WITH FULL FORCE 2002 – Der Festivalbericht

WITH FULL FORCE 2002 – Der Festivalbericht

Einleitung

Freitag

SUBSTYLE | ARCH ENEMY | CANNIBAL CORPSE | D.R.I. | HYPOCRISY | ROB HALFORD | 4 LYN DEAD KENNEDYS | NO MEANS NO | SLAYER | GRAVE

Samstag

HEAVEN SHALL BURN | HAEMORRHAGE | RUMBLE MILITIA | PUNGENT STENCH | M.D.C. | SUBWAY TO SALLY | KREATOR | OOMPH! | MOTÖRHEAD | ZIMMER´S HOLE

Sonntag

REVOLVER | PRO PAIN | IMMORTAL | J.B.O. | IN EXTREMO | MACHINE HEAD | DORNENREICH | CANDLEMASS! | finntroll

Einleitung

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“Das schöne am WITH FULL FORCE ist, dass es so unstressig ist!”, bringt es vampi auf den Punkt. Wie erhofft – und wie wir es auch erwarteten, knüpfte das WFF im Jahre 2002 genau an die Entwicklung der letzten Jahre an, das heißt: Abwechslungsreiches Programm, nette Leute, friedliche Security (oder war es anders rum?), ein staubiges, großzügiges Gelände und jede Menge Spaß! Die Organisation war wie immer Top, die Anzahl der Dixis ausreichend, die Getränkepreise erträglich und das Angebot an verschiedenen angebotenen Speißen groß. Zu unserem großen persönlichen Bedauern konnte der Erdbeerbowle-Stand in Bühnennähe leider nicht den Qualitätsstand des Vorjahres halten, ein paar Erdbeeren mehr im Glas wären durchaus angemessen gewesen! 😉

Nach der großen Wasserschlacht im Vorjahr, als die örtliche Feuerwehr mit einem Löschwagen vor der Bühne für Abkühlung und frisch gewaschene Haare sorgte, haben sich die Veranstalter dieses Jahr etwas anderes einfallen lassen, das so zwar nicht geplant war, trotzdem ein kleines Highlight des Festivals wurde: die Heuschlacht. Um den massiven Staubwolken vor der großen Bühne Herr zu werden, ließen die Veranstalter am frühen Samstag morgen große Mengen an Heu vor die Bühne karren – neben dem erwünschten Entstaubungseffekt hatte das natürlich einen weiteren zur Folge: Die Meute wurde zu Heuschlachten regelrecht animiert – so flogen dann bei einigen Bands auch gleich mehrere Ladungen Heu auf die Bühne, was für manch witzige Zwischeneinlage sorgte.

Musikalisch gab wie gewohnt die volle Bandbreite, vom DEAD KENNEDYS Reunion-Gig über blutiges HAEMORRHAGE-Gemöhre, von der gewollten J.B.O.-Spaßeinlage über die unfreiwillige IMMORTAL-Spaßeinlage (inklusive auf die Bühne geworfener Plüschtiere) bis zum ZIMMER´S HOLE Flammeninferno – zu Sehen und Hören gab es reichlich, und das ist auch genau das, was das WITH FULL FORCE so spannend und abwechslungsreich macht und weshalb man so gerne nach Roitzschjora kommt – hier steht der Altpunk neben dem Nu-Metaller und keiner stört sich am andern.

Auch in diesem Jahr war das WITH FULL FORCE eines der wenigen Events, bei dem es überhaupt nichts zu meckern gibt, von wiederholten Auftritten einiger Bands mal abgesehen, aber das ist wohl der Segen der Hard Union, mit dem man sich abfinden muss.

Kommen wir aber langsam mal zu den Bands…

Freitag

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SUBSTYLE

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Mit SUBSTYLE nahm das With Full Force einen gelungenen Anfang, da die Jungs mit ihrem wohl am ehesten Nu Rock zu titulierenden Soundgebräu durchaus zu überzeugen wussten. Noch bevor man sich richtig bewusst war, dass man nun auf ´nem Festival ist, begann man schon mitzuwippen. Es gab nichts Widerspenstiges in der Musik von SUBSTYLE, was zwar auf Platte vielleicht hier und da als Gesichtslosigkeit ausgelegt werden könnte, aber als Festivalauftakt funktionierten die zwischen Grunge und Nu Metal angelegten Kompositionen mit den Ohrwurmrefrains wundervoll, so dass einige die erste Erkundung des weitläufigen Festivalgeländes auf später verschoben, um SUBSTYLE ihre volle Aufmerksamkeit zu widmen. Und so war der Appetit auf weitere Leckerbissen musikalischer Natur geweckt… (Rachendrachen)

ARCH ENEMY

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Deutschlandpremiere für ARCH ENEMY in neuer Besetzung – und um das Fazit vorweg zu nehmen, die Premiere war gelungen. Frontfrau Angela Gossow, die sich sichtlich freute, endlich mal Ansagen auf deutsch machen zu können, ist für mich ganz klar die Gewinnerin des diesjährigen With Full Force. Es ist schon erstaunlich, was sie aus ihren Stimmbändern rausholt, dermaßen derbe Death Metal Vocals erwartet man kaum von einer so zierlichen Person. Statt übertriebenem Posing und affektiertem Getue bot Angela eine durchweg überzeugende Show, die äußerst natürlich und sympathisch rüberkam. Auch die unvermeidlichen „Ausziehen“-Rufe konterte sie treffsicher, indem sie dasselbe von den Herren im Publikum verlangte, allerdings gleich darauf hinwies, dass sich vermutlich keiner für nackte Jungs interessieren dürfte. Der Rest der Band präsentierte sich routiniert, sprühte aber gleichzeitig vor Spielfreude. Profis wie Sharlee D´Angelo und die Amott Brüder sind vermutlich eh für ein Leben auf den Bühnen dieser Welt geschaffen. Songs wie „Enemy Within“ oder „Heart Of Darkness“ wissen schon auf Wages Of Sin zu gefallen, doch ARCH ENEMY überzeugen auch live. Mit zwei alten Tracks, „The Immortal“ und „Bury me an Angel“, ein Song vom ersten Album, mit dem ich nie gerechnet hätte, bewies Angela obendrein, dass sie auch mit den älteren Stücken der Band problemlos klarkommt.

(vampi)

CANNIBAL CORPSE

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Den Auftritt von CANNIBAL CORPSE als langweilig zu bezeichnen, wäre sicherlich ungerecht – andererseits war es eben wie immer. Solide, technisch perfekt, brutal – aber Aha-Effekte fehlten völlig. Die vorderen Reihen ließen sich davon allerdings nicht beirren und so stiegen die ersten großen Staubwolken an diesem Festivalwochenende in den Himmel über dem With Full Force. Die Situation erinnerte an eine Zeitreise, denn vor zwei Jahren sah es ähnlich aus – und auch wenn die Band konzentrierter wirkte als 2000, und sich die Songauswahl natürlich verändert hatte, weiß man eben, was die Kannibalen auffahren: Propellerbanging ohne Unterlass, sauber runtergeholzte Songs (sie spielen eben das, was sei spielen dürfen), unmenschliches Vocalgegurgle von Corpsegrinder, eine Show ohne Firlefanz und unnötige Effekte. Dass die etwas komplexeren Songs vom aktuellen Album Gore Obsessed live Krachern wie „Disposal Of The Body“ in punkto Brutalität nichts nachstehen, stellte der Opener „Savage Butchery“ eindrucksvoll unter Beweis. Vor der Bühne war jedenfalls die Hölle los, und trotz einer gewissen Gleichförmigkeit, die ich bei CANNIBAL CORPSE live zu bemerken glaube, stellten die Amis alle Blutdrüstigen zufrieden.

(vampi)

D.R.I.

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20 Jahre D.R.I. Jubiläum? Wow! Ich bin dann seit genau 10 Jahren dabei, denn das damals aktuelle Album „def´-i-ni´-tion“ und das coole Video von ‚Acid Rain’ hatten mich vom Fleck weg begeistert. Seitdem war nur noch ein weiteres, relativ unspektakuläres Werk „Full Speed Ahead“ erschienen. Und das ist auch schon sieben Jahre her. Wer also hat noch ernsthaft an die Existenz der DIRTY ROTTEN IMBECILES geglaubt? Aber der Gig unter dem Hardbowl Zelt belehrte eine ordentlich angewachsene Meute eines Besseren. Seit die Exil Texaner (gegründet wurden D.R.I. 1982 in Houston) mit ihrem frühen chaotischen Meisterwerk „Dealing With It“ 1985 einen Punk/Metal Crossover Meilenstein setzten, haben die Jahre natürlich ihre Spuren hinterlassen. Jetzt passt der Bandname umso besser, denn bei Harald Oimoen am Bass war ich mir nicht sicher, ob die Gene Simmons Maske, die er sich anfangs des Sets aufsetzte furchteinflößend war, oder sein eigenes Gesicht. Gut, dass D.R.I. keine Boygroup sind, sondern durch ihre Musik glänzen und durch ihre energiegeladene Stageshow. Harald machte Betrieb ohne Ende. Daneben auch Gründungsmitglied Kurt Brecht, mit seinem ausdrucksstarken Sprechgesang ständig in Bewegung und ganz links Mainman Spike Cassidy an der Gitarre. Der Schwerpunkt der Show lag bei den Frühwerken und zollte damit entgegen den späteren Thrash Alben eindeutig dem hardcorelastigen Material Tribut. ‚I’d Rather be Sleeping’ ‘Mad Man’ ‚ ‘Argument Then War’, ‘Couch Slouch’ und das göttliche ‘Violent Pacification’ waren da nur wenige von vielen Songs in einer Setlist, die auf der Bühne drei Din A 4-Seiten benötigte, um alle Titel zu beherbergen. Vom letzten Album, dass von Kurt immer noch als „aktuelles Album“ vorgestellt wurde, kamen ‚Who Am I’ und ‚Down To The Wire’ zum Zug. Jeder der D.R.I. kennt, weiß dass bei dieser Band eine große Anzahl an Songs nicht unbedingt mit einer langen Spielzeit gleichzusetzen sind (Beispiel „Dealing With It“: 25 Songs, 34 Minuten Spielzeit). Deshalb war pünktlich nach 35

Minuten Schluss.

