RISING: Weniger Ego, mehr Band

RISING: Weniger Ego, mehr Band

Die dänischen Haudegen RISING, die vor knapp zwei Jahren ihre beachtliche Debüt-EP veröffentlichten, spielten sich mit ihren mörderischen Riffs, ihren donnernden Grooves und den nicht zu aufdringlichen Hooks nicht nur in mein Herz, sondern auch in das von EXILE ON MAINSTREAM RECORDS. So ist es nicht verwunderlich, dass das deutsche Label sich das Trio geschnappt hat, deren Musik die Herzen von BARONESS-, MASTODON– und KYLESA-Anhängern höher schlagen lassen wird. To Solemn Ash ist ein tonnenschweres Album voller Hits, so dass wir gar nicht anders können, als bei Gitarrist Jacob Krogholt mit einem kleinen Fragenkatalog vorstellig zu werden.

Hallo Jacob, Glückwunsch zu eurem Debütalbum! RISING wurden 2008 gegründet, als du schon über Dreißig warst. Aus welchen Gründen startet man in diesem Alter eine Band, mit der man nicht seinen Lebensunterhalt verdienen kann, wo andere langsam an Familie und Kinder denken? Kannst du es einfach nicht lassen?

Meinst du damit also, unsere Musik lässt sich nicht verkaufen? Ich hoffe beweisen zu können, dass das nicht stimmt! Und na ja, ich habe schon immer Musik gespielt, das ist einfach etwas, ohne das ich nicht leben kann. Außerdem habe ich durchaus eine Familie, und meine Frau ist auch Musikerin. Sie kennt also den Drang, Musik zu spielen, also können wir unser Leben gut ausbalancieren. Außerdem weiß sie, dass ich, wenn ich keine harte Musik machen würde, durchdrehen und unausstehlich werden würde, ha ha!

Es ist selten, dass Bands auf ihrem Debütalbum ausschließlich neue Stücke stehen haben, meistens werden Songs von Demos neu aufgenommen und mit ein paar neuen Stücken ergänzt, so dass die Albumlänge erreicht wird. Ihr habt nur neues Material auf To Solemn Ash – wart ihr so kreativ, dass ihr ausreichend Material zur Verfügung hattet?

Unser Ziel war es, To Solemn Ash als geschlossene Einheit zu erschaffen, das seine eigens komponierte Klangfarbe und Thematik hat. Außerdem haben wir einen neuen Schlagzeuger namens Jacob, was sich als gute Gelegenheit anbot, mit neuem Material weiter zu machen, anstatt sich an das alte Zeug zu klammern. Wir sind auch zufrieden damit, wie die älteren Songs auf den ersten beiden Veröffentlichungen klingen, also haben wir kein Bedürfnis, diese neu aufzunehmen. Sie funktionieren gut, hatten ihre eigenen Umgebungen und sind ein Bildnis der Band von einer bestimmten Zeit. Und ja, wir hatten jede Menge Ideen für To Solemn Ash, das war großartig.

Was ist mit den alten Songs, die eure neuen Fans hören möchten – werdet ihr die Debüt-EP und die Single wiederveröffentlichen?

Die Debüt-EP und Legacy Of Wolves sind noch über die involvierten Labels und uns erhältlich, deshalb gibt es keine Pläne, diese beiden Platten wieder zu veröffentlichen.

Verglichen mit den beiden ersten Veröffentlichungen existiert stilistisch kein großer Unterschied, nur die Songs sind qualitativ hochwertiger. Jacob, du hast früher bei WITHERING SURFACE gespielt und von früher her noch viel Erfahrung im Songwriting – gibt es da noch immer Ziele, die du erreichen möchtest?

Ich denke, dass der Hauptantrieb zum Spielen und Schreiben von Musik ist, besser und besser zu werden und im Laufe der Zeit immer besseres Material zu schreiben – das ist zumindest bei mir so. Ja, deshalb denke ich, dass es immer noch viel zu erreichen gibt. Zunächst gefällt es mir, Musik zu spielen und darauf abzuzielen, unser Spiel dauernd zu verbessern. Meiner Meinung nach ist das ein niemals enden wollender Prozess. Die konkreten Ziele sind, dass die Band in Sachen musikalischer Reife und Karriere wachen soll. Und etwas zu schreiben, das in ein paar Jahren als Klassiker durchgehen könnte – das wäre doch ein schönes Gefühl!

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Asche als Symbol für das Ende des Lebens und gleichzeitig ein Grund, das Leben anzupacken und ihm einen Sinn einzuhauchen: Bei To Solemn Ash geht es nicht um Metal-Klischees.

