DEFTONES: Deftones

DEFTONES: Deftones

Nur TYPE O NEGATIVE lassen die Fans länger warten. Doch wie bei den dauerdepressiven Rabauken aus Brooklyn, lohnt es sich auch bei den DEFTONES eins ums andere Mal. White Pony habe ich immer noch nicht totgehört, was eigentlich erstaunlich ist, denn dieses Album rotierte und rotierte und rotierte… Fast hätte es sich übergeben müssen, soviel musste es rotieren. Die Erwartung eines neuen Albums meiner Lieblinge des modernen, anspruchsvollen Metal / Core ließ mir also das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Mehr als 2,5 Millionen Dollar mussten die Kalifornier zahlen, da sie permanent Deadlines überschritten. Gut Ding will eben Weile haben. Und genau das tat dem Material wirklich gut, denn das vierte Album der Band klingt ausgereift, ist anspruchsvoll, verspielt, modern, reich an Details und ist vor allem sehr sperrig geworden. Es gibt zwar mehr normale Songstrukturen zu hören, aber um diese zu hören, muss man zuerst ins Innenleben der Songs gelangen. Und das ist spannend wie ein Thriller. So viel passiert, so viel unerwartes, Schockmomente überraschen den Hörer und schließlich abgekämpft – siehe da – ein weiterer Song ist verinnerlicht. Das geht mal leichter, mal schwerer. Gerade die beiden ersten Broken Hexagram und Needles and Pins stellen für den oberflächlichen Hörer wohl durch seine Dynamik- und Tempiwechsel das pure Grauen dar. Chino legt seine ganzen Emotionen in die Musik und die avantgardistischen Texte, jammert, schreit, wütet und leidet. Das ist große Schauspielerei!

Ich kann euch aber beruhigen, es geht nicht nur heftig zur Sache. Die erste Single Minerva ist ein wunderschöner Song, der mit gewaltigen Rifferuptionen aufwartet und nicht mehr aus dem Ohr geht. Selbiges gilt für die tollen Songs Good Morning Beautiful, Deathblow und Anniversary of an Uninteresting Event. Diese halten sich mit den verstörenden Liedern genau die Waage – versucht mal Bloody Cape und den elektronischen, an TOOL erinnernden Song Lucky You zu begreifen. Ob eingängig oder eigensinnig, DEFTONES sind tolle Musiker, Songwriter und Selbstinszenierer.

Besonders gut sind ihnen wie immer die aufwühlenden, traurigen und melancholischen Passagen gelungen, doch im Endeffekt bleibt Deftones ein wenig hinter meinen Erwartungen und White Pony zurück. Ein Song wie Digital Bath ist halt einfach nicht vertreten, auch nicht durch die Mitarbeit von Produzent Terry Date, der ein fantastisch fettes Soundgewand zauberte. Dennoch zeigen die DEFTONES auch mit ihrem vierten Album allen Nachahmern, Nu Metal-Affen und Kommerzfreaks den gestreckten Mittelfinger. Und das mit Stil und Können.

VÖ: 19. Mai 2003

Spielzeit: 47:10 Min.

Line-Up:
Chino Moreno – Voice / Guitar
Abe Cunningham – Drums
Chi Cheng – Bass
Frank Delgado – Samples / Keys
Stephen Carpenter – Strings

Produziert von Terry Date und DEFTONES
Label: Maverick Recordings

Homepage: http://www.deftones.com

Tracklist:
1. Hexagram
2. Needles and Pins
3. Minerva
4. Good Morning Beautiful
5. Deathblow
6. When Girls Telephone Boys
7. Battle-Axe
8. Lucky You
9. Bloody Cape
10. Anniversary of an Uninteresting Event
11. Moana

Captain Chaos
Ehemann, Vater, Musikenthusiast, Plattensammler, Trauerbegleiter, Logistiker, Autor, Wandergeselle