SCHANDMAUL: ´Irgendwann werde ich Profi!´

SCHANDMAUL: ´Irgendwann werde ich Profi!´

Mit einem starken neuen Album im Gepäck zogen die süddeutschen Folk- und Mittelalterrocker jüngst durch die Lande. Bevor sie im Oberhausener T-Club die Bühne enterten, standen Sänger Thomas, Bassist Matthias und die für Flöten, Dudelsack, Schalmei und Rauschpfeife zuständige Birgit Rede und Antwort und gaben Auskunft über die Entstehung des neuen Albums, die im letzten Jahr veröffentlichte DVD, die Anfänge der Band und die jüngsten Welteroberungspläne.

Wie sind denn die neuen Songs bei den bisherigen Konzerten so angekommen? Das Album ist ja gerade erst erschienen, so dass die meisten Fans wohl noch
nicht wirklich mit dem Material vertraut waren.

Birgit: Bis jetzt sind die neuen Songs sehr gut aufgenommen worden, wir haben da auch live so eine Mischung reingebracht, dass wir eben ganz ruhige,
balladeske Sachen drin haben, aber auch flottere Sachen.

Thomas: Und auch immer schön abwechselnd, neue und alte Songs. Bei den neuen hören sie natürlich ein bisschen mehr zu, und bei den alten kann man sie
dann an den Eiern packen.

Ihr hattet ja auch vor einiger Zeit schon kurze Snippets ins Netz gestellt. Da hatte ich den Eindruck, dass die im Forum auf eurer Homepage eher ein
falsches Bild vom Album erzeugt haben. Können so kurze Ausschnitte überhaupt ein aussagekräftiges Bild von einem Album abgeben?

Thomas: Es ist natürlich so, dass in dem ganzen Song immer noch viel mehr passiert, nachdem ausgeblendet wird, aber es gibt halt mal einen kleinen
Vorgeschmack, und das was im Forum passiert bei uns, das ist sowieso immer nur so, das ganz wenige was rein schreiben, die es sich trauen, und das gibt
dann immer so ein Pro-Contra oder Schwarz-Weiß. Die einen sagen, das ist zu hart, zu weich, zu irgendwas, und die anderen sagen „Super!“. Also man darf
da wirklich nicht zu viel drauf geben. Wenn man sich jede Kritik, die da im Forum ist, zu Herzen nimmt, dann müsste man sich weg hängen.

Birgit: Das ist für uns als Musiker auch total schwierig, denn was jetzt so eingefleischte Fans denken, ist durchaus wichtig für uns, natürlich. Für die
Leute machen wir schließlich die Musik. Aber bei den Kritiken zur Zeit gibt es halt keine Linie. Die einen sagen, da ist zu viel Melodie, die anderen zu
wenig, die einen zu hart, die anderen zu soft, es ist irgendwie so, dass wir mit der Kritik im Augenblick gar nichts anfangen können (lacht).

War es denn wichtig für euch, dass ihr mit dem neuen Album kein „Narrenkönig Teil 2“ aufgenommen habt? Es gibt da ja schon deutliche Unterschiede zum
letzten Album.

Thomas: Wir haben das nicht geplant. Grundsätzlich lassen wir erstmal alles zu was kommt an Ideen und lassen somit auch die persönliche, musikalische
und bandtechnische Entwicklung, die wir in den letzten anderthalb Jahren gemacht haben, zu, und das fließt dann auch da ein. Von daher kann es
eigentlich gar kein „Narrenkönig Teil 2“ werden…

Und wenn die Fans einen Teil 2 erwarten, kann euch sowas beeinflussen?

Thomas: Man kann nicht immer auf der Stelle treten… wer rastet rostet… wie oft kann man in die gleiche Kerbe hauen, bis der Baum umfällt?


Habt ihr denn auch manchmal Ideen, die euch eigentlich gefallen, bei denen ihr dann aber sagt: „Das passt gar nicht zu SCHANDMAUL“, so dass ihr sie
verwerft?

