OPETH, THE VINTAGE CARAVAN, Volkshaus Zürich – 10. November 2019

Das Volkshaus in Zürich ist ein geschichtsträchtiger Ort für Konzerte – 1976 enterten AC/DC und BLACK SABBATH die Zürcher Bühne, 1991 gaben sich SEPULTURA und DEATH die Ehre und 1993 spielten hier RAGE AGAINST THE MACHINE auf. Ganz so wild sollte es an diesem kalten Novemberabend nicht werden, OPETH und THE VINTAGE CARAVAN versprechen proggige, ruhigere Klänge. Das zeigt sich auch am Publikum – mit Tom G. Warrior (HELLHAMMER, CELTIC FROST, TRIPTYKON) ist zwar die harte lokale Prominenz präsent, doch der stilistische Wandel OPETHs lässt sich an den Shirts des Publikums ablesen. Vereinzelt ist die Hartwurzelfraktion durchaus zu sehen – die Hoffnung auf alte OPETH-Songs mit einem growlenden Mikael Åkerfeldt stirbt bekanntlich zuletzt.

THE VINTAGE CARAVAN

Entspannt kann man sich vor 20:15 Uhr dem Merchandise-Angebot widmen. OPETH setzen auf neue Formate und bieten neben Shirts und Tonträgern auch farbenfrohe, pfauenaffine „Sorceress“-Leggings für gerade mal 18 Euro feil. Passen tun diese Beinkleider auch für den THE VINTAGE CARAVAN-Auftritt. Das isländische Trio richtet sich auf einem Orientteppich auf der Bühne gemütlich ein und passt so – klein, fein, praktisch – vor den mehrere Level umfassenden OPETH-Bühnenaufbau.

Als Zeichen der Gemütlichkeit mag auch gewertet werden, dass Drummer Stefan in seinen weißen Sportsocken spielt. So entspannt geben sich THE VINTAGE CARAVAN mit viel Elan ihrem „Vintage Rock“ hin. Hierbei klingen sie tatsächlich, als wären sie grad aus einer Zeitmaschine aus den 70ern entstiegen. Hier und da erinnern die drei Isländer an PENTAGRAM, BLACK SABBATH, CREAM oder – aktueller – an die Schweden von HYPNOS und BLACK TRIP. THE VINTAGE CARAVAN überzeugen als Opener nicht nur mit Groove, sondern auch mit viel Energie – ein vergnüglicher Auftakt dieses Konzertabends.

Setliste THE VINTAGE CARAVAN

  1. Reflections
  2. Crazy horses
  3. Set your sights
  4. Innerverse
  5. Babylon
  6. Expand your mind
  7. On the run
  8. Midnight meditation

OPETH

Die Umbaupause für OPETH ist kurz. Da THE VINTAGE CARAVAN bühnentechnisch derart minimalistisch und kompakt unterwegs sind, ist ihr Equipment rasch verräumt. Inzwischen ist das Volkshaus mit 1500 Gästen relativ voll – schließlich fasst es maximal 1600 Personen. Endlich erklingt das Intro von „Livets trädgård“ und ein Raunen geht durch die Menge – geisterhaft schnell sind OPETH auf der Bühne und beginnen ihr Set mit der schwedischen Version von „Svekets prins“. Der „Aaaah“-Chor wird mit singenden OPETH-Gesichtern auf der großen Leinwand hinter der Band visuell veredelt – und unweigerlich denkt man an QUEENs „Bohemian Rhapsody“-Zeiten. Das Publikum ist von der ersten Sekunde an begeistert-entrückt in Trance – OPETH funktionieren live auf Schwedisch außerhalb Schwedens, diesen Punkt klären sie schon in den ersten Minuten ihres Auftritts.

