MegaMosh: Special Historic Show mit BULLDOZER, NECRODEATH und DISTRUZIONE am 19. Oktober 2019 im Sedel, CH-Luzern

Es braucht die Hilfe einer ortskundigen Beifahrerin, um als urbane Betonpflanze den Sedel in Luzern zu finden. Denn eigentlich ist der Sedel nicht genau IN Luzern. Sondern ein bisschen nebendran, sodass er zwar zum Stadtgebiet gehört, aber trotzdem die Landluft in Nebelschwaden um ihn schwebt. Und man gegen 20 Uhr neben schlafenden Kühen auf der Weide parkt. Keine Schilder, keine Kosten und kaum tritt man in den Sedel, weht einem noch eine ganz andere Luft entgegen – die aus den 90er Jahren. Das Motto des Abends – „Special historic show“ – bezieht sich also nicht nur auf die Mucke, die man an diesem Abend geboten bekommt.

DISTRUZIONE

DISTRUZIONE

Dank familiären Verpflichtungen verpasse ich an diesem Abend leider CHAOSMONGER, SIN STARLET und REQUIEM. Dafür gibt es ein italienisches Thrash-Metal-Menü der Extraklasse zu genießen. Als erster Gang entern DISTRUZIONE aus Parma die Bühne. Die 1990 gegründete Thrash Death Metal-Band heizt energiegeladen drauf los und prügelt sich routiniert durch einen abwechslungsreichen Querschnitt ihrer Discographie. Vom Demo „Olocausto cerebrale“ bis zur 2018er EP „Inumana“ – DISTRUZIONE lassen keine Passage ihrer Bandgeschichte aus.

Italienisch grunzen statt trällern

Wer Italienisch mit Operngesang und Geträller assoziiert, wird bei DISTRUZIONE von den todesmetallischen Qualitäten der Sprache überzeugt. Hier und da gibt es zudem an DISMEMBER gemahnende Riffs zu hören, was im Publikum sichtlich für gute Stimmung sorgt. Soundmässig haben DISTRUZIONE ebenfalls alles im Griff und das Publikum kommt begeistert in Bewegung. Das Bier fliesst, die Kutten wippen und die gut hundert Metaller verbrüdern sich glücklich zu DISTRUZIONEs harten Klängen.

Setliste DISTRUZIONE

Pianeta dissolvenza

Delirio interiore

Cornice de’ superbi

Il dolore della fine

Ossessioni funebri

La Torre Della Muda

Stultifera navis

Lo Scultore

Senza futuro

Neoplasma

Olocausto cerebrale

Nel Tuo Nome

NECRODEATH

NECRODEATH

Nach dem gelungen Auftritt DISTRUZIONEs zieht es viele an die frische Nachtluft zum Rauchen und Räubergeschichten austauschen. Die Kühe lassen sich von der zusätzlichen Gesellschaft noch immer nicht stören – auch nicht als Organisator Thrasher rauskommt und proklamiert „Also NECRODEATH würden jetzt spielen, für die, die es interessiert“. Und das interessiert indes viele – rein in die laute Wärme.

Kleines Snare, grosse Wirkung

Bei NECRODEATH gibt es von Anfang an die krasse Thrash-Kante, so dass Alt-TESTAMENTer, Alt-KREATOR-Fans und vor allem SLAYER-Nostalgiker feuchte Augen bekommen. Drummer und italienisches Metal-Urgestein Peso (Ex-SADIST) trommelt das letzte Leben aus seinem äusserst flachen Snare und NECRODEATH machen von Minute eins an keine Gefangenen. Hier regiert der Old School-Geist vom härtesten, inklusive entsprechender Gesten. Nicht nur „At the Roots of Evil“ hat eine klare SLAYER-Schlagseite – doch für wehmütig nostalgische Gedanken ist bei NECRODEATH keine Zeit.

NECRODEATH mit Zahnsolo

NECRODEATH

Dafür sind die italienischen Black Thrasher zu beschäftigt mit ihrer Mucke und in „Fathers“ bedeutet dies, dass sich Gitarrist Pier einem schier endlosen Gitarrensolo hingibt. Genudel in Reinkultur, was mit begeisterten Anfeuerungsschreien aus dem Publikum honoriert wird. Pier treibt es noch in die Höhe, indem er seine Gitarre in JIMI HENDRIX-Manier zum Solieren mit den Zähnen bespielt. Und diese – scheinbar so übertriebene – Performance wird an diesem Abend nicht belächelt, sondern geschätzt, geliebt, aufgesaugt wie ein sündig süffiger Cocktail direkt aus den Spätachtzigern. Die Energie NECRODEATHs ist ansteckend und als sie gegen Schluss ihres Sets noch SLAYERs „The Antichrist“ covern, ist es definitiv um den letzten Zweifler im Publikum geschehen. Die letzten 20 Jahre sind nie passiert, die Mobiltelefonfilmerei hat nie die Konzertstimmung zerstört, Black Thrash Metal aus Italien ist alive and well.

