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WOLVES IN THE THRONE ROOM: …die Bestien loszulassen

WOLVES IN THE THRONE ROOM: …die Bestien loszulassen

Es ist 0:45 Uhr in der Nacht von Sonntag auf Montag und endlich beginnt mein Interview, das eigentlich schon vor sieben Stunden hätte stattfinden sollen, denn auf dem Weg nach Nürnberg wurden WOLVES IN THE THRONE ROOM und ihre Crew von der Polizei festgehalten und kamen statt am Nachmittag, erst um 21:00 Uhr im Roten Salon an. Aber ich habe Glück: Es ist das letzte Interview an diesem Tag, Drummer Aaron Weaver spricht deutlich und klar, hat genügend Zeit zu erläutern, um was es bei Black Cascade, dem neuen, unfassbar guten Album WOLVES IN THE THRONE ROOM und der Band selbst, geht. Ein einstündiges Gespräch über die Essenz des Black Metal, das Leben auf der Selbstversorger-Farm und die Alternativen des westlichen Lebensweges.

 

Hallo Aaron, mich freut es sehr, dass wir uns unter vier Augen unterhalten können. Zunächst meine Hochachtung für das, was ihr auf Black Cascade kreiert habt.

Vielen Dank, es freut mich, wenn dir das Album gefällt.

Zunächst möchte ich ein wenig auf eure Wohnsituation eingehen, denn das geht ja direkt einher mit der musikalischen Ausrichtung von WOLVES IN THE THRONE ROOM. Ihr lebt auf einer Farm in den Wäldern, nahe Olympia Washington, die hauptsächlich von dir und deiner Freundin betrieben wird.

Das ist exakt.

Nathan lebt aber nicht auf dieser Farm?

Nein, momentan nicht. Vor sechs Jahren haben Nathan und ich Calliope, das ist der Name dieser Farm, gekauft. Zur selben Zeit haben wir angefangen mit WOLVES IN THE THRONE ROOM, also greifen diese beiden Projekte direkt ineinander über. Nathan hat sich immer mehr für die künstlerische und spirituelle Seite davon interessiert, mir ging es eher um die physische Manifestation. Meine Freundin Megan und ich haben uns immer mehr um die ganze Konstruktion, also zum Beispiel die Scheunen und die Gebäude gekümmert. Es ist erst vier Monate her, da haben wir ein weiteres Stück Land gekauft, das ist mit dem Fahrrad nur zehn Minuten von Calliope entfernt. Es ist ein atemberaubendes Stück Erde, direkt in einem hundert Jahre alten, wunderschönen Land. Nathan lebt jetzt dort, wir haben auch dort unseren Proberaum und unser Studio. Das ist sehr abgelegen und wirklich großartig für uns. In den nächsten Jahren werden wir in Calliope ein neues Haus bauen.

Das klingt wundervoll. Ist es tief in den Wäldern, oder kannst du in kurzer Zeit wieder in der Zivilisation sein?

Ja, das ist nicht weit. Es sind nur dreißig Minuten mit dem Fahrrad in die nächste Stadt. Aber gleichzeitig fühlt es sich sehr abgeschieden an, sehr gut geschützt von der großen Stadt. Seit den Siebzigern haben dort immer schon kreative Menschen gelebt. Das Gehöft ist über hundert Jahre alt, vor dreißig Jahren sind dann dort viele Hippies hinausgezogen. Seitdem sind viele extreme Menschen dort gewesen, die mit den verschiedenen Arten zu leben experimentiert haben. Die Hippies haben versagt, mit dem was sie tun wollten, und darunter hat Calliope gelitten. Halb fertig gestellte Bauten auf der einen Seite, zusammengefallene Hütten auf der anderen Seite. Wir versuchen nun die Dinge dort in Ordnung zu bringen und Ordnung ins Chaos zu bringen.

Habt ihr dort auch die neuen Bandfotos gemacht? Ich habe Bilder gesehen, da steht ihr vor einem gigantischen Baumstamm, man erkennt kaum, dass dort Leute stehen.

Diese Fotos haben wir genau hinter dem neuen Haus gemacht, in diesem alten, unberührten Wald. Es geht dahinter direkt zu einem schönen Strand.

