ROTTEN SOUND, TRAP THEM, GAZA, THE KANDIDATE und HAUST am 6. April 2011 in der Kranhalle, München

Totale Vollbedienung in fünf qualitativ und stilistisch unterschiedlichen Akten.

Da staut man wochenlang seinen Frust auf, um ihn innerhalb von vier Stunden alles raus zu lassen. Aber mit zunehmendem Alter merke ich, dass es immer etwas schwieriger wird, alles auch wirklich abzubauen. Darum heute totale Vollbedienung, ohne wenn und aber. Mit ROTTEN SOUND, TRAP THEMund GAZA gibt es drei Formationen, die noch jeden Schädel haben spalten können, jede auf etwas andere Art und Weise. Dazu noch ein Schwung unbekannter Bands und schon ist ein netter Prügelabend vollständig. Das ganze auch noch für faire fünfzehn Euro an der Abendkasse, da sollten doch eigentlich die Leute in Strömen kommen. Aber Mittwochs ist das TV-Programm scheinbar so hochwertig, dass nur knapp 100 Leute es schaffen zu erscheinen. (Captain Chaos)

HAUST

Um Punkt 20:00 Uhr ist es noch etwas leer, als die jungen Norweger HAUST auf der Bühne stehen. Angeführt von einem fülligen Messiah Marcolin-Lookalike, der aber so angepisst ist, dass er zu Beginn gleich das Mikrofon gegen die Stirn drischt und sich dann auf den Boden wirft, um den Kopf gegen die Bühnenbretter zu donnern. Weil das an Selbstkasteiung noch nicht ausreicht, schiebt er sich auch noch Faust bis zum Anschlag in den Mund und tritt seine Mitmusiker. Warum eigentlich? Naja, es klingt nicht besonders gut, was HAUST in ihren fünfundzwanzig Minuten von sich geben. Rotziger, derber Crust-Punk, ohne besondere Highlights, mit viel zu penetrant dröhnendem Bass und zu schrammeligen Gitarren und monotonen Midtempo-Beats helfen nicht wirklich, die Musik wirken zu lassen. Vielleicht liegt das ja auch an dem katastrophalem Sound der Kranhalle. (Captain Chaos)

 HAUST
 Totalausfall zu Beginn: HAUST.

Um ehrlich zu sein, werter Kollege, würde vermutlich auch ein bombastischer Stadionsound reichen, um aus HAUST mehr zu machen, als die zugegeben sehr unterhaltsame Dilettantennummer des Abends. Als Showact auf Comedy-Veranstaltungen allerdings, ja da wäre der Sänger, der mich übrigens frappierend an eine stärker beleibte Variante des rotschöpfigen Pumuckls mit konstanter Miesepetrigkeit im Gesicht erinnert, gut aufgehoben. Erwähnenswert vielleicht aber doch noch, dass sich die akute Belanglosigkeit dieser Truppe im Laufe des Sets dann doch etwas verbessert und etwas Schwung in die Sache kommt, wenn besagter Meister Eder-Zögling gerade mal nicht damit beschäftigt ist, seine Mitmusiker zu malträtieren. Trotzdem: Länger als die knappe halbe Stunde ist das wirklich nicht nötig. Genauer: Das alles ist im Grunde ganz generell nicht nötig. (Manuel)

THE KANDIDATE

 THE
Es geht bergauf: Mit dem Death-Thrash-Hardcore-Mix von THE KANDIDATE.

Wohltuend dagegen danach THE KANDIDATE. Nicht, weil deren Musik jetzt irgendwelche Innovationspreise gewinnen würde, sondern einfach, weil sie das komplette Gegenstück zu den ach so mies gelaunten Norwegern darstellen und mit einem Dauergrinsen im Gesicht ihre zwar nicht weltbewegende, aber über die abermals halbstündige Distanz doch ausgesprochen unterhaltsame Mischung aus Hard- und Grindcore mit einigen modernen Death Metal-Einflüssen runterspielen. Dem zugetackerten Sänger jedenfalls und auch dem Rest der Band ist der Spaß an ihrer eigenen energischen Show über beide Ohren anzusehen. Dass das Songmaterial nun wie gesagt keine Bäume ausreißt und THE KANDIDATE ohne den nach wie vor irreal erscheinenden Eindruck ihrer Vorgänger vermutlich weitaus weniger hätten punkten können sei als Randnotiz natürlich auch erwähnt. Trotzdem: Es geht bergauf. (Manuel)

