SPOCK´S BEARD, KINO: Karlsruhe, Substage, 21.3.2005

SPOCK´S BEARD, KINO: Karlsruhe, Substage, 21.3.2005

SPOCK´S BEARD haben die bemerkenswerte Eigenschaft, dass man ganze Bücher über jeden einzelnen ihrer Auftritt schreiben könnte. Die Musik steckt voller Melodien, Schwung und Feinheiten. Jeder einzelne Musiker bereichert die Musik zusätzlich mit einer Vielzahl kreativer Einfälle. Die Band als Einheit besticht durch unbändige Musikalität. Zwischen den Songs gibt es in aller Regel lustige Geschichten oder einfach nur hirnlosen Schabernack. Auch die Zusammensetzung des Publikums bietet genug Stoff für mehrere Soziologie-Promotionen. Die Vielfalt, die sich dem Forscher hier bietet, sucht im Progrock Bereich ihresgleichen. Die meisten Leute zeichnen sich dabei durch mindestens eins der folgenden drei Merkmale aus: Brille, SPOCK´S BEARD-T-Shirt und eine andächtige Ruhe, mit der der Musik gelauscht wird. Bei all diesen Konstanten liegt natürlich der Schluss nahe, dass die Konzerte der Band mittlerweile vorhersehbar und abgenutzt wirken. Dieser Schluss ist freilich falsch.

John Mitchell sang ausgezeichnet, spielte souverän Gitarre und sammelte außerdem mit seinen ungekünstelten Ansagen Sympathien.

So lag auch in Karlsruhe bereits vor der Saalöffnung eine gewisse Spannung in der Luft. Geduldig strömten die Fans in die zum Veranstaltungsort umgebaute Fußgängerunterführung, wo dann erst einmal Warten angesagt war. Als KINO schließlich die Bühne betraten, wurden sie wohlwollend vom Publikum empfangen. Bereits der erste Song Leave A Light On wurde mit viel Beifall honoriert. Der gepflegte Progrock war zwar nicht sonderlich spektakulär, besaß jedoch genügend Eingängigkeit, um auf Anhieb ins Ohr zu gehen. So boten auch Stücke wie People und Perfect Tense gute Unterhaltung, zumal die Saitenfraktion viel Spielfreude an den Tag legte. Besonders Pete Trewavas (MARILLION) wirkte sehr agil, ganz im Gegensatz zum introvertierten Tastenmann John Beck (IT BITES) und dem selbstzufriedenen Aushilfsschlagzeuger Bob Dalton (IT BITES). Dazwischen befand sich John Mitchell (ARENA), der eine sehr angenehme Stimme besaß, souverän Gitarre spielte und außerdem mit seinen ungekünstelten Ansagen Sympathien sammelte. Swimming In Women, gesungen von John Beck, wirkte im Vergleich zum restlichen Songmaterial sperrig und sonderbar, erntete wie auch das spartanische Picture aber lautstarken Applaus. Zum Abschluss gab es noch Losers´ Day Parade, nach dem fast noch eine Zugabe angebracht gewesen wäre. Doch die Roadies machten sich bereits an den Bühnenumbau. Dieser zog sich eine ganze Weile hin, da das Konzert für ein mögliches Live-Album mitgeschnitten werden sollte.

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Viel Gefühl, viel Show und ein seltsames T-Shirt: Alan Morse beim Solo von Climbing Up That Hill.