Seit Two Hunters gab es auch einen Besetzungswechsel zu vermelden, Rick Dahlin hat WOLVES IN THE THRONE ROOM verlassen, sein Ersatz ist Will Lindsay.

Rick ist Vater geworden, das ist ein wirklich guter Grund, bei einer Band aufzuhören, die viel auf Tour ist. Will war schon unser Tourbassist, wir sind schon über zehn Jahre befreundet und haben auch einen ähnlichen Background. Als sich Rick entschieden hat, sich auf seine Familie zu konzentrieren, war es eine perfekte Situation, schon den Nachfolger in der Band zu haben. Das war ein sehr einfacher und sanfter Übergang und ich fühle mich mit Will in der Band sehr wohl, wir sind jetzt eine wirklich starke Einheit.

Da kommen wir genau zu Black Cascade. Denn man hört euch das viele Touren in den letzten Jahren deutlich an. Ihr habt es geschafft, dieses rituelle Element euer Konzerte, diesen auf der Bühne erzeugten Trance auf CD zu bannen.

Vielen Dank. Das wollten wir auch erreichen. Und das ist der Grund, warum das Album genau so klingt. Wir wussten schon vorab, dass wir diese Stücke sehr oft spielen werden, das nächste Jahr über werden wir eine große Anzahl an Konzerten geben. Nun ist eine gute Gelegenheit in unserem Leben, viel auf Tour zu sein, unsere Welt erlaubt es uns. Also war ein Album, das eine Repräsentation von uns als Liveband ist, die logische Konsequenz. Es ist sehr hart, intensiv und schnell und erzeugt diese Trancezustände. Wir hätten auch ein Album machen können, das klingt wie der erste Song auf Malevolent Grain.

Die habe ich noch nicht gehört, aber vorhin gekauft.

Das ist eine völlig andere Ausrichtung, der erste Song darauf ist viel langsamer und verträumter, ein wenig doomig. Der Gesang stammt komplett von Jamie Myers, die auch schon auf Diadem of 12 Stars gesungen hat. Für uns war das sehr ungewöhnlich und ich möchte in Zukunft mit unserer Musik da ansetzen und die psychedelische, mehrschichtige Seite der Dinge erforschen.

 WOLVES
Die Verkörperung der spirituellen und künstlerischen Seite von WOLVES IN THE THRONE ROOM und Calliope: Nathan Weaver

Der erste Eindruck, den ich von Black Cascade hatte, war, dass es recht aggressiv klang. Aber nach vielen Durchläufen, da ich hineingefunden habe, beruhigt es mich.

Das ist die volle Absicht.

Die Songs beinhalten viele einzelne Riffs, und alle haben eine Bedeutung, durch sie wachsen die Stücke weiter. Das klingt für mich, als wäre es recht schwierig gewesen, das Album zu schreiben. Auf der anderen Seite ist das Material so homogen, dass es sich anfühlt, als wäre es in einem Rutsch geschrieben worden.

Momentan haben wir einen sehr guten Prozess beim Schreiben der Musik. Als wir mit Black Cascade begannen, hatten wir zuerst eine Vision. Die Erzählung, eine Geschichte, das spirituelle Herz des Albums. Als wir dieses Gerüst fertig hatten, haben wir die Musik darauf aufgebaut. Erst kommt die Idee und die Seele, dann die Musik. Wir haben dann zum Beispiel diverse Ideen für eine melodische Passage am Anfang des Stücks oder in der Mitte, sie geleiten durch die Geschichte. Die Songs werden dann darum detaillierter weitergesponnen. Ich glaube, dass wir unsere Alben genau anders herum schreiben als die meisten anderen Bands. Die schreiben Songs wegen einem Refrain, dann packen sie diese Stücke auf ein Album. Wir machen das gänzlich anders. Wir wollen, dass wenn du unsere Alben hörst, du dich darin verlierst. Dass sich eben ein Trance ergibt, eine Reise ins Innere deiner Seele, damit du etwas über dich selbst lernst oder einen neuen Geisteszustand kennen lernst.

Die einzelnen Stücke sind sich in mancherlei Hinsicht recht ähnlich, vom Aufbau, der Länge und der Atmosphäre her. Es klingt wie vier verschiedene Ansichten einer Geschichte.

