WINTER: Into Darkness

WINTER: Into Darkness

Zu einer Zeit, als man sich bei Platten, die das Nuclear Blast-Logo trugen, noch sicher sein konnte, eine Death Metal-Platte in den Händen zu halten, als diese Bands noch im Geschwindigkeitsrausch um die Wette knüppelten und sich dabei wie ein Ei dem anderen glichen (SINISTER, BRUTALITY, MORTIFICATION, SUFFOCATION et cetera) und als fast sämtliche Gruppen dieses Genres vornehmlich sexuelle Abnormalitäten und blutrünstige Gemeinheiten zum getexteten Thema hatten, funkte eine Band aus New York dazwischen, die dem Death Metal einen Bremsklotz nach den anderen vor die Frickelriffs legte und einen Sound einzementierte, der seiner Zeit voraus war.

Die Vermengung von Doom und Death war anno dazumal noch nicht so häufig anzutreffen, wie es heutzutage der Fall ist. Zwar bremsten sich auch Death Metal-Ikonen wie Chris Reifert mit seiner Band AUTOPSY auf ein schleppendes Tempo ein, doch würden mich die eingefleischten Doom-Fans mit ihren tonnenschweren Riffs in Grund und Boden prügeln, würde ich die verrückten Leichenschneider aus San Francisco auch nur im geringsten mit Doom Metal in Verbindung bringen. WINTER jedoch kann gut und gerne auch als Doom Metal klassifiziert werden (der Begriff des Funeral Dooms war noch nicht erfunden). Das liegt vor allem in der thematischen Abgrenzung in den Texten der Amerikaner, die mehr auf die ökologische Problematik und die Ausbeutung der Natur aufmerksam machten, als über menschgewordene Sparschweine (PUNGENT STENCHs Horny Little Piggy Bank) oder puren Kannibalismus (Meat und eigentlich alles weitere von AUTOPSY) zu referieren. Auch die gedrosselte Geschwindigkeit und die postapokalyptische Atmosphäre, die auf Into Darkness herrscht, rechtfertigen eine Zuordnung in das Genre des Doom Metals.

Doch gehen wir in medias res: Into Darkness beginnt mit einem instrumentalen Einleitungsstück, das sich lavastromartig mit einem schweren Riff der tiefgestimmten Gitarren nähert und von einer unnachgiebigen und steten, jedoch nicht zu schnellen Doublebass begleitet wird. Der Sound der Drums ist im übrigen einer der Besten, die ich jemals zu Ohren bekommen habe. Vor allem die schon erwähnte Doublebass klingt vortrefflich und lässt sich am ehesten wie das beklemmende Prasseln von Trauer-geschwängerten, schweren Regentropfen auf ein Fensterbrett in einer in völliger Einsamkeit verbrachten Nacht umschreiben. Auch die Cymbals – das Hellste im WINTER-Sound – klirren wie Fahnen im Winde, um es mit Friedrich Hölderlin zu sagen.

Der Übergang zum ersten gesanglich begleiteten Song, Servants Of The Warsmen, ist fließend. Bassist John Alman grölt mit Kraft und Verzweiflung die Textzeilen heraus und kämpft gegen die sogar etwas melodischen Gitarrenklänge an. Hervorhebenswert ist auch der verspielte Bass und das disharmonische Gitarrensolo. Mit dabei natürlich wieder die prasselnde Doublebass und gute Breaks, bis der Song am Ende seiner Kraft ist und abklingt.

Das darauffolgende Goden drosselt das Tempo erneut und schleppt sich mit wenigen Akkorden seinem Höhepunkt entgegen, der nach vier Minuten von einem marschierenden Schlagzeug eingeleitet wird, etwas ins Stottern gerät und abwartend auf die volle Aufmerksamkeit des Hörers hinarbeitet, um dann nach weiteren zweieinhalb Minuten zu einem Gitarren-Solo auszuholen.

Das für WINTER-Verhältnisse extrem kurze Power And Might kann als Intro zum folgenden Destiny angesehen werden, als dass es dessen Einsatz dermaßen hinauszögert, dass man als Zuhörer zu immer größerer Anspannung getrieben wird. Diese wird dann von einem rasanten Riff und einer wahrhaftigen Explosion an den Drums gelöst. (All diese Adjektive sind bitte in Relation zu der in Into Darkness vorherrschenden Geschwindigkeit zu setzen.) In weiterer Folge bleibt Destiny ziemlich flott und folgt einer eingängigen Melodie, die im Mittelteil von barem Bass, einem kurzen Break und einer Vollbremsung in Sachen Tempo abgelöst wird. Von dieser Vollbremsung erholt sich der Song nur langsam aber dafür umso intensiver. Während man Takt für Takt auf das erneute Startsignal wartet, türmt sich die Anspannung ins Unermessliche, um schließlich in der bekannten Drum-Explosion, einem kurzen Solo und dem erneut flotten Riff seine Erfüllung zu finden. Wow! Das nenne ich Spannungsaufbau.

Eternal Frost bleibt im Tempo hingegen etwas weniger wendig, wartet jedoch mit einem verstörenden Mittelteil auf. Schließlich bildet der titelgebende Song Into Darkness den Abschluss des Albums, wobei es zielstrebig auf den Hörer zumarschiert und alles, was ringsherum der bestimmenden Melodie steht, mit sich reißt. Dabei wechseln extrem gezogene Passagen, die mit nur fünf Akkorden binnen einer Minute auskommen, mit dem schnellen Ein- und Ausstieg des Songs ab.

Into Darkness ist im übrigen das einzige Album des Trios. Daneben erschien – ebenfalls über Nuclear Blast (1994) – die EP Eternal Frost, die quasi das Frühwerk der Band repräsentiert und etwas weniger Doom-lastig ist. Für Sammler gab das Donzdorfer Label 1999 unter dem Titel Into Darkness/Eternal Frost auch noch die Gesammelten Werke der Band, die sich kurz nach der Veröffentlichung ihres Debüts schon wieder trennte, heraus. Der Einfluss WINTERs auf Bands, die ein Jahrzehnt später diesen Stil erfolgreich auf CD pressen, ist unbestritten. Nicht zuletzt aufgrund dieser Pionierarbeit sind WINTER für würdig zu erachten, einen Platz in unserer Ruhmeshalle einzunehmen.

Veröffentlichungstermin: 1992

Spielzeit: 46:05 Min.

Line-Up:
John Alman – Vocals & Bass

Stephen Flam – Guitars

Joe Gonclaves -Drums

Produziert von Greg Marchak & WINTER
Label: Nuclear Blast

Tracklist:
1. Oppression Freedom (Reprise)

2. Servants Of The Warsmen

3. Goden

4. Power And Might

5. Destiny

6. Eternal Frost

7. Into Darkness

Christian Wögerbauer
Seit 2005 bei Vampster und Lieferant für Reviews, News, Live-Berichte und -Fotos.Genres: Doom, Death, Gothic, Sludge