REMEMBER TWILIGHT: Gegen Klugscheißer und Besserwisser

REMEMBER TWILIGHT gehören zu den wenigen Bands im deutschen Underground, die schon von Beginn an darauf hinarbeiteten, einen wirklich eigenen Sound zu kreieren. Mit ihrem vor einiger Zeit erschienenen Debütalbum ist es ihnen nun vortrefflich gelungen, dem selbst gewählten Label "Kammermusik-Core" gerecht zu werden. Moderne Gitarren, wuchtige Drums und oft wütender Gesang treffen auf filigrane Violinen- und Oboenklänge – eine Mixtur, die man in der Form noch nicht gehört hat und die bereits erstaunlich ausgereift klingt. Grund genug, Frontmann Timo und Bassist Jörg zum Interview zu bitten…

REMEMBER TWILIGHT gehören zu den wenigen Bands im deutschen Underground, die schon von Beginn an darauf hinarbeiteten, einen wirklich eigenen Sound zu kreieren. Mit ihrem vor einiger Zeit erschienenen Debütalbum ist es ihnen nun vortrefflich gelungen, dem selbst gewählten Label Kammermusik-Core gerecht zu werden. Moderne Gitarren, wuchtige Drums und oft wütender Gesang treffen auf filigrane Violinen- und Oboenklänge – eine Mixtur, die man in der Form noch nicht gehört hat und die bereits erstaunlich ausgereift klingt. Grund genug, Frontmann Timo und Bassist Jörg zum Interview zu bitten…

In meinem Review stellte ich die These auf, dass sich Zerrissen, der Titel eures Albums, in erster Linie auf die Texte bezieht und weniger auf die Musik. Ich habe nämlich den Eindruck, dass die zwei zentralen Elemente eures Bandsounds, der moderne Metal und die klassischen Instrumente, wenn auch immer wieder mit deren Kontrasten gespielt wird, sehr gut miteinander verzahnt sind. Würdet ihr dem zustimmen, oder geht die Bedeutung des Albumtitels doch über die textliche Komponente hinaus?

Jörg: Der Titel Zerrissen hat in jedem Fall mehr mit den Texten zu tun als mit der Musik. Wir haben uns Mühe gegeben alle Instrumente passend zu unserer Idee vom Gesamtklang, den wir Kammermusik-Core getauft haben, einzusetzen. Timos Texte sind persönlich. Du hattest in deinem Review von der inneren Zerrissenheit des lyrischen Ichs geschrieben: Das trifft es ganz gut oder sogar ziemlich genau, meiner Meinung nach. Wobei das lyrische Ich mit den Erfahrungen aus unserem Alltag gefüttert wird. So beschreibt der Titel der CD nicht nur die CD selbst.

Timo, du hast mit deinem Gesang vor allem von der 2001er Promo zur Promo von 2003 einen riesigen Sprung gemacht. Hast du in den letzten Jahren Gesangsunterricht genommen?

Timo: Nein, damit aufgehört. Ich hatte davor recht lange Gesangsunterricht. Mein Problem war immer dieser Zwiespalt zwischen klassischer Stimmbildung einerseits und metallischem Gesang auf der anderen Seite. Das hat leider nie harmonieren wollen. Wenn man zuviel geschrien hat, war das schlecht für den klassischen Part. Umgekehrt muss man bei unserer Musik schreien. Was also tun? Alex Krull war in dieser Hinsicht richtungweisend – wir waren ja in einem Metal-Studio. Danach war es zu Ende mit Arie Antik.

Was hat es denn mit der Sprecherziehung von Alex Krull auf sich?

Timo: Zu meiner Verteidigung muss ich feststellen, dass ich mir meinen Geburtsort nicht frei wählen durfte. Als wir das erste mal das Mastersoundstudio enterten, hatte ich Probleme mit der korrekten hochdeutschen Aussprache. Daher ein Crash-Kurs bei Maestro Krull.

Die Musik ist insgesamt noch härter als auf den Promos von 2003 und insbesondere 2001, und es gibt viele Parts, in denen du deutlich aggressiver singst als in der Vergangenheit. Gibt es einen besonderen Grund, warum du nun so wütend klingst?

Timo: Das hat sich so ergeben. Außerdem gibt es Parts in den Texten, bei denen meine Stimmbänder nicht genug hergeben können um diesen Ausdruck zu vertonen. Aber ich denke wir sind nahe dran.