Das ist wahr. Das Album hat vier Songs, und jeder davon hat einen ähnlichen Fluss und eine ähnliche Dynamik. Das sind sozusagen übereinander gelegte Schemas, die Black Cascade ergeben. Das ist eine sehr bewusste Sache, es gibt nichts auf dem Album, das aus Zufall passiert ist. Wir haben das Album geschrieben und eingespielt, dann ein paar Sachen geschnitten. Es gibt dreißig Minuten Material, die es niemals auf das Album geschafft haben. Das geschah mit der Hilfe unseres Toningenieurs Randall Dunn. Wir kamen damit der Essenz näher, wir haben das stärkste Album geschrieben, das wir konnten.

War dieses Einfangen der Livesituation auch der Grund, warum keine Akustikgitarren auf Black Cascade zu hören sind, sondern eher flächige Synthesizer und Samples?

Genauso ist es. Das ist auch der Grund, warum wir auch keine zusätzlichen Vocals verwendet haben, nicht wie auf Diadem of 12 Stars, wo Jamie Myers auf vielen der Songs zu hören ist, und Two Hunters, wo Jessica Kinney uns ihre Stimme lieh. Wir wollten ein Album haben, bei dem wir das Ganze live darbieten können, ohne etwas auszulassen. Wir haben heute Queen of the Borrowed Light von unserem Debütalbum gespielt und wir haben den Gesang von Jamie sehr vermisst, denn ihre Stimme ist ein wichtiger Teil in dieser Musik. Black Cascade ist ein Album, das wir voller Zuversicht live spielen können, da es auch von uns reproduzierbar ist.

Es hat mich schon zunächst überrascht, dass kein weiblicher Gesang auf Black Cascade ist, deshalb habe ich auch gedacht, Malevolent Grain mit dem Song, der allein von Jamie gesungen wird, ist so etwas wie die Schwester des neuen Albums.

Das ist bei EPs oftmals so. Auf diesen EPs sind dann Überbleibsel der Alben zu hören, aber im Falle von Malevolent Grain stimmt das nicht. Wir haben dies als zwei gänzlich unterschiedliche Einheiten ersonnen. Wir wollten unbedingt mit Jamie zusammen arbeiten, wir wollten einen Song mit ihr zusammen schreiben. Aber gleichzeitig musste jedes der Stücke von Black Cascade live zu spielen sein, deshalb kamen wir auf die Idee zu dieser EP. Es waren auch zwei verschiedene Aufnahmesessions mit zwei unterschiedlichen Absichten. Du wirst es hören, diese beiden Sessions sind wirklich sehr unterschiedlich.

WOLVES IN THE THRONE ROOM zeigt eine komplett andere Seite des Black Metals und kommt ohne die ganzen Klischees des Genres aus.

Ja, es ist so etwas wie ein Spiegelbild zu traditionellem Black Metal.

Und wie du sehen konntest, waren heute wieder alle möglichen Menschen versammelt. Mir kommt es so vor, als wärt ihr für diejenigen, die der grimmigen Seite des Black Metal nicht abgeneigt sind, aber das Ganze lieber aus einem melancholischen Blickwinkel sehen. Und bei den Besucherzahlen eurer Konzerte glaube ich, dass diese Rechnung aufgeht. Es wirkt fast so, als würdet ihr eine neue Undergroundbewegung lostreten.

