE STONE AGE). Seltsam klingt auch der abschließende Delta-Blues, treffend „Darkside Blues“ betitelt. Total verhallt, zurückgezogen, verschwommen, gekrönt von einem abschließenden diabolischen Lachen, was den Schreiberling wieder an den Erstkontakt als kleiner Junge erinnert.

Eine echte Band inklusive WYLDE würde OZZY besser stehen

Der „Patient Number 9“ leidet definitiv unter dem Projektcharakter des Albums. Mit einer eingespielten Band könnte einiges anders klingen als mit dem Sammelsurium an namhaften Musikern. Allein dass OZZY hier sein Buddy ZAKK WYLDE beiseite steht zeigt, was möglich wäre. Drummer Chad Smith macht einen guten Job, etwas mehr Wumms im Sound hätte man ihm gern gönnen können. Beim Sound der Gastgitarristen bleibt man gelegentlich ratlos zurück, die namhaften Bassisten gehen oft im Sound unter. Andrew Watt, der auch für das 2020er Album “Ordinary Man” verantwortlich war, bemüht sich, keinem wehzutun. Vielleicht eine Reaktion darauf, dass viele Fans den Vorgänger zu modern ausgelegt fanden. Immer mal fühlt man sich an frühere OZZY-Phasen erinnert. Ganz ohne moderne Spielereien kommt aber auch „Patient Number 9“ nicht aus. Sehr schön, dass die klassischen Elemente mit Streichern und Co. nicht aus dem Computer kommen, sondern von echten Ensambles eingespielt wurden.

OZZY zeigt sich in guter Form – es lebe Autotune

Von der besten Seite zeigt sich der Hausherr! Gesanglich bekommen wir das, was wir von ihm erwarten. Sein Gesang lebt von seiner einzigartigen Ausstrahlung, OZZY ist nunmal OZZY. Das wird live anders klingen, stellenweise wird nicht mal versucht, die Autotunes zu verbergen. Hier auf dem Album machen die typischen OZZY-Vocals Spaß. Der spielt in den Texten keine Rolle, OZZY reflektiert viel, schaut auf das, was war, noch kommt oder auch nicht mehr. Die Parkinson-Diagnose im Kopf, die Rückkehr in die Heimat England für das, was noch bleibt. Viele hielten „Ordinary Man“ für ein Abschiedsalbum, das klingt bei „Patient Number 9“ weitaus deutlicher durch. Selbst dass ZAKK WYLDE so viel BLACK SABBATH einbringt könnte man deuten, dass sich hier ein Kreis schließt. Der von TONY IOMMI natürlich massiv untermauert wird.

„Patient Number 9“ macht Spaß und wird OZZY OSBOURNE den erhofften Erfolg sichern

„But I’ll never die / ‘Cause I’m immortal”. Egal, wie hier und da die Nörgeleien durchkommen, mit „Patient Number 9“ bekommen wir ein Album, das uns einen starken OZZY OSBOURNE präsentiert. Es gibt richtig gute Songs, manche gehen einfach auf Nummer Sicher, andere wirken unfertig. Trotzdem macht das Album durchgehend Spaß und wird OZZY den erhofften Erfolg sichern. Sollte es sein Abschiedsalbum sein, dann wäre es ein tolles Denkmal für den Prince Of Darkness. Erstrecht, wenn er wirklich seinen Top1-Traum schafft. Wenn OZZY – von uns allen gewünscht – tatsächlich ewig lebt, dann sehr gern wieder mit fester Band im Rücken. Und die gern auch wieder auf der Bühne, die Tickets hängen weiterhin hoffnungsvoll an der Pinnwand.

Veröffentlicht am 09.09.2022

Spielzeit: 56:59 Min.

Lineup:
Ozzy Osbourne – Vocals, Harmonika
Andrew Watt – Produktion, Gitarre, Bass, Klavier, Synthesizer, Drums, Backing Vocals
Zakk Wylde – Gitarre , Orgel
Chad Smith – Drums, Percussion
Taylor Hawkins (FOO FIGHTERS) – Drums (3,7,12)
Tony Iommi – Gitarre (4,10)
Jeff Beck – Gitarre (1,6)
Eric Clapton – Gitarre (5)
Mike McCready (PEARL JAM) – Gitarre (2)
Josh Homme – Guitar (12)
Robert Trujillo (METALLICA) – Bass (1,7,9,10,11)
Duff McKagan (GUNS N’ ROSES) – Bass (2, 5)
Chris Chaney (JANE’S ADDICTION) – Bass (8)
James Poyser – Orgel (7)

Label: Epic / Sony Music

Homepage: https://www.ozzy.com

Mehr im Web: https://www.facebook.com/ozzyosbourne

Die Tracklist von “Patient Number 9”:

1. Patient Number 9 (feat. Jeff Beck) (Video bei YouTube)
2. Immortal (feat. Mike McCready)
3. Parasite (feat. Zakk Wylde)
4. No Escape From Now (feat. Tony Iommi)
5. One of Those Days (feat. Eric Clapton)
6. A Thousand Shades (feat. Jeff Beck)
7. Mr. Darkness (feat. Zakk Wylde)
8. Nothing Feels Right (feat. Zakk Wylde) (Audio bei YouTube)
9. Evil Shuffle (feat. Zakk Wylde)
10. Degradation Rules (feat. Tony Iommi) (Stream)
11. Dead and Gone
12. God Only Knows
13. DARKSIDE BLUES