Birgit: Ja, passiert ganz selten schon mal. Es ist ja so, wenn wir mit einem Rohgerüst in die Bandprobe kommen oder einer eine Idee hat und das halt
bearbeitet wird, ist es zwar selten, aber es ist auch schon passiert, dass wir sie wieder rausgeschmissen haben, weil sie eben nicht gepasst hat.

Thomas: In letzter Zeit aber eigentlich nicht mehr, denn wir haben oftmals einen Song, den wir dann im Proberaum zusammen jammen, arrangieren den
dann, und dann merken wir irgendwie, dass da was nicht funktioniert, und dann gehen wir wieder zurück zum Anfang, weil es zum Beispiel mit der Gitarre
allein noch funktioniert hat, dann schauen wir, was war jetzt da das Verkehrte? Und wir rollen ihn dann einfach nochmal von vorne auf und arrangieren
ihn total neu, und dann klappt es irgendwann, und dann passiert ja auch im Studio noch unglaublich viel.

Wann habt ihr denn die Songs überhaupt geschrieben? Man hatte ja echt den Eindruck, dass ihr nach der Veröffentlichung von „Narrenkönig“ fast
durchgehend auf Tour wart. Habt ihr also auch Tour auf Songs geschrieben?

Thomas: Ne, auf Tour eigentlich nicht. Das passiert eigentlich eher zu Hause, aber es ist ein stetiger Prozess. Wir sind ja nicht durchgehend auf Tour,
es gibt ja immer auch Tage zwischendurch, an denen wir zu Hause sind, und die ersten Songs von „Wie Pech und Schwefel“ entstanden irgendwie zwei Monate
nach der Veröffentlichung vom „Narrenkönig“, und so kam dann immer wieder einer dazu.

Wie ist es denn dann bei euch mit den Proben? Soviel ich weiß, studiert Anna ja z.B. in Saarbrücken. Könnt ihr dann überhaupt regelmäßig alle gemeinsam
proben?

Birgit: Wir haben es jetzt im vergangenen Jahr oft so gemacht, dass wir uns unter der Woche getroffen haben mit denen, die vor Ort leben. Da waren wir
dann auch nur zu viert, weil der Matthias ja auch auf der Schule in Dinkelsbühl ist. Und dann schieben da so Probe-Tage ein oder schicken Tapes hin und
her, und derjenige bastelt dann seine Stimme dazu zurecht, so ein bisschen behelfsmäßig, funktioniert auch ganz gut.

Dann kommen wir jetzt mal aufs neue Album zurück. Ich finde, von der Produktion her ist es eine deutliche Steigerung, es klingt um einiges druckvoller,
ihr habt aber wieder mit dem gleichen Produzententeam gearbeitet. Sind die Soundverbesserungen also nur darauf zurückzuführen, dass ihr dieses Mal mehr
Zeit hattet?

Thomas: Das stimmt nicht ganz, es war dieses Mal nicht ganz das gleiche Produzententeam, denn es ist jetzt gar kein Team mehr. Wir haben ja beim
„Narrenkönig“ mit Ekkehart Strauss und Thomas Heimann-Trosien aufgenommen, und jetzt hat es der Thomas alleine gemacht. Der „Narrenkönig“ war der
erste Schuss mit Produzenten, da hat man sich betastet, befühlt, wie man miteinander arbeiten kann. Und jetzt mit dem Trosi ist es so, dass der
zwischendurch auch noch unsere Live-Scheibe gemischt und an der DVD mitgearbeitet hat, und jetzt sind wir warm.

Matthias: Es war ja schon noch so, dass wir, bevor wir aufgenommen haben, uns mal zusammengesetzt haben und haben mal geschaut haben, was jeder
Einzelne für Klangvorstellungen hat und was ihm bei den letzten Sachen nicht gefallen hat.

