BARONESS und NEBRA am 25. Januar 2010 im Orangehouse München

BARONESS und NEBRA am 25. Januar 2010 im Orangehouse München
 

Verkehrte Welt. Wenn ich normalerweise Konzerte im schönen Orangehouse besuche, sind maximal 70 Leute da. Heute, an einem Montag, bei hundsmiserablem Wetter wohlgemerkt aber, platzt der Liveclub aus allen Nähten. Das Seltsame dabei ist, dass BARONESS, diejenigen die heute zum Tanz laden, erst ihr zweites Album Blue Record raus haben, noch nie in München gastiert haben und in Deutschland sowieso erst einmal unterwegs waren. Ein kleiner Vergleich: Als MASTODON 2005 zu ihrem zweiten Album Leviathan ihre zweite Europatour spielten, kamen höchstens hundert Leute. Aber scheinbar zündet der Hype dieser RELAPSE-Band gewaltig. Und zwar zündet er so gut, dass um 21:30 Uhr schon die Pforten dicht gemacht werden und es sich die gut 200 Besucher im Warmen gemütlich machen. Aber um diese Uhrzeit will sowieso schon niemand mehr seinem ungesundem Hobby, dem Tabakkonsum, frönen.

 NEBRA
Heftiger Instrumental-Sludge, live allerdings zu eintönig: NEBRA aus Genf.

Denn da stehen NEBRA aus Genf schon mindestens zehn Minuten auf der Bühne. Die vier Schweizer rocken sich verdammt heavy und erdig durch ihre Dreiviertelstunde und spielen dabei ihre letztjährige EP Sky Disc sowie einige unbekannte Stücke. Und diese Tour ist recht nötig für NEBRA, denn erstens hatte ich diese Truppe fast schon vergessen, zweitens ist dieser Auftritt gut für das Ego von Schlagzeuger Samuel, der ein Jahr lang nach einem schweren Motorradunfall pausieren musste. Und obwohl er auf Krücken zu seinem Instrument humpelt, drischt er auf die Trommeln wie ein topfitter, völlig gesunder Hooligan. Die Musik von NEBRA macht live Spaß, die Musiker erzeugen eine massive Riffwand, aber alles klingt ein wenig gleich. Die Feinheiten von artverwandten Bands wie PELICAN fehlen NEBRA einfach, ein Sänger wäre bei ihnen mehr als nur angebracht. So wirkt alles noch zu wenig filigran und viel zu eintönig. Aber wenigstens rockt es ordentlich und bläst den Gehörgang für BARONESS frei.

Um 22:25 Uhr stehen schließlich vier Jungs im Fokus der Aufmerksamkeit von 200 Gästen, denen das harte Tourleben mehr oder weniger deutlich anzumerken ist. Verblüffend, dass ein Vorzeigeredneck wie dieser bärtige mit den jungen Augen, der da in der Mitte steht, derart großartige Bilder malen kann. John Dyer Baizley und seine drei Freunde jedenfalls brechen mit dem Klischee des Südstaaten-Proleten. Und das, obwohl wir es hier mit echtem US-Rock zu tun haben. Das Gebräu von BARONESS hat seine Wurzeln tief im Hardcore, erweitert werden diese aber immer mehr durch richtig guten Southern und Progressive Rock, und garniert wird das eh schon feine Süppchen mit einer dezenten Portion Sludge. Das hebt sich mittlerweile schon spürbar von MASTODON ab, aber die Verwandtschaft beider Bands ist immer noch deutlich. Vor allem auf Tonträgern, aber auch live, wird bei BARONESS mehr und vor allem viel rabiater gerockt als bei den großen Brüdern aus Atlanta. Und das wird heute, bei richtig gutem Orangehouse-Livesound, bewiesen.

 BARONESS
Spielfreude + technische Brillianz + Ausdauer + Ehrlichkeit = BARONESS = Konzerthighlight.

Schon beim wunderbaren Intro Bullhead´s Psalm können sich die Gitarristen John Dyer Baizley und Pete Adams kaum zurückhalten, sie explodieren geradezu vor Spielfreude und Energie, was im Laufe der Show durch unpeinliche Posen unterstrichen wird, die so gekonnt vorgetragen werden, dass sogar der zusätzlich performte Gesang kein Problem darstellt. BARONESS sind die THIN LIZZY des Punk, die IRON MAIDEN des Hardcore, die QUEEN des Sludge. Und so brillieren BARONESS mit The Sweetest Curse und Jake Leg und legen so einen beachtlichen Start hin, ganz im Zeichnen vom neuen Hitalbum Blue Record. Danach werden auch gerne Ausflüge in Richtung Red Album getätigt, allerdings spielen BARONESS hier die guten Stücke und nicht das Füllmaterial. Dennoch, brandneues Material wie A Horse Called Golgotha und War, Wisdom And Rhyme sowie das grandiose Red Sky von der EP Second bleiben unerreicht, dem können auch die beiden Schlusspunkte Wanderlust und Grad nichts mehr entgegensetzen. BARONESS spielen gute siebzig Minuten lang ohne auch nur annähernd müde zu werden. Die Gitarristen John Dyer Baizley und Pete Adams haben eine enorm gute Kondition, Bassist Summer Welch hält sich vergleichsweise dezent im Hintergrund, Schlagzeuger Allen Blickle sorgt für den richtigen Groove und lässt sich durch nichts beeindrucken. Auch wenn das Orangehouse brechend voll ist, das Konzert wirkt sehr familiär, BARONESS sind auf dem Boden geblieben, und als sie zum Abschluss ihren ersten Song überhaupt, Tower Falls von der EP First anstimmen, wird klar, warum wir sie so mögen. Sie sind einfach immer noch die wilden, ehrlichen Jungs, die zu allem stehen, was sie bisher gemacht haben.

Nassgeschwitzt sind nicht nur die vier Musiker, als sie von der Bühne gehen, auch den Zuschauern ist an diesem kalten Januarabend warm geworden. So startet man gut in die neue Woche: Mit einem gigantischen Konzert einer der aufstrebendsten Bands der letzten Jahre.

Weitere Konzertbilder in der Vampster-Fotogalerie.

 

Setlist BARONESS:
Bullhead´s Psalm
The Sweetest Curse
Jake Leg
Isak
The Birthing
Ogeechee Hymnal
A Horse Called Golgotha
War, Wisdom And Rhyme
Swollen And Halo
The Gnashing
Red Sky
Wanderlust
Grad

Tower Falls

Bilder: (c) Tatjana Braun / Layout: Captain Chaos