MARILYN MANSON: Holy Wood

MARILYN MANSON: Holy Wood

Über MARILYN MANSON etwas zu schreiben, ist fast schon müßig, ist dieser Mann in den Medien doch beinahe omnipräsent, zumindest was die Verteufelungen einerseits und Beweihräucherungen andererseits angeht. Beides halte ich für Unsinn, denn MM ist weder Gott noch Teufel – er ist einfach nur ein Mensch, der sich mißverstanden fühlt und dieser Welt den Rücken kehren möchte. So würde ich zumindest denken, wenn ich nicht wüßte, was für ein Wahnsinnsgeld der Mann und seine Band mit dieser Masche verdienen. Deshalb komme ich auch nicht umhin, bei „Holy Wood“, dem neuen Studioalbum der fünf Musiker, einen faden Beigeschmack zu spüren, denn niemand weiß, inwiefern wirklich die Person Marilyn Manson hinter diesen Texten steht, oder ob das alles halt nur eine Marketing-Maschinerie ohne Hintergrund ist.

Läßt man die Zweifel an der Glaubwürdigkeit Mansons einmal weg, offenbart sich dem Hörer mit „Holy Wood“ ein Album, das mit sehr interessanten Texten und teilweise wirklich packenden modernen Rock-Songs aufwartet. Vertreten sind derer neunzehn, und jeder einzelne ist in sich recht gut, einige wenige sogar sehr gut („The Nobodies“, „Lamb Of God“). Zwar unterscheiden sich die Songs nicht sonderlich voneinander, da viele von ihnen nach dem Grundschema „ruhige Strophe-aggressiver Refrain“ aufgebaut sind, aber MARILYN MANSON schaffen es, innerhalb dieses Grundschemas einen Abwechslungsreichtum aufzubauen, der fasziniert. Elektronische Rhythmen (kein Techno!), massive Live-Drums, rockige Gitarren, Synthie-Effekte und natürlich Mansons beeindruckende, mal zerbrechlich, mal knallhart klingende Stimme vermischen sich zu einem Gebräu, das es so wohl nicht noch einmal gibt. Dazu kommen die fragilen, melancholischen, ruhigen Stellen, die sich teilweise sogar über ganze Songs erstrecken und so eine Atmosphäre aufbauen, die mal resignierend, mal trotzig ist, mal selbstverzweifelt, mal aufbrausend, zerstörend. Diese Musik, die im übrigen hauptsächlich von Mansons Musikern Twiggy Ramirez und John 5 geschrieben wurde, wirkt in sich geschlossen und dennoch vielfältig. Das Ganze klingt dann letztendlich wie ein verzweifelter Aufschrei gegen die Welt.

Textlich läßt sich dieses Konzept auch sehr gut nachvollziehen. Schonungslos offenbart uns Manson seine Gedanken über die Welt, den Tod, die Menschen und über sich selbst, und ich muß hier zu dem Schluß kommen, daß er es doch ehrlich meint. Man höre sich nur mal „In The Shadow Of The Valley Of Death“ an, in dem Manson singt: „sometimes I feel so worthless/sometimes I feel discarded/I wish that I was good enough/then I´d know that I am not alone“. Der charismatische Sänger grenzt sich ab von der Welt, er verliert die Hoffnung. Wütende Ausbrüche, wie in „The Love Song“ (extrem ironisch: „Do you love your guns? (yeah) God? (yeah) The Government? (fuck yeah)“) oder in „Cruci-Fiction in Space“ („This is evolution – the monkey, the man and then the gun“) wirken fast wie ein Abgesang auf die Welt, der er den Spiegel vorhält. Bei all diesem letztendlich selbstzerstörerischem Nihilismus weiß Manson es allerdings auch, auf geschickte Art und Weise sein Publikum anzusprechen und sich mit diesem zu identifizieren: „I´m someone else/I´m soneone new/I´m someone stupid just like you“ (aus „Born Again“). Bei all diesen düsteren Perspektiven versucht Manson aber immer noch, die Welt zu verbessern, was ihn irgendwie auch zu einem Moralisten macht.

Leider weiß ich nicht, wie anfangs schon erwähnt, ob MARILYN MANSON tatsächlich authentisch ist oder, wie ich immer glaubte, ein Kunstprodukt der amerikanischen Industrie. Vielleicht ist er eine Mischung aus beidem. Vielleicht sind er und seine Kumpanen aber auch einfach nur gute Rockmusiker. Denn daß „Holy Wood“ ein gutes, modernes Rock-Album ist, das steht fest. Und was MARILYN MANSON nicht ist, steht auch fest: Plumpe Provokation. Wenn das hie ernst gemeint ist, ist es wirklich etwas besonderes, das nicht mit einer so dämlichen Vokabel wie z.B. „Schock-Rock“ abzukanzeln ist – dafür sind die Songs dann doch zu vielschichtig.

„The valley of the dolls is the valley of the dead“ singt Manson in „Born Again“. Fragt sich nur, ob er nicht selbst eine Puppe im Tal der Toten ist. Das muß dann der Hörer selbst entscheiden.

Spielzeit: 68:17 Min.

Line-Up:
Marilyn Manson

Ginger Fish

John 5

M.W. Gacy

Twiggy Ramirez

Produziert von Marilyn Manson & D.Sardy
Label: Nothing/Interscope Records

Homapage: http://www.marilynmanson.com

Tracklist:
1. Godeatgod

2. The Love Song

3. The Fight Song

4. Disposable Teens

5. Target Audience (Narcissus Narcosis)

6. „President Dead“

7. In The Shadow Of The Valley Of Death

8. Cruci-Fiction In Space

9. A Place In The Dirt

10. The Nobodies

11. The Death Song

12. Lamb Of God

13. Born Again

14. Burning Flag

15. Coma Black a)eden eye b)the apple of dischord

16. Valentine´s Day

17. The Fall Of Adam

18. King Kill 33

19. Count To Six And Die (the vacuum of infinite space encompassing)

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Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.