Ich weiß nicht so recht, denn natürlich haben wir keine neue Musik erfunden. Aber ich glaube wir sind eine der Bands, die eine besondere Art von Ideen hat. Ich glaube an den Zeitgeist, ich glaube, wir manifestieren den Geist des Hier und Jetzt. Unsere Ideen sind einfach nur eine Summe unserer Einflüsse. Unser Background ist im Punk, das ist radikale Ökologie, fast schon ein wenig anarchistisch geprägt. Das ist eine Kultur, die unsere Zivilisation in Frage stellt und eine spirituelle Lösung für unsere Probleme sucht. Wir haben hier eine Verbindung zum europäischen Black Metal. Weil unter der Oberfläche, jenseits von Corpsepaint oder der satanischen, nihilistischen Ideologie und natürlich fernab von rechtsgerichteter Politik, die oftmals leider ein Teil des Black Metals ist, da ist etwas Reines und sehr Wahres. Da ist ein Aufruf, die moderne Welt fundamental zu zerstören. Das bedeutet nicht, etwas physisch zu zerstören, wie eine Kirche niederzubrennen oder einen terroristischen Angriff zu verüben, das bedeutet, es in deiner Seele zu zerstören oder dich selbst bis zum Nichts zu zerlegen. Alle deine Vorurteile sollen ausgelöscht werden, die dir sagen, was richtig oder falsch ist, oder wie du leben sollst. Das ist sehr transzendent. Ich hoffe, dass es viele andere Künstler und Bands wie uns gibt, die das selbe tun, wie wir. Die im Black Metal eine Wahrheit und die Transzendenz suchen, durch diese extreme, gewalttätige, dunkle und brutale Art der Musik. Und sicherlich ist hier wieder viel Reinheit enthalten. Ich bin neugierig, ob es hier in Europa viele Menschen gibt, die diese Verbindung ebenso machen wie wir. Wir sind nicht jenseits von Black Metal, denn das würde bedeuten, wir würden uns darüber setzen. Unsere Musik ist etwas anderes, es ist eine Evolution, der nächste Schritt.

 WOLVES
Sucht die Transzendenz durch Black Metal: Physischer Begründer von Calliope, WOLVES IN THE THRONE ROOM-Schlagzeuger Aaron.

Würdest du sagen, dass Black Metal von den meisten Bands heutzutage missinterpretiert wird?

Ja, ich denke schon. Die meisten Bands fokussieren sich sehr auf die offensichtliche und ästhetische Seite. Diese Musiker sind nicht wirklich daran interessiert, wirklich tief in diese Musik zu tauchen und eine versteckte Wahrheit zu finden. Und genau das ist wichtig. Nicht wichtig ist die Mode, ob sie langes Haar tragen, und dass es diesen Gruppen um die Gewalt, das Abscheuliche und die Morbidität geht. Das gehört nicht zur Sache, das ist nur Augenwischerei. Wichtig ist, dass du durch diese Musik Transzendenz erlangen, etwas Tiefes und Verstecktes finden kannst. Und ich bin sehr besorgt, dass viele amerikanische und europäische Black Metal-Bands sich dafür nicht interessieren. Aber eigentlich kann ich die europäische Szene nicht kommentieren, davon bin ich kein Teil. In den USA ist es allerdings oft so, da gibt es Corpsepaint und Musik, aber keine Seele.

Wir fühlt es sich für euch an, wenn Leute zu euren Konzerten kommen, die rechten Ideologien angehören?

Das ist leider ein recht großes Thema, vor allem in Europa. Letztes Jahr gab es eine große Kontroverse durch einen Artikel in einem Magazin, in dem wir falsch interpretiert wurden, vielleicht war dieses Interview aber auch nur fehlerhaft übersetzt. Einige Leute erhielten einen sehr falschen Eindruck von WOLVES IN THE THRONE ROOM, dachten dass wir eine rechtsgerichtete Band wären, oder zumindest einigen dieser Ideen zustimmen würden. Das ist natürlich absolut lächerlich, denn wir haben uns explizit gegen die Idee des Rassismus ausgesprochen. Ich hasse die Einstellung, dass eine Rasse besser sein soll als die andere, die engstirnige Fremdenfeindlichkeit und den militärischen Faschismus. Es ist sehr frustrierend und schädlich, so extrem falsch verstanden zu werden. Ich würde mir sehr wünschen, es gäbe diese Verbindung zwischen rechter Politik und Black Metal nicht. Diese Politik ist eine einfältige Lösung. Ich kann aber verstehen, warum Außenstehende diesen Vergleich anstellen. Manche sagen, sie hassen die moderne Welt, sie wollen etwas Tiefes und Wahres finden und ihre Herkunft und Kultur kennen lernen. Aber das ist ein Schritt zurück, wir sollten keine Replik dieser alten Zeiten erschaffen. Ein Rückschritt der Menschheit wäre desaströs, die Menschen sollten viel mehr nach vorne blicken. Es gibt keinen Grund, in die Vergangenheit zu sehen und sich Inspiration zu suchen, aber wir sollten frei sein, um zu wählen, welchen Weg wir gehen wollen. Ich will nicht, dass wir in die Steinzeit zurückkehren, ich suche einen sinnvollen Weg. Ich stelle das moderne Leben in Frage und gerade deshalb suche ich nach einem Weg nach vorne. Und die rechte Politik sucht das nicht, diese will immer nur zurück, weil es einfach ist und sich sicher anfühlt. Das ist feige.