(Jens Koch)

HYPOCRISY

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Die Veteraten um Peter Tägtgren nutzten ihre Spielzeit zum Glück nicht dazu, das neue Album „Catch-22” übermäßig zu promoten, sondern spielten das, was von ihnen erwartet wurde: Die komplette Hitliste von „Roswell47“ über „Pleasure of Molestation“, „Buried“ bis zu „Fire In The Sky“ und „The Final Chapter“ plus „A Public Puppett“ und „Don’t judge me“, damit auch was neueres in der Setlist stand. Tägtgren wirkte erstaunlich fit und ausgeruht, und auch seine Kollegen wirkten frisch und motiviert. Es stellt sich jetzt nur die Frage, was man zu einem solchen Standardauftritt noch groß schreiben soll – auch HYPOCRISY boten eben kaum Überraschungen. Wer die Band mittlerweile ein paar Mal gesehen hat, vermisst vielleicht etwas Abwechslung – wobei HYPOCRISY es durchaus verstehen, den Bogen zwischen alten, derben Death Metal Stücken über die melodiösen, wuchtigen Midtempotrack bis zu den neuen Titel zu spannen. Egal, welcher Song aus welcher Zeit, irgendwie war immer klar, dass da die Band HYPOCRISY auf der Bühne steht, die eine nachvollziehbare Entwicklung mitgemacht hat.

(vampi)

ROB HALFORD

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Über einen HALFORD Gig muss man eigentlich nicht mehr viel schreiben. Seine Show läuft mittlerweile so routiniert ab, dass sich kaum Unterschiede in der Auswahl und Performance der Songs ausmachen lassen. Wen also genau das interessiert, der kann auch auf unseren Bang Your Head Bericht zurückgreifen. Entgegen dem Bang Your Head hatten wir es auf dem With Full Force allerdings mit einem ungleich besser gelaunten ROB HALFORD zu tun. Die Enttäuschung von dem energie- und lustlosen fast schon fanverarschenden Stageacting eine Woche zuvor in Balingen steckte noch tief in den Knochen. Viele Fans hatten von dem dünnstimmigen, langweiligen und arroganten ROB HALFORD gehört, der scheinbar keine Ansagen für nötig hielt und nur sein Pflichtprogramm ableistete. Andere hatten es (ich erkannte einige Gesichter vom BYH wieder) miterlebt und schauten von der ersten Minute an skeptisch, reckten Mittelfinger gen Bühne oder drehten sich obligatorisch mit dem Rücken zur Bühne. Dass er auch anders kann, bewies ROB HALFORD auf dem WFF und machte verlorenen Boden wieder gut. Seine Stimme konnte zwar bei den hohen Passagen zu keinem Zeitpunkt an alte Priest Aufnahmen heranreichen, doch ein gelegentliches Lächeln, ausgeprägte sympathische Ansagen und die guten Songs lassen locker darüber hinwegsehen. Es geht also doch! Rob traute sich sogar erstaunlich weit von seinem Telepromter weg (der ihm die Texte anzeigte), schnitt Grimassen für die laufenden Kameras, besuchte regelmäßig seine Mitmusikanten (sogar hinter dem Drumpodest verschwand er für kurze Zeit) und bewies somit, dass er seine 30-jährigen Bühnenerfahrung doch nicht vergessen hatte. Ein Metalgott ist er durch seine Defizite bei seiner Stimme zwar nicht mehr und Judas Priest würden bei einer evtl. Reunion wirklich den schlechteren Sänger wählen, den durchs BYH zurecht verursachten schlechten Ruf konnte der Birminghamer aber halbwegs wieder ausbügeln.

(Jens Koch)

4LYN

4LYN

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4LYN mögen keine Musikjournalisten, was daran liegen mag, dass die meistens 4LYN auch nicht mögen. So richtig kalt lassen sie die Kritikstürme jedoch auch nicht, weshalb die Ansagen immer wieder in Richtung Journaillenschelte abdrifteten. Tja, da drehe ich den Jungs glatt ´ne lange Nase, ich fand ihren Auftritt nämlich dennoch ziemlich gelungen. Angesichts der erschienenen Anzahl Fans – das Zelt war voll – und der munteren Mischung aus fetten Grooves und ruhigeren, gelegentlich beinahe psychedelischen Parts sollte die Band mehr Selbstvertrauen aufbauen und sich nicht mit kleinlichem Hickhack abgeben. Die Fans fraßen der Band jedenfalls aus der Hand und nahmen dankbar jeden Song zum Anlass, munter durch´s weite Rund des Zelts zu hüpfen, erst recht, als der Sänger die „Mosesaktion“ von STAMPIN´ GROUND vom letzten Jahr übernahm. Klar, noch sind einige der Songs im Programm von 4LYN Stückwerk, vieles wirkt unfertig und ungenau arrangiert, aber jeder Teil für sich offenbart durchaus das Potential, nach dem eh schon vorhandenen Erfolg fortan mit exquisiten Nu Rock/Metal-Kompositionen sich dauerhaft an der Spitze der nationalen Kängururockszene zu etablieren. Und dann klappt es sicherlich endlich auch mit dem Musikjournalistenpack, hehe…

(Rachendrachen)

DEAD KENNEDYS

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Die DEAD KENNEDYS waren die wichtigste Hardcore Punkband der US Westcoast. Sie lösten sich 1986 auf, weil sich der Punk in den USA totgelaufen hatte. Es war alles gesagt und getan. Kompromisslos, konsequent! 2001 tauchten sie wieder auf und zwar leider ohne Sänger und lebende Legende Jello Biafra! Was sollte man also davon halten? Der Versuch mit dem Namen ein letztes mal Geld zu machen? Oder ist es wieder Zeit für engagierten Polit Punk? Was ist mit den neuen Generationen, denen die DEAD KENNEDYS noch nie ihre Botschaft live präsentieren konnten? Ich kann dazu nur eins sagen: In Zeiten von George Bush jr. und Edmund Stoiber ist die Botschaft der Band zu wichtig, um sie einfach nur auf ein paar Re-Releases anzubieten. Ich war sehr froh, die alten Klassiker live zu erleben und die linksdemokratischen Botschaften voller Enthusiasmus mitzubrüllen. Jello-Ersatz Brandon Cruz (selbst ein Punk der ersten Stunden) machte seine Sache hervorragend. Die Band kickte Ass! Genau aus diesem Grund kann ich Fans nicht verstehen, die sich in die erste Reihe stellen, mit ausgestreckten Mittelfinger gen Bühne zeigen, leere Becher auf die Bühne werfen oder gar Banner mit „DK without Jello: Fuck You!“ hochhalten. Was soll das? Jello Biafra ist eine wirkliche Persönlichkeit, Starruhm hat er deshalb aber noch lange nicht verdient. Das ist fast schon beleidigend. Dieses Fanverhalten passt zu Bravolesern, aber nie und nimmer zum Punkrock!!! Die Botschaft und die Musik sind wichtig, nicht aber einzelne Individuen! Und die Berechtigung, die DK Songs zu spielen hat die Band, denn bis auf den Sänger, sind mit East Bay Ray, Klaus Flouride und D.H. Peligro alle Mitglieder des klassischen Line-Ups dabei. Die Mehrheit des WFF Publikums dachte gottseidank wie ich, so dass die Kritiker schnell verstummen mussten. Die alten Songs der Vinylsingles ‚Police Truck’, ‚Too Drunk To Fuck’, ‚California über alles’, ‘Nazi Punks Fuck Off’, ‚Kill The Poor’ und ‘Holiday In Cambodia’ ließen gar nichts anderes zu, als lautstarken Support! Die Elvis Adaption ‚Viva Las Vegas’ zündete zwar nur halbwegs und auch das Stageacting der Band wirkte etwas schüchtern, aber überraschenderweise brachte gerade Brandon Cruz dem unvoreingenommenen Zuschauer die größte Sympathie rüber. Der Johnny Rotten Lookalike ließ es sich nicht nehmen, zum Ende des Sets hin, sein Mikro geistesabwesend aber taktgenau an seine Stirn zu klopfen, bis die Haut weggescheuert und blutdurchtränkt war. In den 50 Minuten Spielzeit lieferten die DEAD KENNEDYS einen überaus gelungenen Gig ab, der allerdings in einem dunklen Club sicher noch viel mehr Punk Credibility versprüht, als auf einem Festival bei Tageslicht.

