ALESTORM: Curse Of The Crystal Coconut

ALESTORM: Curse Of The Crystal Coconut

Oh wow, ALESTORM haben ein neues Album rausgebracht, während einer grausamen pandemischen Menschheitskatastrophe und dann auch noch ohne authentische Kostüme. Ja, es stimmt: die bis dato für ihre kompromisslose Authentizität bekannten Piraten aus Schottland haben es zum Entsetzen einiger Fans gewagt, für ihre erste Auskopplung aus „Curse Of The Crystal Coconut“, dem ungewohnt modernen „Treasure Chest Party Quest“, ein Video mit einem Lamborghini zu drehen und darin zu posen wie 1 Gangsta-Rap-Combo. Ist es also vorbei mit packenden Geschichten über historisch verbriefte Sauftouren nach Mexiko mit Eseln und Tequila, wie noch auf dem Vorgänger „No Grave But The Sea“?

Nun, dieses Review kommt leider recht spät, also wisst ihr es bereits: mitnichten! Auch 2020 steht der Name ALESTORM für legendäre Erzählungen über epische Abenteuer auf hoher See und unsterbliche Helden wie den Piraten Fannybaws, der es immerhin mit Terror-Tintenfischen und Wikingern gleichermaßen aufnehmen konnte (kein Wunder, mit vier Pistolen im Gürtel!). Er hat seinen Auftritt früh auf dem Album, und hat man ihn verdaut, geht es weiter mit einem Lied über den Vorlauf zum Verdauungsvorgang eines Alligatoren („Chomp Chomp“ – mit einem schönen Gastauftritt von FINNTROLL-Sänger Vreth) und der jetzt schon unsterblichen Zeile „If you find a giant cayman / You gonna have a really bad day, man“. Das ist Piraten-Lyrik, wie sie sich schon vor 1000 Jahren in die Herzen der die sieben Weltmeere umsegelnden Freibeuter eingebrannt hat!

Zombies!

Aber damit nicht genug: ALESTORM schrecken auch vor bislang noch viel zu wenig untersuchten okkulten Vorgängen zurück: Was passiert, wenn Untote auf Piraten treffen? Die Antwort mag im raffinierten Songtitel bereits versteckt sein („Zombies Ate My Pirate Ship“), aber die ganze Schönheit dieses Vorgangs offenbart sich erst, wenn Gastsängerin Patty Gurdy den unschlagbar hymnischen Refrain in alle Herzen trägt: „Far across the sea / Zombies wait for me / Craving brains and treasure / It’s their destiny / Til my dying day / Hear these words I say / Zombies ate my pirate ship / I will make them pay“.

Episch, hart, fatal: Holzbeine.

Doch ist das alles immer noch nichts im Vergleich zur epischen Wucht der Sinfonie über das Holzbein: „Wooden Leg Pt. 2 (The Woodening)“. Was ALESTORM-Mastermind Christopher Bowes hier kompositorisch und lyrisch geschaffen hat, kann er sich ohne Weiteres als eine besonders schöne Großtat in sein an Großtaten nicht gerade kleines Oeuvre ritzen. Das Stück startet mit rasenden Blastbeats, ehe Bowes die Welt in kompromisslos komischer Reim-dich-verdammt!-Manier über sein hartes Schunkel-Schicksal als hölzerner Pirat in Kenntnis setzt – und über den Fluch, der damit einhergeht und schließlich zu einer Verzweiflungstat führt, deren Schrecken zu groß ist als dass ich sie hier beschreiben könnte. Hört einfach selbst, wenn ihr stark genug seid, aber sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!

“Curse Of The Crystal Coconut“ ist die Essenz von ALESTORM

Es gibt noch mehr Großartiges auf diesem Album, z.B. „Pirate’s Scorn“, ein Lied aus der Zeichentrickserie „Donkey Kong Country“ (!) oder die Option, sich eine Deluxe-Version zuzulegen, auf der alle Lieder in 8bit-Versionen zu hören sind. Es ist ungefähr so gut wie sein Vorgänger, also sehr, sehr gut, und es bietet tatsächlich die Essenz dessen, was ALESTORM ausmacht. Eigentlich bleibt nur die Frage, wann die Band endlich den Monkey-Island-Soundtrack vertont! Das jedenfalls wird der schönste Tag meines Lebens.

Ist also alles Rum, was fließt? Nicht unbedingt: Ich habe eine Weile gebraucht, um mich mit dem grauenhaften Rap-Gastauftritt von „Captain Yarrface“ in dem Hip-Hop-Pop-Symphonic-Metal-Stampfer „Tortuga“ anzufreunden, und für das seltsam ernste Traditional „Henry Martin“ am Ende hätte ich mir eine andere Umgebung gewünscht als dieses komplett durchgeknallte Album, das mit der meisterhaften Holzbein-Hymne eigentlich perfekt abgeschlossen wäre. Aber das sind Kleinigkeiten, die nicht entscheidend davon ablenken können, dass „Curse Of The Crystal Coconut“ ein Muss ist für jeden Menschen, der hin und wieder ein bisschen Albernheit, Partystimmung und Piratenkitsch in seinem Leben braucht und zuviel Monkey Island gespielt hat in seinem Leben. Es ist schrecklich, aber eben auch schrecklich geil.

Spielzeit: 44 Min.

Veröffentlichung am 29.5.2020 auf Napalm Records

ALESTORM „Curse of the Crystal Coconut“ Tracklist

  1. Treasure Chest Party Quest (Video bei YouTube)
  2. Fannybaws (Video bei YouTube)
  3. Chomp Chomp
  4. Tortuga (Video bei YouTube)
  5. Zombies Ate My Pirate Ship
  6. Call of the Waves
  7. Pirate’s Scorn
  8. Shit Boat (No Fans) (Video bei YouTube)
  9. Pirate Metal Drinking Crew (Video bei YouTube)
  10. Wooden Leg Pt. 2 (The Woodening)
  11. Henry Martin
Andreas Holz
Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.