Henriks Gesang hat sich auch verbessert, das klingt, als hätte er viel geübt und recht ausgiebig Whiskey genossen. Oder hatten die vielen Konzerte ihren Anteil an seiner immer routinierter klingenden Stimme?

Ja, das waren sicherlich die Liveshows, aber ich denke, dass er auch einfach seinen Stil in den letzten Jahren gefunden hat. Ich finde aber eigentlich, dass er von Anfang an eine reicht eigene Stimme hatte, die aber sicherlich verfeinert wurde und nun mehr Details und Rauheit in sich verbirgt.

Du erwähntest schon euren neuen Schlagzeuger Jacob, der seit einigen Monaten in der Band ist. Wie man auf dem Album hören kann, integrierte er sich selbst sehr gut bei RISING. Wie hat sich die Band verändert, als er dazu stieß und welchen Anteil hatte er am Songwriting?

Mit einem neuen Musiker in der Band gibt es immer neue Dynamiken und Gedanken, die diesen Wechsel im Gefüge begleiten. Zumindest bei RISING ist das so, weil wir wollen, dass jeder etwas zu sagen hat und seine eigenen Ideen einwerfen kann. Jacob ist sehr musikalisch und legt seinen Fokus auf Songwriting und Arrangements, und das hat uns auf positive Art und Weise geholfen. Ich denke, genau das kann man auf dem neuen Album hören: Unser Songwriting und unsere Arrangements sind gestrafft. Wir sind außerdem melodischer geworden, was meiner Meinung nach aber einfach eine natürliche Entwicklung war. Ich denke, wir saugen einfach gute Melodien und Hooks auf.

Trios machen auf mich den Eindruck, als sei deren Besetzung stabiler als von anderen Bands, stimmt das? Und denkst du, RISING haben jetzt eine so stabile Dreierbesetzung, dass sie für immer halten wird?

Das hoffe ich doch, aber niemand kann sich zu sicher über die Zukunft sein. Aber es funktioniert momentan sehr gut, so dass ich hoffe, dass wir für lange Zeit zusammen sein werden. Es ist gut möglich, dass ein Trio ein stabileres Line-Up ist, als bei Bands mit größerer Besetzung. Ich bin mir nicht sicher wieso, aber es könnte sein, dass es einfach weniger Personen sind, und daher weniger Egos zufrieden gestellt werden müssen.

Live in einem Trio zu spielen kann jedenfalls recht anstrengend sein. Wie macht ihr es beispielsweise, wenn du Soli spielst, kommen die Akkorde vom Bass?

Es stimmt, wir sind auf der Bühne ziemlich beschäftigt. Auf unseren Platten gibt es zu den Soli in der Regel eine Gitarrenspur zu hören, aber live besteht das nur aus Bass und Schlagzeug. Wir versuchen, den Bass interessant klingen zu lassen, und dass er außerdem zu den Gitarren gut passt. Während der Soli spielt Henrik auch etwas mehr Töne oder verstärkt den Sound mit einem Verzerrer nach. Das funktioniert.

To Solemn Ash ist ein tolles Metalalbum für diejenigen, die BARONESS, alte MASTODON, KYLESA, HIGH ON FIRE und ähnliche mögen. Haben euch diese Bands auch direkt inspiriert?

Sie alle sind auf ihre eigene Art gut und ich mag definitiv die meisten von ihnen. Aber ich würde eher sagen, dass wir von demselben Material inspiriert werden, wie diese Bands. Unser Haupteinfluss ist klassischer Metal, alter Hardcore und Punk, und das gilt für eine Band wie MASTODON eben auch.

Zumindest klingen RISING recht amerikanisch. Was ist mit euren skandinavischen Wurzeln, die man vielleicht nicht so sehr heraus hören kann?

Ich persönlich habe viele alte skandinavische Death und Black Metal-Bands wie ENTOMBED, DISMEMBER, AT THE GATES, MAYHEM, DARKTHRONE, IMMORTAL und so weiter gehört. Es ist gut möglich, dass sie sich in meine musikalische DNA schlichen und so ihren Weg in mein Riffing fanden, hehe.

Die Songs von To Solemn Ash sind jedenfalls sehr eingängig und haben einige schräge Drehungen und Wendungen. Habt ihr nach Metalhymnen gesucht und wolltet es den Hörern gleichzeitig nicht zu einfach machen?

Es freut mich, dass du denkst, die Songs seien gleichzeitig eingängig und fordernd. Diese beiden Qualitäten möchten wir in unserer Musik haben, auch wenn wir versuchen, spontan zu sein und versuchen, nicht zu bewusst in Sachen Songwriting vorzugehen. Wir ließen es einfach fließen und sahen, wo die Riffs und das Material uns hinführten. Wenn das die Hörer herausfordert, ist es großartig. Aber es war kein bewusstes Ziel, irgendetwas zu verkomplizieren, wenn man das denn so nennen kann.

