CRONE: Godspeed

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Es gibt diese Momente beim Hören neuer Musik, die wir vermutlich alle kennen, diese Momente, in denen wir den “Stich” verspüren, ab denen wir wissen: Das ist es, das ist etwas, was ich noch häufig hören werde, will, nein, muss. Man wird “angefixt”, hört das Album noch etwa zweihundertmal in den nächsten zwölf Monaten und stirbt schließlich am “Goldenen Schuss”, wenn… äh, nein, sorry, das war des Vergleichs dann doch einer zuviel. Ein Glück! Denn dann würde man ja das nächste Jahr mit mindestens genau so vielen beeindruckenden Neuentdeckungen verpassen.

Im Falle von “Godspeed”, dem Debüt-Album des “Dark Rock”-Projekts CRONE von SECRETS Of THE MOON-Sänger Phil Jonas, war es das Lyric Video zu “Mother Crone”, das mir das Genick brach. Man verzeihe mir die finsteren Vergleiche, denn sie passen ja nur zu gut zu einem Konzeptalbum über Suizide – “Mother Crone” etwa handelt vom erweiterten Suizid eines Vaters, der seine 5-jährige Tochter mit in den Tod riss, als er zuerst ihr befahl von einer Brücke zu springen, und dann selber hinterher sprang. Wie dieser Song den Schrecken und die Tragik eines solchen Ereignisses in Musik gießt, ist bemerkenswert und kann von mir leider nur gespürt und nicht erklärt werden, weshalb ich euch bitten würde, einmal selbst nachzuhören, ob es bei euch auch so ist. Ich bilde mir jedenfalls ein, dass die Melodie Unschuld und Kindlichkeit einfängt – und natürlich tiefe Trauer und Tragik. Das ist großartig und lässt mich seitdem nicht mehr los. Brilliant!

“Godspeed” überzeugt als Gesamt-Kunstwerk

Das Album enttäuscht auch sonst nicht: Jedes Stück kann die von ihm behandelte Geschichte in eine musikalische Form gießen, die ihr gerecht wird, und nahezu jedes Stück bietet nach spätestens drei Durchläufen Hitpotential. Das sorgt für viel Abwechslung und natürlich den Drang, sich “Godspeed” immer wieder anzuhören in entsprechender Stimmung. Dass das als Ganzes auch gelingt, ist das Verdienst eines Aufbaus, der mit einem enorm stimmungsvollen Intro langsam beginnt, dann ein enormes Hitfeuerwerk abbrennt und schließlich mit einem besonders harten, aber bei aller Finsternis auch irgendwie nach Aufbruch klingenden Hard-Rock-Epos endet. Hinzu kommt eine Produktion, die insbesondere Schlagzeug und Bass genau den Raum einräumt, den sie brauchen. Genau so muss das!

Ich muss dabei zugeben, dass ich mich erst recht spät dazu durchgerungen habe, mir das Album zum Rezensieren vorzunehmen, da die Vergleiche im Promoschreiben mir – abgesehen von OPETH – allesamt mehr oder weniger unbekannt sind und ich “Alternative Rock” wirklich einfach nur verachte. Aber CRONE ist kein “Alternative Rock” und auch kein “Grunge” – oder jedenfalls nur soviel wie z.B. auch KATATONIA in ihrer Hochphase von 1998 bis 2006 dies waren. Ich spüre den Metal-Hintergrund der Musiker in jeder Sekunde, und vielleicht ist es genau der, den es für die ganz großen Emotionen halt braucht – wie ja sowieso Metal die Musikrichtung ist, die am wenigsten Angst vor Emotionen hat und jemals hatte, aber wem sage ich das.

Textlich machen CRONE es uns nicht leicht – zum Glück!

Als sehr wichtig empfinde ich bei diesem Album aber auch die Texte; wenn die nämlich auf realen Begebenheiten basieren, bietet das die Möglichkeit einer intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung dieser: So basiert “The Perfect Army” laut den Liner Notes auf dem Massengrab Mittelmeer und insbesondere auf dem Foto des dreijährigen Jungen Alan Kurdi, der 2015 tot an einem Strand angeschwemmt wurde. Zentraler Satz des Textes ist “We are the perfect army”, und es ist aus der Sicht eines Ichs geschrieben, das zu lange Ich gewesen und nun zu zweit sei. Klingt für mich nach einem Liebeslied, und das finde ich zunächst sehr unpassend. Vielleicht ist aber genau das die Absicht gewesen: Ein Liebeslied vor dem Hintergrund des massenhaften Sterbens verzweifelter flüchtender Menschen im Mittelmeer – somit eine Anklage bürgerlicher Spießigkeit und Selbstgefälligkeit? Dann würde es mir wiederum gefallen, glaube ich.

Das Lied “Demmin” bietet dann den zweiten Text, der mich stutzig gemacht hat. Es soll vom Massensuizid hunderter Einwohnerinnen und Einwohner der ostdeutschen Stadt Demmin am Ende des Zweiten Weltkriegs handeln (hier der sehr interessante Wikipedia-Artikel dazu); Massensuizide waren, insbesondere in Ostdeutschland, damals aus zwei Gründen an der Tagesordnung: Erstens war man verzweifelt über das vorzeitige Ende des versprochenen “1000jährigen Reiches”, und zweitens wollte man den brutalen Vergeltungsmaßnahmen der Roten Armee entgehen – und ging deshalb zu Tausenden in die Flüsse oder erschoss sich. Der Text jedoch ist aus der Sicht eines lyrischen Ichs geschrieben, das irgendwie zu lange gewartet hat, nun ein Zeichen setzen möchte und eine Pille nimmt. Hä? Das ist – wenn überhaupt – nur eine sehr, sehr lose und gnadenlos ahistorische Auseinandersetzung mit dem Thema und rechtfertigt wohl kaum diesen Songtitel.

Andere Lieder machen es mir einfacher mit den Texten, da sie weniger kontroversen Stoff behandeln, qualitativ gibt es aber doch einige Schwankungen. Auch hier sticht “Mother Crone” positiv heraus, da es die Perspektive des Kindes einnimmt (das – auch das eine sehr wichtige Feststellung – wohl kaum aus sich heraus zum Suizid fähig ist!), und der Titeltrack bringt nicht nur musikalisch, sondern auch lyrisch die Energie eines Wahnsinnigen, der zum Sterben in die Wüste geht, großartig rüber.

Alles in allem also ein Highlight des aktuellen Prophecy-Programms, auch wenn das Label ausnahmsweise mal auf ein 2-CD-Artbook verzichtet hat; “Godspeed” erscheint als Digisleeve-CD und Gatefold-LP und sollte von Liebhaberinnern und Liebhabern dunkler, mitreißender Rockmusik mindestens einmal angehört werden!

Spielzeit: 49:15
Veröffentlicht am 13.4.2018 auf Prophecy Productions

CRONE “Godspeed” Tracklist

01. Lucifer Valentine
02. The Ptilonist
03. Mother Crone
04. The Perfect Army
05. Leviathan’s Lifework
06. H
07. Demmin
08. Godspeed

Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.