Thomas: Ja, das meinte ich eben. „Narrenkönig“ war halt noch neu, und da waren wir auch scheu und hatten auch Angst vor dem großen, bösen Produzenten,
was ja alles Quatsch ist. Und für die neue Scheibe, wie Matthias gerade schon gesagt hat, haben wir uns auch hingesetzt, und haben ganz klar
gesagt: „Das muss so klingen, das soll so klingen, das muss doch zu machen sein, das geht ja da und da auch“. Und dann waren wir uns aber alle grün,
auch der Produzent sah das genauso, und dann haben wir daran einfach gemeinsam herumgefeilt.

Ich finde, „Wie Pech und Schwefel“ klingt rockiger, aber auch dunkler als „Narrenkönig“. Würdet ihr dem zustimmen?

Birgit: Das können wir zum Beispiel gar nicht nachvollziehen, also weder das eine noch das andere. Ich finde, die Rocksongs klingen rockiger, aber
dafür gibt es auch wahnsinnig viele folkige Songs, und dunkler das ist auch was, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Ich weiß jetzt nicht, ob
das Verhältnis an fröhlichen zu etwas dramatischeren Songs früher anders war, aber „Drachentöter“ ist ja auch nicht wirklich trist oder „Der Schatz“.

Ja, ich finde es insgesamt zwar sehr ausgewogen, aber es ist schon gitarrenlastiger als früher.

Thomas: Gut, man kann vielleicht, auch weil Matthias jetzt gerade da ist, sagen, dass jetzt natürlich viel mehr Bassarbeit passiert, dass das
Schlagzeug und der Bass viel mehr miteinander harmonieren und der Ducky im Gegensatz zum „Narrenkönig“ von dem Teppichmachen weg kann und viel mehr
Licks und Riffs spielen kann. Er kann also mehr spielen, einfach weil mehr Basis da ist.

Matthias ist ja ursprünglich nur als Tour-Ersatz gedacht gewesen, wann habt ihr ihn denn darüber aufgeklärt, dass er von nun an festes Bandmitglied ist?

Matthias: Das ging so über ein halbes Jahr. Das war halt die Tour im Herbst 2002, dann war im Dezember nochmal was, dann die DVD, dann die Märztour.

Und dann gab es keinen konkreten Tag, wo ihr ihm gesagt habt: „Du, du bist jetzt fest in der Band“?

Birgit und Thomas: Doch, doch, doch.

Thomas: Wir haben ihn ja tausend Mal gefragt, und er war eben kurz davor, sein Bass-Studium da anzufangen und hatte noch zig andere Projekte am
Start, und wir haben ihn immer wieder gefragt: „Jetzt komm, jetzt geht’s mal?“, und er hat immer nur geantwortet: „Ne, ich will aber nicht, ich
will doch das hier, und das schaff ich alles nicht zusammen“, aber irgendwann hatten wir ihn dann so weit.

Hast du denn für SCHANDMAUL dann doch andere Projekte aufgegeben?

Matthias: Ja, schon. Also ich bin seit September an der Musikschule, und ich musste eigentlich alles andere aufgeben. Ich spiele noch in einer Band,
aber das ist mehr gaudimäßig.

Und am Songwriting hast du dich ja jetzt auch beteiligt.

Matthias: Ja, bei zwei Songs.

Thomas: Das ist auch lustig entstanden. Ich saß im Proberaum und habe einen Text gehabt, das war „Das Tuch“. Da habe ich dran herumgefummelt, dann
hatte ich irgendwie so einen Teil, kam aber nicht weiter. Ich wollte es wieder weglegen, und dann ist er plötzlich reingeschneit, ich habe ihm
gesagt: „Nimm das, mach das, ich komme irgendwie nicht weiter“, und das war dann so eine schöne Zusammenarbeit, da habe ich dann gleich einen Text, den
ich noch irgendwo herumfliegen hatte, der noch überhaupt nicht ideenmäßig mit Musik bearbeitet war, hervorgeholt, ihm so gegeben, und dann hat er sich
da seine Gedanken dazu gemacht… schick! Das macht auch die Bandbreite aus, je mehr sich da beteiligen, desto breiter ist dann auch das Spektrum.