(Jens Koch)

NO MEANS NO

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NO MEANS NO gehören für mich zu den bemerkenswertesten Bands der gesamten Szene. Ihre eigenwillige Mischung aus Jazz, Rock und Punk ist einzigartig und ein Konzert der Jungs aus Kanada wirkt auf mich jedes Mal wie ein Kampf zwischen Band und Publikum. Bei ihrem WITH FULL FORCE-Auftritt haben sie auf ihr Publikum allerdings etwas Rücksicht genommen, so gab es keine über 10 minütige, nervenaufreibende Version von „Kill Everyone Now“ und auch der Lautstärkeregler wurde nicht in wahnwitzige Lautstärken hochgeschraubt – trotzdem versprühte der Gig diese freakige Atmosphäre, die man sich von dem 1981 in Victoria gegründeten Trio live wünscht. Wie gewohnt war die Anordnung auf der Bühne im „Jazzstyle“, so dass man durch die Aufstellung des Schlagzeugs am rechten Bühnenrand quer zur Bühne stets eine gute Aussicht auf das nicht nur hörens- sondern auch durchaus sehenswerte Drumming hatte. Die Brüder Rob und John Wright and Bass und Schlagzeug sorgten zusammen mit ihrem Gitarristen, dessen Name von Album zu Album nachwie vor variiert, für ausgelassene Stimmung und besonders die alten Stücke wurden von den zwar nicht besonders zahlreichen, dafür aber umso treueren Fans begeistert aufgenommen. Auf dem Programm standen ´Sex Mad´, ´I´m an Asshole´, ´The Valley Of The Blind´, das zu ersten Tanzausbrüchen verleitende ´Rags and Bones´, bevor es mit ´Oh No, Bruno´, ´The River´ und ´Now´ schon wieder viel zu schnell dem Ende zu ging. Nach dem sich die Meute ausgiebig ausgetobt hatte, verabschiedeten sich NO MEANS NO mit der ergreifendsten und wehmütigsten Version von Neil Youngs „Hey Hey, My My“, die ich jemals gehört habe. Diesen Song widmeten die Kanadier dem kürzlich verstorbenen Dee Dee Ramone, womit NO MEANS NO ihre Fans mit einem freudestrahlenden und einem weinenden Auge in die Nacht entließen.

(boxhamster)

BIOHAZARD

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Vielleicht hätte man als Backdrop für den BIOHAZARD einen riesigen Kalender hinhängen sollen, der anzeigt, dass wir sehr wohl das Jahr 2002 schreiben. Beim Set der Brooklynrüpel konnte das nämlich leicht vergessen werden, denn sie spielten fast ausnahmslos Songs ihres mittlerweile auch schon zehn Jährchen auf dem tätowierten Buckel habenden Erfolgsalbum „Urban Discipline“. Neben dem Titeltrack kamen u.a. „Shades of Grey“, „Wrong Side of the Tracks“, „Black and White and Red All Over“, die BAD RELIGION-Coverversion „We´re Only Gonna Die“ und der ewige Hit „Punishment“ zum Einsatz. Klar, darauf wartet man bei einem BIOHAZARD-Konzert im Angedenken an die wilden Liveshows der Band im Vorprogramm von KREATOR damals, als mehr Leute auf der Bühne sich zum Diven anstellten als Typen zum Auffangen im Zuschauerraum übrig waren. Doch zugleich war es irgendwie auch ziemlich traurig mit ansehen zu müssen, wie langsam in die Jahre kommende lebende Tattoostorewerbeprospekte noch immer vom einmaligen Erfolg von vor einer Dekade zehren müssen, um die Massen mitzureißen. Bei den wenigen Songs vom seitherigen Schaffen herrschte denn auch eher Flaute im Moshpit, während bei den ollen Gassenhauern reger Flugverkehr auch abseits des Flugfeldes Roitzschjora vermeldet werden konnte. Insgesamt ein Auftritt, der die Band warnen sollte, endlich wieder an vergangene Glanztaten anzuknüpfen und ihr Potential (so gehört ihr Drummer beispielsweise nach wie vor zu den besten seines Faches…) beim Songwriting voll auszuschöpfen. Ansonsten droht der Absturz in die endgültige Belanglosigkeit, denn BIOHAZARD sind knapp davor, den in ihren Texten so oft eingeforderten Respekt zu verspielen.

(Rachendrachen)

SLAYER

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Des einen Freud, des anderen Leid. Schon wieder SLAYER – nachdem die Amis bereits das With Full Force 2000 in Schutt und Asche gelegt hatten und eine Woche zuvor beim Bang Your Head für offenstehende Münder sorgten, war es am Freitag wieder so weit: Die Headliner wurden ihrem Status vollkommen gerecht, und einmal mehr zeigten sie, dass man für eine beeindruckende und mitreißende Show nicht mehr braucht, als eine perfekt aufeinander eingespielte Band, eine dezente, aber wirkungsvolle Lightshow, guten Sound und natürlich gute Songs. Von letzterem haben SLAYER genug, um genau deshalb frage ich mich, warum „Stain Of Mind“ denn noch immer in der Setlist steht. Mal ehrlich, wer will den Song schon hören?! Nun ja, sie spielen den Song halt und wenn es sonst nichts zu meckern gibt, kann man sich eigentlich glücklich schätzen. War ich auf der Hallentour im letzten Herbst noch richtig begeistert von Paul Bostaph, der damals so viel Spaß beim Spielen hatte, dass sofort klar war, wer der größte SLAYER Fan auf dieser Welt ist, so wurde in Balingen und noch mehr in Roitzschjora deutlich, wem der Drumhocker bei SLAYER eigentlich gebührt. Was Dave Lombardo an diesem Abend spielte, war nicht von dieser Welt. Da interessiert es wirklich keinen mehr, warum er wieder bei den Herren King, Hanemann und Araya eingestiegen ist und was er in der Vergangenheit über sie gesagt hatte. Offenbar war Lombardo langweilig, denn er spielte die Songs entweder schneller (!) oder baute hier und da einfach noch ein paar neue Parts in sein Drumming ein – unglaublich. Da war es auch egal, welche Songs dermaßen veredelt wurden – neue Tracks wie „Disciple“ oder „Bloodline“ waren an diesem Abend nahezu gleichwertig mit Klassikern wie „Dead Skin Mask“ oder „Reign In Blood“. Bei SLAYER sitzt jeder Ton, Tightness und Präzision hat drei Namen: King, Hanemann und Lombardo – da passt jedes Solo, da donnert jedes Riff doppelt verstärkt aus den Marshall Türmen. Bei so viel Power braucht es einfach keine zusätzlichen Effekte und so vertrauten SLAYER wie seit langem auf eine minimalistische Show. Licht und Sound sind beeindruckend genug, da braucht man einfach kein Gehampel auf der Bühne, da reicht stoisches Headbangen rechts und links, und ein paar dezente Ansagen und Dankesbekundungen von Araya. Umwerfend. SLAYER sind einfach eine Macht und gehören zu dem besten Livebands überhaupt. Das wussten auch die vielen, vielen Fans, die den ganzen Tag auf die Band gewartet hatten und sie mit verdientem Jubel empfingen, durch das Set begleiteten und natürlich stürmisch Zugaben forderte. Nach „South Of Heaven“ und „Angel Of Death“ war es dann leider wieder an der Zeit, die Besinnung zurückzugewinnen – doch so ganz verkraftet habe ich diese Show noch immer nicht.

