RUSH: Vapor Trails

So muss, sollte und kann Kopf-, Eier- und Bauchmusik klingen.

Ich finde RUSH geil – sehr geil! Zwar kann ich, obwohl ich diese Scheiben natürlich kenne und mein Eigen nenne, als 1969er Jahrgang nicht ganz mitreden, wenn sich die Fans der ersten Stunde über Alben wie Caress of Steel (1975), A Farewell to Kings (1977) und Permanent Waves (1980) unterhalten, doch spätestens ab Grace under Pressure (1984), Power Windows (1985) oder Hold your Fire (1987) bin ich durchaus als Fan des kanadischen Trios zu bezeichnen.

Vapor Trails ist – obwohl es bereits vor fast dreieinhalb Jahren veröffentlicht wurde – immer noch das aktuelle Studiowerk der Band, um die es satte sechs Jahre vor dem Release dieser Scheibe sehr ruhig war, wofür es aber einen echten wie traurigen Grund gab. Drummer und Texter Neil Peart ging durch ein echtes Wechselbad der Gefühle, denn er verlor in den Jahren nach der im September 1996 veröffentlichten Test For Echo-Scheibe nicht nur seine Frau durch Krebs, sondern auch seine 19-jährige Tochter durch einen Autounfall. Zum Zeitpunkt der Arbeiten für Vapor Trails hatte er aber bereits eine neue Partnerin an seiner Seite und die Wunden, die die o.g. Schicksalsschläge gerissen hatten, dürften etwas vernarbt gewesen sein. Seine beiden Mitstreiter nutzten die Zwangspause auf unterschiedliche Art und Weise, denn Bassist und Sänger Geddy Lee veröffentlichte ein gutes Soloalbum (My Favorite Headache) und Gitarrist Alex Lifeson versuchte u.a. sein Golf-Handicap zu verbessern.

Doch schließlich und endlich lag dann im Mai 2002 endlich Studioalbum Nummer Siebzehn vor. Und ich dachte erst, ich hätte beim Einlegen die CD verwechselt, denn die Musik war dermaßen hart, dass ich – wenn es es nicht besser gewusst hätte – niemals auf RUSH getippt hätte. Aber nach nur 64 Sekunden (der Moment, wenn Geddy Lees Gesang einsetzt) wurde klar – RUSH waren zurück und das mit einem für Band-Verhältnisse sehr harten Album.

Aber es war nicht nur der Opener One Little Victory, der ziemlich fett aus den Boxen kam, generell konnte man festhalten, dass das Trio hart wie seit Jahren nicht mehr agierte, was sicherlich auch daran lag, dass auf den Einsatz von Keyboards gänzlich verzichtet wurde. Dadurch – und durch den eher trockenen Sound, für den Produzent Paul Northfield (u.a. PORCUPINE TREE) und Mischer David Leonhard (u.a. BARENAKED LADIES, JOHN MELLENCAMP) verantwortlich waren – bekam man anfangs den Eindruck, dass das neue Songmaterial eher sperrig wirkt. Dachte man sich dann noch den charismatischen Gesang Geddy Lees weg, konnte man sich durchaus an das Victor-Album von Alex Lifeson erinnert fühlen, so knackig klangen einige der Songs. Aber da man ein RUSH -Album ohnehin mehrere Male hören muss, um es in seiner Gesamtheit zu er- bzw. begreifen, dürfte dieser Umstand, der sich recht schnell in Luft auflöste, nicht wirklich ein Problem dargestellt haben.

Doch keine Angst, RUSH mutierten hier nicht zu einer Monster Metal-Band, denn bei aller vorherrschenden Rock’n’Roll-igkeit regierten auch progressiv-verspielte und melodisch-eingängige Elemente, so dass es musikalisch natürlich nichts auszusetzen gab. Oft klangen einige Stücke fast schon spontan und improvisiert, sind aber – da bin ich mir 100%ig sicher – bis in die kleinste Note durchgestylt und genauso gewollt.

Erwartet bitte nicht von mir, dass ich einzelne Songs hervorhebe. Jede einzelne Note sitzt auch aus heutiger Sicht perfekt und machte das Album zu einem Gesamt-Kunstwerk, das nur stellvertretend für (fast) jedes einzelne RUSH in dieser Rubrik auftaucht. So muss, sollte und kann Kopf-, Eier- und Bauchmusik klingen.

Veröffentlichungstermin: 21.05.2002

Spielzeit: 67:22 Min.

Line-Up:
Geddy Lee – Bass, Vocals, Keyboards

Alex Lifeson – Guitars

Neil Peart – Drums

Produziert von Paul Northfield
Label: Atlantic (Warner Music)

Homepage: http://www.rush.com

Email: info@rush.com

Tracklist:
1. One Little Victory

2. Ceiling Unlimited

3. Ghost Rider

4. Peaceable Kingdom

5. The Stars Look Down

6. How It Is

7. Vapor Trail

8. Secret Touch

9. Earthshine

10. Sweet Miracle

11. Nocturne

12. Freeze

13. Out Of The Cradle