JORN: Dio

Hier braucht niemand ein schlechtes Gewissen haben, das Album lebt von Hochachtung und Respekt vor der Musik und der Persönlichkeit RONNIE JAMES DIO. Damit sollte es aber auch gut sein, verzichtet auf den Kauf weiterer Tribute-Alben und unterstützt lieber die "Stand Up And Shout Cancer Found"-Foundation!

Das war einer der ersten Gedanken, nachdem der erste emotionale Flash durch den Tod von RONNIE JAMES DIO wieder mehr zuließ als pure Trauer: jetzt zieht wieder jedes Label los und wirft lieblose Tributes auf den Markt, um auf diesem Wege Kohle abzugreifen, und die ach so szenetreuen Bands ziehen mit. Jedes Label, bei dem DIO irgendwann mal einen Tee getrunken hat, wird weitere Anteile abgreifen und seinen Backingkatalog auspressen. Dass dann der Norweger JORN LANDE direkt mit einem Album voller DIO-Songs auf der Matte steht, das kann schnell für Missverständnisse sorgen. Denn dieses Album war schon seit langem in Planung, schon bevor die Diagnose Krebs uns erschütterte. Also sollte man Dio nicht mit dem in einen Topf werfen, was uns wohl in Kürze erwartet an Veröffentlichungen im Zuge des Todes dieses Ausnahmesängers, der mit RAINBOW , später BLACK SABBATH, natürlich mit seiner eigenen Band und zuletzt mit der allerletzten glaubhaften BLACK SABBATH-Version HEAVEN AND HELL nicht nur Rockgeschichte geschrieben hat, sondern vor allem allein durch seine Persönlichkeit immer einer der ganz Großen war im Rockzirkus. Das Album stand nun leider zum denkbar unpassendsten Zeitpunkt zur Veröffentlichung.
 
Als Opener gibt es einen extra für DIO geschriebenen Song. Nun, wie viel Kunst es ist, zahllose Songtitel zu einem Text zusammenzuziehen, das lassen wir mal offen. Musikalisch die typischen Elemente der Musik dieses besonderen Künstlers bzw. der genannten Bands stimmig zusammenfließen zu lassen, das ist da schon eine größere Aufgabe. Und die wird beeindruckend gemeistert, der Song For Ronnie James trägt einen direkt in die Welt des Herrn Dio, mit jedem Ton fühlt man sich dem kleinen Riesen nahe, spürt seine Gegenwart, DIO selbst hätte diesen Song sicher sehr gemocht. Dazu der großartige, respektvolle Gesang von JORN, der ja bekanntlich eh stark nach seinem großen Vorbild klingt, das passt. Ja, dieser Song ist das, was er sein sollte: eine Würdigung des Meisters der Fantasiegeschichten, voller Hochachtung und spürbarer Verehrung. Sicher verschiebt sich die Wertigkeit dieses Songs durch die tragische Bedeutung, die er nun mit sich trägt. Ohne diesen Hintergrund würde man selbst sicher nicht so viel in dem Song sehen, dann wäre er vielleicht nur ein weiterer guter Song von JORN. Es folgt eine bunte Mischung an Songs aus der Geschichte von RONNIE JAMES DIO, die sich nicht nur bei den großen Standardsongs bedient, sondern auch ein paar länger nicht mehr gehörte Titel bietet. So sind es gerade die ruhigen Momente, der zerbrechliche Auftakt zu Invisible und vor allem Don´t Talk To Strangers, die einem glasige Augen bereiten, jetzt bloß nicht heulen… Echte Faust in die Luft-Kracher wie Night People und ganz groß Stand Up And Shout rütteln die Emotionen ordentlich durch. Dazu kommt das gelungene doomige BLACK SABBATH-Doppel mit Lonely Is The World und Letters From Earth vom sicher nicht besten, aber absolut unterbewerteten 92er Album Dehumanizer. Jeder Song für sich wird gelungen dargeboten, auch und gerade die selteneren Songs. Zumindest für Leute, die nicht mindestens einmal im Monat eh eins der Alben aus RONNIE JAMES DIOs History laufen haben. Für mich eigentlich seit Jahren immer ein Ritual, gerade wenn ich von all den neuen Bands mal wieder die Nase voll habe.

