DAS METAL-UTENSIL DES MONATS: Du bist, was du trägst, oder: das Metal-T-Shirt

DAS METAL-UTENSIL DES MONATS: Du bist, was du trägst, oder: das Metal-T-Shirt

Gehe zu deinem Kleiderschrank. Gehe nicht über „Los“, ziehe keine 4000 Euro ein. Öffne deinen Schrank. Blicke in das Fach mit den T-Shirts. Ich wette, in diesem vollgepfropften, größtenteils schwarzen Eck befinden sich Schmuckstücke, die du vehementer verteidigen würdest als ein König seine Kronjuwelen. Da ist das ausgebleichte, verschlissene, völlig aus der Form geratene Shirt, das du bei deinem allerersten Metalkonzert stolz erstanden hast und in der Folge erst vor dem Waschzwang deiner Mutter retten konntest und dann mehrfach aus der Altkleidersammlung respektive dem Mülleimer ziehen musstest. Da ist das rosane Batik-Longsleeve mit Bündchen und Mehrfarbdruck, das du einst für die Krone der Modeschöpfung gehalten hast. Da unten lugt ein T-Shirt einer Band hervor, die du seit sicherlich zehn Jahren völlig belanglos, überbewertet und überhaupt miserabel findest und doch einst mit leuchtenden Augen bei einem vier Zentner wiegenden Merchandiser auf einem Konzert der Band erstanden hattest. Da das mit einem Blut spuckenden Monster bedruckte Shirt einer Grindmetzelcombo aus Uruguay, von dem du dachtest, dass es eines Tagen ein absolutes Kultobjekt werden würde und – in einer dumpfen Vorausahnung von Ebay – dir mehrere Monatsgehälter bei einem späteren Verkauf einbringen würde, zumindest aber dir ewige Wertschätzung der Stammbesucher der örtlichen Metaldisse verschaffen könnte. Schade nur, dass keiner das Logo lesen konnte…Und ganz, ganz hinten, schon halb hinter die Ansammlung alter Schuhe, die man ja doch nie wieder anzieht, gerutscht: das ganz zu Anfang selbst gebastelte weiße Shirt inklusive wahlweise mit Edding oder Textilfarben aufdilettiertem Logo und einer verwackelten Karikatur des Bandmaskottchens. Doch nicht nur die Motive auf der Vorderseite der Shirts stecken voller Erinnerungen: Der Rückenaufdruck mit den Tourdates der verschiedenen Bands liest sich für dich wie ein persönliches Tagebuch deines metallischen Werdegangs.

Kaum ein Accessoire ist dermaßen mit Emotionen behaftet wie das Metal-T-Shirt. Jedes T-Shirt ist ein Statement, eine Aussage über den Träger, ein Stückchen Individuum. Ein falsches T-Shirt beim falschen Konzert kann richtig Ärger einbringen, ein richtiges T-Shirt auf dem richtigen Festival und es entsteht eine langjährige Metalfreundschaft aus dem gemeinsamen Stolz heraus, die Liebe zu einer ganz besonderen, vom Mainstream unentdeckten Band zu teilen.

Das

Wenn etwas emotional derart aufgeladen ist, wird der Umgang mit dem kostbaren Gut zur Chefsache und zum ewigen Quell an Problematiken, die man mit einem normalen Shirt aus dem Kaufhaus nie hätte. Als da wären:

Kauf:

Schon hier will wohl überlegt sein, was der metallisch korrekteste Bezugsweg für das Leibchen der momentanen Lieblingscombo ist. EMP, deren Katalog ebenfalls ein ständiger Begleiter im metallischen Leben ist, sind meistens zu untrue, klarer Fall. Am besten ist der Kauf direkt beim Konzert, im Idealfall verbunden mit einem Pläuschchen mit dem Musiker, der wider Erwarten keine Limousine um die Ecken des Clubs kurven lässt, sondern sein eigenes Merchandising verticken muss, weil im Tourbudget kein Platz mehr für einen Merchandiser war. Doch was, wenn die Band nur alle Jubeljahre mal auf Tour kommt, bei ihren Gigs 30 Euro für ein dünnes Stück Stoff mit faserigem Druck will oder sich schlicht und ergreifend bereits aufgelöst hat? Es bleiben kleinere Mailorders oder die kleinen, verratzten Läden in der Innenstadt jeder halbwegs großen Stadt, in denen man auch gerne mal angeraunzt wird, wenn man mit weniger als drei Shirts und diversen Aufnähern wieder rausgehen will.