Aber wie fühle ich mich, wenn Menschen dieser Ideologie auf unsere Konzerte kommen? Weißt du, ich will niemanden verurteilen. Mir ist es lieber, wenn diese Menschen auf unsere Konzerte kommen und unsere Seele und unsere Energie fühlen und vielleicht etwas Positives davon mit nach Hause nehmen. Ich möchte keine Mauer errichten, die aussagt: Du bist hier nicht willkommen. Vor allem, weil wir in Europa nicht die lokale Szene kennen und nicht wissen, wie der politische Dialog dort ist. Alles was wir können ist ganz klar zu behaupten, woher wir kommen, was wir tun, was unser Geist ist und unsere Musik zu präsentieren.

Letztes Jahr habt ihr in München in einem kleinen Kellerclub gespielt, mit einer belgischen Band, die eine NS-Black Metal-Band gecovert hat. Wie verträgt sich das Teilen der Bühne mit solchen Gruppen mit eurer Einstellung?

Es ist natürlich eine schwere Aufgabe, mit solchen Bands zu spielen, und ich würde lieber darauf verzichten, diese Erfahrung zu machen. Ich will natürlich niemandem verbieten, zu unseren Konzerten zu kommen, aber ich würde niemals mit einer Band spielen, von der ich bereits im Vorfeld weiß, dass sie dieser Politik angehört. Sie hatten eine klare Einstellung und waren auch nicht begeistert davon, mit uns zu spielen, da sie meinten, wir US-Amerikaner können keine Ahnung von europäischem Black Metal haben. Es war ziemlich witzig, als sie ihr Konzert beendet hatten, verharrten sie auf der Bühne, rauchten und tranken und spielten die starken Typen. Wir mussten deren Schlagzeug von der Bühne werfen und uns Zutritt verschaffen. Wir lachen heute immer noch über diese Leute. Generell müssen wir wirklich den lokalen Promotern und unserem Booker trauen, dass Läden ausgesucht werden, wo keine derartigen Bands auftreten.

Das zweite Mal, dass ich euch live gesehen habe, war letztes Jahr auf dem ROADBURN FESTIVAL, das war die beste Show des ganzen Festivals. Ich glaube, dass euch das Publikum da auch viel besser verstanden hat, als bei diesem Underground-Black Metal-Konzert.

Das war auch für uns eine sehr besondere Show. Wir waren sehr geehrt, inmitten all dieser großartigen Bands aufzutreten und so gut behandelt zu werden. Da kommen wir aber auch zum harten Teil davon, in einer Band zu sein, die viel tourt. Eigentlich will man, dass sich alles um die Musik und den spirituellen Aspekt davon dreht. Aber zum Beispiel heute, als wir von der Polizei aufgehalten wurden und zu spät kamen, unsere Amps nicht richtig einstellen konnten, die ganze Eile und die Probleme mit der Technik, da nehmen alle anderen Dinge überhand und die eigentliche Sache gerät in den Hintergrund. Ich denke, wir waren okay heute, wir konnten die ganzen Probleme während des Spielens etwas vergessen. Es ist eine Ausnahme, auf einem Festival wie ROADBURN zu spielen, wo der Sound und die Backline gut sind, wo es viele Leute gibt, die dir helfen, dass du die Musik so darbieten kannst, wie es sein soll, und wo du einfach nur auf die Bühne gehen musst und dich zu einhundert Prozent auf das Spielen konzentrieren kannst.

 WOLVES
Der neue Gitarrist und einzige Veganer bei WOLVES IN THE THRONE ROOM: Will Lindsay

Du hast vorhin gesagt, wir sollen nach vorne sehen. Da erscheint es zunächst als ein Gegensatz, dass ihr in den Wäldern lebt. Aber der Einsatz von Solarkollektoren und anderer moderner Technik. Das ist eigentlich genau diese Art des Nach-Vorne-Blickens.

