THE OCEAN und FACING THE SWARM THOUGHT im Hansa 39 München, 8. Juni 2010

THE OCEAN und FACING THE SWARM THOUGHT im Hansa 39 München, 8. Juni 2010

Da ist er endlich, der Sommer. Aber anstatt sich im Freibad, Biergarten oder sonst wo zu vergnügen strömen die Metalfans zu hunderten ins Backstage zu AS I LAY DYING und WHITECHAPEL. Ausverkauft. Und THE OCEAN, die nur ein paar Straßen weiter spielen? Die haben auch volles Haus. Als würde die Sommerfrische alle einen feuchten Kehricht interessieren stürzen wir uns ins Gefecht, immerhin ist Heliocentric, das neueste Album von THE OCEAN in gewohnter hoher Qualität, aber mit etwas zugänglicherem und epischerem Material ausgestattet. Und nachdem doch schon fünfzehn Monate seit dem letzten Besuch in München vergangen sind, freuen wir uns alle auf eine weitere, gewaltige Welle aus diesem Ozean.

 FACING
Neue Musiker, neuer Sound, immer noch ziemlich gut: FACING THE SWARM THOUGHT aus Augsburg

Langsam aber sicher nähert sich draußen ein Gewitter, drinnen poltert es schon los. FACING THE SWARM THOUGHT aus Augsburg eröffnen heute Abend, und Überraschung, bei der Metalcore-Band hat sich personell einiges geändert. Mit neuem Sänger und neuem Gitarristen, beide ehemalige S.PUNCH-Mitglieder und sehr Hardcore-erfahren, geht es in die Vollen. Daher klingen FACING THE SWARM THOUGHT heute auch weniger nach den im Anschluss spielenden THE OCEAN, dafür mehr nach einer fiesen Mischung aus MESHUGGAH, THE DILLINGER ESCAPE PLAN und CONVERGE. Gerade Matthias Egetemeirs Geschrei kommt dem Screamo sehr nahe und sorgt dafür, dass FACING THE SWARM THOUGHT nicht leicht eingeordnet werden können. War die EP Lost.Found.Banished schon alles andere als schlecht, überzeugt das neue Material auch trotz einiger Längen noch ein Stückchen mehr, einfach weil hier Unberechenbares geboten wird, auch wenn es grundsätzlich nicht neu ist. Nach vierzig Minuten sind FACING THE SWARM THOUGHT am Ende, haben die Anwesenden mit Ihren Riffs, Grooves und Moshparts zwar nicht zermalmt, aber immerhin, auch durch die wilde und saubere Performance von Schlagzeuger Peter Badia einen guten Eindruck hinterlassen.

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Auch wenn nicht jeder Ton sitzt – kleiner Mann, große Stimme: Loïc Rossetti von THE OCEAN.

Um 22:20 Uhr lassen THE OCEAN es dunkel werden und das Intro Shamayim zitiert die Münchner wieder in den Club. Wie erwartet startet der Abend mit Firmament, dem Opener von Heliocentric, zu dem sich schön die Atmosphäre aufbaut. Unterlegt von dezenten Visuals, wieder mit einer Reihe LEDs will sich das optische Element heute allerdings nicht so recht entfalten. Einerseits sind die Visuals zu wenig aussagekräftig, drittens wirken ohne Nebel die LED-Lichter nicht besonders und drittens werden sie bei einer agilen Liveband, die THE OCEAN zweifelsfrei sind, nicht wirklich benötigt. Zur Untermalung eignen sie sich allerdings sehr gut, auch wenn die Augen eher auf die Musiker fixiert sind. Erfreulicherweise sind diese recht konstant geblieben, Robin Staps und seine Schweizer Kollegen sind unverändert an den Instrumenten vorzufinden, hier merkt man wieder, wie gut eingespielt diese Band ist. Da sitzt alles, jeder Ton, und gerade beim neuen Material merken wir, was dieser Luc Hess am Schlagzeug denn eigentlich alles drauf hat.

 THE
Schweißtreibende Performance – inklusive akrobatischem Sprung ins Publikum: Robin Staps.

Bühne frei auch für Loïc Rossetti, den neuen recht unscheinbaren Sänger von THE OCEAN. Kleiner Mann, große Stimme, auch wenn er nicht jeden Ton trifft und in den brutalen Gesangslagen hinter Mike Pilat zurück steht. Dennoch ein gelungener Einstand. Auch Loïcs Bühnenpräsenz auf der Bühne ist weniger mächtig, als die seines Vorgängers. Das gleicht aber der ins Publikum springende Robin Staps locker aus, der sich heute sehr publikumsnah gibt. Auch Bassist Louis und Gitarrist Jona zeigen viel Bewegungsfreude, so dass heute eine Rockshow geboten wird, die sehr anspruchsvolles Material wiedergibt. Dieses stammt hauptsächlich von Heliocentric und beweist, dass der Fuß auf der Bremse von THE OCEAN auch live eine gute Figur macht. Und trotzdem, The First Commandment Of The Luminaries, Metaphysics Of The Hangman und Swallowed By The Earth sind trotzdem sehr heavy und veranlassen zum beherzten Headbangen. Daneben finden auch einige Stücke von Precambrian ihren Weg in das Set, Ectasian und Stenian sind immer noch verflucht gute Songs, die im Publikum entsprechende Reaktionen hervorrufen. Das steigert sich nur bei The City In The Sea, dem einzigen Aeolian-Stück an diesem Abend, bei dem nicht wenige Besucher völlig ausflippen.

Nach gut siebzig Minuten und dem auch live beeindruckendem Doppel The Origin Of Species und The Origin Of God ist der offizielle Teil des Abends vorbei, aber trotz ihrer Erschöpftheit liefern THE OCEAN mit Hadean und dem Evergreen mit Mitbrüllgarantie Orosian (For The Great Blue Cold Now Reigns) noch zwei Zugaben aus der Precambrian-Phase ab, so dass diese Show auf ordentliche fünfundachtzig Minuten Länge kommt. THE OCEAN sind kurz vor Mitternacht ebenso außer Atem wie die ersten Reihen des Publikums. Saubere Vollbedienung, gute Nacht.

Weitere Konzertbilder gibt es in unserer Foto-Galerie.

Setlist THE OCEAN:
Shamayim
Firmament
The First Commandment Of The Luminaries
Ectasian (De Profundis)
Stenian /(Mt. Sorrow)
The City In The Sea
Metaphysics Of The Hangman
Swallowed By The Earth
The Origin Of Species
The Origin Of God

Hadean (The Long March Of The Yes-Men)
Orosirian (For The Great Blue Cold Now Reigns)

Bilder: (c) Tatjana Braun

Captain Chaos
Ehemann, Vater, Musikenthusiast, Plattensammler, Trauerbegleiter, Logistiker, Autor, Wandergeselle