DOOMSDAY 2000

Bericht vom DOOMSDAY OPEN AIR 2000 – Ostragehege / Dresden

Doomsday 2000

1. Tag:

Dank insgesamt guter Wegbeschreibung war der Veranstaltungsort, das Ostragehege in Dresden, gut zu finden. Tja, eigentlich hätten wir uns ja auch ganz gern Dresden angeschaut, aber dafür bleibt gestreßten Festivalgängern leider keine Zeit. Zu sehen gab`s dafür eine ganze Reihe teilweise grandioser Auftritte, von denen so mancher wohl kaum in Vergessenheit geraten dürfte …

Los ging das Ganze mit Unheilig, einer Band, von der keiner von uns bis dahin irgendwas gehört hatte. Eigentlich war das, was es da auf der Bühne abgeliefert wurde, ganz solide Arbeit, aber wen von den paar Leuten, die da irgendwo in der Nähe der Bühne in der prallen Mittagshitze stehen, interessiert das wirklich? Die meisten von ihnen warten wohl auf die für später angekündigten bekannteren Acts – schade eigentlich.

Anders sieht das Ganze dann schon bei Illuminate aus, die sich in den vergangenen Jahren Stück um Stück eine respektable Fangemeinde erspielt haben. Selbst wenn`s eigentlich nix wirklich Neues zu sehen gibt, überzeugt ihre aufwendige Bühnenshow völlig. Illuminate sind offenbar kein Studioprojekt, sondern eine Band, die Freude daran hat, ihre gefühlvollen Stücke einem Publikum live zu präsentieren.

Im Gegensatz dazu hatte der Auftritt von Zeromancer (ex-Seigmen) für mich Neuigkeitswert. Ihre gelungene Mischung aus Gothic- und Metalelementen und vor allem das fast perfekte Zusammenspiel aus Vocals und Gitarren brachten die Meute auch so richtig in Schwung, und spätestens beim Highlight „Clone Your Lover“ ging`s dann so richtig ab.

Weniger überzeugend war dagegen der Auftritt der Letzten Instanz. Dabei war der Einsatz der Musiker auf der Bühne geradezu vorbildlich, und sie beherrschten auch ihre Instrumente ganz gut. Das Problem war bei alledem eigentlich nur, daß in der bunten musikalischen Mischung aus Folk, Punk, Indierock, Metal, Gothic und allerlei anderen Stilrichtungen zu vieles Stückwerk blieb, d. h. es gab einfach keine klare musikalische Linie, die offenbar von vielen vermißt wurde. Dementsprechend wollte auch keine richtige Stimmung aufkommen, und der Auftritt dürfte wohl nur bei wenigen einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

Wesentlich mehr Stilbewußtsein war dagegen bei der Synthiepopband De/Vision zu erkennen. Zum ersten Mal wurde es vor der Bühne so richtig eng. Die wunderschönen, vor allem von markanten Vocals getragenen Melodien schmeicheln sich auf Anhieb in die Gehörgänge ein, und die bemerkenswerte Bühnenpräsenz des Frontmannes tun ein Übriges, um die Menge zu verzaubern. Wer etwas mit elektronischer Popmusik anfangen kann, wurde hier wirklich erstklassig bedient.

Als Kontrastprogramm gab`s dann anschließend die Mittelalter-Folk-Metaller von In Extremo zu sehen: statt mit Keyboards und Computer wurde nun mit akustischen Instrumenten musiziert, es wurde munter gezupft, gefiedelt, geblasen, geschlagen und geschrien – und zwar meistens volle Pulle. Es war völlig unmöglich, sich zu entscheiden, welchem der altertümlich gewandeten Spielleute man am meisten Aufmerksamkeit schenken sollte, weil alle über die ganze Zeit hinweg vollen Einsatz brachten und die Abstimmung der Musiker untereinander einfach perfekt funktionierte. Dermaßen lebendige, kraftvoll-erdige Musik kann man eigentlich gar nicht oft genug erleben – kurzum: In Extremo sind als Liveband erste Sahne.

Einen ähnlich guten Ruf als Liveband haben auch Phillip Boa & The Voodoo Club. Ob nun die Gerüchte, denen zufolge Phillip mit seinen Musikerkollegen alles andere als zimperlich umspringt, nun wahr sind oder nicht – auf jeden Fall steht Phillip immer und überall im Mittelpunkt, und dementsprechend beherrschte er das Geschehen auf der Bühne. Wie von der Tarantel gestochen raste er mit irrem Blick über die Bretter, peitschte mal seine Fans, dann wieder seine Musiker auf, so daß denen kaum Zeit zum Atmen blieb. Immer wieder wurde das Gitarren-und-Schlagzeug-Powerplay aber etwas aufgelockert durch verspielte, manchmal sogar lyrische Einlagen – für Abwechslung war also gesorgt. Von Stück zu Stück wurde der Auftritt immer noch besser, bis mit „This Is Michael“ und „Container Love“ die wohl bekanntesten Stücke der Band gespielt wurden. Eigentlich wirken gerade diese beiden Songs auf CD für meinen Geschmack ein wenig zu glatt, aber so wie sie auf der Bühne rüberkamen, mitgesungen von unzähligen sich vor Begeisterung überschlagenden Zuschauern, waren sie eigentlich nicht mehr zu toppen. Fazit: dem gelungenen Auftritt von In Extremo absolut ebenbürtig.

