BRAVE: Lost in retrospect

Wer auch nur ansatzweise eine Verbindung von Rockmusik und Gefühl für möglich hält, der sollte "Lost in retrospect" haben.

Auf dem Metal-Market nach einem Gig auf dem DUTCH DOOM DAY 2004 in Rotterdoom: ein Hüne von einem Holländer baut sich vor mir auf, zeigt mit herrschendem Blick auf eine CD und brummt mich an koop dit cdtje. Als Hippie-Doomer im Namen von Love und Peace unterwegs füge ich mich aus Ehrfurcht und kaufe die CD Searching for the sun und aus reiner Nächstenliebe gleich noch die EP Waist deep in dark waters der mir total ungekannten Band BRAVE. Von Selbstzweifeln geplagt finden sich dann aber beim Blick ins Booklet alte Bakannte von WHILE HEAVEN WEPT auf der CD, welche dann zuhause für Begeisterung sorgt und auch heute noch immer wieder im Player landet. Dem Brummbären, dem ich die CDs verdanke, konnte ich dann sogar noch persönlich danken. Beim DEAD CAN DANCE-Konzert saß er wenige Monate später direkt neben mir und offenbarte sich als totaler Softie.

Soweit zur Vergangenheitsbewältigung, auch das neue französische Label Femme Metal Records mag BRAVE und hat als ersten Release seines auf Bands mit Frauen an Bord orientierten Programms die Sammlung Lost in retrospective mit den besten Stücken aus dem bisherigen Schaffen von BRAVE veröffentlicht. Auch die Vorgängerband ARISE FROM THORNS wird mit vier Songs bedacht, eine klasse Idee. Geboten wird hoch – nein, höchstmelodischer Rock, selten mit metallischen Anklängen, der einen ohne jeden Umweg in eine andere Gefühlswelt schweben lässt. Leicht treibend mit sentimentalem Touch wird man begrüßt, rockt doch mal etwas nach vorn, geht recht progressiv zu Werke und lässt hin und wieder deutlicher die Handschrift der WHILE HEAVEN WEPT-Musiker erkennen. Musikalisch wird hier feinste Kost geboten, wirkliches Zuhören stellt sich von ganz allein ein. Hervorheben kann man bei dieser starken Gesamtleistung am ehesten Suvo Sur, der mit seinem tollen Violinenspiel den eh großartigen Songs die Krone aufsetzt. Rein instrumental schaffen es BRAVE schon, den Zuhörer durch seine eigene Gefühlswelt zu schicken. Endgültig ist man dann verloren, wenn Michelle Loose ihre Stimme erklingen lässt. Wahnsinnig gefühlvoll erzählt sie ihre Geschichten mit zarter, süßlicher Stimme, die wohl jede Gothic-Elfe verschämt ihre Flügel senken lassen dürfte. Gerade bei den frühesten Songs geht durchaus mal ein Ton dezent daneben, aber bei so einem unglaublichen Gefühl, wie es diese Frau transportiert, stört das nicht wirklich. So sind es gerade die ruhigsten Momente auf Lost in retrospect wie Before nightmare und Candle in the dark, die für Entzückung sorgen. Fantastisch auch, wie viel Intensität das Ticken einer Uhr haben kann, To dream again zeigt es. Das 10-Minuten-Monster Passages jagt einem tonnenweise Gänsehaut über den Körper und lädt später zum Céilí-Tanz ein, hier herrscht die Violine von Suvo neben dem wieder fantastischen Gesang.

Highlights hervorheben kann man kaum, die prall gefüllte CD bietet reichlich Abwechslung, intensivste kitschfreie Melodien und fantastische Musikalität. Wer auch nur ansatzweise eine Verbindung von Rockmusik und Gefühl für möglich hält, der sollte Lost in retrospect haben. Bei BRAVE wird man gern zum Softie, man kann sich eh nicht dagegen wehren. Hoffen wir nur, dass es die Amis um die Geschwister Loose nicht bei diesem Jubiläumsalbum zu 10 Jahren BRAVE belassen und die Band aus Washington endlich wieder neue Meisterwerke kreiert.

Veröffentlichungstermin: 20.02.2009

Spielzeit: 69:34 Min.

Line-Up:
Michelle Loose: Vocals, Keys
Scott Loose: Guitars
Matt Kozar: Guitars
Ben Kelly: Bass
Suvo Sur: Violin, Keys
Trevor Schrotz: Drums

Label: Femme Metal Records

Homepage: http://www.bravemusic.com

MySpace: http://www.myspace.com/braveband

Tracklist:
1. Something to this
2. Driven
3. Hold on
4. Words
5. Before nightfall
6. Trapped inside
7. Candle in the dark
8. Dark waters
9. To dream again
10. Surrender
11. To dance by moonlight
12. Remember the stars
13. Blue skies
14. Passages