THE KANDIDATE, bisher total verpasst. Jacob Bredahl hat mit ihnen ein neues Betätigungsfeld gefunden und scheint so viel Freude an der neuen Band zu haben, dass er derart agil auf der Bühne die Musik lebt, dass sie dem Hünen fast als zu klein erscheint. Und auch die Songs knallen, daheim brauche ich diesen Death-Thrash-Hardcore-Mix aber dann doch nicht. Das Beste an dem halbstündigen Auftritt ist natürlich, wie sehr sich die Band von HAUST abhebt. Und natürlich die Tatsache, dass es hier zum ersten und einzigen Mal an diesem Abend anständigen Livesound zu hören gibt. (Captain Chaos)

GAZA

GAZA waren vor ziemlich genau einem dreiviertel Jahr schon mit CONVERGE in München und haben zusammen mit KVELERTAK die Headliner ordentlich platt gemacht, und das obwohl ich da eigentlich gar nichts erwartete. Heute ist es genau anders herum, Freude über eine erneute von Selbsthass und Spasmen gezeichnete Selbstgeißelung von GAZA ist deutlich gegeben. Die vier US-amerikanischen Musiker befinden sich irgendwo zwischen Math- und Chaoscore und lassen boshaften Sludge einfließen, der wirklich weh tut. Der riesengroße Sänger Jon leidet Höllenqualen auf und vor allem vor der Bühne, wo er sich zumeist aufhält, während sich seine Band technisch enorm begabt ihren motorischen und musikalischen epileptischen Anfällen hingibt. (Captain Chaos)

 GAZA
Die heraufbeschworene musikalische Hölle, unter Spasmen dargeboten: GAZA.

Neben TRAP THEM sind es bei mir ja vor allem GAZA und die euphorischen Berichte aus Köln durch die allschools-Kollegen Alex und Oli, die mich zum Besuch der Show veranlassen. Und was soll ich sagen? Enttäuscht werde ich nicht und es ist auch live eine ganz schöne Soundlawine, die da auf das größtenteils offenbar vorbereitete Publikum losgelassen wird. Trotzdem: Irgendwie habe ich mehr erwartet. Diese apokalyptische, komplett lebensverneinde Stimmung, die GAZA auf all ihren Alben auszeichnet, sie fehlt heute etwas. Dafür ist vor allem auch ihr Frontmann, mit seiner puren Körpergröße natürlich ein absoluter Blickfang, dann doch irgendwie zu, ja, nett. Damit reihen sich GAZA in die Riege der Bands wie CELESTE ein, die zwar musikalisch und auch vom Stageacting her tatsächlich die Apokalypse herauf beschwören, aber vielleicht noch einmal überlegen sollten, ob sie die Ansagen, so nett sie auch gemeint sein mögen, nicht einfach streichen, um einen konstanteren Fluss und den endgültigen Abstieg in die musikalisch heraufbeschworene Hölle, die da Alltag heißt zuzulassen. Aber ach, was beschwer ich mich: Das sind Nuancen und natürlich war das eine großartige Show, die eben nur mit noch größerer Konsequenz noch besser hätte ausfallen können. (Manuel)

TRAP THEM

 TRAP
Brachial-intensive Show, die das müde Münchner Publikum nicht aufwecken kann: TRAP THEM.

Dass ausgerechnet TRAP THEM dann im Anschluss komplett auf Ansagen verzichten, überrascht mich dann doch etwas. Klar, auch ihr Sound ist jetzt nicht unbedingt von einer allzu großen Lebensbejahung gekennzeichnet, aber zumindest lassen es insbesondere die Songs auf Darker Handcraft, die den größten Teil der heutigen Setlist darstellen auch vortrefflich ausrasten. Rein hypothetisch gesprochen allerdings, denn auch wenn TRAP THEM für viele sicher die am meisten erwartete Band des Abends darstellen: Sonderlich viel Bewegung ist da nicht. Vor der Bühne jedenfalls. Denn Ryan McKenney ist und bleibt ein Derwisch, der am liebsten mit grimmigem Blick und mächtig Wut in der Stimme über die Bretter springt. Das alles zieht die Band dann auf technisch einwandfreiem Niveau für eine knappe halbe Stunde durch und dann ist die Welt zwar immer noch kein besserer Ort, aber der Dämon, zumindest für den heutigen Abend, wieder bekämpft. Da kann sich selbst ein Herr McKenney am Ende doch noch eine kurze Danksagung an all diejenigen, die da waren, nicht verkneifen. Schön. (Manuel)

 TRAP
Rifft hauptsächlich Hits vom neuen Killeralbum Darker Handcraft: Brian Izzi von TRAP THEM.