Wenn man nach zwei derartigen Performances dann erst mal einigermaßen ausgepumpt ist, kommt so eine Band wie Wolfsheim gerade recht. Wer ihre verträumten, melancholischen Keyboardklänge hört, erwartet keine Exzesse – und doch: die streng stilisierte Performance war dann doch für viele eine dicke Überraschung. Peter Heppner stand in Predigerpose an einem Pult, bewegte sich eine Stunde lang kaum vom Fleck und tat so, als würde er die zumeist wehmütigen Geschichten, die er singend erzählte, direkt vom Blatt ablesen. Natürlich haben da einige Leute erstmal einigermaßen dumm aus der Wäsche geschaut, schließlich stellt man sich so nicht unbedingt eine gelungene Bühnenshow vor. Um so faszinierender war es mitanzusehen, wie dieser Prophet am Mikrophon mit seiner unverwechselbaren Stimme und einer sagenhaften Ausstrahlung, unterstützt durch stimmungsvolle Keyboardklänge auf sehr hohem musikalischem und technischem Niveau, all diejenigen, die sich nicht gleich abschrecken ließen, Stück um Stück in seinen Bann zog und bis zum Schluß nicht mehr losließ – ein irres Erlebnis!

Nach drei so grandiosen Auftritten fragt man sich dann natürlich, was für eine Steigerung jetzt noch möglich ist. Andererseits durfte man sich von der als nächstes angekündigten Band auch einiges versprechen: Schließlich sind die Sisters of Mercy nicht irgendwer, sondern eine der großen Gothic-Legenden, und dementsprechend waren sie als einer der beiden Headliner angekündigt worden. Schon zu Beginn der unnötig langen Umbaupause war es fast unmöglich, in die Nähe der Bühne zu kommen. Nachdem sich die Sisters in den letzten Jahren doch ziemlich rar gemacht hatten, lag die Spannung geradezu in der Luft. Die Erwartungen im Publikum waren wohl recht hoch – leider wurden sie allerdings ziemlich enttäuscht. Als Andrew Eldritch und seine beiden Gitarristen die Bühne betraten, fing das Elend eigentlich schon an: eine lustlose Begrüßung, eine lustlose Präsentation der Songs – und ein großer Apparat im Hintergrund, der mehr zu den Songs beizusteuern schien, als Andrew und seine Gitarristen zusammen. Das Ganze wirkte saft-, kraft- und leblos – gerade so, als würde der Playbackautomat im Hintergrund die Regie führen und die Musiker täten einfach Dienst nach Vorschrift. Unter solchen Umständen kann selbst großartiges Songmaterial keine überzeugende Wirkung entfalten, und mit einiger Frustration mußte man einer ziemlich traurigen Tatsache ins Auge sehen: Der Mythos Sisters of Mercy, die sich ihren großartigen Ruf einst durch wirklich mitreißende Livedarbietungen redlich erspielt haben – dieser Mythos ist mausetot, auch wenn allein der Nostalgiefaktor doch nochmal einige Augen (vorwiegend schon etwas älterer Fans) aufleuchten ließ. Bitter ist dieses Erlebnis sowohl für diejenigen, die noch heute in Erinnerungen an frühere Sisters-Konzerte schwelgen als auch für all diejenigen, denen ein solches Erlebnis nun wohl für immer verwehrt bleiben wird …

2. Tag:

Obwohl es erst gegen halb vier Uhr nachmittags mit den Konzerten losging, hielt sich der Zuspruch für die ersten beiden Bands, Accessory und Philtron, eher in Grenzen, und ihre Auftritte waren tatsächlich auch ziemlich unspektakulär, so daß wohl nicht nur bei mir insgesamt eher wenig davon im Gedächtnis haften blieb.

Etwas größer war das Interesse an Velvet Acid Christ, die kurzfristig für die Legendary Pink Dots eingesprungen waren. Auf dem Papier brachte diese Änderung wohl eher einen Gewinn an Attraktivität, da Velvet Acid Christ gewiß mehr Leuten ein Begriff ist als die nicht gerade übermäßig bekannten Legendary Pink Dots. Dennoch konnte bei mir keine Begeisterung über diese Änderung aufkommen, weil ich – ganz offen gesagt – die Musik und die effekthascherischen Auftritte dieser Band noch nie leiden konnte. Ich bin mir natürlich klar darüber, daß meine Voreingenommenheit mein Urteil über den Auftritt zwangsläufig beeinflußt hat – und deswegen will ich mich nicht weiter darüber auslassen.

Wesentlich größere Freude kam bei mir dann wieder auf, als Terminal Choice die Bühne betraten. Chris` bitterböser Gesang, durch den die Lyrics der Band noch einiges finsterer wirken, treibender Elektrosound, perfekt abgestimmt auf die schweren Gitarren – das ist das Erfolgsrezept von Terminal Choice, das offenbar auch live funktioniert. Selbst wenn das große musikalische Potential auf der Bühne nicht bis aufs letzte ausgereizt wurde, kann man doch ohne Einschränkung sagen: ein durchaus sehenswerter Auftritt.