Aber ihr habt eigentlich schon so ein Hauptsongwriterteam, welches den größten Teil komponiert, oder?

Thomas: Ja, mal mehr, mal weniger, das ist nicht geplant. Man sagt jetzt nicht: „Du musst bist zum Ende des Monats 5, du 3 Songs schreiben“. Wie halt
die Ideen gerade so kommen macht der eine mal mehr und der andere mal weniger.
Auf der „Wie Pech und Schwefel“ zum Beispiel hat der Ducky, unser Gitarrist, unglaublich Stress gehabt beruflich und konnte deswegen nicht so wie
er wollte. Das ist dann nächste Platte wieder anders und so weiter, also das dreht sich.

Mit eurer Musik und euren Texten gelingt es euch ja vorzüglich, den Hörer für einen Moment den Alltag vergessen zu lassen. Was haltet ihr denn von
Bands mit sozialkritischen bzw. politischen Texten?


Thomas: Muss es auch geben, ganz wichtig. Ich persönlich finde halt, dass das nicht unsere Aufgabe ist, weil es erstens genug davon gibt, und zum
Zweiten ist es gerade in der heutigen Zeit so, dass man seinen Job hat und den Kopf mit zig Sachen voll hat. Es gibt überall Streit, Zank und Krieg,
und irgendwie stelle ich mir nur vor, wenn ich am Wochenende weg gehe, dann möchte ich das nicht noch mal, das habe ich ja in der Zeitung gerade schon
gelesen. Da möchte ich also mal raus. Wir bieten natürlich mit unserer „Alltagsflucht“ keinen Ausweg aus irgendeiner Konfrontation – wie auch, wir
erzählen von Feen und Königen -, aber eine Auszeit. Dann ist da einfach mal kurz für zwei Stunden Ruhe, und wenn das Konzert schön war, dann nimmt man
das auch noch mit übers Wochenende, geht dann frisch in die neue Woche und hat dann deswegen andere Ideen, um seine Probleme zu bewältigen.

Was hat es eigentlich mit dem „aus Österreich…am Bass“-Kommentar von IN EXTREMO-Sänger Michael auf sich auf der „Hexenkessel“-DVD?

Matthias: Ich habe auch in dem Moment ziemlich blöd geguckt, glaube ich. Ich weiß auch nicht, warum er da überhaupt was gesagt hat, aber ich bin
jedenfalls in Dachau geboren.

Ihr habt ihn dann nachher auch nicht mehr gefragt, was er sich dabei gedacht hat?

Matthias: Ne, und der kann sich jetzt auch wahrscheinlich nicht mehr daran erinnern.

Birgit: Ja, das macht Michael aber öfter, wenn er spontan eine Idee hat, dass er dann einfach irgendeinen Unsinn in den Raum stellt (lacht).

Seid ihr mit den Verkäufen der DVD eigentlich zufrieden? Sie musste ja gewissermaßen mit der dazugehörigen CD konkurrieren.

Thomas: Wir sind super zufrieden, das ist jetzt gerade in unserem Genre unglaublich gut gelaufen, auch verglichen mit so anderen Bands, die mal so
eben eine DVD rausbringen, da sind wir echt ein bisschen stolz. Wir haben uns viel Mühe damit gegeben, wir haben uns viele Gedanken gemacht, was man
alles drauf packen könnte, was wir selber sehen wollen, und das wird honoriert. Die wird immer noch gekauft, und das ist eine ganz feine Sache.

Auf der DVD sind ja auch so einige Schnitzer enthalten, zum Beispiel die Stimmprobleme beim Dudelsack oder der Textvergesser von Thomas. Habt ihr
bewusst gesagt: „Das lassen wir so drauf“? Viele Bands hätten das in der Form ja sicherlich gar nicht veröffentlicht.