Endlich erlosch dann die Saalbeleuchtung und die vier Musiker von SPOCK´S BEARD begaben sich an ihre Instrumente. Los ging es mit dem kompletten A Flash Before My Eyes-Zyklus. Als Fan des aktuellen Albums Octane freute mich das natürlich. Allerdings verhielt sich das Publikum anfänglich sehr zurückhaltend. Aufmerksam wurde den ersten Stücken gelauscht. Ryo Okumoto meisterte die vielschichtigen Keyboardpassagen, obwohl ihm nur zwei Hände zur Verfügung für seine vier Keyboards (Flächen-Samples, Klavier, Orgelklänge, Synthie) zur Verfügung standen. Nick D´Virgilio verließ schon nach wenigen Takten seinen Schlagzeughocker um am vorderen Bühnenrand zu singen und wenig später auch noch zur Gitarre zu greifen. Gleichzeitig schlich sich Gastschlagzeuger Jimmy Keegan an das zweite Kit und begann zuerst recht unscheinbar zu spielen. Bei Surfing Down The Avalanche wurde es dann zumindest auf der Bühne lebhafter. Gerade Nick D´Virgilio schien sich in seiner neuen Rolle als Frontmann sehr wohl zu fühlen. Ständig war er in Bewegung und unterstrich die Musik mit allerlei Gesten. Bassist Dave Meros schien mit seinem stoischen Spiel das genaue Gegenteil zu sein. Allerdings sah man ihm wie auch dem Rest der Band die Spielfreude förmlich ins Gesicht geschrieben, selbst wenn sein Bewegungsradius die Maße eine Bierdeckels hatte. Bei She Is Everything hatte dann Gitarrist Alan Morse seinen ersten großen Auftritt. Schon bei The Ballet Of The Impact hatte er seinem Instrument eine Fülle von Klangtupfern entlockt. So nahm er dann auch bei der epischen Ballade die Melodien der Albumaufnahme lediglich als Richtlinien für neue Variationen und Improvisationen. Wie eh und je spielte der Freund bizarrer T-Shirts mit den Fingern die verrücktesten Licks und Läufe, wobei er mehr als einmal mit seiner Gitarre zu verschmelzen schien. Auch bei Climbing Up That Hill zog er wieder die Blicke auf sich und lieferte ein tolles Slide-Solo ab. Beim Finale Of The Beauty Of It All begab sich Nick dann wieder an sein Schlagzeug und spielte den Rest des Stücks gemeinsam mit Jimmy.

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Der Komiker im Hause SPOCK´S BEARD: Ryo Okumoto erzählte seinen großen Witz in seiner Muttersprache mit großen Gesten.

Während das Publikum noch einen leicht reservierten Eindruck machte, war die Stimmung auf der Bühne danach bereits so gut, dass Jimmy mitten in Nicks Ansage begann LED ZEPPELINs Rock And Roll zu singen und das dazugehörige Schlagzeug-Intro zu spielen. Nick versuchte zwar noch, seine Kollegen zur Vernunft zu bringen, stimmte dann aber auch mit in den Song ein. So kamen die Anwesenden in den Genuss einer exquisiten Version dieses Klassikers, der von Jimmy sensationell gesungen wurde. Alan und Nick spielten Gitarre, während Ryo am Ende seine Keyboard-Burg verließ und sich an das zweite Schlagzeug setzte. Im Anschluss versuchte sich Nick erneut an einer Ansage. Diesmal entwickelte sich daraus eine ziemlich bizarre Schimpforgie aus Ryos Mund, die Nick schließlich mit einem Schluck aus seinem Weinglas und seiner aktuellen Deutsch-Lektion: Hau weg, die Scheiße! quittierte. Weiterhin erzählte Ryo einen urkomischen Witz über Nick und die Merchandiserin, der nur leider auf japanisch war. Doch die Mimik und Gestik allein waren zum Brüllen komisch, weshalb es um so beeindruckender war, dass direkt danach das reguläre Set mit Harm´s Way fortgesetzt wurde. Ryo hatte dabei sprichwörtlich alle Hände voll zu tun, da er gleichzeitig auch noch Neals Klavierpassagen spielte. Das Ergebnis klang zwar nicht immer ganz sauber, störte aber zumindest mich kein bisschen. Denn ansonsten präsentierten sich SPOCK´S BEARD in bester Verfassung. Nicks Stimme hatte sich von der Erkältung erholt, die er sich auf der Tour eingefangen hatte. Noch faszinierender fand ich allerdings das Schlagzeugspiel von Jimmy, der die komplexen Teile mit einer unglaublichen Energie spielte und dabei sichtlich seinen Spaß hatte.

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Das Schlagzeugduell zwischen Jimmy Keegan (links) und Nick D´Virgilio im Rahmen von NWC: In Karlsruhe hatte Nick mit aberwitzigen Breaks und Fills die Nase vorne!

