DARK TRANQUILLITY: Skydancer

Ein Blick auf den Ausgangspunkt einer nunmehr 20-jährigen Karriere, die vor allem dank einer Zutat ihren Anfang nahm: Inspiration.

Vor einigen Jahren bezeichneten wir “Skydancer” im “Hell of Fame”-Artikel zum Nachfolger “The Gallery” als solide. Und im Vergleich zum Quantensprung, der mit dem Zweitwerk vollbracht wurde, ist diese Einschätzung durchaus berechtigt. Nichtsdestotrotz verkörpert das Debütalbum der Melodic Death Metal-Legende DARK TRANQUILLITY ein ambitioniertes wie eindrucksvolles Stück Musik, dessen Wert für ein komplettes Genre nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Wie auch “The Red In The Sky Is Ours” im Falle von AT THE GATES legt “Skydancer” den Grundstein, das Fundament einer großen Karriere, die hunderte von Bands inspirieren sollte.

Inspiration ist ohnehin ein Schlüsselwort. Obwohl die Parallelen zu AT THE GATES auf diesem Album unverkennbar sind, vereinen die jungen DARK TRANQUILLITY auf ihrem Erstlingswerk so viele Ideen und Einflüsse, dass es regelrecht schwer wird, den Überblick zu behalten. In der Folge kann “Skydancer” hin und wieder die Orientierung verlieren – wild und ungestüm kommen die Songs dann daher – am Ende des Tages finden die fünf Göteborger aber stets wieder auf den rechten Weg zurück.

“Skydancer” repräsentiert die Sturm-und-Drang-Phase der Göteborger

In Anbetracht einer solchen rohen, dynamischen sowie unbekümmerten Herangehensweise spricht man oft von einer Sturm-und-Drang-Phase. In der Tat ist diese Zuschreibung für die unerfahrene Formation aus dem Jahr 1993 durchaus zutreffend. Was den heutigen Melodic Death Metal charakterisiert, war damals bestenfalls ein Teilaspekt der musikalischen Formel. Ein rasendes Schlagzeug und schneidende Gitarren erzählen von einer leichten Neigung zum Black Metal, das heutzutage als klassisch geltende Göteborg-Riffing ist nur in einer Frühform zu hören, auch wenn “Crimson Winds” sowie “Nightfall By The Shore Of Time” schon zum Auftakt Leadgitarren munter ineinander weben und teils schöne instrumentale Melodiebögen zaubern, denen Bassist Martin Henriksson in “Crimson Winds” untenrum eine akzentuierte Wärme verleiht. Diese nach vorn preschende Aggression wurde zugleich Sinnbild des frühen Melodic Death Metals, der auf “Skydancer” konsequenterweise in “Skywards”, “My Faeryland Forgotten” sowie “In Tears Bereaved” weitere Entsprechung findet.

Inspiration finden wir an allen Ecken und Enden

So prägnant diese Herangehensweise das Genre zunächst geprägt hatte, DARK TRANQUILLITY ging es schon immer um mehr als temporeiches Geholze, denn – seien wir ehrlich – im Kontrast zum ausdifferenzierten Konzept des Spätwerks ist “Skydancer” beizeiten ziemlich ungestüm und rumpelig. Das täuscht jedoch nicht über den offenen und progressiven Ansatz hinweg, der schon früh leidenschaftlich verfolgt wurde. Wir sprachen von Inspiration und exakt diese finden wir im experimentellen “Through Ebony Archways”, wo ein vergleichsweise ruhiger Ausgangspunkt erstmals den melodischen Klargesang des damaligen Gitarristen und heutigen Frontmanns Mikael Stanne heranführt. So versiert wie wir das mittlerweile gewohnt sind, geschah das seinerzeit noch nicht, dennoch bereitet dieser Song den Weg für eine charakteristische Facette DARK TRANQUILLITYs.

Ähnlich verhält es sich mit den beiden Siebenminütern “A Bolt Of Blazing Gold” und “Shadow Duet”, die beide vielversprechende Arrangements samt unterlegten Cleangitarren auffahren, ja in Ersterem sogar warmen Damengesang den haltlosen bis hysterischen Screams von Sänger Anders Fridén (IN FLAMES) entgegensetzen. Das letztgenannte Stück wiederum verbindet die beiden Welten in einem durchaus gelungenen Tauziehen zu einem hochsensiblen Spannungsgebiet. Dagegen gibt sich der gedrosselte Abschluss “Alone” geradezu konservativ: Überschaubares Tempo, sattes Fundament und eine Akustikgitarre im Hintergrund sind der Spielplatz für eine selbstverständlich dominante Leadgitarre.

DARK TRANQUILLITY bilden den Ausgangspunkt eines langen und beständigen Wandels

In gewisser Weise war “Alone” damit ein Ausblick auf die Entwicklung des jungen Genres im Allgemeinen. Die führende Melodie gewinnt an Gewicht, die umschließende Härte tritt als prominentestes Element etwas zurück, stellt quasi den essentiellen Untergrund. Dies markiert den Ausgangspunkt eines langen, doch beständigen Wandels, der nun nach 20 Jahren bis zu seiner Wurzel zurückverfolgt werden kann, um in aller Deutlichkeit vorzuführen, wie weit der melodische Death Metal in zwei Dekaden gekommen ist. An einem Punkt angelangt, an dem Stagnation die größte Gefahr für den Stellenwert der Musikrichtung darstellt, ist es sicherlich keine falsche Entscheidung, den Blick für ein paar Momente zurückzurichten – auf ursprüngliche Gedankengänge, auf potenzielle neue Ansatzpunkte, oder kurz: um die Quelle neu zu entdecken, die “Skydancer” auch nach zwei Jahrzehnten so besonders macht: Inspiration.

Die Erstauflage von “Skydancer” ist vollständig vergriffen, weshalb das Album aktuell ausschließlich in Verbindung mit der Nachfolge-EP “Of Chaos And Eternal Night” erhältlich ist. Neben dieser Neuauflage von Spinefarm Records aus dem Jahr 1996 ist auch ein Re-Release via Century Media aus dem Jahr 2000 mit neu gestaltetem Cover-Artwork im Handel verfügbar. Dieser Artikel basiert auf der letztgenannten Ausgabe von “Skydancer”.

Veröffentlichungstermin: 30.08.1993

Spielzeit: 47:41 Min.

Line-Up:
Anders Fridén – Vocals
Mikael Stanne – Guitars
Niklas Sundin – Guitars
Martin Henriksson – Bass
Anders Jivarp – Drums

Produziert von Stefan Lindgren und Dragan Tanascovic
Label: Spinefarm

Homepage: http://www.darktranquillity.com/
Mehr im Netz: http://www.facebook.com/dtofficial

DARK TRANQUILLITY “Skydancer” Tracklist

01. Nightfall By The Shore Of Time
02. Crimson Winds
03. A Bolt Of Blazing Gold
04. In Tears Bereaved
05. Skywards
06. Trough Ebony Archways
07. Shadow Duet
08. My Faeryland Forgotten
09. Alone