ÅRABROT: Norwegian Gothic

Kathedralen des Lärms: Das norwegisch-schwedische Künstler-Ehepaar Kjetil Nernes und Karin Park alias ÅRABROT hat auf ihrem neunten Album „Norwegian Gothic“ ein Manifest in Sachen Noise Rock geschaffen. Genre-definierend ist das Ganze nur deshalb nicht, weil die beiden ohnehin längst in ihrem eigenen Kosmos musizieren. Schroff, rau, schräg: und schön. Selten klang Nihilismus lebensbejahender.

Halleluja! Hier ist es: das neunte Album von ÅRABROT. Allen, die mit der Musik noch nicht vertraut sind, seien zunächst die Koordinaten abgesteckt. Die Band hat sich nach einer Mülldeponie in Haugesund benannt, norwegische Heimatstadt von Bandkopf Kjetil Nernes. Doch nachdem er seine Partnerin Karin Park kennengelernt hat, zog er mit ihr in eine verlassene Kirche, gelegen in Darlana, mitten im Herzen Schwedens. Dort lebt das Paar mit seinen zwei Kindern: und das sind auch die Pole, zwischen denen sich die Musik bewegt. Schmutz und Erhabenheit. Verwesung und das Göttliche. Nihilismus und Katholizismus. Noise Rock, zu deren wichtigsten Protagonisten ÅRABROT längst zählen.

Man darf die Sache mit „Noise“ nicht missverstehen. Wo andere Bands ihre Songs unter einer Lärmwand begraben, gibt es hier: Eingängigkeit. Die Songs sind einprägsam, auf eine exzentrische und theatralische Weise. Der Lärm zeigt sich eher in Details. ÅRABROT sind Individualisten. Unberechenbar. Sie haben überhaupt keine Lust, sich irgendwelchen Genre-Grenzen zu unterwerfen. Das ist ihre Stärke. Sie lassen den Schmutz auf Momente purer Erhabenheit prallen. Wenn sie im Dreck wühlen, dann auf der Suche nach den Perlen. Ihre Attitüde ist unter den Fingernägeln zynisch und nihilistisch. Aber im Herzen geprägt vom Hunger nach Leben – und der Suche nach Liebe. Das macht diese Band so speziell, so anders. Das macht dieses Album so stark.

ÅRABROT sind Zeremonienmeister des Lärms

In den letzten Jahren haben ÅRABROT viele Lorbeeren eingeheimst. 2011 mit dem Spellemannprisen für das beste Metal-Album ausgezeichnet: in einem Land, Norwegen, in dem zwei von drei Einwohnern in einer Metalband spielen. Album des Jahres im Magazin „The Quietus“ mit „The Gospel“ (2016): britische Bibel des Lärms. Und immer wieder Kontroversen. In Leipzig, meinem aktuellen Wohnort, durften sie nicht auftreten, weil die Texte als anzüglich und sexistisch interpretiert wurden. Die ziemlich rechte Neo-Folk-Band DEATH IN JUNE nennen sie als Einfluss. Ob die Kontroversen ÅRABROT eher nutzten oder schadeten: man weiß es nicht. Ich als potentiell eher links einzuordnender Schreiberling mag diese Band. Weil sie Humor haben. Exzentrisch sind. Klug. Eigen. Sich eben nicht festlegen lassen. Weil sie Herz und Seele haben.

So auch auf dem neuen Album. Die Einflüsse klingen durch, sind nicht von der Hand zu weisen. Nick Caves THE BIRTHDAY PARTY. Iggy Pops THE STOOGES. Die frühen DANZIG. BLACK SABBATH. Und WOVENHAND, die Band von David Eugene Edwards. Baptisten-Prediger, der die Apokalypse beschwört. Auch ÅRABROT beschwören den Weltuntergang. Genüsslich, voller Hingabe. Sie sind die Zeremonienmeister des Noise-Rock. Alles ist vergeblich, aber diese Welt ist es wert (sorry): mit einem genussvollen Fick begattet zu werden. Eine zehrende Umarmung, die alles so viel erträglicher macht. Weil du am Ende fertig bist und nach Luft schnappst: dich das Leben aussaugt und unter einem tonnenschweren Leinentuch begräbt. Aber es ist schön.

Schon der Opener „Carnival of Love“ steigt kraftvoll rockend ein: schroffe Blues-Gitarren, Exzentrik, Wow! ÅRABROT lassen die Muskeln spielen. Eine mächtige Rock-Nummer. Man muss sich an den Gesang von Kjetil Nernes gewöhnen. Er singt immer leicht neben der Spur, aber mit Hingabe. Exzentrisch. Charismatisch. Theatralisch. Man weiß nicht genau, ob Karin Parks Gesang – eher aus dem Avantgarde-Pop kommend – hier Gegengewicht ist oder die Attitüde unterstützt. Bei den rockigen Nummern klingt sie, mit tiefem Timbre, mehr wie Sirene als wie Muse. „This is the end! This is the end!“, proklamieren die beiden Ehepartner. Der Karneval der Liebe: er saugt dich aus, lässt dich leblos zurück.