Thomas: Ja, aber jeder, der ein Konzert von uns besucht, könnte so etwas erleben, weil das halt hin und wieder passiert, dass man mal einen
Textaussetzer hat oder dass irgend etwas schief ist. Warum soll man es dann nicht drauf machen? Gerade diejenigen, die auf dem Konzert waren oder
die schon mal auf einem SCHANDMAUL-Konzert waren, die freuen sich doch darüber.

Ich denke auch, dass die DVD dadurch authentischer und menschlicher wirkt…

Birgit: Ja, das ist halt einfach SCHANDMAUL, das macht uns aus, nicht immer alles ganz perfekt und bierernst.

Die Sache mit den Textvergessern ist ja schon fast zu einem Markenzeichen geworden, oder?

Thomas: Bei dieser Tour hatte ich erst einen bisher. Ich habe nicht mal mehr einen Textordner da rumliegen, ich habe das jetzt alles im Kopf. Jaha, ich
werde besser. Irgendwann werde ich mal Profi.

Wie passiert das überhaupt bei dir, diese Textvergesser?

Thomas: Das kann schon eine Kleinigkeit sein. Du bekommst etwa aus dem Augenwinkel mit, dass die Anna an der Geige irgendein Problem hat. Da beschäftigst
du dich dann den Bruchteil einer Sekunde damit, was sie denn für ein Problem hat, und dann konzentrierst du dich, und dann fragst du dich, wo du
jetzt eigentlich warst. Das ist halt so ein typisches Blackout-Syndrom, kommt vor. Deswegen habe ich aber auch keine Teleprompter, wo dann hinter
der Bühne, das muss auch so gehen.

Auf der DVD haben Anna und Birgit ja bereits eine kleine Instrumentenkunde gegeben. Habt ihr es auch schon beobachten können, dass viele Leute die
SCHANDMAUL hören, der Eifer packt und sie selbst lernen wollen, diese mittelalterlichen Instrumente zu spielen?

Birgit: Ja, absolut. Ich kriege eigentlich fast täglich Mails mit Fragen, wo man das kaufen kann, wo man das lernen kann, was es für Lehrer gibt, was
es für Plattformen und Foren dafür gibt.

Von welchen Instrumentenbauern stammen denn die mittelalterlichen Blasinstrumente sowie die Drehleiher von Anna?

Birgit: Die Drehleiher ist von Helmut Gotschy, der Dudelsack ist von Andreas Rogge aus Tübingen, die eine Schalmei ist von Körber, der leider
schon tot ist, die andere von Klaus Stecker.

Und selbst gebaut habt ihr bisher noch keine Instrumente, oder?

Birgit: Nein, nie. Das ist eine Wissenschaft für sich (lacht).

Ihr spielt in diesem Jahr gleich auf mehreren Metal-Festivals, dem Summer Breeze und dem Wacken Open Air. Wie erklärt ihr euch eigentlich eure große
Beliebtheit gerade auch bei den Metalfans?


Thomas: Erklären kann man das, glaube ich, nie. Damals, als wir auch angefangen haben, auf Gothic-Festivals aufzutreten, waren wir vorher total nervös
und dachten uns, jetzt fliegen gleich Becher auf die Bühne. Das war dann aber nicht so, und da war dann das erste Vorurteil abgeknickt. Und dann letztes
Jahr in der Schweiz in Pratteln auf den Z7 Metal Days mit SLAYER und wer noch alles da war, und vor der Bühne nur diese Tiere, da dachten wir auch,
jetzt geht’s schon wieder ab… die hatten da aber alle einen Riesen-Spaß und haben uns nach dem Konzert bei der Autogrammstunde die Bude eingerannt. Die
Abwechslung, das Besondere, das Exotische, die Mädchen, keine Ahnung, was der Grund ist.

Birgit: (lacht).