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Es gibt immer noch viel zu erreichen. Gitarrist Jacob (rechts) will sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen, sondern sein Songwriting auch in Zukunft noch verbessern.

Sea Of Basalt, Hunter´s Crown und Passage sind herausragende Songs, die echte Genre-Hits sind. Wie habt ihr diese Stücke geschrieben – beginnt alles mit ein paar Riffs und ihr arrangiert das dann zusammen?

Hits! Großartig, das ist meiner Meinung nach ein Kompliment! Es beginnt in der Regel mit einem Riff, einem oder vielleicht auch mehreren Teilen von Henrik oder mir, und dann jammen wir und versuchen zu identifizieren, welche Funktion diese Riffs oder Parts in einem Song haben. Dann bauen wir das Lied mit weiteren Teilen und Riffs aus, die das Material in die richtige Richtung führen. Von da an besteht das Meiste aus Feinabstimmung und daraus, Form und Arrangements zu schärfen. Ein paar Mal kam ich schon mit einem fast fertigen Song im Proberaum an, aber das ist bei uns nicht die Norm. Wir arrangieren alles zusammen, jeder hat ein Mitspracherecht und soll das Endresultat mögen.

To Solemn Ash ist sehr abwechslungsreich und beinhaltet sowohl mächtige Rocksongs als auch doomige Nummern, die sehr heavy sind. Das klingt so, als hätte es viele Songwriting Sessions gegeben – wie lange hat das gesamte Songwriting des Albums gedauert?

Wir hatten zwei der zehn Songs schon fertig, bevor das eigentliche Songwriting für das Album begann. Wir fingen Mitte November letzten Jahres an und die letzten Songs waren Mitte März fertig, kurz vor den Aufnahmen. Wir arbeiteten circa vier Monate an To Solemn Ash und ja, wir hatten viele Sessions in diesen Monaten, probierten dabei unterschiedlichste Ideen und Sounds aus.

Die Lieder sind auf schon fast klassische Art und Weise auf dem Album angeordnet: Zuerst ein mörderischer Opener, auf den ein Hit folgt, dann wird es etwas experimenteller, schließlich folgen wieder eingängige Nummern und ein ziemlich brachialer und endgültiger Schluss – war es schwer für euch, die Songs so anzuordnen?

Es ist witzig, dass du das erwähnst, weil ich das jetzt nachvollziehen kann, aber wir hatten keine Vorlage, wie das Tracklisting aussehen sollte. Wir haben einfach auf unser Bauchgefühl vertraut. Allerdings sind wir Musikfans und Musiker seit vielen Jahren, daher glaube ich, dass man ein Gefühl dafür entwickelt, wie eine Tracklist am meisten Sinn ergibt. Diese Anordnung war recht schwierig, denn unser Material ist recht abwechslungsreich und wir wollten gleichzeitig einen durchgehenden Fluss auf dem Album haben. Wir haben unser Bestes gegeben, und ich denke, die Trackliste funktioniert ganz gut. Vielleicht, weil es sich in diese klassische Vorlage gut einfügt, haha!

Ihr habt euer Debüt von März bis Juni diesen Jahres aufgenommen – ich nehme an, ihr habt nicht pausenlos an To Solemn Ash gearbeitet. Gab es Probleme während der Produktion, oder habt ihr Abstand gesucht, damit sich alles etwas setzen konnte und ihr mit frischen Ohren ans Finalisieren gehen konntet?

Wir haben es folgendermaßen gemacht: Wir kauften, liehen und mieten jede Menge gute Ausrüstung und nahmen das Album selbst in einem mobilen Studio auf. Wir gingen in mein Sommerhaus im späten März und richteten dort das Studio ein. Wir verbrachten drei Tage damit, das Studio aufzubauen, die physische Umgebung zu erschaffen und den Sound einzurichten. Weitere neun Tage lange nahmen wir die Basistracks auf, Schlagzeug, Bass und alle Gitarren. Das lief ziemlich reibungslos ab. Dann gingen wir in die Stadt, um die Percussions, Akustikgitarren und den Gesang aufzunehmen. In den nächsten beiden Monaten nahmen wir nicht pausenlos auf. Wir sind auch mit unseren Familien, Arbeit und anderen Projekten beschäftigt, also bedarf es einiger Planung, weshalb immer wieder etwas zu tun war und dann wieder eine Pause folgte. Aber wir blieben auf das Album konzentriert, bis es Anfang Juni fertig war.