Die Solaranlage ist noch nicht ganz installiert, aber fast fertig. Ansonsten gebe ich dir recht, das ist genau das, was ich vorher gesagt habe. Es macht keinen Sinn, in Hütten zu leben oder unsere Städte zu zerstören und als Jäger und Sammler zu leben. Das ist Anarcho-Primitivität, die zum Beispiel John Zerzan predigt. Es gibt an der Westküste viele Anhänger der Anarcho-Primitivität, die aussagt, dass unsere Gesellschaft der Gegensatz zu den wahren Bedürfnissen der Menschheit ist, weshalb wir alle wieder zu ein Jäger und Sammler-Dasein fristen müssen, so wie unsere Vorfahren vor zwanzigtausend Jahren. Ich glaube das allerdings nicht, es ist auch einfach nicht möglich. Es gibt auf der Erde 6,7 Milliarden Menschen, so viele Menschen können sich nicht von der Natur ernähren. Es kann nicht jeder seine eigene kleine Selbstversorgerfarm haben. Ich weiß, dass wir eine radikale, neue Lösung für diese Probleme brauchen, aber ich kenne diese Lösung nicht. Wir haben diesen Weg zu leben gewählt, weil wir es so wollten, weil wir das, was in uns ist, ausdrücken wollen und die Möglichkeit erschaffen wollen, introspektiv zu leben und Zugang zu einer anderen Realität zu haben. Wir sind Künstler, keine Philosophen oder Ökologen oder Soziologen, es ist nicht unsere Aufgabe, anderen vorzuschreiben, wie sie leben sollen oder sogar darüber zu urteilen. Was wir tun können, ist unsere Musik zu spielen und mit den Menschen zu sprechen. Was passiert, passiert eben, die Welt wird das sein, was sie sein will.

Ihr baut euer eigenes Essen auf eurer Farm an. Lebt ihr auch vegetarisch?

Meine Freundin kümmert sich hauptsächlich um den Anbau des Essens. Aber Vegetarier sind wir nicht. Nur Will ist Veganer. Aber ich persönlich bin gegen den populären Vegetarismus. Es gab in den Achtzigern die ersten Punks, die sich davon abwendeten, wie in dieser Welt die Nahrung hergestellt wird, wie die Tiere in Fabriken auf abscheuliche Art und Weise behandelt werden. Sie sagten, das sei falsch, es dürfen keine tierischen Produkte zur Nahrung mehr verwendet werden, sie wurden schließlich Veganer. Aber was ist die Alternative? Die besteht aus Soja, das genmanipuliert in großen Fabriken angebaut wird, unter dem Einsatz vom Einsatz von Wärme, von Traktoren, die viel Diesel und Benzin aus dem Nahen Osten verbrauchen und alles zusammen stößt riesige Mengen CO2 aus. Es ist möglich, sich auf sehr liebevolle, natürliche und gesunde Art und Weise von Fleisch, Eiern und Milch zu ernähren. Du musst einfach verstehen, was du da tust. Wenn normale Menschen im Supermarkt ihr Fleisch kaufen, haben sie keine Ahnung, wo es herkommt, welche Qualen die Tiere ertragen mussten und wie es in das Regal kam. Wenn du Fleisch essen willst, musst du ein Teil von diesem Prozess sein, du musst in der Lage sein, dieses Tier zu töten und auszunehmen. Du musst dir im Klaren sein, dass du einen Mord begehst, um dich zu ernähren. Ich finde Vegetarismus und Veganismus sind fantastische Wege, um zu leben, ich kann mir auch vorstellen in Zukunft Vegetarier zu sein. Ich interessiere mich sehr für Traditionen und es war schon immer so, dass die Menschen von Tieren umgeben waren. Das ist ein sehr natürlicher Weg, um zu leben.

Mir geht es jedes Mal so, wenn ich einen Fisch esse, der vor meinen Augen getötet und ausgenommen wurde.