(vampi)

GRAVE

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Oh, Mann, ich hätte nie gedacht, dass der Bandname dieser Deathmetallegende aus Gotland mal den besten Aufenthaltsort für sie bezeichnen würde. Zu genial waren die beiden ersten ungestümen Alben, auf denen bis dahin noch ungehörte tiefe Schreie und straightes Geballer sich zu einem tödlichen Cocktail vereinigten, der aus „Into the Grave“ und „You´ll Never See…“ Klassiker des rohen, ursprünglichen Deathmetals vor der Inflamesisierung der Szene machte. Doch Sänger/Bassist Jörgen Sandström wechselte nach dem flaueren Drittwerk „Soulless“ zu ENTOMBED, während Gitarrist Ola und Drummer Jensa (nein, ich suche jetzt nicht den komischen Kringel auf dem A 😉 ) nach „Hating Life“ in der Versenkung verschwanden. Nun sollten also auch sie vom Reunionsfieber ausgebuddelt werden, und nach dem eindrucksvollen Auftritt von UNLEASHED beim letztjährigen With Full Force“ hatte ich dezent gehofft, wiederum einer Bombenshow beiwohnen zu dürfen, immerhin war die letzte von mir besuchte GRAVE-Show schon so an die zehn, elf Jahre her und dennoch als packendes Erlebnis nach wie vor präsent. Doch schon zu Beginn der Umbaupause stellten sich die ersten Fragezeichen ein: Wo waren Jensa und Jörgen? Lediglich Ola war inmitten dreier kurzhaariger Bubis auf der Bühne zu erkennen. Nachdem der zweite Gitarrist seine Gitarre lange nicht zum Klingen gebracht hatte, konnte es endlich losgehen, und noch hoffte ich darauf, positiv überrascht zu werden. Doch es kam so dick, wie ich es mir in meinen schlimmsten Träumen nicht ausgemalt hatte: Ola hatte die Leadvocals übernommen, was im Verhältnis zu Jörgens Mörderorgan nicht mehr als ein laues Lüftchen war, sein Kollege an der in den Keller gestimmten Sechssaitigen bekam nach wie vor keinen Ton aus seinem Instrument raus, bis er in den cleanen Kanal wechselte…wie das bei Deathmetal der alten Schule klingt, darf sich jeder selbst ausmalen… und der Drummer, der den trotz seiner simplen Patterns originellen Jensa ersetzt hatte, kämpfte mehr mit seinem Instrument, als dass er es beherrschte. Ständig schepperte hier ein Ridebecken unaufgefordert mit, klapperte da ein Crash außerhalb aller Taktmaße. Der Kollege am Bass gab kein besseres Bild ab, mit knapp unter dem Kinn klebendem Bass zupfte er einstmals so brachiale Monstersongs wie „You´ll Never See…“, „Morbid Way To Die“ und „Extremely Rotten Flesh“ emotions- und hilflos runter. Und kaum wünschte man sich, die Karikatur eines Songs wie „Deformed“ würde ein Ende nehmen, bereute man diesen Wunsch auch schon wieder, da Ola den Anschein machte, das Desaster vorgeahnt zu haben und sich ausreichend Alk eingebaut zu haben, um einen feinen Filmriss hinzubekommen und sich nicht mehr an diese schaurige Zerstörung einer Legende erinnern zu müssen. Sein Beitrag zur Kommunikation mit dem Publikum bestand darin, das nach einer Weile unfreiwillig komisch wirkende „How the fuck are you doing?“ und „So you like the old stuff, huh?“ abwechselnd ins Mikro zu brünften – besonders bizarr, wenn letzterer Ansage ein unbedeutender, langweiliger Song vom „Soulless“-Album oder der neue, unspektakuläre Track „No Regrets“ (solltet ihr aber haben nach diesem Auftritt, Jungs!) folgte, während auf die wirklich großen Songs wie „Christi(ns)anity“, „Day of Mourning“, „Hating Life“ und die Bandhymne „Into the Grave“ verzichtet wurde. Entsprechend peinlich fand der Auftritt denn auch ein Ende, als der Stagemanager das Ende der Spielzeit anzeigte und Ola davon völlig überrascht war, da er dachte, die ewige Bastelei am Gitarrenamp würde nicht von der Spielzeit abgezogen. Widerwillig verließen die Schweden die Bühne, um plötzlich noch mal aufzutauchen und ein letztes Stück anzukündigen, nur um dann doch endgültig von der Bühne geworfen zu werden. Da gibt es in jedem Jugendzentrum um die Ecke definitiv professionellere Acts! Traurig, einfach nur traurig!

(Ein bitter enttäuschter Rachendrachen)

Samstag

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HEAVEN SHALL BURN

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Die junge Band war wohl selbst überrascht, wie gut sie zu recht früher Stunde beim Publikum ankam. Jedenfalls ließ es sich Sänger Marcus nicht nehmen, sich wortreich für die tollen Reaktionen bedanken. Nun, die Sache ist einfach: Ehre, wem Ehre gebührt. Der Platz vor der Bühne füllte sich nach und nach mit Neugierigen, und da man sich der Power und Spielfreude von HEAVEN SHALL BURN kaum entziehen konnte, entwickelte sich bereits bei der zweiten Band des Tages richtig Stimmung vor der Bühne. Irgendwo zwischen Hardcore und Death Metal liegen die Songs, irgendwo zwischen Hardcore und Death Metal liegt das Stageacting der jungen Band. Mit Songs vom aktuellen Album „Whatever It May Take“ und ein paar älteren Stücken holten HEAVEN SHALL BURN das beste aus ihrer Position im Billing raus und überraschten nicht nur mich mit einer energiegeladenen Show, mit der sie so manche „Kult-Band“ bei diesem Festival locker an die Wand spielten. Besonders beeindruckend war die Mörderversion von „The Martys´ Blood“, wer noch mit dem Schlaf kämpfe, war danach ganz bestimmt wach. Bei so viel Spielfreude und Spaß an der eigenen Musik kam trotzdem etwas Ernst durch, so widmeten die Jungs einen Song der „Good Night White Pride“ Bewegung.

(vampi)

HAEMORRHAGE

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Kaum zu glauben, aber Spaniens Guts n´ Gore Export schaffte es tatsächlich, dass wir den Tatort des Gemetzels mit einem fröhlichen „I’m a pathologist“ auf den Lippen verließen. Ob das Ganze denn nun musikalisch gesehen besser oder schlechter als der Grindcore/Death -Durchschnitt war, kann jeder für sich entscheiden. Mich langweilen HAEMORRHAGE auf CD jedenfalls – ganz im Gegenteil zu diesem kurzweiligen Liveauftritt. Blutverschmierte Laborkittel und ein OP-Gewand mit passendem Mundschutz als Bühnenoutfit zogen zunächst die Blicke auf die Musiker – bis der Sänger auftauchte. Über und über mit Kunstblut beschmiert verspritze Lugubrious selbiges bis in die ersten Reihen und kündigte in unbeschreiblichem Spanisch-Englisch Songs wie „Mortuary Riot“, „Decom-posers“, „Anatomize“ und ungefähr achtzig weitere Songs, in den alle die Worte „Anatomy“ „Pathology“ oder sonstige Leckereien vorkommen an. Dieser Blick! Diese ständig angedeuteten Vivisektionen am eigenen Körper! Den Bandkollegen war es irgendwann zu warm und sie legten ihr Metzgersoutfit ab – wobei ich mich wirklich frage, ob der Arbeitgeber von Gitarristin Ana weiß, was sie in ihrer Freizeit treibt, denn eigentlich sieht sie doch eher unschuldig und harmlos aus…
Lugubrious hingegen stierte weiterhin mit einem komplett irren Blick ins Publikum, schnitt Grimassen, und zweckentfremdete das Mikro als Rasierklinge, um dann genüsslich an seinen blutbeflecktem Arm rumzuschlabbern. Trotz viel Show verkam der Auftritt nicht zum puren Comedy Act, sondern schaffte die Balance zwischen Parodie und Freakshow, und nach dem Auftritt war mir auch klar, warum so auffallend viele Leute in HAEMORRHAGE Shirts über das Festivalgelände latschten.

(vampi)

RUMBLE MILITIA

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Aus irgendwelchen technischen Gründen konnten die Bremer Musikanten ihren Set erst später als geplant beginnen. Und von der ersten Minute an war ein gewisses Chaos allgegenwärtig. Die Band kam mir vor, als hätte man ihr erst ca. 5 Minuten vor dem Gig gesagt, dass sie gleich einen Auftritt haben. Dabei war die Combo eine meiner Favoriten auf dem diesjährigen With Full Force. Ähnlich wie bei D.R.I. war von ihnen jahrelang nichts zu hören. Ihren Höhepunkt hatten RUMBLE MILITIA mit ihrer 91er Platte „Stop Violence And Madness“ erreicht. Ein Album, dass ich auch heute noch gerne auflege. Hauptsächlich weil die musikalische Reife bei der Rumble Family Einzug gehalten hatte und den sozialkritischen Texten dadurch ein starkes anspruchvolles Fundament, eingebettet in einen bärenstarken „Morris“-Sound gegenüberstand. Zu meiner Freude basierte der gesamte Gig bis auf wenige Ausnahmen auf diesem Album. Staffi, früher so gut wie nie ohne Nietenjacke zu sehen stand in Latzhose auf der Bühne und schien, als wolle er lieber den Bühnenboden aufwischen, anstatt das RM Comeback zu feiern. Er machte erst überhaupt keine und später wirklich dünnbrüstige Ansagen. Erst zum Ende des Sets änderte sich das, als die Band noch einige Minuten geschenkt bekam. Die Anti-Stoiber Ansage war höflich, aber eindeutig. Und ich bin mir nicht sicher, ob das anschließende ‚No Nazis’ auf Stoiber beziehend nicht bei manchen in ‚No Bazis – no way’ umgetextet wurde. Abschließend kann ich aber sagen, dass dieser Gig nicht mehr war als eine öffentliche Probe und hoffentlich kein Omen für die Zukunft von RUMBLE MILITIA.

