AMPYRE: Ampyre [Re-Release]

Es ist doch immer wieder spannend, welch großartige Bands unsere deutsche Hard`n´Heavy-Szene immer schon hatte, die nie die verdiente Aufmerksamkeit erhalten haben. Aber wir haben ja Golden Core Records, und die haben mal wieder erfolgreich in der Vergangenheit gekramt. Aktuell bei AMPYRE aus Reutlingen. Melodischer Hard Rock war in der Stuttgarter Ecke ja immer ein großes Ding, auch für die Band um die Brüder Andreas und Matthias Pfisterer und die Sängerin Elke Grözinger. Man spielte vorher in Bands wie QUASY MODO oder SILK´N´STEEL, Elke ist aktuell mit FRONTROW WARRIORS aktiv, ein Album steht bald an.

Mit AMPYRE haben Golden Core eine starke Band ausgegraben

AMPYRE selbst hatten 1991 ein von Hardy Heinlin im Reutlinger Marquee Studio fett produziertes Demo am Start, um sich bei den Majorlabels anzubieten. Dies jedoch erfolglos, es war bereits der Grunge und Crossover das große Ding am Markt und der harte Sound wurde extremer mit Thrash und Death Metal. Golden Core haben dieses Juwel ausgegraben und im Mai dieses Jahres als EP veröffentlicht. Die Nachfrage nach einer CD-Auflage war groß, diese wurde nun nachgelegt. Erweitert um Songs vom zweiten Demo der Band, “Everything Changes” von 1994, einer davon bisher unveröffentlicht. Alles wurde von Bastler Neudi remastert, was dank des klasse Sound des Originals zu einem absolut zeitgemäßem Sound führt.

Der Opener „Passion & Pain“ schießt uns gleich zurück in die Mitte bis Ende der 80er, als die MTV-Sendungen noch das Tagesprogramm bestimmten. Deutlich wird gleich ein starker Touch skandinavischer Bands. EUROPE und vor allem TNT kommen schnell in den Sinn. Aber auch Bands wie DOKKEN oder WARRANT. Auffallend gleich die starke Gitarrenarbeit und die tolle Stimme von Elke, die sich hinter internationalen Größen nicht verstecken brauchte. Unterstützt wird sie von den Jungs mit typischen Backings, sich nicht im Hintergrund versteckenden Keyboards und einer knackigen Rhythmsection. So ein Song wenige Jahre früher, er hätte einen sicheren Platz gehabt in der Hitliste der Videoshows und Radiosender. „Cruelty“ irritiert kurz, ein Text gegen Gewalt gegen Tiere, vollste Zustimmung, nur der Song selbst kommt da etwas zu fröhlich. TREAT, wieder TNT, und eine ganz große Portion poppige LEE AARON 87/89. Eine echte Hymne zum Mitsingen, wieder starke Gitarren, die Stimme von Elke großartig.

Eine großartige Sängerin, starke Gitarren, alles was Female Fronted Hard Rock braucht

Dann schunkeln wir gemütlich, „When Tomorrow Comes“ kommt mit einer guten Portion HEART dieser MTV-Aera. Wie an anderen Ecken muss ich auch immer mal an die tolle SARAYA denken. Wieder etwas fröhlicher mit skandinavisch anmutenden Klängen überzeugen auch „Fantastic“ und das treibende „Stand 4 What U R“ mit fröhlichen EUROPE-Keyboard-Fanfaren. Die Songs machen deutlich, dass AMPYRE alles hatten, um richtig durchzustarten, nur schlichtweg zu spät dran waren. Mit dieser erstklassigen Sängerin, die sich so selbstverständlich auf einem Level mit den Größen des 80er Female Frontet Hard Rock zeigt, hätte man weit oben mitgespielt. Starke Gitarren, fette, aber nicht zu aufdringliche Keyboards, eine solide Rhythmsection, alle haben die Haare schön, da hätte alles drin sein können. Wenn man right in time gewesen wäre.

Eine fast komplett andere Band zeigt sich auf dem zweiten Demo. Sängerin Elke war weg, nun stand der frühere SILK´N´STEEL-Sänger Francis Soto (IVORY TOWER, INFINITY´S CALL, WICKED SENSATION) am Mikro. Abgesehen von einigen Melodieführungen, die weiterhin an TNT erinnern, auch bedingt durch die oft in höchsten Höhen geschraubten Vocals, die immer mal an deren Tony Harnell erinnern oder auch mal an GEOFF TATE zu frühen QUEENSRYCHE-Zeiten. Musikalisch rückt man hier sehr in die Progressive Metal-Ecke, ist hörbar angetan von Bands wie DREAM THEATER, auch an die Norweger CONCEPTION mag man denken. Ha, ein wenig muss ich schmunzeln, klingt doch alles auch nach meiner ersten Band damals im Schwabenländle, FRIGHT NIGHT. Aber das hilft hier nicht, mit abstrakten Rhythmen wird rumgespielt, nie zu sehr, die Refrains hingegen erinnern immer noch an die Ausrichtung des ersten Demos. „She’s Gone“ klingt dann auch vielversprechend, der funky Part am Ende irritiert etwas. „Everything Changes“ klingt etwas mehr nach den früheren Sachen, kommt catchy und melodisch, da sind wir wieder bei TNT. Es wird aber doch wieder proggig, „Time Signed Of Riot“ kommt etwas sperriger. Man hat ein wenig das Gefühl, die Jungs wussten noch nicht genau, wohin die Reise gehen soll. Die ging dann auch nicht weiter, man trennte sich einige Zeit nach diesem zweiten Demo.

AMPYRE gehören in jede Female Fronted Hard Rock-Sammlung

Was AMPYRE mit ihrem ersten Demo abgeliefert haben, das lässt einen auch heute noch ratlos zurück. Die Band hätte ganz weit oben mitspielen müssen, die Klasse dazu hatten sie. Natürlich wegen der starken Sängerin Elke Grözinger, aber eben auch dank der coolen Songs und den guten Musikern. Dumm gelaufen, man kam eben wenige Jahre zu spät. Der Wechsel zum damals aktuellen Prog-Metal klappte irgendwie auch nicht. Was hingegen geklappt hat ist, dass Golden Core uns diese Aufnahmen neu präsentieren. Wer auf melodischen Hard/Heavy Rock steht, den typischen MTV-Rock irgendwo zwischen 1984 und 1990 mag und Female Fronted Rock aus jener Zeit wie LEE AARON, HEART, PAT BENETAR, VIXEN, SARAYA und Co., der sollte sich AMPYRE unbedingt auf den Einkaufszettel schreiben. Die 1994er Tracks nimmt man als Zugabe gerne mit, echte Proggies werden sie aber kaum umhauen. Dafür kommt alles wieder wie bei Golden Core gewohnt in hübscher Aufmachung mit reichlich alten Fotos, Zeitungsschnipseln und Erinnerungen von Gitarrist Andreas Pfisterer (auch mit TINDALE CREEK auf dem zweiten „Sound & Action“-Sampler zu hören) an die alte Zeit.

Veröffentlicht am 23.09.2022

Spielzeit: 37:25 Min.

Lineup:
Vocals: Elke Grözinger
Bass: Richi Mavro
Drums: Chio Mulé
Guitars: Andreas Pfisterer
Keyboards: Matthias Pfisterer

Label: Golden Core Records / ZYX

Die Tracklist von “Ampyre”:

1. Passion & Pain (Video bei Youtube)
2. Cruelty
3. When Tomorrow Comes
4. Fantastic
5. Stand 4 What U R
6. She’s Gone
7. Everything Changes
8. Time Signed Of Riot