NEVERMORE: This Godless Endeavor

NEVERMORE: This Godless Endeavor

Wer kennt sie nicht, die Leiden des jungen Webredakteurs? Da bespricht man Monat für Monat eine ganze Latte an CDs, postet Newsbeiträge und verfasst Live-Berichte mit dem Resultat, dass sich (wie eigentlich bei jeder regelmäßigen Tätigkeit) die anfängliche Euphorie über absehbare Zeit in Übersättigung und später womöglich sogar in eine Art freiwillige Verpflichtung verwandelt. Häufig weiß man nämlich nicht mehr, was man beim x-ten Konzert von Lieblingsband Y oder Hasscombo Z überhaupt noch schreiben soll, oft sind Newsbeiträge eine eher hemdsärmelige Angelegenheit und besonders bei den elfundneunzig CDs, mit denen der Metalhead wöchentlich konfrontiert wird, stellt sich auch mit zunehmender Häufigkeit das ein oder andere Dejavu-Erlebnis ein. Doch dann passiert in völlig unregelmäßigen Abständen etwas, das die unsäglich weit enfernt scheinende Motivation mit einem kräftigen Paukenschlag zurück ins Hirn bläst, das dem nichts ahnenden Hörer plötzlich wieder das Funkeln in die Augen treibt und das lange vermisste Zucken im Nacken einfach wieder entfachen lässt: Plötzlich erscheint nämlich eine neue CD, bei welcher man sich für den ersten Durchlauf am liebsten alleine im Zimmer einschließt, headbangend im Dreieck springt und diesen ganzen Frust einfach kurz vergessen kann – eine CD wie This Godless Endeavor, das mittlerweile sechste Studioalbum der Seattle-Metaller NEVERMORE.

Und mit dieser Scheibe scheinen sich die Mannen um Haarpapst Warrel Dane noch einmal selbst übertroffen zu haben: War die Marschroute auf dem Vorgänger Enemies of Reality noch ziemlich unklar und die bitterbösen Songs doch sehr in sich gekehrt und sperrig, so hat die Band auf ihrem neuen Output ein wenig am Rad der Zeit gedreht und wieder einiges an Ballast abgeworfen, was dem Sound hörbar gut getan hat und insgesamt wie eine gesunde Mischung aus der Melancholie Dreaming Neon Blacks, der Eingängigkeit von Dead Heart in a Dead World und der Härte von Enemies… erscheint. Noch nie zuvor schienen diese drei Attribute derartig nahtlos miteinander verbunden zu sein und hört man sich beispielsweise die ausgetüftelte Gitarrenarbeit im Chorus des Openers Born an, so hat man wirklich das Gefühl, dass die Band nun endlich auf dem absoluten Höhepunkt ihrer Schaffenskraft angekommen zu sein scheint. Born ist kompromisslos, melodisch, besitzt eine fast schon unheimliche Dynamik und einen packenden Ohrwurmrefrain, der dem Hörer mit jedem Durchlauf einen neuen Schauer über den Rücken jagt – man wagt es eigentlich kaum zu glauben, dass dieses unbeschreibliche Gefühl über das gesamte Album nicht mehr nachlassen soll. Doch im Gegenteil: Die folgenden The Final Product und My Acid Words sind ebenso variable Hassbrocken geworden und lassen mit ihren genauso abstrusen wie arschgeilen Gitarrenriffs jeden Hobbyklampfer nur so mit den Ohren schlackern, bevor sie mit augenscheinlicher Leichtigkeit in Gänsehautrefrains münden, die beim Verfasser dieser Zeilen auch nach dem mittlerweile wohl 25. Durchlauf noch keine Abnutzungserscheinungen aufweisen. Im Prinzip hätte es jeder der elf Songs von This Godless Endeavor verdient, mit einem eigenen Absatz gehuldigt zu werden, doch um das Review im Rahmen zu halten, sollten besonders zwei Songs noch einmal herausgegriffen werden: Mit der todtraurigen Halbballade Sentient 6 (dieser Text… DIESER TEXT!) und dem monumentalen Titelsong sind NEVERMORE nämlich zwei derartig herausragende Tracks geglückt, dass ich definitiv nicht das Gefühl habe, mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, indem ich sie zu den wichtigsten Koryphäen des gesamten Backkatalogs zähle. Was hier auf dem Hörer einbricht, geht weit über Notenpapier und selbst über die wieder einmal großartige Produktion von Andy Sneap hinaus – das ist Emotion pur, das ist eine eigene kleine Klangwelt, veredelt durch ein mehr als ansehnliches und interpretierbares Artwork, welches dem hochwertigen Songmaterial in nichts nachsteht!

Ich hätte zwar auch schon nach dem genialen Dead Heart in a Dead World-Album beschwören können, dass eine weitere qualitative Steigerung bei NEVERMORE definitiv unmöglich sein würde, doch ist This Godless Endeavor im Endeffekt das bislang stärkste Album, das jemals vom wasserstoffblonden Mattenkönig Dane eingesungen wurde und schon jetzt ein Klassiker, der weder stellvertretend für eine musikalische Strömung noch überhaupt in irgendeiner Form kategorisierbar ist. Er gehört eben zu diesen besonderen Alben, die man immer und überall hören kann, die Leute aus verschiedenen Musiksparten in sich vereinen und die eingangs erwähnte Euphorie wieder aufschäumen lassen, die man lange Zeit zuvor schon verloren glaubte. An diesem Album kommt kein Anhänger härterer Klänge vorbei… ab in den Plattenladen!

Veröffentlichungstermin: 25.07.2005

Spielzeit: 57:18 Min.

Line-Up:
Warrel Dane – vocals

Jeff Loomis – lead, rhythm & acoustic guitars

Steve Smyth – lead, rhythm & acoustic guitars

Jim Sheppard – bass

Van Williams – drums

Produziert von Andy Sneap
Label: Century Media

Homepage: http://www.nevermore.tv

Tracklist:
01. Born

02. The Final Product

03. My Acid Words

04. Bittersweet Feast

05. Sentient 6

06. Medicated Nation

07. The Holocaust of Thought

08. Sell My Heart for Stones

09. The Psalm of Lydia

10. A Future Uncertain

11. This Godless Endeavor