Suche
Filter
Suche im Titel
Suche im Inhalt
Beiträge & Bilder
Filter by Kategorien
News
CD-Reviews
Interviews
Live-Reviews
Multimedia
Blog
Tourdaten
Suche nach Band

CHRISTIAN STEIFFEN: Gott of Schlager

christian-steiffen-gott-of-schlager-cover

Die Christianisierung ist unaufhaltsam. CHRISTIAN STEIFFEN ist mit seinem dritten Album zurück und nennt es ganz bescheiden „Gott Of Schlager“.

Und er hat Recht damit, denn im Gegensatz zu harmlosen Parodisten und Gute-Laune-Onkels wie Dieter Thomas Kuhn oder Guildo Horn ist Steiffen bitterböse und so stilsicher, wie nur jemand sein kann, der Siegelringe am kleinen Finger trägt: Er sucht und findet den schlimmsten aller Schlager-Allgemeinplätze (musikalisch wie textlich), kackt mittenrein, streut Goldflitter drauf und lässt sich dafür feiern.

Kein Klischee ist vor CHRISTIAN STEIFFEN sicher

Er lässt wieder nichts aus und trifft voll ins Zentrum des schlechten Geschmacks: Musikalisch kramen der Gott of Schlager und seine Begleitung Dr. Martin Haseland, musikalisches Multitalent und Leiter des Haseland Orchesters, ganz unten in der Fundus-Kiste der leichten Unterhaltung und fördern Seichtes, Gefälliges und vor allem Altbekanntes zu Tage – das ist fast wie ELÄKELÄISET hören: Man kennt den Song, kommt aber erstmal nicht drauf, welcher es denn nun tatsächlich ist. Das tut niemandem weh, geht sofort ins geneigte Öhrchen, lädt ein zum kollektiven Mitschunkeln. Dabei beginnt „Gott of Schlager“ zunächst gar nicht mal so überragend: „Hier ist Party“ ist praktisch „Ich fühl mich Disco“, Teil 2. Die flache Flatulenz-Verherrlichung „Wie der Wind“ ist eher ein abgestandenes Lüftchen – doch das Album wächst.

Im Reich der Schlager-Schaurigkeiten

Denn im Arsenal der Schlager-Schaurigkeit findet CHRISTIAN STEIFFEN all das, was man seit der ZDF-Hitparade Anfang der Achtziger längst vergessen hat und erfolgreich verdrängt glaubte. Er zerrt alles gnadenlos ans Licht: verlogen-voreilige Liebesschwüre („Verliebt, Verlobt, Verheiratet, Vertan“), klischeestrotzende Schlager-Lyrik mit „feurigen Südländerinnen“ („In Budapest beim Schützenfest 1810“) oder schaurig-schlimmen Kindergesang („Ja Ja die Punkmusik“). Marimba-Klänge sorgen für weltmännische Exotik. Heile-Welt-Parolen dreht er auf links („Das neue Jahr“). Ja, er verwendet auch ein schauderhaftes „th“ mit dem deutschesten aller Akzente. Und mit dem eingestreuten „The rhythm“ nutzt er gleich eine zweifache Gelegenheit, es in „Hier ist Party“ anzubringen. Das alles ist manchmal witzig, manchmal tut’s fast schon weh.

CHRISTIAN STEIFFENs Texte sind genial-banal

Reime wie „Man macht sich nicht beliebt, wenn man sich übergibt“ aus „Ich brech in die Nacht“ toppt er mit kleinen Wahrheiten wie „jung kaputt spart Altersheim“ und der Übernummer „Kack Kack Kack Kack Karneval“ – seiner wunderbaren Abrechnung mit dem kalendarisch verordneten Frohsinn. Bei diesem Song verlässt er auch den doppelten Boden – da ist nix mehr ironisch. Wobei das vermutlich live wieder nicht funktionieren wird, denn inzwischen hat sich das Publikum bei den Konzerten des Gott Of Schlagers etwas verändert: Waren bei der Tour zum ersten Album „Arbeiter der Liebe“ nur ganz vereinzelt echte Schlagerfans zugegen, tauchten bei den Konzerten zum zweiten Album „Ferien vom Rock`n Roll“ durchaus immer mehr Leute auf, die CHRISTIAN STEIFFEN tatsächlich ernst nehmen. Und es ist witzig und erschreckend gleichzeitig, wenn sich Menschen bei „Champagner und Kaviar“ in den Armen liegen, lauthals mitsingen und offenbar noch nicht einmal genau hingehört haben, worum es im Text tatsächlich geht. Um’s mal mit einem anderen großen Lyriker zu sagen: „Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.“

CHRISTIAN STEIFFEN führt den Schlager im wahrsten Sinne des Wortes ad absurdum – und dazu gehört auch, dass er die Schraube immer weiter dreht. Auf „Gott Of Schlager“ sogar soweit, dass er im Text zu „Ja Ja die Punkmusik“ eine ganze Reihe grandioser Bands aufzählt, darunter DAILY TERROR, UK SUBS, SLIME, THE SLITS, THE MISFITS oder HÜSKER DÜ – aber er wäre halt auch nicht er, wenn er da nicht auch DIE TOTEN HOSEN unterbringen würde. Ironie in der Ironie sozusagen. Und davon lebt der Künstler Hardy Schwetter und sein riesengroßes Alter Ego Christian Steiffen.

Veröffentlichungsdatum: 8. Februar 2019

Label: It Sounds/ Rough Trade / Good to Go

Mehr im Netz:
Christiansteiffen.de
facebook.com/Christian-Steiffen

CHRISTIAN STEIFFEN “Gott Of Schlager” Tracklist

Hier ist Party (Audio bei YouTube)
Wie der Wind (Audio bei YouTube)
Schöne Menschen
Ich breche in die Nacht
Verliebt, Verlobt, Verheiratet, Vertan
In Budapest beim Schützenfest 1810
Ja Ja die Punkmusik
Kack Kack Kack Kack Karneval
Ich fahr so gern zur See
Das neue Jahr

andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...