(Jens Koch)

PUNGENT STENCH

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Ansagen im Wiener Dialekt a la „Vielen Doooongg firs kommen, ihr Buben und Mädels“ ließen zwar die Mundwinkel nach oben rutschen, doch ansonsten war dieser Auftritt eher zum Heulen. Das österreichische Trio wirkte unmotiviert und vollkommen lustlos. Man weiß jetzt zwar, dass Priester unter ihrer Soutane gerne mal in knappe Hot Pants schlüpfen und ihren Körper mit Ledergewurschdl umwickeln, doch auch die Ausziehaktion vor „True Life“, mit der sich die Priester auf der Bühne ihrer Berufsbekleidung entledigten und das SadoMaso Outfit beziehungsweise normale Klamotten zur Schau stellten, konnte den schlechten Eindruck nicht bessern. Don Cochino und Reverend Mausna wirkten von Song zu Song verlorener auf der Riesenbühne und bemühten sich auch nicht groß, die Leere mit Bewegung zu füllen. „For God your soul, for me your flesh“ forderten PUNGENT STENCH – doch ob sie eben das verdient haben, ist fraglich. Dass man nicht ewig von den Lorbeeren vergangener Tage leben kann, bewies dieser Auftritt. Songs wie „Klyster Boogey“ oder „Viva La Muerte“ kamen bei ein paar eingefleischten Fans zwar gut an, doch so richtig zufrieden war mit dieser Show wohl niemand – die Band hoffentlich auch nicht denn das ganze war ungefähr so spannend wie das Wort zum Sonntag.

(vampi)

M.D.C.

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Nach der – mehr oder weniger – enttäuschenden Performance von RUMBLE MILITIA hatte ich gerade erst Blut geleckt und wollte mehr. Mehr Punk! Mehr Harcore Punk! Und M.D.C. – die MILLIONS OF DEAD COPS, MILLIONS OF DEAD CHILDREN, MILLIONS OF DAMN CHRISTIANS oder zuletzt MILLIONS OF DEAD COWBOYS, wie sie sich u.a. in ihrer Karriere nannten, waren die Vollbedienung in diesem Genre. Das nenne ich Punk: Ungezügelte Aggressionsattacken auf der Bühne, Geräuschkulissen, die in wenigen Sekunden niedergebrannt werden. Ab und zu ein Song mit mehr Struktur zum mitgrölen und Musiker, die aussehen, als wären sie gerade aus der Polithaft entlassen worden. Keine milchbübigen Pop-Punker, sondern vom Leben gezeichnete Anarchos mit der ungezügelten „Jetzt erst Recht“ Attitüde. M.D.C. – eine Band, die genau wie die DEAD KENNEDYS und D.R.I. in San Francisco beheimatet sind und die Bay Area Punk Szene der 80er mitdefiniert hat. Leider kenne ich kaum Material der Band (wird umgehend aufgearbeitet – versprochen). Die von den Ansangen in Erinnerung gebliebenen Songs ‚John Wayne was a Nazi’, ‚Radioactive Chocolate’, ‚Violent Redneck’ und ‚Chicken Squawk’ (mit witziger Hühner Imitation durch die Musiker) bliesen mir aber dermaßen vor den Helm, dass ich M.D.C. kurzerhand zum Überraschungserfolg des Festival ernenne.

(Jens Koch)

SUBWAY TO SALLY

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Gleich zu Beginn die ketzerische Frage: Wieso wurde diese Band nicht als Headliner verpflichtet? Klar, MOTÖRHEAD in allen Ehren, aber als SUBWAY TO SALLY die Bühne enterten, war der Andrang schon am Nachmittag groß. Und die Band hatte bereits beim Feuertanz-Festival bewiesen, dass sie ihr Publikum über mehrere Stunden hinweg in ihren Bann ziehen kann. Die perfekte Balance aus Professionalität, Leidenschaft und Begeisterung für die eigene Musik prägte auch diesmal das Erscheinungsbild von Eric Fish alias Erich Hecht und seinen Kollegen. Sie ließen sich auch von der Tatsache, dass bei ihnen die GRAVE DIGGER zu verdankende Verspätung im Zeitplan wieder mittels Setkürzung eingeholt werden sollte, nicht aus dem Konzept bringen. Letztlich wagte es auch niemand, die abgefeierte Band vorzeitig von der Bühne zu holen, so dass immerhin eine Dreiviertelstunde intensiver Livemusik die Herzen der Anwesenden erfreuen konnte. Es war nun wahrlich nicht das erste Mal, dass ich SUBWAY TO SALLY live gesehen habe, oftmals auch unter besseren Bedingungen (Frau Schmidts Geige war über mehrere Songs hinweg nicht zu hören, danach brachte es der überforderte Mischer nicht fertig, Erics Tröte hörbar zu machen…), aber auch diesmal konnte ich mich dem Zauber der Band nicht entziehen. Wenn sie Henkersbräute, tätowierwütige Noch-Jungfern und den Gehörnten persönlich besingen, muss man sich einfach zur Musik bewegen, die Texte mitsingen und die Seele die reine Energie tanken lassen, die von diesem Ausnahmeact ausgeht, bei dem jeder Musiker selbst jedes Mal von neuem in den Songs aufgeht. Eric Fish springt, rennt und animiert das Publikum kontinuierlich, die Gitarristen unterstützen ihn dabei, und Frau Schmidt bestach an diesem Nachmittag mit einem ungewohnt gewagten, ganz in Schwarz gehaltenen Outfit, das so manch einem Festivalbesucher die kalte Nacht im Zelt mit zuckersüßen Träumen verschönt haben dürfte. Begonnen wurde das Set wie schon beim Feuertanz mit einer neuen, härteren Fassung von „Sag dem Teufel“, darauf folgten u.a. Songs wie „Kruzifix“, „Tag der Rache“ und zum Abschluss „Veitstanz“, bevor das Konzert viel zu schnell vorüber war. Wie eingangs erwähnt: Diese Band hat definitiv das Zeug dazu, bei einem Festival wie dem With Full Force ganz oben auf dem Billing zu stehen. Dann könnte man Lemmy auch mal eine WFF-Pause gönnen.

(Rachendrachen)

KREATOR

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Auf dem Festivalgelände kam ich kurz vor dem KREATOR Gig mit einigen Fans ins Gespräch, die mir durchweg bestätigten, KREATOR seien eine ihrer Lieblingsbands früher Jugend gewesen, doch irgendwann hätten sie das Interesse verloren. Daraufhin blieb mir nichts anderes übrig, als Werbung für die Band zu machen. Immerhin gehört das aktuelle Werk „Violent Revolution“ zum Besten, was die Band je veröffentlicht hat. Und die Liveperformance, besonders auf der „Hell comes to your town“-Tour setzte ein ebenbürtiges Pendant. Nach soviel Vorschußlorbeeren war ich sichtlich erleichtert, als dann KREATOR auf der Bühne meinen Empfehlungen gerecht wurden. KREATOR lieferten einen tighten Gig ab. Es war das erste Mal, dass Mille, Ventor und co. auf dem WFF spielten und die Freude über den massiven Fanzuspruch stand der gesamten Band ins Gesicht geschrieben. Mille ließ sich sogar auf wilde Heuweitwurfschlachten mit den Fans der ersten Reihen ein. War schon ein witziger Anblick, zuzuschauen wie die übelsten Thrash Granaten von der Bühne abgefeuert wurden und zwischendurch immer wieder Grashaufen, die sich zwischen Bühne und Mischpult angesammelt hatten, links und rechts von den Musikern landeten. Die Setlist war für die 45 Minuten Spielzeit perfekt gewählt. Die wichtigen Klassiker wie ‚Pleasure To Kill’, ‚Flag Of Hate’, ‚Extreme Aggression’ und die besten Songs der neuen Platte, z.B. ‚Reconquering The Throne’ oder ‚Servant In Heaven/King In Hell’ zerschmolzen zu einer Einheit. KREATOR gehören zu einer der Bands, auf die wirklich das Prädikat „alt aber (heute noch) gut“ passt.

(Jens Koch)

OOMPH!

