ARCANA XXII: A RETURN TO THE DARKLAND

Unbehauener Rohdiamant: Die Namibier ARCANA XXII haben ohne Zweifel ein Gespür für amtliche Oldschool-Mitgröhlhymnen mit flotten, melodischen Gitarren, die Kuttenträger in Glückseligkeit versetzen könnten und einen leichten Goth-Einschlag aufweisen. Wenn denn der völlig rohe Demo-Sound nicht wäre, mit dem man klarkommen muss: hier wurde kein Fehler begradigt. Gerumpelt wird dennoch auf hohem Niveau, sodass Fans traditioneller Heavy- und Thrash-Klänge der Band eine Chance geben sollten.

Der afrikanische Kontinent ist die Wiege der Rockmusik: Ich denke, diese These ist nicht zu hoch gegriffen. Ohne den Gospel und Blues, den die als Sklaven verschleppten Afroamerikaner auf den Baumwoll- und Tabakplantagen kultiviert haben, hätte es den Hüftschwung von Elvis Presley wohl ebensowenig gegeben wie die tonnenschweren Riffs von Black Sabbath; und eine der ersten Musikerinnen, die ihre Gitarre so richtig dreckig und verzerrt spielte, die soff, rauchte und sich prügelte, war die Blues Musikerin Memphis Minnie aus New Orleans (1897-1973), quasi eine weibliche Ausgabe von MOTÖRHEADs Lemmy, nur eben 40 Jahre zeitiger.

Chuck Berry ist mein Zeuge: „White people stole Rock and Roll“. Vielleicht muss man diese Beobachtung voranschicken, wenn man über Metal auf dem afrikanischen Kontinent sprechen will, denn daran ist zunächst nichts Exotisches: Rock‘s coming home.

Natürlich: Der Kontinent ist nicht als Hochburg des Metal bekannt, im Gegenteil. Doch auch das hat mit Vorurteilen der – irgendwann – vornehmlich weißen Hörerschaft zu tun, die glaubte, Elvis habe Rock erfunden, obwohl er in frühen Interviews ausschließlich dunkelhäutige Musiker als Einfluss nannte. Womit wir an dieser Stelle schon beim Thema dieser Rezension wären (Geschichtsstunde abgeschlossen – Danke, ich half gern): ARCANA XXII aus Namibia sind Pioniere des afrikanischen Metal, die eben nicht in den 70er Jahren ihre ersten Gehversuche machten, sondern zwei ganze Dekaden später, ab 1997. 2003 erscheint das Album “This Burning Darkness” via TTS/Alive.

ARCANA XXII – kompetent und kauzig

ARCANA XXII stammen aus Windhoek, der Hauptstadt Namibias. Und nun hat sich das Underground-Label Einheit Produktionen aus der beschaulichen Lausitz der Band angenommen. Keine schlechte Wahl: Die Compilation „A Return to the Darkland“ zeigt, welch Potential in der Band schlummert. Wenig spricht dagegen, dass die Dosenbier- und True-Metal-Kuttengemeinde die Band in ihr Herz aus Stahl schließt. Nicht, weil hier jeder Ton an der richtigen Stelle sitzt, im Gegenteil: Der Tronträger kommt ruppig, schräg und sympathisch unperfekt daher. Und ja, sie haben Pionierfunktion: Mir fallen auf Anhieb nicht so viele Bands aus Afrika mit hartem Sound ein. Die Südafrikaner TRIBE AFTER TRIBE, schon 1984 gegründet, sind sicher noch die bekanntesten Vertreter.

Die Compilation vereint überwiegend Aufnahmen, die in den Jahren zwischen 1997 und 2002 entstanden sind. Unter widrigen Bedingungen: Ohne über professionelles Equipment zu verfügen, nahm die Band ihre Songs quasi zuhause auf. Entsprechend unbehauen klingen die Aufnahmen: Sie sind soundtechnisch eher auf Demo-Niveau. Hier wurden keine Fehler ausgemerzt. Keine schiefen Töne korrigiert. Keine Overdubs verwendet. Speziell die Rhythmusgitarre rumpelt doch ordentlich. Das Schlagzeug eigentlich auch. Manch schiefer Ton von Sänger Johann Smit wurde genau so auf Band gebannt. Das ist ein bisschen schade. Und doch verleiht gerade dieses vermeintliche Stigma den Songs einen besonderen Charme – in einer Zeit, in der viele Aufnahmen mit Hightech digital bearbeitet und nachbearbeitet werden, sprich: steril klingen.