Gesanglich kann man diese Songs nicht besser umsetzen, vielleicht noch mit Nils Patrik Johansson (ASTRAL DOORS, LION´S SHARE, WUTHERING HEIGHTS) am Mikro. Musikalisch stimmt bei kraftvollem Sound ebenfalls alles, trotz starkem Spiel und vor allem erstklassiger Gitarrenarbeit drängen sich die Bandkollegen von JORN nicht in den Vordergrund. Sie lassen den Song für sich sprechen, kleine Akzente setzen sie eher nebenbei. Es gibt auch kein plakatives Tribute To Dio im Titel, welches denjenigen in den Vordergrund rückt, welcher den entsprechenden Künstler ehren will. Das Album ist kein Abschiedsalbum, es ist eine respektvolle Verbeugung vor einem Künstler, der eh niemals sterben wird, in seiner Musik immer weiter leben wird.

Was uns nun erwartet an teils ernst gemeinten Verbeugungen in Form von vielleicht durchaus angemessenen Tributealben, aber auch oft halbherzig rausgehauenen Scheiben, um einen Teil vom erhofften Kuchen abzugreifen, davor graut mir schon ohne Ende. Das Album von JORN sollte nicht den verstorbenen Künstler DIO ehren – das tut es durchaus – sondern war als Kniefall vor dessen Augen geplant. Somit kann wirklich niemand JORN LANDE vorwerfen, dass es hier um schnell verdientes Geld geht. Dass daraus ein derart starkes, stimmiges Album geworden ist, und JORN auch aus dem direkten Umfeld von DIO dafür anerkannt wird, dass macht deutlich: Dio kann man sich zulegen, als Fan von JORN sowieso wie natürlich auch als Fan von DIO. Hier brauch niemand ein schlechtes Gewissen haben, das Album lebt von Hochachtung und Respekt vor der Musik und der Persönlichkeit RONNIE JAMES DIO. Damit sollte es aber auch gut sein, verzichtet auf den Kauf weiterer Tribute-Alben und unterstützt lieber die Stand Up And Shout Cancer Found-Foundation, kauft Releases, die diesem von Ronnies Ehefrau Wendy und GEEZER BUTLER´s Frau Gloria und einigen anderen gegründeten Hilfsobjekt helfen. So kommt Euer Geld einem guten Zweck zugute und nicht irgendeinem ach so truen Szenelabel. So ganz versteh ich zwar immer noch nicht, warum man ein ganzes Album mit Songs eines anderen Künstlers aufnimmt, aber wenn es auf so hohem Niveau geschieht, warum nicht…
 
Bleibt noch der Knackpunkt warum jetzt. Taktvoller wäre es sicher gewesen, die Veröffentlichung deutlich nach Hinten zu schieben und nicht am lange geplanten 2.Juli festzuhalten. Aber gerade dann wäre das Album unter vielen anderen gelandet, die eben nur des Geldes wegen auf den Markt geschmissen werden. Dann hätten sich die Leute ebenso aufgeregt wie heute, wo Dio so kurz nach der Beisetzung des Metal-Magiers erscheint. Allein die Tatsache, dass JORN LANDE bei der Tribute-Show von HEAVEN AND HELL zu Ehren von RONNIE JAMES DIO am 24. Juli neben GLENN HUGHES (BLACK SABBATH, DEEP PURPLE) als Sänger auf der Bühne stehen wird, das gleicht ja nahezu einem Ritterschlag. Wenn er bzw. das Label Frontiers jetzt noch mit den Einnahmen des Albums den mittlerweile offiziell eingetragenen Stand Up And Shout Cancer Found unterstützt, dann würde die ganze Geschichte vom waschechten Skandalalbum zum klaren, ehrlichen Statement wachsen.

Veröffentlichungstermin: 02.07.2010

Spielzeit: 66:20 Min.

Line-Up:

Jørn Lande – Lead Vocals
Tore Moren – Guitars
Jgor Gianola – Guitars
Tor Erik Myhre – Guitars
Nic Angileri – Bass
Willy Bendiksen – Drums

Label: Frontiers Records

Homepage: http://www.jornlande.com

MySpace: http://www.myspace.com/realjorn

Tracklist:

1. Song For Ronnie James
2. Invisible
3. Shame On The Night
4. Push
5. Stand Up And Shout
6. Don´t Talk To Strangers
7. Lord Of The Last Day
8. Night People
9. Sacred Heart
10. Sunset Superman
11. Lonely Is The Word – Letters From Earth
12. Kill The King
13. Straight Through The Heart (Live)