AT THE GATES: The Nightmare Of Being

„The Nightmare Of Being“ ist so untypisch wie kein anderes AT THE GATES-Album – und gleichzeitig voller Markenzeichen und Signatur-Strukturen der Schweden. Genau dieser Widerspruch macht das siebte Studioalbum der schwedischen Melodic Death Metal Band so einzigartig und überragend gut. Hier trifft hochmelodischer und gleichzeitig hochaggressiver Death Metal auf Progressive Rock, Spoken Words und Instrumente wie ein Saxophon.

So wird das aber nichts mit dem Headliner-Status. Dabei wär’s so einfach für AT THE GATES: Einfach ein bahnbrechendes Album wie „Slaughter Of The Soul“ immer wieder aufnehmen. So leicht machen es AT THE GATES sich und anderen aber nicht – weder mit dem neuen Album „The Nightmare Of Being“ noch mit dem Vorgängeralbum „To Drink From The Night Itself“ aus dem Jahr 2018 oder der Reunionplatte „At War With Reality“ von 2014.

Mit „The Nightmare of Being“ erfinden sich AT THE GATES neu

Wo “At War With Reality” seine Komplexität geschickt versteckte und „To Drink From The Night Itself“ eine düstere Atmosphäre aufbaute, überrascht „The Nightmare Of Being” mit verschwurbeltem Artrock (“The Fall Into Time”, „Cosmic Pessimism”) symphonischen Orchesterparts („The Fall Into Time”), einem Saxophon (“Garden Of Cyrus“), Chören und einem dahinimprovisiertem Bass-Solo (“The Fall Into Time”). Das sind eigentlich gleich fünf Gründe für mich, um einen Bogen um diese Songs zu machen.

Aber AT THE GATES sind noch immer schlauer als andere und integrieren all diese vermeintlich stil- und genrefremden Elemente geschickt in ihre Songs. Zugegeben, beim Mittelteil von „The Fall Of Time“ reißt mir der Geduldsfaden, das ist schon sehr viel Impro-Gewabere – aber schlussendlich fangen ein paar derbe Riffs und Tompas heißeres Gekeife den Song wieder ein.

Natürlich liefern AT THE GATES auch leichter zugängliche Songs, die Vorab-Single „Specre Of Extincion“ tarnt sich mit einem klassisch gezupften Gitarrenintro – einmal durch den Verzerrer gejagt, machen sich die Schweden die Melodie aber wieder komplett zu eigen und nach anderthalb Minuten Vorgeplänkel folgt ein typischer AT THE GATES -Brecher mit einem absolut mitreißenden Gitarren-Part. Es fehlt nur das „GO!! – in diesem Fall heißt es eben „Urrrgh!“.

Einmal mehr sind die Vocals von Tomas Tompa Lindberg Redant atemberaubend – besonders eindringlich seine Spoken Word-Parts wie in „Touched By The White Hands Of Doom“ oder in “Cosmic Pessimissm”. Beeindruckend sind auch das Zusammenspiel und der Ideenreichtum der Band beim Songwriting und die vielen, vielen Details, die man erst bemerkt, wenn man wirklich ganz genau zuhört; die Akustik-Gitarren in „The Paradox“ sind nur ein Beispiel.

AT THE GATES bringen auch am Reißbrett Emotionen unter

Dass AT THE GATES auch progressive und sperrige Songs schreiben können, überrascht niemanden, der nicht nur das Greatest-Hits-Programm der Schweden schätzt – schon auf dem Debüt “Ther Red In The Sky Is Ours” (1991) gab es mit „Windows“ einen verhältnismäßig vertrackten Track. Auch mit den sanften Instrumentals  „Into The Dead Sky“ und „The Flames Of The End“ oder dem frickelig-verstörenden „Blood Of The Sunsets“ haben AT THE GATES in der Vergangenheit gezeigt, dass man auch am Reißbrett Emotion unterbringen kann. Die große Stärke von “The Nightmare Of Being” liegt darin, dass sich Band von ihrem angestammten Terrain zwar auf komplett neues Gelände wagt, aber dabei aber immer eine Verbindung zur sicheren, weil vertrauten Umgebung hält. Und dann kann man eben auch Death Metal mit psychedelischen Momenten wie den Titelsong machen. Tompas Gebrüll und die typischen Twin-Leads der Gitarristen halten alles zusammen, geben Sicherheit und machen unendlich neugierig auf weitere Experimente.

„Nightmare Of Being“ ist ein Gesamtkunstwerk (und funktioniert auf Spotify nicht!)

„The Nightmare“ Of Being“ ist schon beim bloßen Anhören ein herausragendes Album – die wahre Qualität offenbart sich allerdings erst, wenn man sich mit dem Konzept hinter dem Album beschäftigt. „Man könnte das Album als eine Einführung in den Pessimismus als Konzept bezeichnen. Es ist ein sehr dunkles Album, aber nicht negativ…” so kündigte Lindberg Redant das Album an – und macht den Zugang zu seinen Ideen und Überlegungen recht einfach: Im Booklet gibt es zu jedem Song Liner-Notes, in denen er unter anderem erklärt, was ihn zu diesem Song inspiriert hat oder – sehr spannend – warum dieser Track an genau dieser Position steht.

„The Nightmare Of Beeing“ ist auch ein wundervoller Beweis dafür, dass ein Download zwar total praktisch ist, dass aber eben die große Tradition der “Konzept-Alben” digital nicht funktioniert: Das Gesamterlebnis, Musik zu hören, Texte zu lesen und sich Bilder dazu anzusehen, kann man mit diesem Album so richtig auskosten – denn die Band hat sich alle Mühe gegeben, auch dafür die Inhalte zu liefern. Texte, Layout, Linernotes – da stecken einfach hinter allen viele Gedanken. Umso schöner ist, dass es auch „Nightmare Of Being“ als Artbook mit eindrucksvollem Booklet im LP-Format, Kunstdrucken und Bonusmaterial wie einer Instrumental-Version des kompletten Albums gibt.

“Death Metal Art” – ein neues Genre?

“The Nightmare Of Being“ ist ein ganz, ganz großes Album, mit dem AT THE GATES ihren Ausnahmestatus weiter zementieren – und vielleicht auch dieses Mal den Weg ebnen für ein weiteres Genre („Death Metal Art“?) und eine weitere Generation. Wäre ja nicht das erste Mal.

Veröffentlichung: 2. Juli 2021

Label: Century Media Records

AT THE GATES: “The Nightmare Of Being” Tracklist

1. Spectre of Extinction (Stream) (Video)
2. The Paradox (Video bei YouTube)
3. The Nightmare of Being
4. Garden of Cyrus
5. Touched by the White Hands of Death
6. The Fall Into Time (Video bei YouTube)
7. Cult of Salvation
8. The Abstract Enthroned
9. Cosmic Pessimism
10. Eternal Winter of Reason

AT THE GATES-Line-up:

  • Tomas Lindberg Redant – Vocals
  • Martin Larsson – Gitarre
  • Jonas Stålhammar – Gitarre
  • Jonas Björler – Bass
  • Adrian Erlandsson – Drums

Mehr im Netz:

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Die LP-Version von “The Nightmare Of Being” mit Artbook & Drucken