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Guten Abend allerseits! Sänger Dero konnte definitiv einen Pokal für sein ausgezeichnetes Ballgefühl in punkto Heuballen einheimsen. Erst fing er beim Singen aus der Luft einen der wie schon bei den vorherigen Bands zahlreich aus dem Publikum gepfefferten Strohfetzen, um ihn mal eben zurückzufeuern, zum Abschied hingegen nahm er einen der Ballen volley. Selbst Günter Netzer hätte daran nix mehr bekritteln können. Nicht ganz so souverän präsentierte sich die Band trotz durchaus vorhandener Professionalität in musikalischer Hinsicht. Optisch war dank einheitlichen Klamotten und einer edlen Plexiglasgitarre (*sabberwillhaben!*) noch alles im grünen Bereich, auch wenn Vampi das Kängurustageacting der Buben bekritteln musste, hehe, musikalisch hingegen legte die Band ein weniger sicheres Händchen an den Tag. Zu viele Tracks ihres letzten, schwachbrüstigen Albums „Ego“ wurden aufgetischt, während das Meisterwerk „Wunschkind“ komplett unter den Tisch fiel. Vom ebenfalls exquisiten „Plastik“-Album kamen immerhin „Das weiße Licht“, „Fieber“ (ohne dass Nina Hagens Part übernommen wurde), „Kennst Du mich?“ und ein, zwei weitere Tracks zum Einsatz, doch insgesamt fehlte dem Set die Abwechslung und die Güte sowie der Tritt in den Hintern, den sie auf Platte oftmals schon gezeigt haben. Nichtsdestotrotz ein unterhaltsamer Auftritt für all jene, die bei hüpfenden Menschen nicht gleich Würfelhusten bekommen. (Rachendrachen)

MOTÖRHEAD

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Vor kurzem las ich ein paar Zeilen über MOTÖRHEADS Tour in Canada, Anfang der 80er. Damals begrüßte Lemmy seine Vorband mit einer Flasche Wodka und einem Beutel Speed. Gitarrist „Fast Eddie“ Clarke robbte bereits nachmittags volltrunken durch die Hotellobby und im Vergleich zu „Animal“ Taylor bezeichnete der Autor des Textes Johnny Rotten von den Sex Pistols als einen Zeuge Jehovas. Von dieser Band ist eigentlich nicht mehr viel übrig geblieben. MOTÖRHEAD 2002 sind lässige Altrocker mit starker Aura. Ein wenig Routine und „take it easy“-Mentalität hat sich eingeschlichen. Ganz natürlich, denn mit dem Lebensstil der jungen Tage gäbe es die Band heute sicherlich nicht mehr. Den Gigs merkt man diese Einstellung an. Musikalisch tut das dem Konzert natürlich keinen Abbruch. Die Kracher der Vergangenheit wechseln sich mit den Tracks der 90er Werke ausgewogen ab. Zu Beginn ‚We Are Motörhead’, dann einige Evergreens wie ‚Iron Fist’ und ‚Killed By Death’, die Vorstellung des akutellen Albums „Hammered“ durch ‚Brave New World’, die letzten 10 Jahre durch ‚R.A.M.O.N.E.S.’ (mit Widmung an die verstorbenen Ramones Recken Joey und DeeDee Ramone), ‚Going To Brazil’, ‚Civil War’ und die live immer wieder zündende Coverversion ‚God Save The Queen’ der Sex Pistols. Mikkey Dee zockte ein Drumsolo und Phil Campbell stand dem mit einer kurzen Soloeinlage in nichts nach. Überraschungen gab es auch zu verzeichnen. Z.B. ‚Shoot You In The Back’ vom “Ace Of Spades”-Album – kein klassischer Livetrack der Band und leider fehlte ‚Orgasmatron’, was viele Fans bedauerten. Die Meute vor der Bühne reagierte gelassen, die Stimmung war gut, aber nicht ekstatisch. Vielleicht lag das aber auch daran, dass es bereits das dritte Mal war, dass MOTÖRHEAD das WFF rockten. Die Band wirkte gut gelaunt, machte Witze. Phil reagierte gelassen, als die von Kreator bekannten Heuwurfaktionen seitens der Fans wieder einsetzten. Ein kurzes „Hey men, take care about my pedals“ reichte, um die wurffreudigen Fans zu stoppen. Entgegen dem Kreatorgig wurde jetzt auch die Stagecrew aktiv, die fleißig jeden Heuballen sofort entsorgte. Nach dem finalen ‚Ace Of Spades’ und ‚Overkill’ geriet Lemmy dann doch noch in Ekstase und warf seine Mikroständer voller Wucht auf den Boden – da kam dann noch mal der junge Lemmy durch!

(Jens Koch)

ZIMMER´S HOLE

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Gerade in dem Moment, als Stumpen von KNORKATOR aus der Höhe von ca. 2 Metern über den Köpfen der Fans ins Publikum divte, schaffte ich es, mich in das Hardbowl Tent zu quetschen. Die Menschenmenge war wirklich enorm, was über den Status von KNORKATOR viel aussagt. Doch kaum war der Gig vorbei lüfteten sich die Reihen. ZIMMERS HOLE aus Kanada zu verpassen, kam mir aber keineswegs in den Sinn, selbst wenn es bereits 1.15 Uhr nachts war. Die Band aus diversen Strapping Young Lad Musikern versprach in ihren Interviews eine wirklich interessante Show. Und das wurde sie auch, denn allein die Bühnenaufbauten links und rechts neben den Boxen mit, an umgedrehten Kreuzen aufgehängte lebensgroße Kadaver versprachen eine ähnliche Show, wie man sie allerhöchstens von Gwar gewohnt ist. Musikalisch boten ZIMMERS HOLE das volle Brett. Kompromisslose Gitarrenattacken und einen Sänger, mit einer Stimme zwischen Black- und(!) PowerMetal fernab von gut und böse – Chris Valagao. Dass es sich, trotz spektakulärem Teufelskostüms, doch um einen Menschen handelte, bewies er sogleich bei einigen Feuerspuckeinlagen. Sein Bart fing Feuer und erst ein Roadie musste aktiv werden, um das brennende Gesicht zu löschen. Entgegen erster Vermutungen brach die Band jedoch nicht ab, sondern ließ sich ihren ersten Festivalgig in Europa um keinen Preis durch die Lappen gehen. Hut ab, diese Musiker stehen wirklich felsenfest hinter ihrer Band und lassen sich um keinen Preis den Spaß nehmen. Da das ZIMMERS HOLE Material meine Ohren noch jungfräulich durchdrang, kann ich keine Angaben zur Umsetzung der Songs machen. Einem völlig begeisterten Fan zufolge, sollen die Songs aber in einer 1 A Interpretation original nach den beiden Alben der Band „Bound By Fire“ und „Legion Of Flames“ abgeliefert worden sein. Die Show tat ihr übriges, um Gefallen an der Band zu finden. Die ersten Reihen bekamen sogar ausgiebige Natursektduschen (keine Angst, natürlich ein Fake), überall zündeten Pyros und eine ausgiebige und schleimige Liebeszene zwischen Chris und einem verrotteten Knochengerüst krönte die Eindrücke.

(Jens Koch)

Sontag

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REVOLVER

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Wow, was für ein Auftakt des dritten Festivaltages! Etwaigen Ermüdungserscheinungen wurde gleich mit dem ersten Act des Tages der Kampf angesagt. REVOLVER drehten die Amps auf, öffneten die erste Pulle Konterbier und los ging´s mit dem rotzedreckigen Extrem-Rock´n´Roll irgendwo zwischen neueren ENTOMBED und reiner Coolness, den die Band auf ihrem Debüt „The Unholy Mother of Fuck“ so erfrischend aus dem Hut gezogen hatte. Live klangen die Dreckklumpen meiner Lieblingsautofahrscheibe (ein Grund, rechts ranzufahren, wenn ihr das Drachenmobil von hinten nahen seht, hehe) sogar noch ein Stückerl derber, irgendwie roher. Der Sänger verblüffte mit dem Kontrast seiner sämtlichen HNO-Ärzten Dollarzeichen in die Augen zaubernden Stimme und seiner extrem sympathischen Ausstrahlung. Er grinste wie ein Honigkuchenpferd von der Bühne runter, wobei sich sicher auch ein schelmisches Grinsen reingemogelt haben dürfte, nachdem er sah, dass immer mehr Leute ungläubig gen Bühne starrten, um dann willenlos die müden Knochen zu Hammersongs wie „Broken Glass“ und „Junior“, bei dem ein Deppenkappenträger – meines Wissens vom REVOLVER-Patentantchen SUCH A SURGE – mit auf die Bühne kam, zu schütteln. Extrem rau, extrem cool, extrem breitbeinig – das sind die Prädikate, die sich REVOLVER problemlos ans Revers heften dürfen nach dieser beeindruckenden, Appetit auf mehr, viel mehr machenden Show. (Rachendrachen)

PRO-PAIN

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Schon auf ihrer Tour mit CRACK UP haben die vier Herren mit den windschnittigen Frisuren bewiesen, dass sie auch nach zehn Jahren Rumlärmen nicht die geringsten Ermüdungserscheinungen zeigen. Und in die Festivalatmosphäre passten das Boogie-Intro, das Hawaiihemd des Gitarreros sowie die simplen und dadurch so effektiven Kompositionen noch besser. Zum einen lag das an dem Brechersound, der dem Quartett aus New York das Rüstzeug in die Hände spielte, um die eh schon flache sächsische Landschaft endgültig zu plätten, zum anderen half die kluge Songreihenfolge, die Meute vor der Bühne anzuheizen. Die harten Knochen packten nämlich erst mal einige ihrer beinahe schon in Thrashregionen angesiedelten Hochgeschwindigkeitsgranaten aus, um dann mit den alten Hits wie „Foul Taste of Freedom“ und „Make War Not Love“ kräftig nachzutreten. Auf der Bühne passierte zwar nicht übermäßig viel, auch wenn die drei Jungs an den Saiteninstrumenten gelegentlich rochierten und das Publikum anfeuerten. Sänger Gary Meskill röhrte dazu mit seiner fiesen Stimme so derb, dass sogar Lemmy ein wenig beeindruckt gewesen sein dürfte, sollte er dem Auftritt von PRO-PAIN gelauscht haben. PRO-PAIN haben keine Prollansagen und Harter-Mann-Posen nötig, um Hardcore regelrecht zelebrieren zu können. Sie machen einfach nur simple Musik, das aber mit solcher Intensität, dass sie an diesem Tag wohl jedem den restlichen Sand (egal ob noch vom Schlafen oder von der erwähnten sächsischen Ebene…) aus den Augen gepustet.

