ICE NINE KILLS: The Silver Scream 2: Welcome To Horrorwood

Mit ihrem Horror-Sequel “The Silver Screen 2: Welcome To Horrorwood” stellen ICE NINE KILLS den Vorgänger in den Schatten. Die US-Amerikaner beweisen Liebe zum Detail und ein Gespür für Hits, das selbst im Mainstream-Metalcore keine Selbstverständlichkeit ist.

Was ist eigentlich der Deal mit Horror und schlechten Wortspielen? Ist es der Drang, der Grausamkeit mit der Brechstange die Zähne zu ziehen? Ein bisschen Galgenhumor, um die Angst herunterzuspielen? Was LORDI schon seit Jahren auf die Spitze treiben, greifen jüngst auch ICE NINE KILLS auf: „The Silver Scream 2: Welcome To Horrorwood“ ist ein furchtbar kitschiger Albumtitel, der aber genau deshalb ins Schwarze trifft: Das Spielen mit Motiven und Erzählmustern ist ein essentieller Bestandteil der Horrorfilm-Kultur und diese „Tropes“ bilden dann auch das Rückgrat dieses Horror-Sequels.

Klar, ein zweites Konzept-Album über Gruselfilmklassiker klingt irgendwie berechnend und in gewisser Weise ist es das auch: Ihren Sound haben ICE NINE KILLS schon in der Vergangenheit an zeitgenössische Trends angepasst und dass man damit mittlerweile bei einer eingängigen Mischung aus Modern Metal und wuchtigem Metalcore angelangt ist, dürfte sicherlich kein Zufall sein. Auch wie die Formation um Sänger Spencer Charnas, der nach „The Silver Scream“ (2018) das komplette Bandgefüge neu aufstellen musste, in der Folge die kommerziellen Ziele der großen LA-Produktionsfirmen zu imitieren scheint, könnte abschrecken. Wenn „Welcome To Horrorwood“ nicht so verdammt kompetent wäre.

ICE NINE KILLS zeigen Liebe zum Detail

Nach dem etwas dick aufgetragenen Erzähl-Intro zeigt sich nämlich schnell, dass ICE NINE KILLS nicht einfach mit einem populären Themenfeld schnelle Kasse machen wollen: Trotz catchy Strukturen und manch poppiger Melodiebögen zeichnen sich die 13 Songs teils durch clevere Lyrik, teils durch abwechslungsreiche Arrangements aus, die mit Liebe zum Detail punkten. Dabei arbeitet das Quintett mit zahlreichen Samples, Gast-Features und Synthesizern, um den einzelnen Stücken Profil zu verleihen, das über die Patenfilme hinausgeht.

Mit Ausnahme des Titelstücks, das sich selbstironisch der Sequel-Industrie widmet, rückt jeder Track eine andere Hollywood-Produktion in den Mittelpunkt, wobei das Spektrum von Klassikern wie „Psycho“ („The Shower Scene“) oder „Hellraiser“ („The Box“) bis hin zu modernem Action-Horror à la „Resident Evil“ reicht, dem in „Rainy Day“ Tribut gezollt wird. Langweilig wird „The Silver Scream 2“ nie, auch weil uns an jeder Ecke kleinere Überraschungen erwarten: Das treibende „A Rash Decision“ garniert den Post Hardcore-Unterbau im Breakdown mit dramatischem Chorgesang, während „Ex-Mørtis“ mit beschwingtem Rhythmus zum Tanzen einlädt. Dazwischen gibt es die RAMMSTEIN-Hommage „Wurst Vacation“ und mit „The Box“ einen Hit im besten ATREYU-Stil – und das nicht allein deshalb, weil sich deren Frontmann Brandon Saller als Gast die Ehre gibt.

“The Silver Scream 2: Welcome To Horrorwood” stellt den Vorgänger in den Schatten

Auch die klassische Disziplin meistern ICE NINE KILLS in „Funeral Derangements“, wo brachiale Breakdowns auf Ohrwurm-Refrain treffen und Gitarrist Dan Sugarman mit technischen Licks die unbehagliche Atmosphäre ausfüllt. „Take Your Pick“ wiederum ist ein hyperaktiver Deathcore-Abriss, der gesanglich bisweilen in den Wahnsinn abdriftet und auch deshalb so effektiv in die Magengrube trifft, weil die massiven Growls von Death Metal-Ikone Corpsegrinder (CANNIBAL CORPSE) dem modernen Fundament die Oldschool-Keule über den Schädel zieht.

Natürlich macht das keinen der Songs auf „The Silver Scream 2: Welcome To Horrorwood“ zu einer zwingend neuen Erfahrung. Als Mainstream-Metalcore-Album lässt die sechste Platte der US-Amerikaner aber kaum Wünsche offen, auch weil die Genre-Trademarks durch originelle Ideen aufgewertet werden: „Take Your Pick“ zitiert geschickt den Song-Klassiker „Love Hurts“, bevor die Gitarren in „Farewell II Flesh“ zur Mitte sogar Rimski-Korsakows „Hummelflug“ intonieren. Das bemühte Wortspiel auf dem Cover wird da schnell zur Nebensache, eben weil ICE NINE KILLS sonst ihre „Tropes“ beherrschen: „Höher, schneller, weiter“ heißt es in der Regel für Sequels – „The Silver Scream 2“ ist da keine Ausnahme. Doch anstatt sich im Bemühen nach Mehr zu verzetteln, kommt die Platte stets auf den Punkt und tanzt damit gewissermaßen aus der Reihe: Denn dass der zweite Teil das Original übertrifft, ist gerade im Horror-Sektor für gewöhnlich die absolute Ausnahme.

Veröffentlichungstermin: 15.10.2021

Spielzeit: 47:12

Line-Up

Spencer Charnas – Vocals, Piano, Keyboards, Programming
Dan Sugarman – Guitars, Backing Vocals, Programming
Ricky Armellino – Guitars, Backing Vocals
Joseph Occhiuti – Bass, Keyboards, Orchestral Arrangements, Backing Vocals
Patrick Galante – Drums, Percussion

Produziert von Drew Fulk

Label: Fearless Records

Homepage: https://iceninekills.com/
Facebook: https://www.facebook.com/IceNineKills

ICE NINE KILLS “The Silver Scream 2: Welcome To Horrorwood” Tracklist

  1. Opening Night…
  2. Welcome To Horrorwood
  3. A Rash Decision
  4. Assault & Batteries (Video bei YouTube)
  5. The Shower Scene
  6. Funeral Derangements (Video bei YouTube)
  7. Rainy Day (Video bei YouTube)
  8. Hip To Be Scared (ft. Jacoby Shaddix of Papa Roach) (Video bei YouTube)
  9. Take Your Pick (ft. Corpsegrinder of Cannibal Corpse)
  10. The Box (ft. Brandon Saller of Atreyu and Ryan Kirby of Fit For A King)
  11. F.L.Y. (ft. Buddy Nielsen of Senses Fail)
  12. Wurst Vacation
  13. Ex-Mørtis
  14. Farewell II Flesh