Und in welcher Szene fühlt ihr euch am ehesten heimisch? Oder seht ihr euch als Grenzgänger?

Birgit: Grenzgänger, absolut. Das spiegelt sich auch in unseren Konzerten wider, das Publikum ist ganz gemischt. Metaller, Punks, Gothics,
Mittelalter-Leute, Folkies, Normalos, Mama und Papa mit Kind.

Thomas: Und wir vereinen alles, keiner muss zanken.

Birgit (lacht): Keiner soll zanken.

Apropos „vereinigen“. Wie der Albumtitel ja auch schon verrät, seid ihr durch das ständige Touren zu einer echten Einheit zusammengewachsen. War das
denn vorher nicht der Fall?

Thomas: Man muss sich einspielen. Es ist auch immer so viel Neues. Am Anfang sind wir mit einem Bulli unterwegs gewesen, selber gefahren, zu lange
gefahren, Nächte lang gefahren, und lebensgefährlich war das alles, und dann wächst man immer mehr rein, es gibt immer mehr Crew dazu. Mittlerweile sind
wir 15 Leute in dem Bus, eingepfercht wie eine Ölsardine, und das hat sich auch alles so eingespielt über die letzten anderthalb Jahre. Das Zeichen mit
den Händen ist auch nicht irgendwie für das Cover erfunden, das ist unser Gruß, bevor wir auf die Bühne gehen, da haben wir den genommen, und
„Wie Pech und Schwefel“, das passt jetzt einfach.

Wolltet ihr nicht mal die Noten zu euren Liedern als Songbook veröffentlichen? Was ist denn daraus geworden?

Thomas: Die sind gerade in der Druckerei. Wir warten und warten, und wenn die weiterhin so trödeln, kriegen wir die wahrscheinlich nicht mal mehr auf
der Tour, dann müssen wir sie auf die Festivals mitnehmen.

Habt ihr denn vorher mal versucht herauszufinden, wie groß denn überhaupt die Nachfrage nach so einem Songbook ist?

Birgit: Kann man nie so. Es gab sehr viele Anfragen, aber in konkreten Zahlen kannst du es eigentlich nicht sagen. Wir haben das jetzt einfach mal so
auf Verdacht produziert.

Thomas: Vor allem macht man da erstmal eine Auflage, und wenn man sieht, dass die gleich weg ist, ist ja dann nur noch ein Anruf, eine neue zu machen,
das ist ja dann fertig bei der Druckerei.

Habt ihr dann komplette Partituren in dem Buch?

Birgit: Nein, es gibt Noten für den Gesang, die Flöten, die Geige, dann die Akkorde, spezielle Pickings, wenn es die gibt, und Soli. Bass haben wir
keinen da drin.

Matthias: Die Gitarrenakkorde stehen da ja drüber, dann kann man immer mitspielen, und den Rest muss man sich halt heraushören.

Du bringst da mit deinem Spiel aber schon noch einige Feinheiten mit rein.

Matthias: Ja, schon, aber wenn ich das aufschreiben würde, da säße ich auch sieben Jahre dran, und Heraushören ist eh das Allerbeste, auch zum Üben.

Habt ihr eigentlich über die Musik hinaus eine Verbindung zum Mittelalter, dass ihr zum Beispiel Rollenspiel oder Schwertkampf macht?