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Wir arrangieren alles zusammen, jeder hat ein Mitspracherecht und das Endresultat zu mögen. Eine Einheit, in der es keine Kompromisse gibt: RISING (von links: Jacob Johansen, Henrik W. Hald, Jacob Krogholt).

Ich hatte leider nicht allzu viel Zeit, mich mit den Texten zu befassen, es ist aber klar, dass ihr nicht auf mythischen Bestien herumreitet und Sword and Sorcery-Klischees bedient. Ich glaube, Henrik bezieht sich auf existenzielle Dinge. Jedenfalls scheinen die Texte für dieses Album auch wichtig zu sein, richtig?

Ja, die Texte sind ein wichtiger und stark integrierter Teil unseres Ausdrucks. Wir möchten nicht zu anmaßend darüber sein, aber wir bestehen darauf, Themen anzuschneiden, die ernster sind als viele Metaltexte. Das Album thematisiert als solches die Verbindungen zwischen den Lebenden und den Toten, physisch wie mental. Wie die Toten die Leben der Menschen beeinflussen und die Strukturen, die uns von der Vergangenheit gegeben wurden. Die Asche im Titel symbolisiert das Ende des Lebens, das ist eben der Weg, auf den wir zugehen. Aber genau das animiert uns, unser Leben anzupacken und eine Bedeutung für das erschaffen, was bedeutungslos erscheint. In diesem Sinne finde ich, dass To Solemn Ash auch eine positive Seite hat, trotz der dunklen Thematik.

Das Artwork ist recht simpel, darauf prangt ein ikonisches Bild mit einer Tempelruine, mehr gibt es nicht. Das sieht ziemlich nach einer waschechten Doom Metal-Platte aus.

Ich weiß nicht so recht. Tut es das? Naja, To Solemn Ash ist ein ziemlich doomiger Titel und die Symbolik ist nicht allzu fröhlich, da hast du recht, hehe. Daneben suchten wir auch gerade das Simple und Ikonische, das die thematische Stimmung kommuniziert, ohne zu weit davon weg zu gehen.

In den Liner Notes steht, dass dieses Album mit finanzieller Unterstützung der Danish Artist Association verwirklicht wurde. Das ist eine coole Sache für jüngere Bands, die einen guten Start brauchen. Kann jede dänische Band Unterstützung erhalten?

Das ist ein Verbund von Musikern, die eine gewisse Menge an öffentlichen Geldern zur Verfügung haben, die sie für Musikproduktionen, Stipendien und Ähnliches verwenden. Wir sind momentan keine Mitglieder, aber jeder kann sich mit einer Beschreibung des Projekts und des Budgets dafür bewerben. Wir haben das getan und hatten Glück. Das war keine riesige Menge Geld, aber es hat uns definitiv geholfen.

Ihr habt schließlich auch einen Vertrag mit EXILE ON MAINSTREAM abgeschlossen – wie habt ihr euch kennen gelernt und wie läuft es zwischen euch?

Sehr gut! Es ist bisher wirklich großartig. Wir lernten Andreas von EXILE ON MAINSTREAM kennen, als wir mit CELAN in Kopenhagen vor ungefähr zwei Jahren spielten. Er war sehr enthusiastisch und lud uns letztes Jahr auf das SOUTH OF MAINSTREAM FESTIVAL ein, das war großartig. Wir blieben in Kontakt, spielten das Festival und eine Tour mit BEEHOOVER, und als es an der Zeit war, das Album zu machen, schlossen wir einen Vertrag ab.

Bald werdet ihr wieder auf Tour gehen. Was können wir von euren kommenden Shows erwarten?

Hoffentlich Shows, die Arsch treten! Wir werden unser Bestes geben, das ist sicher. In Sachen Material werden wir uns auf neue Songs fokussieren, aber auch ein paar Oldies spielen.

Was wird die Zukunft für RISING bringen? Ist schon etwas geplant?

Zuerst kommt die Tour durch Deutschland im November und ein paar dänische Termine im Herbst. Wir planen außerdem eine große Europatour für März und April, die den europäischen Kontinent und Skandinavien beinhalten wird. Es ist noch mehr in Planung, aber das werden wir noch früh genug bekannt geben. Wir werden versuchen auch so bald wie möglich neues Material zu schreiben, da wir wollen, dass die Ideen fließen und dass es spannend für uns bleibt. Touren, Schreiben, Touren, Schreiben und irgendwann wieder aufnehmen. Das ist der Plan.


Fotos: (c) RISING

Captain Chaos
Ehemann, Vater, Musikenthusiast, Plattensammler, Trauerbegleiter, Logistiker, Autor, Wandergeselle