Auswahl:

Es wäre zu einfach, wenn es eine Einheitsgröße von Leibchen und Aufdruck geben würde. Oder gar eine halbwegs einheitliche Qualität der Drucktechnik? Nicht auszudenken! Es klingelt, der Postbote überreicht die Sammelbestellung der Clique an eine sorgenvoll blickende Mutter, die nur hofft, dass nicht wieder was mit so schrecklichen Totenschädeln wie letztes Mal dabei ist. Man zieht mit vor Vorfreude schwitzigen Händen das teure Longsleeve heraus, auf das man sich schon seit Tagen gefreut hat, und stellt dann fest, dass der Druck völlig verkleistert ist, farblich empfindlich vom Katalogbild abweicht und sich bereits an einer Ecke zu lösen beginnt. Oder stellt euch folgende Situation vor: Was tun, wenn man um den halben Planeten gereist ist, um dort endlich ein Original-AT THE GATES-„Slaughter of the Soul“-Longsleeve zu entdecken…und gerade noch rechtzeitig vorm Zücken des Geldbeutels merkt, dass das gute Stück vollkommen inakzeptable Bündchen hat!? Kaufen und ein Muskelshirt draus machen? Auf die Dunkelheit der Metaldisse vertrauen, die lediglich die Schemen des Motivs, nicht aber die krampfhaft in die Jeanstaschen gestopften Bündchen erkennen lässt? Ein Glück wenigstens, dass Metal-Shirts gar nicht zu groß sein können, sodass dauerhaftes Ausleihern kein Problem mehr darstellt. Am einfachsten ist es eh, die Königsgröße unter den T-Shirtgrößen zu bestellen: XL! Schlabber rules! Doch dann wäre da noch dieser Glaubenskrieg zwischen der Fraktion der MKGNBGS (Mir kann´s gar nicht bunt genug sein) und der AAEBIU (Alles außer einfachem Bandlogo ist untrue). Nicht einfach für eine Band, hier die richtige Entscheidung bezüglich Shirtdesign zu fällen. Logo als Pocketprint oder doch lieber einen 254-Farb-Allover-Druck auf grünem oder rotem T-Shirt, bei dem sogar die schwarz/weiss-Stellen in fünf verschiedenen Schattierungen aufgepappt werden? Solange es Metal gibt, wird dies ein Konflikt bleiben, den lediglich die Weltreligionen mit ihren verschiedenen Schattierungen und Eiferern noch zu überbieten vermögen.

Das

Übrigens: Das AT THE GATES-Shirt hab´ ich dann doch gekauft, danke nochmal an den Earache-Merchandiser, der sich mit Dollarnoten noch schlechter auskannte als ich, hehe!

Pflege:

Selbst den beinhartesten Machorocker treibt es höchstpersönlich in den Waschkeller, um der indifferenten, lieblosen Mutter die würdevolle Aufgabe des Waschens, Trocknens und Bügelns abzunehmen. Oder ist zerknautscht und nach Bierdunst riechend doch truer? Wie viel Metal ist ein Bügeleisen? Wie verändert sich die Textur des Stoffs bei 40 Grad? Hält der Aufdruck einen Durchgang im Wäschetrockner aus?

Man sieht schon, es ist alles andere als einfach für uns Metal-Shirt-Träger. Zum Abschluss sollen noch drei All-Time-Klassiker-Shirts vorgestellt werden, die nicht aussterben und noch beim 50-Jahre-Wacken-Festival an so manchem stählernen Bierbauchleib zu bewundern sein werden:

MOTÖRHEAD: Everything Louder than Everything Else

Weißes Logo und weißer Maskottchenkopf auf schwarzem Schlabbershirt, kultiger geht´s kaum. Egal, ob Nu Metaller, Rockfan oder Old-School-Thrasher, dieses T-Shirt passt zu jeder Gelegenheit, bei der Gitarren in irgendeiner Form eine Rolle spielen.

MOONSPELL: Irreligious-Batikshirt

Kategorie unkaputtbar. Während sonst so ziemlich jedes coole Shirt irgendwann aus der Naht geht oder sich nicht mehr um den gewachsenen Hofbräuspoiler schmiegen will, ist dieses Meisterwerk der Optiker-Innung nicht totzukriegen. Gelb und Orange kämpfen im Hintergrund um die Aufmerksamkeit des Betrachters, während das Sehzentrum endgültig vom Grün des Covermotiv-Auges in Kombination mit dem hellen Weiß des Logos lahm gelegt und eliminiert wird. Neben der Batik-Reihe von Massacre Records in den Neunzigern so ziemlich das Schauderhafteste, was es bei den Mailorders zu bestellen gab. Ich hatte mir damals übrigens auch eins gekauft…

NOCTE OBDUCTA: Gott hat fertig!

Trappatoni goes Blackmetal. Definitiv die perfekte Verbindung von Fun-Shirt und Metal-Shirt. Dass diese gerade aus dem Blackmetal-Bereich kommt, überrascht und macht die Jungs von NOCTE OBDUCTA sympathisch