Man hört, dass kompetente Musiker am Werk sind

Der Opener „Ramses“ ist einer von zwei neuen Song auf dem Album: Und hat man sich erstmal an den rumpeligen Sound (und manch kitschige Spoken-Word-Passage) gewöhnt, ist das ein sehr amtlicher Einstieg. Erinnerungen an frühe SANCTUARY und NEVERMORE werden wach, eine charismatische Stimme: melodische Gitarren, die im Break, dezent, orientalische Skalen zitieren. Überhaupt, die Gitarren: Die können was. Reitend, schneidend, melodisch: Man hört, dass hier kompetente Musiker am Werk sind. Rumpeliger Sound hin oder her.
Auch die nachfolgenden Songs sind ordentliche Banger: „Sweet Immortal“ und „White Lights and Black Spaces“ belohnen mit geilen Refrains, hat man sich erstmal durch die gewöhnungsbedürftigen (aber mit ordentlich Old-School-Riffing versehenen) Strophen gekämpft. Die Stimme, so wird deutlich, zitiert in den tiefen Stimmlagen gelegentlich Gothic-Rock: Auch das hat Charme, wenn man bedenkt, dass wir es hier mit einem klassischen Metalalbum zu tun haben, der gelegentlich Ausflüge in Thrash unternimmt. JUDAS PRIEST und SAXON werden als Einfluss genannt: stimmt, mehr so in ihren rock’n’rolligen Passagen. Auch „Barren Land“ wartet, nach manch schräger (und im Prechorus leicht schief gesungener?) Passage mit einem coolen, oldschooligen „Reck-Deine-Verdammte-Faust-In-Die-Luft-und-Gröhle-Verdammt-nochmal-Mit“-Refrain auf.

Der nächste Track „Lobonian Rhapsody“ ist ein guter Old-School-Banger, sehr thrashig: In der Strophe bellt Johann Smit fast ein bisschen wie EXODUS-Sänger Steve Souza. Schneidende, thrashige Gitarren-Riffs: Das ist ordentliches Moshpit-Futter. Funktioniert live sicher super. Euch stört der Sound? Dreht halt die verdammte Anlage auf! Wenn die Boxen übersteuert sind und sich so etwas wie Live-Atmosphäre einstellt, kann hier echt nichts schief gehen.

Das nachfolgende „Remember Forever“ schlägt dann eine etwas andere Richtung ein: eher ein Goth-n-Roll-Song, höre ich da gar ein wenig 69 EYES raus? Skippe ich zurück, sind Goth-Rock-Zitate auch in früheren Nummern vernehmbar. „Hallowed Ground“ ist dann eine sehr ruhige Nummer: melancholische Ballade mit bittersüßem Frauengesang im Hintergrund, kann was. Die Stimme, teils deutlich tiefer, erinnert hier sogar an MOONSPELLs Fernando Ribeiro. Hey, liebe Rezensenten: Habt Ihr die Goth-Elemente in der Strophe von „Sweet Immortal“ bemerkt? Nee, anscheinend nicht.

Nicht alles hier ist Bombe: Aber es hat Charme

Nicht jeder Track hält das Niveau der vorherigen Nummern, manche Kompositionen fallen ab. Nicht alles hier ist Bombe. Aber es gibt noch Highlights: Der ebenfalls neue „Sacrifice“ hat dann wieder einen sehr amtlichen Refrain, der sich einprägt.

Fazit: Nein, ARCANA XXII sind nicht perfekt. Kein bisschen. Wozu auch? Rau, rumpelnd, manchmal schräg: dennoch kompetent. Hat was. Das Kultpotential ist hoch. Wer perfekt austarierten Metal ohne Fehler hören will, der mehr nach Nightliner als nach Tour im verbeulten Bulli klingt, muss eben SABATON oder die neue ACCEPT hören. Hier aber gibt es Dosenbier von der Tanke statt Champagner. Und bitte: Schickt die Jungs doch mal zu einem kompetenten Produzenten ins Studio. Okay: Chris Tsangarides ist leider tot. Was macht eigentlich gerade Flemming Rasmussen?

Abschließend noch eine Anmerkung: Natürlich ist auch afrikanische Musik so vielseitig wie der Kontinent. Es käme ja auch niemand auf die Idee, RAMMSTEIN in Frankreich zu verorten, weil es irgendwie europäisch klingt. Wenig verbindet zum Beispiel den Desert Blues aus Mali (Tinariwen, Fatoumata Diawara) mit dem Soweto Rock, der Anfang der 80er in der südafrikanischen Metropole Johannesburg entstand. Und ich lese gerade, dass Fela Kuti, eine echte Jahrhundertgestalt: Saxophonist und Bandleader, der den vielleicht exaltiertesten Mix aus Jazz und Funk spielte, den es je gab, hart groovend, auch für aufgeschlossene Prog-Rock-Fans geeignet (hoch komplexe Polyrhythmen, ausufernde Kompositionen), der erste Musiker aus Afrika ist, der in die Rock & Roll Hall Of Fame aufgenommen werden soll: 23 Jahre nach seinem Tod, übrigens neben IRON MAIDEN. Das ist ein Trauerspiel. Haltet Herzen und Ohren offen!

7 von 10 Punkten
Label: Einheit Produktionen
Veröffentlichungstermin: 25.02.2021
Spielzeit: 74:28 Min

ARCANA XXII:  A Return To The Darkland Tracklist

01. Ramses (2020)
02. Sweet Immortal
03. White Lights and Black Spaces
04. Barren Land
05. Lobonian Rhapsody
06. Remember Forever
07. Hallowed Ground
08. Untold
09. Like a God
10. Out of Control
11. This Burning Darkness
12. Darkland
13. Faith or Fear
14. Fallen from Grace
15. Sacrifice (New Song – Dec. 2020)