COPPELIUS: Extrablatt

COPPELIUS: Extrablatt

Was PR-technisch geschickt als Kammermetal vermarktet wird, ist in der Tat ein netter Kniff, um sich vom etablierten Folk-Rock-Kodex abzugrenzen. Mit ihren feurigen Rock- und Metalinterpretationen auf klassischen Instrumenten ziehen COPPELIUS schon eine ganze Weile durchs Land – gute 200 Jahre, wenn man den Musikern glauben schenken mag -, kreuzen wollten sich unsere Wege bislang nie. Für Anhänger mittlerweile selbstverständlich, für Neulinge beeindruckend: Allein mittels Klarinetten, Kontrabass und Cello sowie verschiedenen Verzerreffekten simuliert das Sextett mit beängstigend überzeugendem Ergebnis die klassische E-Gitarre. Da zudem die Klarinette für frische Klangfarben sorgt, ist die angestrebte Komposition lange nicht so fahl wie der gemeine Folk- und Mittelalter-Rock, der die Szene dominiert. Wobei COPPELIUS nur aufgrund des außergewöhnlichen Instrumentariums in diese Sparte gedrückt werden können, die Einflüsse decken schließlich ein breiteres Spektrum ab – dazu gleich mehr.

Was letzten Endes zählt, ist vielmehr, was COPPELIUS aus dieser Ausgangsposition machen. Zwischen den Stühlen fühlt sich das Ensemble sichtlich wohl, wenn wir nur die potenzielle Bandbreite betrachten: Vom hektischen Rocker „Bitten, Danken, Petitieren“ über den düsteren Stampfer „Reichtum“ im EISBRECHER-Stil und die naive Ballade „Butterblume“ bis hin zum schmissigen IRON MAIDEN-Cover „Running Free“ ist so ziemlich alles am Start, was nur im Ansatz mit dem markanten Instrumentarium umzusetzen ist.

Songaufbau und Melodien sind zunächst nachvollziehbar und mehr eingängig als fordernd – lediglich „Glaubtet Ihr?“ bringt ein eigenwilliges Gerüst samt einiger Tempowechsel mit. Verkraften können wir das relativ schmerzfrei, da COPPELIUS auch überschaubaren Arrangements durch feinsinnige Details Tiefe geben können. So werden aus gefälligen Ideen runde Kompositionen, aus unserer verhaltenen Neugier im Idealfall Enthusiasmus. „I´d Change Everything“ gibt sich etwa zunächst deutlich metalbeeinflusst und wandelt sich durch seine spontanen Wendungen im Weiteren zum Crossover-Schelm, für den scheinbar keine Gesetze gelten. Auf diese Weise schafft es die unbetrübte Einstellung der Musiker, auch das vorhersehbare „Mitten ins Herz“ mit ordentlich Elan auf den Silberling zu bannen.

Das gelingt zuverlässig, für 50 Minuten Laufzeit finden sich auf „Extrablatt“ trotz dieser Pluspunkte zu wenige Ausnahmesongs oder erinnerungswürdige Momente, um von einem zukünftigen Klassiker sprechen zu können. Die Instrumentierung ist nach wie vor ein markanter Twist, die handwerkliche Umsetzung der Ideen durchgehend kompetent und das Gesamtwerk als solches durchaus gelungen; für höhere Weihen hätten COPPELIUS aber parallel zum Dargebotenen auch verschachtelte, experimentelle Songstrukturen nicht geschadet. Die Kompetenz und die Voraussetzungen dafür haben sie ja.

Veröffentlichungstermin: 15.02.2013

Spielzeit: 49:57 Min.

Line-Up:
Max Coppella – Gesang, Klarinette
Comte Caspar – Gesang, Klarinette
Graf Lindorf – Gesang, Cello
Bastille – Gesang, Cembalo
Sissy Voss – Kontrabass
Nobusama – Schlagzeug

Produziert von Simon Michael, COPPELIUS und Deelay D. Smith
Label: F.A.M.E. Recordings

Homepage: http://coppelius.eu/
Mehr im Netz: http://www.facebook.com/CoppeliusHilft

Tracklist:
01. Spieldose
02. Welt im Wahn
03. Reichtum
04. Bitten, Danken, Petitieren
05. Locked Out
06. Butterblume
07. Keine Kamera
08. I´d Change Everything
09. Glanz und Eleganz
10. Glaubtet Ihr?
11. Mitten ins Herz
12. Running Free (IRON MAIDEN-Cover)
13. Geschwind
14. Maria (SUBWAY TO SALLY-Cover; Bonus)

Florian Schaffer
Florian hat von 2008 bis 2015 Reviews und Live-Berichte für vampster geschrieben. Seit 2019 ist er wieder mit dabei. Lieblingsbands: AMORPHIS, ARCHITECTS, BARONESS, CULT OF LUNA, DARK TRANQUILLITY, GHOST BRIGADE, IN FLAMES, THE OCEAN. Genres: Black Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Metalcore, Post Metal, Progressive, Rock, Thrash Metal.