Setliste NECRODEATH

  1. Choose Your Death
  2. South / Internal Decay
  3. Stillbirth
  4. Hate & Scorn
  5. At the Roots of Evil
  6. The Creature
  7. Fathers
  8. Triumph of Pain
  9. The Whore of Salem
  10. Fragments of Insanity
  11. Master of Morphine
  12. The Age of Dead Christ
  13. Mater Tenebrarum
  14. The Antichrist (SLAYER-Cover)
  15. Last Ton(e)s of Hate

BULLDOZER

Der rund eine halbe Stunde dauernde Umbau gibt Möglichkeit, sich nach dem schweißtreibenden NECRODEATH-Gig im zweiten Stockwerk den Thrash Metal-Markt anzuschauen. Die Bands bieten ihren Merchandise zu vernünftigen Preisen an und neben Vinyl und Shirts gibt es auch Bücher und alte Shirts zu kaufen. Letztere sind in einer Box und solche Schachteln sind immer interessant, da man manchmal auch obskure Shirts findet wie etwa von BABYLON SAD. Ausserdem kann man dies auch als einen Beitrag gegen Fast Fashion sehen – ältere Metalshirts halten in der Tat ewig.

BULLDOZER trifft Cicciolina

BULLDOZER

Gegen 23 Uhr ist es Zeit für BULLDOZER. Angeschwärzter Thrash Metal der alten Schule ist angesagt und die Publikumsmeute ist mehr als bereit dafür. Frontmann AC Wild greift an diesem Abend auch zu seinem Rickenbacker-Bass und trägt Vampirumhang mit Spitzkragen. Beinahe wähnt man sich an einem Anton Sandòr LaVey-Ritual und man kann sich die schwelende Ablehnung BULLDOZERs` Kunst durch die örtliche katholische Kirche förmlich vorstellen. Diese Vorstellung wird zusätzlich dadurch genährt, dass BULLDOZER ihren Song „Ilona had been elected“ vom 1988er Album „Neurodeliri“ der berühmtesten Blondine Italiens (und wohl auch Ungarns, schliesslich stammt Cicciolina ursprünglich aus Budapest) – Ilona „Cicciolina“ Staller – widmen und sie als ihre Freundin bezeichnen. Meisterhaft, wie hier an einem Thrash Metal-Gig die Welt der Pornographie (Cicciolinas Filme sind legendär-provokant), der Politik (Cicciolina war gewählte Parlamentarierin in Italien) und der bildenden Künste (Cicciolina wirkte später zusammen mit ihrem Mann Jeff Koons) vereinen. Ein spätes Echo der italienischen Renaissance, die ja ihrer Zeit ebenfalls ein intertextueller Schmelztiegel der Künste war.

BULLDOZER gegen den Papst

BULLDOZER holzen sich – kein bisschen müde für ihr Alter – durch ein abwechlungsreiches Set ihres jahrzehntelangen Schaffens. Die Zeitreise beginnt 1983 mit „Fallen Angel“ und schreitet danach passioniert weiter ins Jahr 1986 zu „The Final Separation“. Dazu gibt es Aufforderungen zum Saufen und antipäpstliche Parolen. Hierbei ist sich AC Wild durchaus des Alters der BULLDOZER-Songs bewusst, beteuert jedoch, dass sich das päpstliche System seit Johannes Paul II nicht geändert habe. Da passt der Song „Impotence“ ebenfalls zum musikalischen Angebot des Abends. BULLDOZER verzichten auf soloverrückte Eskapaden und setzen lieber noch covermässig einen drauf.

Whiskey und MOTÖRHEAD

BULLDOZER

MOTÖRHEADs „Iron Fist“ darf es an diesem Abend sein und der thrashig-dreckige Vibe, den BULLDOZER dem Klassiker verpassen, passt perfekt. Der „Megamosh“ wird zur fühlbaren Realität im Publikum – schweisstreibend und echt. Am Ende verkünden BULLDOZER „Whiskey Time“ und stärken die vorderen Reihen noch mit dem entsprechenden Getränk. Am Ende Schweiss, Bierlachen und glückliche Gesichter – „Es ist, als wäre es wieder früher, weisst Du, als auch noch METALLICA und SLAYER noch gut waren.“ Historic Mosh halt…

Fotos: Arlette Huguenin Dumittan