Thomas: Ne. Wir haben uns ja nicht hingesetzt und haben gesagt, wir machen jetzt eine Mittelalter-Rockband, das ist ja ganz anders entstanden. Das war
ja eher als Projekt geplant, und wir wollten einfach mal covern, BOB GELDORF, THE POGUES und so. Wir haben uns dann im Landkreis so die üblichen
Verdächtigen zusammen gesucht und haben geguckt, was gibt es so im Raum herum: „Ah, da haben wir einen Dudelsack, okay, da haben wir eine Geige, dann
machen wir mal, mal sehen, obs funktioniert.“
Und dann hatten wir ein Repertoir von vielleicht zehn Songs. Zu wenig, und überhaupt, Covern ist doof und langweilig, also haben wir noch ein paar
eigene Stücke geschrieben. Das „Teufelsweib“ war das erste, und damit war dann plötzlich ein Stil geboren. Da wussten wir aber auch noch nicht, dass
das mal eine Band wird. Da haben wir erstmal ein Konzert gemacht, da war noch nicht mal eine CD geplant. Und so ist das dann entstanden, und dann
irgendwann haben wir festgestellt, dass es da ja eine Szene gibt mit Bands wie SUBWAY TO SALLY oder IN EXTREMO. Was das Mittelalter angeht, ist
vielleicht die Birgit die eheste, die sich da auch privat mit beschäftigt, wir anderen haben da so nichts mit am Hut. Ich lese Fantasy-Romane, aber
mehr habe ich mit Mittelalter nicht am Hut.

Und wie seht ihr eure Zukunft? Wollt ihr auch mal irgendwann bei VIVA gezeigt werden, wie jetzt IN EXTREMO den ganzen letzten Sommer lang?

Thomas: Momentan ist es mit MTViva so, dass die halt nichts machen. Die sind einfach ignorant, kleinkariert und doof. Und auch IN EXTREMO, wo du sie
ansprichst, haben ein Heidengeld für ein tolles Video ausgegeben, und dann wurde es ein paar Mal gespielt, aber es hat nicht annähernd so viel
gebracht, das der Kostenaufwand gerechtfertigt wäre. Da muss noch viel Arbeit rein. Und klar, wenn es irgendwann mal entsprechende Sendungen gibt, wo
sie die ganzen Kapellen dann spielen, da möchten wir dann schon auch sein, dann machen wir auch ein Video, aber momentan nicht. Die spinnen ja, genau
wie die großen Radiostationen, die tatsächlich meinen: „Wir machen nur angloamerikanischen Mainstream“. Letzte Woche hatten wir ein Radiointerview
bei uns in München in der Nähe, da wurde ein Lied von uns, der „Drachentöter“, gespielt, das war tatsächlich das erste deutschsprachige Lied auf dem
Sender seit dreieinhalb Jahren. Die haben nicht einmal Grönemeyer gespielt, einfach nur weil sich irgendein Programmchef überlegt: „Das gefällt dem Markt“. Quatsch! Also wirklich…

Wärst du denn dann auch für eine Quotenregelung für deutsche oder deutschsprachige Musik im Radio?

Thomas: Nein, ich bin nicht dafür, dass man das vorschreibt. Klar, die Deutschen brauchen immer Vorschriften, beschweren sich dann aber in rückwirkend
wieder über den Schilderwald, aber eigentlich muss es doch von alleine gehen.

Matthias: Also ich fände das aber schon cool. Ich meine, in Frankreich ist es ja so, dass ein bestimmter Anteil von dem, was im Radio läuft,
französisch sein muss, das finde ich in Ordnung, das fände ich für Deutschland auch okay, ganz ehrlich.

Thomas: Aber ich finde es traurig, dass man dafür ein Gesetz braucht.

Matthias: Ja schon, aber wenn es halt anders nicht geht. Da wäre jetzt Energy als Paradebeispiel, das kann man sich nicht anhören. Während meiner
Zivi-Zeit hatte ich kein Kassettendeck im Auto, nur Radio, und ich saß da die ersten zwei Tage und habe Energy und was es da so gibt laufen lassen. Ich
wurde so aggressiv nach zehn Minuten. Andauernd plappert einer, wie geil sie sind, und ich höre zehn Mal am Stück den selben Song, das ist zum Kotzen.