(Rachendrachen)

IMMORTAL

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Die erste Gefahr konnten IMMORTAL ja noch abwenden – dem Zu-Asche-Zerfallen entgingen sie, nachdem der Himmel sich zugezogen hatte und die Sonne nur noch eine dunkle Ahnung am sächsischen Himmel war. Und auch auf geschlossene Hosenläden achteten die Drei aus Norwegen diesmal. Doch gegen renitente Spaßvögel zeigten sich Abbath und Co. machtlos. Und derer gab es zuhauf in den vorderen Reihen. Zwischen grummelig dreinschauenden Minderjährigen und angetrunkenen Festivalbesuchern hatten sich einige versammelt, die dem Auftritt von IMMORTAL einiges an Fulminanz nehmen wollten, indem sie in bester BACKSTREET BOYS-Manier Plüschtierchen auf die Bühne regnen ließen, Pappäxte und Alufolienschwerter schwangen und ein riesiges Pappkreuz (verkehrt verkehrt herum quasi, hehe…) durch die Reihen trugen. Dadurch gewann der Gig der Blackmetaller natürlich so viel Ernsthaftigkeit wie „Das Leben des Brian“. Armselig nur, dass die drei Gekalkten auf der Bühne nicht mit dieser Herausforderung umgehen konnten, weder zeigten sie, dass sie wider Erwarten Humor und Selbstironie besitzen, noch konnten sie die Schlagfertigkeit aufbringen, mit einer lockeren Ansage den Plüschtierangriff zu parieren. Einzige Reaktionen blieben das wütend-trotzige Wegkicken der armen, unschuldigen Teddys und eine wachsende Unlust auf Seiten der Band. Und so dürften nur Die Hard-Fans von IMMORTALs Auftritt angetan gewesen sein, alle anderen langweilten sich zu den biederen Kompositionen und dem an eine erkältete Version von „Dinner For One“s Butler James nach mehreren Gängen erinnernden Gekrächze. Man darf mich nicht missverstehen, ich höre gerne Blackmetal, wenn Bands wie EMPEROR, GOLDEN DAWN, MALDOROR oder gelegentlich auch mal DARKTHRONE ihre Stärken auspacken, aber wer behauptet, in den billigen Schrummelriffs von IMMORTAL nordische Kälte zu spüren, mümmelt sich vermutlich noch im Spanienurlaub mit Schal, Mantel und Mohairpulli ein. Höhepunkte lieferte die Band nicht, das blieb den lustigen Gestalten im Publikum vorbehalten. Und so konnte man froh sein, als endlich die letzten Klänge verhallt waren und die Bühne für eine nicht nur unfreiwillig komische Band geräumt wurde…

(Rachendrachen)

J.B.O.

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J.B.O. spielten einmal mehr auf dem WITH FULL FORCE und überraschender- und glücklicherweise gab es auch mal ein paar neue Gags von den rosafarbenen Franken serviert. J.B.O. sind unbestreitbar eine sehr gute Liveband und sie verstehen es, mit ihrer sympathischen und lockeren Art, das Publikum zu begeistern. Wenn man die Show aber bereits ein paar mal gesehen hat (was sich bei den vielen Festival-Auftritten ja fast nicht vermeiden lässt *g*), schleicht sich dann doch schon so etwas wie Müdigkeit ein, da manche Gags einmal, vielleicht auch zwei mal, aber bestimmt nicht öfter witzig sind. In Roitzschjora war aber mehr Abwechslung geboten, so gab es zum Beispiel den nagelneuen Song ´Ich will Lärm´ zu hören und auch der „Gastauftritt“ von Hannes als Motörheads Lemmy samt Warze, zu hohem Mikro, zwei Bässen und der Coverversion von ´Ace Of Spades´ war seehr überzeugend und original getroffen. An bekannter Kost gab es ´I am Sailing´, den Schwanzvergleich, einmal mehr die Verteidigung des wahren Blödsinns und natürlich durfte auch ´Ein guter Tag zum Sterben´ nicht fehlen. Besonders erfreut waren J.B.O., endlich einen Song fertiggestellt zu haben, der nach dem Bandmotto „Arschloch und Spaß dabei“ benannt ist und der auch bald im heimischen CD-Player rotieren dürfte: Aus dem bekannten „The Roof is on Fire“ wird dabei „Der Ruf ist im Eimer“, freut euch drauf! 😉

(boxhamster)

IN EXTREMO

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Nein, man kann IN EXTREMO nicht entkommen. Schon zum vierten Mal liefen sie mir bei Festivals über dem Weg, und wiederum fiel es schwer, sich dem Zauber, den die Band live mit Dudelsäcken, Leier und Pauken sowie den konventionellen Rockinstrumenten entfacht, zu entziehen, was umso verwunderlicher ist, als die Mittelalterfreaks auf Platte eigentlich nie auch nur ansatzweise die Energie entwickeln konnten bislang, die sie live so sehenswert macht. Sei´s drum, unterhaltsam waren IN EXTREMO auch an diesem frühen Abend. Eingeleitet von den obligatorischen Pyroeffekten spulten sie ihr Programm solide und professionell herunter und wirkten dabei frisch und enthusiastisch, als wäre es nicht nur ein weiterer Festivalauftritt von so vielen in der bisherigen Geschichte der Band. Besonders war der Tag vor allem für den Mann an Dudelsack und Leier, da ihm ein Chor aus mehr als zehntausend Kehlen „Happy Birthday“ sang. Grund genug zum Feiern also, und das taten Band wie Fans ausgiebig. Was auf Platte kraft- und belanglos wirkt, zündete plötzlich, seien es die härteren oder die düstereren Stücke. Wie schon auf dem Feuertanz-Festival ließen IN EXTREMO keinen Zweifel daran, dass zumindest auf dem Livesektor ihnen so leicht keiner den zusammen mit SUBWAY TO SALLY besetzten Thron der besten Mittelaltermetalband streitig macht, zumal diese Band gerade auf Festivals durch ihre mitreißende Art und die aufwändige Show auch all jene mitzureißen versteht, die sich bislang dem Zugriff der allgegenwärtigen Liveband IN EXTREMO zu entziehen vermochten.

(Rachendrachen)

MACHINE HEAD

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Robb Flynn hatte seinen schwäbischen Wortschatz nicht verlernt und begrüßte die Masse vor der Bühne wie schon auf der letzten Tour mit einem lautstarken „Prooooscht!!!“, nachdem die Band mit „Bulldozer“ einen nicht überraschenden, aber dafür mitreißenden Einstieg in ihr Set gefunden hatte. Sichtlich gerührt war er dabei, dermaßen viele Leute vor der Bühne zu sehen. Immer und immer wieder versicherte er ungläubig, wie begeistert er und seine Ghettokollegen seien, so viele mithüpfende und -moshende Leiber zu sehen. Manch einem wurde das schon beinahe zu viel, ich persönlich kam jedoch nicht umhin, dem guten Robb einige Sympathiepunkte für sein bei allen „Fucks“, „Dudes“ und „Mans“ ehrlich rüberkommendes Auftreten zu verleihen. Hier standen vier Jungs auf der Bühne, die in ihrer Heimat gerade mal so viele Exemplare ihres letzten Albums verkauft hatten, wie an diesem Abend alleine in Roitzschjora Menschen versammelt waren, um Hits wie „The Blood, The Sweat, The Tears“, „Old“ und „Davidian“ um die Ohren geballert zu bekommen. Und MACHINE HEAD enttäuschten nicht. Präzises Drumming, fette Gitarren und der variable Gesang von Robb Flynn, das waren die Elemente im Sound der Jungs aus Oakland, die nicht nur aus den vordersten Reihen eine einzige Masse hüpfender, bangender und trotz kühlen Abendtemperaturen schwitzender Leiber entstehen ließ. Irritierend war zwar, dass schon nach einer halben Stunde der offizielle Teil des Konzerts vorüber sein sollte, was gerade angesichts der vielen zwar lustigen Ansagen und dem Abfeiern von den meisten mit fragendem, leicht pikiertem Gesichtsausdruck quittiert wurde, doch letzten Endes spielten MACHINE HEAD zwei ausufernde Zugabenblöcke und überzogen sogar, so dass trotz einiger nicht gespielter Songs vom Überhammer „Supercharger“ alle zufrieden waren. Hinzu kam, dass MACHINE HEAD anders als die Headliner der vorherigen Tage nicht nur ihr bereits von anderen Auftritten bekanntes Set runterrissen, sondern mit „The Burning Red“ einen unerwarteten, dafür aber umso wirkungsvolleren ruhigen Kontrapunkt in das sonst derb abgehende Programm integrierten, bei dem man in den Sternenhimmel über Sachsen schaute und sich der Melancholie des sich langsam steigernden Songs nicht erwehren konnte. Doch zu sentimental wollten Robb Flynn und seine Mannen dann auch nicht werden, wobei die Coverversion von METALLICAs „Creeping Death“ so manchem wehmütigen Bay Area-Fan schmerzlich vor Augen führte, was für Knaller die heutigen Superstars of Country einst drauf hatten (und wie genial tight die klingen können, wenn am Schlagzeug kein geschwätziger Däne sitzt, hehe…). Abschließend läutete das Darth Vader-Motiv „Supercharger“ ein, nach dem die Zuschauer vollstens elektrisiert und ausgepumpt rüber zur Zeltbühne marschierten, um dort den Abend ausklingen zu lassen. So muss neumodischer Metal klingen, so muss er live präsentiert werden!