Mit Zerrissen seid ihr meiner Meinung nach einem Punkt angelangt, wo die Bezeichnung Kammermusik-Core endgültig gerechtfertigt ist. Seht ihr es auch so, dass eure alten Songs dadurch eigentlich nicht adäquat beschrieben werden?

Jörg: Ich glaube, wir konnten die Ideen damals nur noch nicht so umsetzen wie wir (oder nur ich?) das eigentlich wollten. Das Gefühl war in jedem Fall auch schon bei den älteren Stücken da.

Kammermusik-Core ist für euch aber mehr als nur eine Stilbezeichnung, oder? Immerhin erscheint dieser Begriff auf jedem eurer CD-Cover und hat damit dem Titel des Albums etwas voraus.

Jörg: Uns war es wichtig, dass die Musik nicht irgendwie beschrieben wird. So haben wir uns diese Stilbezeichnung ausgedacht. Eher unbewusst ist Kammermusik-Core dann auch als eine Art Untertitel in unser Bandlogo gerutscht. Das war schon bei der CD 2001 der Fall. Aber das war eigentlich ein guter Einfall, denn so verbindet jeder diesen Bandnamen REMEMBER TWILIGHT sofort mit dem Begriff Kammermusik-Core! Das wollten wir ja schließlich. Der Titel zur CD stand lange Zeit nicht fest. Wir hatten uns entschlossen dasselbe Cover zu nehmen wie für die Promo-CD 2003. Selbst unser Grafik-Sexperte hatte keine zündende Idee wie wir den Titel ins Cover einbinden konnten. Dann haben wir ihn einfach gelassen.

Eure Arrangements sind recht aufwändig ausgefallen. Habt ihr ausgebildete Musiker in euren Reihen?

J: Ausgebildete Musiker hört sich gut an… Ich habe als Fan angefangen den Umgang mit meinem Instrument zu lernen. Da war die Motivation riesig und ich habe auch Unterricht genommen, obwohl das zu der Zeit nicht sehr schick war. Alle anderen in unserer Band hatten auch Instrumentalunterricht oder andere Ensembleerfahrungen, der eine mehr, der andere weniger. Insgesamt hat das unser gemeinsames Musizieren aber immer erleichtert. Und als Fans haben wir natürlich etlichen Vorbildern nachgeeifert… Das schlägt dann auch in den Arrangements durch.

REMEMBER
Anne hört FINNTROLL. Ich werde es wohl nie verstehen! – Timo ist entsetzt über den Musikgeschmack der neuen Violinistin…

Ich habe zu Beginn des Interviews bereits die die Kontraste erwähnt. Besonders interessant finde ich in dem Zusammenhang Tränen für euer Blut. Hier gibt es ja nicht nur den musikalischen Kontrast zwischen der Strophe und dem harten Refrain. Auch innerhalb der Strophe macht ihr davon Gebrauch: Die Musik klingt recht fröhlich und beschwingt, zusammen mit den Texten wirkt das irgendwie grotesk. Habt ihr bewusst auf diese Wirkung hingearbeitet?

Jörg: Nein, aus meiner Sicht war das eher Zufall. Aber Du hast Recht. Vielleicht hatte Timo schon so eine Idee als er mir die drei Akkorde vorgespielt hat. Eigentlich bezweifle ich das aber. Timo? Alles von langer Hand geplant, gell?

Timo: Von langer Hand geplant würde ich das auch nicht bezeichnen. Allerdings war mir schon klar in welche Richtung der Text im Zusammenhang mit der Musik tendieren würde. Ich fand es interessant eine recht fröhliche Melodieführung mit einem kritischen Text zu unterlegen.

Bei dieser Kombination von Musik und Text muss ich unweigerlich an LETZTE INSTANZ denken. Eine Band, die euch zu Beginn der Karriere besonders inspiriert hat, oder?

Jörg: Ja! LETZTE INSTANZ war (ist?) toll. Also die sind für mich schon sehr wichtig gewesen. 1998 hat mich Timo auf ein Konzert von ihnen mitgenommen. Wow!

Auch in dieser Zeit basiert musikalisch auf dem Song Sirens, den ihr 1999 geschrieben habt. Habt ihr keine Lust mehr auf englischsprachige Texte?

Jörg: Nein, das war auch schon 1998! Die eine Aufnahme ist aber von `99. Schön, dass du dich über unsere Band so gut informierst und dir auch die alten Sachen anhörst!