Thomas: Es ist auch echt komisch irgendwie. Du musst einen amerikanischen Stil covern, um in Deutschland was zu werden. Der Ami hört sich das an und
lacht sich drüber kaputt. Zum Beispiel Sarah Connor, die muss irgendeinen amerikanischen R&B nachmachen und in Englisch singen, damit sie in
Deutschland was wird, und der Ami, der guckt das mit dem Arsch nicht an. Und anstatt dass man sich selber was überlegt und dann auch in Deutsch singt…
Englisch versteht doch kein Mensch im Radio, da achtet man doch nicht auf den Text… lalülalülalü…

Also schließt du das für euch ganz aus, dass ihr mal irgendwann fremdsprachlich singen werdet.

Thomas: Ja, auf jeden Fall. Ich meine, wir haben uns HÉROES DEL SILENCIO angehört, wir hören uns französische Popsongs an, wenn die wollen, dass wir da
rüber kommen, dann singen wir aber auch in Deutsch.
Oder RAMMSTEIN, bei denen geht doch in Amerika die Hölle ab. Die haben am Anfang probiert, in Amerika eine Tour in Englisch zu machen, da haben sie es
übersetzt, und dann wurden sie gleich geschmissen. Dann haben sie einfach wieder angefangen deutsch zu singen, und das wollten sie doch. Das
amerikanische Publikum wollte genau das, und die wollten auch gar nicht wissen, was der singt, die haben ihre Schlagworte, die sie
kennen:“ links, zwo, drei, vier“ und „Achtung“, und damit sind sie zufrieden da drüben, alles klar.

IN EXTREMO sind mit ihren deutschen Texten ja auch sehr erfolgreich im Ausland, gerade in Mittelamerika.

Thomas: Ja, in Mexiko, das ist der Hammer, was da läuft.

Meinst du, da hättet ihr auch ne Chance?

Thomas: Ich glaub‘ schon. Aber das muss schön langsam angegangen werden. Jetzt fangen wir erstmal mit den Benelux-Ländern an, Holland, Luxemburg machen
wir jetzt, anschließend gehen wir ein bisschen nach Skandinavien, da sind wir gerade am Arbeiten. Spanien hat einen riesigen Markt, da werden wir in
Diskos gespielt. Das heißt, das kann man mal abgrasen, dann gucken wir mal rüber nach Polen und so weiter, und dann kann man sich auch mal über Mexiko
Gedanken machen.

Habt ihr denn eigentlich vor, so richtig berühmt zu werden? Ihr habt ja alle noch einen Job nebenbei, vielleicht macht das ja auch Spaß und ihr habt
gar nicht die Intention, jetzt groß Karriere zu machen?

Thomas: Die ist schon da, auf jeden Fall.

Matthias: Ich habe zum Beispiel nebenbei keinen Job, du doch auch nicht, oder?

Thomas: Ja, nicht so wirklich, es sind halt Nebenjobs, die man so macht. Wir waren bis vor kurzem alle voll berufstätig. Jetzt ist es gerade so, dass
man eigentlich keine Zeit mehr hat, einen Fulltime-Job zu machen. Es reicht aber vom Geld her aufgrund der ganzen Investitionen, die man so macht nicht,
für jeden Pulli, der da draußen hängt und gekauft wird, muss ja irgendwo das Geld herkommen. Das heißt, der Kühlschrank ist noch nicht wirklich voll,
aber wenn sich das mal mit den Investitionen und Kosten deckt, dann wollen wir das auf jeden Fall, weil das ein Traumjob ist für uns, auch wenn es viel
Arbeit ist. Wir haben diese Nacht vier oder fünf Stunden geschlafen, und seitdem sind wir auf Interviewreise hier und Autogrammstunde in Essen, und dann
noch der Gig und Soundcheck und alles, das ist ein harter Job. Du liegst da nur im Bus, rüttel-rüttel, und einer qualmt neben dir, nicht schön. Einer
hustet, und der ganze Bus ist krank. Das ist natürlich auch hart, aber einfach schön. Da wollen wir hin.

Interview: doomster und Maria Wardenga
Fotos: Fame Recordings (Promo) und doomster (live)