Pop-Appeal in der Zwangsjacke

Die zweite Nummer „Rule of Silence“ ist fast noch besser. Zu Beginn kann man nicht genau sagen, ob hier verstimmte Gitarren tönen: oder Violinen (Es sind, glaube ich, Gitarren). Der Bass pluggert tief und bedrohlich, der Refrain bäumt sich überfallartig auf: Wo hier Stille behauptet wird, befinden wir uns mitten im Auge des Sturms. Post Punk klingt durch: ganz nebenbei könnten sich ÅRABROT auch als Retter des Gothic Rock etablieren, einem Genre, das längst in Stereotypen erstarrt ist. Hier nicht, weil die Band offen und ohne Scheuklappen an die Musik herangeht. Sich nicht um Konventionen schert.

So ist das folgende „Feel It On“, fast eine Art verhinderte Glam-Rock-Nummer. Nernes fleht und knödelt in der Strophe über knochentrockenen Gitarren: der Refrain, unterstützt durch seine Frau, ist dann tatsächlich verdammt catchy und einprägsam. Auch das folgende „The Lie“ wartet mit einem bittersüßen Refrain auf: hitverdächtig. Natürlich lässt es sich der Bandkopf nicht nehmen, in der Strophe den diabolischen Untergangsprediger zu geben, immer dem Wahnsinn nahe. Pop-Appeal in der Zwangsjacke.

Man muss es ja sagen: der Norweger hat schon einen an der Klatsche. Hier wird mit alttestamentarischem Ernst das eigene Martyrium besungen: Nernes bittet zu seinem Begräbnis. Vor wenigen Jahren wurde bei Nernes Kehlkopfkrebs diagnostiziert. Er hat es überlebt. Es hätte sein Ende sein können. Der Tod ist auch im Leben ein unnachgiebiger Begleiter. “Rock ’n’ Roll kommt aus dem Blues, der einfach etwas Ursprüngliches hat. Man spürt darin den elementaren Herzschlag”, sagt der Bandkopf im Interview mit “Visions”. Der Bluesbeat sei im Grunde eine Art Herzrhythmus: und tatsächlich fühlt sich hier mancher Song pulsierend wie ein Herz an.

Du wirst mit harter Liebe bezahlen!

Das Herz: Es schlägt wild, es schlägt manisch. „Hard Love“ ist dann eine dreckige, staubige Country-Rock-Nummer. Das Ehepaar Nernes und Park wechselt sich mit dem Gesang ab: und besingt die Schwierigkeit, in der Liebe zueinander zu finden. Man verkauft sich an den Teufel. „A dirty hand/ reaches out for your soul“, warnen beide im Refrain. Da ist keine Hoffnung auf Erlösung. „Es ist eine Suche, die das Feuer im Innern entfacht/ wenn du bereits verloren bist/ Ich bin Zeuge deines Lächelns/ und du wirst mit harter Liebe bezahlen“, singt das Ehepaar. Es klingt eher wie eine Drohung.

Höhepunkt des Albums ist aber „Hallucinational“, ein Song, den Karin Park hochschwanger für ihre jüngste Tochter geschrieben hat. „Ohne Zweifel/ wir sind das Scheinen ohne Licht/ wir sind die Blumen ohne Blüten/ Wir sind das Denken ohne Geist/ Alles liegt offensichtlich vor mir/ Halluzinationen“, singt Park. Eine traurige, (ver)zweifelnde Ballade. Schmerz. Hoffnung. Lebenswille. Gegen alle Widerstände.

Fazit: ÅRABROT sind eine Band (oder ein Projekt), das sich fernab von Genre-Grenzen bewegt. “Noise” ist das Wissen darum, dass auch das Leben nicht ohne Schmerz und Widerstände, ohne Ängste und Obsessionen zu haben ist. Das alles ist klug, ist phantastisch, ist ehrlich. Und wenn der Band bisher auch der große Erfolg verwehrt geblieben ist, das hier ist große Kunst. Davon zeugen auch die Gastmusiker, die sich diesmal dem Projekt angeschlossen haben: Lars Horntveth ist dabei, Saxophonist der kongenialen Neo-Jazzer Jaga Jazzist. Jo Quail ist dabei, eine international anerkannte Cellistin. Tomas Järmyr, Schlagzeuger von MOTORPSYCHO. Und Anders Møller, der für TURBONEGRO und ULVER tätig ist. Was soll ich sagen? Wenn Ihr mir nicht vertraut: Diese Musiker*innen können nicht irren. Schon jetzt eines der Rock-Alben des Jahres. Exzentrisch, sonderbar, schmerzhaft, gut.

Neun von zehn Punkten.

Veröffentlichungstermin: 09.04.2021

Label: Pelagic Records

ÅRABROT “Norwegian Gothic” Tracklist

Carnival of Love
The Rule of Silence
Feel it On
The Lie (Audio bei YouTube)
The Crows
Kinks Of The Heart (Video bei YouTube)
Hailstones For Rain (Video bei YouTube)
The Voice
Hallucinational (Live Session-Video bei YouTube)
(This Is) The Night
Hard Love
Impact Heavily Onto The Concrete
Hounds Of Heaven
Deadlock
The Moon Is Dead
You’re Not That Special