(Rachendrachen)

DORNENREICH

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Sehr gespannt war, darauf, wie sich DORNENREICH auf einem Festival präsentieren würden. Warum auch immer, aber irgendwie scheint mir die Band nicht auf ein Festival zu passen – eine Ahnung, die sich leider auch bestätigen sollte. Eviga, Valnes, der Aushilfsdrummer von EWIGHEIM und ein Keyboarder taten zwar ihr möglichstes, um ihre Songs, der Live-Situation angemessen umzusetzen – was allerdings nur bedingt funktioniert hat. Titel wie „Grell und Dunkel strömt das leben“, „Trauerbrandung“ oder“ Schwarz schaut tiefsten Lichterglanz“ sind zwar durchaus auch passend für ein Festivalauftritt – doch die Band schien sich auf der Bühne recht unwohl zu fühlen. Eviga und Valnes ließen zwar die Köpfe kreisen und waren durchaus nett anzusehen – doch die Distanz zum Publikum wurde während des Gigs eher größer als kleiner. Dazu kam, dass sich Valnes wohl nicht hören konnte, ich kann mir kaum eine andere Erklärung für seinen stellenweise verunglückten Gesang finden. Nach einem sehr guten Einstieg mit „Wer hat Angst vor Einsamkeit“, der mich auf eine gute Show hoffen ließ, bauten DORNENREICH leider ab. Evigas Krächzen, Flüstern und Heulen war durchweg beeindruckend und intensiv, doch sein Gegenpart Valnes konnte einfach nicht mithalten. Ansagefloskeln wie „Hallo With Full Force, wie geht es euch?“ kann man von DORNENREICH kaum erwarten, aber ein bisschen mehr als ein verschüchtertes „Dankeschön“, ein paar Songnamen und die Danksagung an den kurzfristig eingesprungenen Drummer hätte vielleicht geholfen, die Kluft zwischen Band und Publikum zu überbrücken. Ich bin mir nicht sicher, ob DORNENREICH sich und ihren Fans mit Auftritten bei Festivals einen großen Gefallen tun – wobei es in Roitzschjora durchaus ein paar Unentwegte gab, die die Band ausgiebig bejubelten. Es waren aber eben nur ein paar. Schade, denn es wäre durchaus begrüßenswert, eine etwas „andere“ Band auf Festivals zu sehen. Bei DORNENREICH hatte ich aber wirklich den Eindruck, dass sich die Musiker überhaupt nicht auf der großen Bühne wohlfühlten.

(vampi)

CANDLEMASS

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„Lediglich die Tatsache, dass die Schweden bei hellem Tageslicht spielen mussten, ließ die Aussicht zu, dass es einen noch magischeren Moment hätte geben können,“ schrieb Fierce im Bericht zum diesjährigen Bang Your Head. Danke für diese Vorlage – denn es gab einen magischeren Moment: Nachts im dunklen Zelt in Roitschjora, als CANDLEMASS zum „Doom Dance in Slow Motion“ aufspielten. Diesmal mit Kerzenbeleuchtung und einer ganz anderen Atmosphäre – auch wenn die Show nahezu dieselbe war. Allerdings nützt sich eine Ansage wie „Bang das fucking Kopf“ nicht so schnell ab, wenn sie von einem derart charismatischen Sänger wie Messiah Marcolin kommen. Und wenn dann noch unsterbliche Klassiker wie „Well Of Souls“, „Solitude“, „At The Gallows End“ oder eine unvergesslich ergreifend-schöne Version von „A Sourcerer’s Pledge“ erklingen, dann kann sich nur noch ein Eisklotz dieser Magie dieser Band entziehen. Auch wenn es sich bei dem CANDLEMASS Gigs zwar wieder um eine dieser Reunion-Geschichten handelt, über die man im allgemeinen sicherlich geteilter Meinung sein kann, waren CANDLEMASS auf dem Bang Your Head wie auch auf dem With Full Force etwas ganz besonderes. „Mourner’s Lament“, das zum ersten Mal (zumindest habe ich die deutsche Ansage so interpretiert –das deutsch des Mönchs ist nicht unbedingt leicht zu verstehen..) in Deutschland gespielt wurde, war ein weiterer Höhepunkt. Messiah Marcolin in bestechender Form, sein Gesang, seine Bewegungen, seine Ausstrahlung lässt der Rest der Band zu Statisten verkommen. Eigentlich schade, denn an diesem Abend hatte ich wirklich den Eindruck, dass da eine Band auf der Bühne steht, die es genießt, vor einem begeisterten Publikum zu spielen.

(vampi)

FINNTROLL

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Nachdem BETHLEHEM krankheitsbedingt ihrem Auftritt beim WFF kurzfristig absagen mussten, konnten FINNTROLL als letzte spielende Band des Festivals ihren Auftritt etwas nach vorne verlegen. Und mich würde ja schon interessieren, aus welchem Gehölz FINNTROLL den Waldschrat, der neuerdings ins Mikro grummelt, gezerrt haben. Angeblich soll sein Einsatz aber nur eine Zwischenlösung sein, genaueres hat die Band noch nicht bekannt gegeben. Schade eigentlich, denn dieser Typ wäre ein guter Ersatz für Katla, der wegen Problemen mit den Stimmbändern vor einigen Wochen die Band verlassen hat. Der kahlköpfige Mann im Pelzmantel keift entschieden bösartiger ins Mikro als sein Vorgänger, hat aber eine ähnlich seltsame Bühnenperformance. Auch er droht mal gerne dem Publikum, wenn es nicht laut genug brüllt. So ganz überzeugend waren seine Drohungen allerdings dann doch nicht, da er ein paar Minuten später wortreich Verständnis für ausgepumpte Festivalleichen zeigte. Allzu viel Rücksicht nahmen die Finnen aber nicht, denn statt gemütlich mit ein wenig Rock n´ Troll zum Tanze aufzuspielen wie vor einem Jahr auf dem Summerbreeze, packten sie die Keule aus und feierten ein Trollfest, das nicht unbedingt als Kindergeburtstag durchging. Den ein oder anderen Gag konnten sie sich dennoch nicht verkneifen, so wurde „Kitteldags“ mit den Worten „This is a song about cooking“ angekündigt. Auch Keyboarder Trollhorn schien ein Kobold im Nacken zu sitzen, denn die Humppa-Polkka-Einlage, die er zum besten gab, war mit Sicherheit nicht geplant – und wenn doch, sind seine Mitmusiker begnadete Schauspieler.

Neben Trollhymen wie „Rivfader“, „Jaktens Tid“ oder „Midnattens Widunder“ stellte die Band auch einen neuen Song namens „Ursvamp“ vor – der sich nahtlos in das bisherige Schaffen der Band einfügt und die Vorfreude auf das nächste Album steigen lässt. Leider war Obertroll Jonne diesmal nicht von der Partie, so dass die doch noch recht zahlreichen Fans im Publikum auf seine Joik-Gesänge und sein unbeschreibliche Herumgehopse verzichten mussten – schade, aber kein Untergang, denn es gab auch so genug zu sehen: Erwähnenswert ist auf alle Fälle noch das abgeklärte Stageacting von Obergitarristenposer Somnium, der mit unbewegter Mine spielt, als ob der Rivfader persönlich hinter ihm her wäre. Sein Kollege kommt da dann doch ein wenig ins Schwitzen und blickte ein ums andere mal flehend auf die andere Seite der Bühne – doch er sollte mit dem Rausschmeißer noch mal so richtig leiden: Mit einer in der Hälfte der Spielzeit runtergerotzten Version von „Bastuvissan“ war dann Schluss und die Band trollte sich, wie auch das müde Publikum ins Strohlager beziehungsweise auf die Luftmatratze.

(vampi)

Das war unser Bericht vom WITH FULL FORCE. Zum Festival haben wir noch eine Bilder-Gallery mit über 130 Fotos eingerichtet, sie befindet sich hier:

Rahmenbericht & Fotos: boxhamster

Markus
Markus ("boxhamster") hat das Magazin 1999 gegründet und kümmert sich um die Technik und die Weiterentwicklung von vampster, schreibt ab und zu Reviews und fotografiert bei Festivals und Konzerten.