Dann war der Moment des großen Schlagzeugduells im Rahmen von NWC gekommen. Natürlich war das in erster Linie für die anwesender Musiker interessant. Doch gab es neben dem rhythmischen durchaus auch einen zwischenmenschlichen Schlagabtausch zwischen den beiden Fellverdreschern. Gerade an diesem Abend war das heiter, da Jimmy scheinbar Probleme mit seiner Fußmaschine hatte und am Ende nur noch mit roher Gewalt straighte Beats spielte, bis schließlich seine Bassdrum einen Satz nach vorne machte. Mit The Bottom Line folgte der einzige schwache Song. Doch zum Glück ging es danach mit At The End Of The Day weiter, einem Lied, das auch live dermaßen eingängig ist, dass man nicht so recht glauben will, dass es über 15 Minuten lang ist. Nick sang einmal mehr so gut, dass das Fehlen von Neal Morse überhaupt nicht weiter auffiel. Hier und da waren bei den hohen Hintergrundstimmen zwar schiefe Töne dabei. Doch dafür gab es Spielfreude in Hülle und Fülle sowie Musik, die einerseits eine gewisse Virtuosität besaß, aber andererseits auch frisch und lebendig klang. Dave durfte zwischendurch ein kleines Basssolo spielen, während Alan an allen Ecken und Enden mit der ihm eigenen Eigenwilligkeit Akzente setzte. Und immer wieder war es der kleine Jimmy, der unermüdlich die Felle bearbeitete und nebenher grinste, flachste, sang und herumwirbelte! Nicht auszudenken, wo SPOCK´S BEARD ohne dieses Energiebündel wären.

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Nick D´Virgilio war stimmlich voll auf der Höhe und fühlte sich in seiner neuen Rolle als Frontmann pudelwohl.

Im Anschluss an diesen Geniestreich verließen die Musiker mit Ausnahme von Ryo die Bühne und gönnten sich ein kleines Päuschen. Ryo spielte unterdessen ein Mittelding aus Klaviersolo und Ballade, das schließlich in Ghosts Of Autumn mündete. Für die stillen Genießer in den hinteren Zuschauerreihen gab es einmal mehr eine erstklassige Gesangsleistung sowie ein ausladendes Gitarrensolo. Bei Gibberish übernahm dann Nick vorrübergehend den Schlagzeugpart und überließ Jimmy die hohe Kanonstimme. Wie gewohnt beteiligte sich auch der Rest der Band an den ausladenden Gesangskaskaden. Nach über zwei Stunden Konzert folgte dann als letztes Stück As Long As We Ride, das Alan mit einem abwechslungsreichen Akustikgitarren-Intro einleitete. Wie schon bei früheren Konzerten gab es Kuhglocken-Begleitung aus dem Publikum und eine davon angespornte, rastlose Darbietung von Nick, der höchstwahrscheinlich irgendwelche Flummi-Gene in sich trägt.

Selbstverständlich mussten SPOCK´S BEARD für eine Zugabe zurückkehren. Die Band hätte dabei kaum eine bessere Wahl als The Light treffen können, das in einer atemberaubenden Version auch bei den anwesenden Alt-Fans für Begeisterung gesorgt haben müsste. Einer der vielen Höhepunkte war dabei die Einleitung, bei der Jimmy und Nick erneut unisono Schlagzeug spielten. Das war ungefähr so wie ein Abend zusammen mit Natalie Portman *und* Piper Perabo… – ach, lassen wir das. Dieser Bericht ist ohnehin schon viel zu lang geworden! Dabei habe ich bereits haufenweise Details ausgelassen, ganz zu schweigen von den mannigfaltigen Reaktionen auf den Auftritt bzw. die Tour allgemein, die von rückhaltloser Begeisterung bis zu nostalgischer Resignation reichen. Rein spieltechnisch waren zweifellos einige grobe Schnitzer dabei, sowohl in Karlsruhe als auch in Aschaffenburg, die man auf den Mitschnitten – wenn sie denn veröffentlicht werden – sicherlich hören wird. Mir bleibt jedoch die Erkenntnis, dass gute, handgemachte Musik wie die von SPOCK´S BEARD am Ende eines solchen Tages irgendwie besser klingt als selbst die beste Studioaufnahme, einfach weil man direkt dabei ist, weil es live ist! Da passt es ins Bild, dass die beiden Bands sich nach dem Konzert trotz der sichtlichen Erschöpfung noch am Merchandise-Stand mit den Fans unterhielten und Autogramme gaben.

Jutze
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