Manuel, denk daran, die kleine Tirolerin gibt bei TRAP THEM alles vor der Bühne, da können noch so viele beleibte Hardcore und Metal-Typen rumstehen, die haben alle nicht so viel Spaß wie die Kleine da. Und das obwohl der zahnlose Sänger Ryan McKenney, der optisch gesehen eher dem Opfer einer wüsten Gangschlägerei gleicht, alles andere als freundlich wirkt. Es ist unglaublich, warum München heute, mit wenigen Ausnahmen, eher vor der Bühne schläft, als sich dem wundervollem Mix aus Old-School Death Metal, Crust, Grind und Hardcore hinzugeben. Die Songs vom neuen, hammerharten Album Darker Handcraft sind dafür gemacht, live ausgekotzt zu werden, können trotz Spielfreudiger und tighter Band – vor allem Schlagzeuger Chris Maggio spielt mit beeindruckender Intensität und Präzision – allerdings dank dem schwachen Sound wegen, noch nicht ihr ganzes Potenzial erfassen: Die Gitarren sind weit davon entfernt tödliche Geschosse zu sein, sondern matschen im Soundbrei der Kranhalle herum. Trotzdem sind Damage Prose, Every Walk A Quarantine, The Facts, Scars Align und Slumcult And Gather nicht nur die Highlights dieses Sets, sondern des ganzen Abends. Nächstes Mal bitte in einer Halle mit besserem Sound und lebendigerem Publikum, aber ansonsten genau so wieder. (Captain Chaos)

ROTTEN SOUND

Das Blödeste, was ich nach einem ROTTEN SOUND-Konzert sagen kann ist: Mensch, sie haben zwei meiner Lieblingssongs nicht gespielt. Was daran so blöd ist? Naja, bei dem Soundbrei, der heute Abend fabriziert wird, klingt eh eine Nummer wie die andere. ROTTEN SOUND haben aber dennoch wieder alles dabei, was sie dabei haben müssen: Messerscharfe, abartig derbe Riffs, pfeilschnelles Schlagzeug, das nicht nur im Blast Beat-Bereich, sondern auch in Uptempo-Mosh-Parts zu Hause ist, einen krass verzerrten Bass und den sympathischsten aller Gesangsgrantler am Mikrofon. Keji Niinimaa führt ROTTEN SOUND gewohnt bodenständig an, zeigt aber mit seinem wilden Geschrei, dass er auch anders kann. Vierzig Minuten lang geht es quer durch die letzten Alben von ROTTEN SOUND, der Fokus liegt natürlich auf dem neuen Werk Cursed und dem Werk von 2008, Cycles, auch wenn das nicht immer rauszuhören ist – der Sound ist wie bereits mehrfach erwähnt katastrophal, vor allem bei dieser Form von Musik. Scheinbar sammeln die meisten Münchner im Laufe des Abends nur Kräfte, denn zum ersten Mal geht vor der Bühne ordentlich was, auch wenn es nur gut fünfzehn Leute sind, die hier für Randale sorgen. (Captain Chaos)

 ROTTEN
Intensiver Soundbrei von den Königen des Grindcore: ROTTEN SOUND in gewohnt guter Form.

Nunja, ob es wirklich nur am Sound in der Kranhalle liegt, dass man sich bei ROTTEN SOUND eher keine Gedanken um Lieblingssongs machen muss sei mal dahingestellt. Fest steht jedenfalls: Die Band ist live durchaus ein beachtliches Erlebnis. Zwar weist man nicht den Bewegungsdrang einiger vorheriger Truppen auf, aber die Energie, die da aus den Blast Beats und vor allem aus den oftmals tonnenschweren Midtempo-Passagen auf das Publikum übergreift ist beachtlich. Natürlich: Abwechslung kann man da vergessen. Andererseits: Für die halbe Stunde, die sich die Finnen die Ehre geben reicht eben auch mal einfach die volle Dröhnung. Dass Sänger Keji dabei tatsächlich ein ziemlicher Sympathiebolzen ist macht die Sache mit Sicherheit nicht weniger unterhaltsam. (Manuel)

So bleibt dann am Ende des Tages für mich ein soundtechnisch abwechslungsreiches Konzert und vier mindestens soliden Bands und eine Suppenkaspertruppe zu Beginn, die aber retrospektiv betrachtet durchaus ihren Charme hatte. Irgendwie. Muss trotzdem nie wieder sein! (Manuel)
Yeah. (Captain Chaos)

Vielen Dank an Gastaustor Manuel Fricke von allschools.de /
Livebilder: (c) Florian Schneider