Etwas weniger finster, aber genauso sehenswert war das, was Elektroniker von Covenant zu bieten hatten. Die sympathischen Skandinavier präsentierten sich geschniegelt und gebügelt wie eine New-Romantic-Band, aber zum Glück waren ihre Songs nicht so aalglatt wie etwa diejenigen von Spandau Ballet, sondern viel interessanter und abwechslungsreicher. Auffällig war die beinahe perfekte Beherrschung des elektronischen Instrumentariums ebenso wie der charismatische Gesang. Höhepunkt des Auftritts war eindeutig der melancholische „Leiermann“, der durch den für deutsche Ohren doch ein wenig kurios klingenden skandinavischen Akzent eine ganz eigene Note erhielt. Selten wurde ein deutsches Volkslied auf so originelle Weise gecovert – und die Coverversion so gekonnt auf der Bühne umgesetzt.

Als nächstes folgte dann der Gig einer Band, die live bislang so gut wie nie enttäuscht hat: And One sind nicht nur die momentan erfolgreichste Band an der Schnittstelle zwischen Synthiepop, Electro und Industrial im deutschsprachigen Raum, deren Musik sich vor allem durch Originalität und perfekten Umgang mit ihren Tasteninstrumenten und Effektgeräten sowie durch klaren, schnörkellosen Gesang auszeichnet, sondern ebensosehr eine Band, die auf der Bühne wirklich vollen Einsatz bringt. Genau diesem Ruf wurden sie auch diesmal ohne Einschränkungen gerecht. Eigentlich hätte dieser Auftritt genügt, um auch einen Anfahrtsweg von vielen hundert Kilometern zu rechtfertigen. And One präsentierten sich während des gesamten Gigs in Bestform, es gab eine Menge grandioser Klassiker zu hören (absoluter Höhepunkt war für mich die „Deutschmaschine“), die Masse tobte – einfach genial!

Das größte Spektakel stand uns da aber noch bevor: das weltweit einzige Konzert der Brachialelektroniker von Skinny Puppy, die das letzte Mal in den späten 80ern aufgetreten waren. Dennoch wird die Band bis heute von vielen Leuten offenbar in höchsten Ehren gehalten. Denn wie sonst könnte man erklären, daß sich zu dem Gig plötzlich Skandinavier, Kanadier, US-Amerikaner und sogar Japaner einfanden, die nur deswegen aus ihrer Heimat angereist waren (da kamen mir meine 550 km Anreiseweg auf einmal doch ziemlich läppisch vor …). Allerdings war noch aus einem anderen Grund ein besonderer Leckerbissen zu erwarten: Als Macher hinter der Bühnenshow steckte nämlich niemand Geringeres als Jörg Buttgereit (Regisseur u. a. des Kultstreifens „Necromantic“), der als Meister deftiger Bildorgien ja nun wirklich kein Unbekannter mehr ist. Etwa eine halbe Stunde lang war dann aber zunächst nur die eine Hälfte der mittlerweile zum Duo geschrumpften Skinny Puppy zu sehen. Als dann sein Kollege endlich auftauchte, wurden die auf eine Leinwand projizierten Grausamkeiten immer blutrünstiger, und auch auf der Bühne fing das (Kunst-) Blut so heftig zu strömen und zu spritzen an, so daß mancher Splatter daneben eher wie eine Geschichte vom Sandmännchen aussehen würde. Dazu passend wurde Hardcoreelectro geboten – sicher etwas für Feinschmecker, aber bestimmt nix für allzu Feinfühlige: knüppelharte Beats, Verzerrersounds jenseits der Schmerzgrenze, barbarisches Geschrei – alles in allem ein multimediales Inferno.

Die eine Hälfte der Anwesenden ergriff mehr oder weniger panisch die Flucht, die anderen verfolgten gebannt das wahnwitzige Spektakel vor ihnen, eine perfekt inszenierte High-Tech-Performance, wie man sie sonst kaum einmal zu sehen bekommt. Allerdings geraten die Musiker bei einem solchen Spektakel zwangsläufig in den Hintergrund, und so wurden sie auch hier zu wenig mehr als zwei kleinen Rädchen in einer gigantischen, blitzenden und donnernden Unterhaltungsmaschine. Je länger die Maschine auf Hochtouren läuft, desto unbedeutender erscheinen sie – in gewisser Weise passend zum Konzept einer von Industriegeräuschen beherrschten, maschinell erzeugten Musik, aber bedauerlich für all diejenigen, die gerne Musiker auf der Bühne sehen wollen, bei denen nicht nur Ströme rötlicher Farbe darauf hindeuten, daß sie aus Fleisch und Blut bestehen.

Insgesamt gesehen war das Festival auf jeden Fall einen Besuch wert, und für mich steht eindeutig fest: das Doomsday ist auch nächstes Jahr wieder ein Pflichttermin.