OPETH: In Cauda Venenum

opeth-In-Cauda-Venenum-cover

Vor knapp zehn Jahren coverten OPETH Marie Fredrikssons (die wesentlich mehr Facetten als Sängerin hat als ROXETTE) „Den ständiga resan“. Schon bewies die schwedische Ausnahmeband, dass OPETH mit schwedischen Lyrics eine ganz spezielle atmosphärische Dichte kreieren können – und mit dem 13. Album „In Cauda Venenum“ setzen sie sich und ihrer Muttersprache ein ganz eigenes Denkmal. Um sich dem Rest der Welt dennoch nicht komplett zu entziehen, übersetzte Mikael Åkerfeldt kurzerhand die Texte von „In Cauda Venenum“ ins Englische. Wohlgemerkt – die Übersetzung ist so frei, dass die Songstrukturen dem Englischen nicht angepasst wurden. So veröffentlichen OPETH tatsächlich zweimal dasselbe Album – nur eben mit perfekt „synchronisierten“ Fassung dazu.

Politik als letztes Gift?

Schweden ist überhaupt präsent auf „In Cauda Venenum“ wie nie zuvor auf einem OPETH-Album. OPETH stimmen mit einem Olof Palme-Sample (eine Neujahrsrede) gar offen politische Töne an. Die Vermutung liegt nahe, dass „In Cauda Venenum“ das OPETH-Werk ist, dessen Herz am nahesten zur Realität pocht. Zwei Mal mischen sich Kinderstimmen in den Sample-Wald und diejenige des Intros „Livets trädgård“ – „Stranger Things“ goes sakral – ist bezeichnend für die heutige Zeit. Ein Mädchen sagt „Om man slutar tänka, då blir man död“ („Wenn man aufhört zu denken, dann stirbt man“). Wenn da mal nicht Gedanken an eine berühmte junge Schwedin ausserhalb der Musikwelt aufkommen…

Sind bei OPETH die Zeiten der weltfremden Poesie vorbei?

Item, „Svekets Prins“ beginnt mit dem typischen „Aaaaah“-OPETH-Chor und geht sogleich durch Mark und Bein. Interessant ist hier, dass die englische Version das Wort „Blasphemie“ enthält und die Interpretation, dass es um einen religiösen Würdenträger geht, der sich an Kindern vergreift, mehr als zulässt. Dahingegen erscheint der religiöse „Blasphemie“-Aspekt auf Schwedisch gar nicht. Vielmehr passt sich der Text der säkularisierten schwedischen Gesellschaft an und malt den „Bräutigam“ der Kindsbraut als einen reichen Herren, der sich mit Geld die sexuelle Hörigkeit des Kindes erkauft. Der schwedische „Schockeffekt“ als Hinweis auf die Prostitution (die in Schweden illegal ist), die englische Variante als religiös-konnotierte Provokation. OPETH als weltfremde Poeten? Offensichtlich nicht anno 2019.

„In Cauda Venenum“ bietet Musik, von der man sich kaum lösen kann

Was „In Cauda Venenum“ musikalisch bietet, ist – und das dürfte kaum überraschen – sensationell. OPETH kredenzen einen Suchtfaktor für ihr Album, der selbst für die Schweden unheimlich ist. So finden sich im wunderbar verletzlichen „Minnets yta“ die Gänsehautmomente von „Watershed“ wieder, während OPETH unter anderem in „Hjärtat vet vad handen gör“ hemmunglos in Prog-Gefilden wildern und vom Dopamin singen. Technisch wachsen OPETH über sich (und so ziemlich alle anderen) hinaus, doch – und darin liegt nach wie vor ihre geheime Kraft – paaren sie ihr technisches Können mit superbem Songwriting. Das Resultat ist gleichzeitig abgedreht und unglaublich stimmig, wild und eingängig, mysteriös und schwer suchterzeugend.

OPETHs „In Cauda Venenum“ als Album des Jahres

Über allem thront stets die Melancholie OPETHs, die ihnen so eigen ist. „In Cauda Venenum“ positioniert sich mühelos als Album des Jahres, denn man schafft es so oder so nicht, OPETH zu widerstehen. Stattdessen lässt man sich bereitwillig immer wieder von „In Cauda Venenum“ ergreifen, einnehmen, erobern.

 

Veröffentlichungstermin: 27.09.2019

Spieldauer: 68:00

Label: Moderbolaget Records / Nuclear Blast

Website: http://www.opeth.com

 

Line Up

Mikael Åkerfeldt – Gitarren, Vocals

Martin Méndez – Bass

Martin Axenrot – Drums

Fredrik Åkesson – Gitarren, Backing Vocals

Joakim Svalberg – Keyboards, Piano

Trackliste von „In Cauda Venenum“

  1. Livets Trädgård
  2. Svekets Prins
  3. Hjärtat vet vad handen gör
  4. De närmast sörjande
  5. Minnets yta
  6. Charlatan
  7. Ingen sanning är allas
  8. Banemannen
  9. Kontinuerlig drift
  10. Allting tar slut
Arlette Huguenin Dumittan
Arlette ist seit 2000 bei vampster und unsere Schweizer Fachfrau für schwarze Musik und vegane Backrezepte. Lieblingsbands: DARKTHRONE, MAYHEM, HAIL OF BULLETS. Genres: Black Metal, Death Metal, Dark Metal/Rock.