Die joviale Seite Mikaels

Nach „The Leper Affinity“ richtet sich der joviale Mikael Åkerfeldt zum ersten Mal ans Publikum und gibt sogleich eine Kostprobe seiner Deutschkenntnisse und des freien Assoziierens: „Mein Hund ist dunkelblau. We are OPETH. We are often mistaken for being Swiss, but we are not. (…) We make clothes. H&M. I never shop for new clothes, not even underwear.” Das Publikum reagiert amüsiert über die bizarren Informationen des sympathischen Frontmannes. Während einen puristischen Kleinstfankreis in Stockholm diese Art von Publikumskommunikation in neueren OPETH-Zeiten zur Weissglut bringt, geniesst das Zürcher Publikum die humoristisch angebrachte Kritik des OPETH-Masterminds, der vor dem Gig vergeblich offene Geschäfte in Zwinglis Puritanerstadt suchte: „It is Sunday. Everything is fucking closed in this city. The only shop that was open was selling weed.”

Der Untergang der Zivilisation

OPETH berücksichtigen bei ihrem Set nicht nur „In cauda venenum“-Material, sondern auch von Åkerfeldt als „weird shit“ bezeichnetes Material. Seine Ankündigung „Some people want to hear old shit with Death Metal-Vocals, which we will provide“ wird mit kollektivem Gejohle quittiert. In die „weird shit“-Kategorie fallen darauf „Reverie/Harlequin forest“ und „Nepenthe“. Als er einen weiteren Schritt in die Vergangenheit ankündigt, kann sich ein übereifriger Fan in der ersten Reihe nicht zurückhalten und brüllt „Hope leaves“. Mikael ist verdutzt und fragt „How do you know? Ah…the internet. The decline of civilization. But you are right. 2003 – “Damnation””.

Entzückt im Lichtermeer

Egal ob sie 2003 wiederauferstehen lassen oder 2019 zelebrieren – OPETH ziehen ihr Publikum in ihren Bann. Die Lichtershow ist wunderbar stilvoll und verträumt – und viele lassen ob ihrer Verzauberung gar das Handy zum Filmen in der Tasche stecken. Einziger Störfaktor sind ein paar Westschweizer, die neuere OPETH-Songs allen Ernstes als Moshpit-Musik interpretieren und einige verzärtelte Progseelen unsanft zur Seite rempeln. Diese wünschen sich glatt, dass der Röschtigraben zur unüberwindbaren geographischen Realität werden möge.

Harmonie in Perfektion

An der hohen Qualität der musikalischen Darbietung ändert dies nichts. Joakim beherrscht sein Synths-Sammelsurium gekonnt, Axenrot trommelt schon seit Ewigkeiten in einer anderen Liga und harmoniert perfekt mit dem Ausnahmebassisten Martin Mendéz. Gitarrist Fredrik verliert nie den Überblick und OPETH harmonieren von der ersten bis zur letzten Note. Als Zugabe blicken die Schweden zurück auf „Sorceress“ und „Deliverance“ – und danach ist wirklich und endlich Schluss, selbst wenn das Publikum OPETH nicht gehen lassen wollen. Der einzige Song, der an diesem Abend fehlt, ist „Minnets Yta“ – doch vielleicht ist die Melancholieballade eher etwas für den intimen Rahmen abseits der großen Bühne. OPETH überzeugen so oder so und das „In cauda venenum“ als Album des Jahres ist live eine Welt für sich. Wunderbar.

Setliste OPETH

  1. Livets trädgård
  2. Svekets prins
  3. The Leper affinity
  4. Hjärtat vet vad handen gör
  5. Reverie/Harlequin forest
  6. Nepenthe
  7. Moon above, sun below
  8. Hope leaves
  9. The Lotus eater
  10. Allting tar slut
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  11. Sorceress
  12. Deliverance
Arlette Huguenin Dumittan
Arlette ist seit 2000 bei vampster und unsere Schweizer Fachfrau für schwarze Musik und vegane Backrezepte. Lieblingsbands: DARKTHRONE, MAYHEM, HAIL OF BULLETS. Genres: Black Metal, Death Metal, Dark Metal/Rock.