Genau das meinte ich. Ich esse viel Wild und einer von den Leuten, die bei uns auf der Farm leben, sammelt Rehe, die von Autos getötet wurden. Wenn du ein Tier findest, das in der letzten Stunde durch ein Auto getötet wurde, nimmst du es mit nach Hause, säuberst es, nimmst es aus und verarbeitest es. Es ist unglaublich, wie anders dieses Fleisch ist, es hat eine ganz andere spirituelle Essenz, als das Fleisch, das aus dem Supermarkt kommt. Wenn du in die Augen dieser Tiere schaust, dann nimmst du das um so viel ernster. Darum geht es ja auch bei WOLVES IN THE THRONE ROOM. In die tiefe, geistige Essenz des Lebens zu blicken. Du musst verstehen, was du tust und mit vollem Herzen teilhaben.

Kommt daher auch der Name? Ist der Thronsaal die Natur und braucht sie Wölfe, die intelligentesten Jäger der Wildnis, um sie zu schützen?

Unser Name hat viele verschiedene Bedeutungen, aber das ist nahe zu der, auf die ich mich auch selbst am meisten stütze. Der Thronsaal ist der Blick auf die moderne Welt, Politik, Soziologie, Ökologie, die Art wie wir mit der geistigen Welt interagieren. Und das ist sehr rigide und dekadent. Die Idee ist, darauf die Wildnis loszulassen, diese Bestien loszulassen. Sie haben keine moralische Agenda, das ist einfach Chaos und Apokalypse, um etwas zu offenbaren und die üblichen Konventionen wegzufegen und etwas zu finden, das über den Dingen liegt.

Eine Sache will mir noch nicht aus dem Kopf gehen. Unschwer zu erkennen sind die Kaskaden Namensgeber für Black Cascade. Warum ist dieses Gebirge schwarz?

Wir wollten einen Titel, der viele Dinge aussagen kann. Wir haben keine klare Art Aussage, wir wollen einen Raum erschaffen, wo die Hörer ihren eigenen Geist erforschen können. Dafür brauchen wir Bilder, Songtitel, eine gewisse Ästhetik des Mysteriösen und des Vieldeutigen. Es soll auch für den Hörer sehr persönlich werden.

Ist das auch der Grund, warum die Texte nicht veröffentlicht werden?

Genau. Die Texte sind sehr bedeutsam für uns, aber die Hörer sollen ihre eigenen Schlüsse ziehen und ihre eigenen Erfahrungen mit den Songs machen.

Kommen wir langsam zum Ende. Interessant ist die Art der Aufnahme von Black Cascade. Ihr habt mit Randall Dunn schon zum dritten Mal gearbeitet. Er hat ein altes Analogaufnahmegerät aus den Siebzigern gefunden und dafür verwendet.

Die meisten Bands nehmen heutzutage mit Pro-Tools, direkt in den Rechner hinein, auf. Das ist eine Art des Aufnehmens, die nicht zu uns passt. Wir haben das Album auf ein 2-Tape aufgenommen über ein 1973er Neve-Aufnahmegerät, das diesen kräftigen Analogsound geschaffen hat. Diese getriggerten Drums, geschnittenen Gitarren und so weiter, das hat nur noch wenig mit dem Machen von Musik zu tun und steht im Gegensatz zu unserer Einstellung.

Das Klangbild ist außerdem sehr warm und wirkt richtig positiv. Und das Beste ist, es passt auch zu einer Black Metal-Band wie euch.

Das stimmt, diese digitalen Sounds sind alle ziemlich kalt. Diese warmen Mitten gibt es eben im Analogen. Ich mag den digitalen Black Metal-Sound trotzdem, weil es eine bestimmte Wahrheit, diesen Nihilismus erzeugt. Wie bei Nattens Madrigal von ULVER, der mies digital klingende Vier-Spur-Sound, das ist ein ganz spezieller, starker Sound, der die Essenz des Ganzen birgt. Die Klassikeralben wurden alle auf solchem Equipment aufgenommen. Ich kann mir durchaus vorstellen, solchen LoFi-Sound in Zukunft zu verwenden, aber Black Cascade brauchte eben diesen starken, warmen Sound.

 

Fotos: (c) Sherry Fraser (Titelbild) und (c) Johnny DeLacy (restliche Bilder)