Timo: Um deine Frage zu beantworten: Nein ich habe keine Lust mehr englisch zu singen. Ich fühle mich sprachlich, emotional, menschlich und bildlich nicht in der Lage meine Vorstellungen von Texten in einer Fremdsprache umzusetzen. Außerdem bin ich der Auffassung, dass man die Menschen eher erreicht wenn sie die Texte verstehen.

Dann kann man daraus schließen, dass ihr keine Ambitionen habt, die Menschen im nicht-deutschsprachigen europäischen Ausland zu erreichen, sondern euch voll und ganz auf Deutschland, Österreich und die Schweiz ausrichtet?

Timo: Natürlich träumen wir in unserem Kämmerlein auch davon Menschen im nicht-deutschsprachigen Ausland zu erreichen. Aber wir sind uns bewusst, dass die Sprachbarriere ein Hindernis darstellt. Aber Bands wie RAMMSTEIN oder LACRIMOSA sind auch sehr erfolgreich im Ausland. Aber zur Zeit haben wir keine Möglichkeiten uns dort zu platzieren.

Der Text zu Wirklichkeit verstehen ist von den Schriften von Platon und Thomas Morus inspiriert. Ist REMEMBER TWILIGHT eine intellektuelle Band?

Jörg: Timo baut sich das Zeug ab und zu ein und wir alle müssen die Folgen tragen! Im Ernst: Texte, an denen man als Zuhörer oder Leser noch kauen muss, machen die ganze Sache doch noch spannender und vielschichtiger. Interpretationsfreiräume sind wichtig. Wir versuchen Augen und Ohren offen zu halten.

Timo: Ich hab ehrlich gesagt mit dem Wort intellektuell im Sprachgebrauch Probleme. Intellektuell benutze ich immer als Kampfvokabel gegen Klugscheißer und Besserwisser ohne Bildungshintergrund. Daher will ich mich natürlich nicht als Intellektueller sehen. Falls du allerdings auf die Hinterfragung von politischen und sozialen Vorgängen abzielst würde ich mich schon als intellektuell angehaucht ansehen. Gerade in der heutigen Zeit, in der Zeitungen und Fernsehen unser Meinungsbild versuchen zu bestimmen, sollte man doch diese Maschinerie kritisch hinterfragen.

Ganz richtig. Obwohl ich glaube, dass die Maschinerie mittlerweile, mit zunehmender Bedeutung des Internets zur Informationsbeschaffung, schon einen Schritt weiter ist: Stichwort Suchmaschinen-Monopol.

Timo: Sicherlich. Aber es gibt auch Alternativen. Wikipedia zum Beispiel lebt allein von den Beiträgen der Benutzer. Eine riesige Plattform, bei der die Möglichkeit besteht sich Informationen zu beschaffen.

Utopia war auch eine Satire des Europas der Renaissance und hat der Gesellschaft somit einen Spiegel vorgehalten. Das das auch das Ziel, das du mit deinen Texten verfolgst?

Timo: Thomas Morus hat mit Utopia den alten Streit zwischen Platon und Aristoteles fortgeführt. Für Platon mussten die Könige Philosophen beziehungsweise die Philosophen Herrscher sein. Morus schreibt in seinem Werk sehr treffend, dass die Inhaber der Macht nicht bereit wären guten Ratschlägen von Philosophen zu folgen. Mein Ziel ist es textlich den Menschen, wie du richtig erkannt hast, teils ein wenig überspitzt den Spiegel vorzuhalten. Ich möchte dabei nicht mit dem Zeigefinger deuten aber hoffe trotzdem, dass sich die Menschen Gedanken machen. Ich kenne leider auch keine ersten Diener des Staates, sondern lediglich machtbesessene Diener ihrer selbst!

Die Aufnahmen zum Album wurden ja durch die Tour mit WALTARI unterbrochen. Ich habe euch damals in Duisburg gesehen, und dort war der Zuschauerzuspruch bei euch leider nicht allzu groß. War es rückblickend die richtige Entscheidung das Angebot anzunehmen und aus finanziellen Gründen den Kompromiss einzugehen, nur mit unvollständiger Besetzung die Tour zu bestreiten?

Jörg: Diese Tournee war für uns als Band ganz wichtig. Auch wenn sie nicht besonders erfolgreich war. Wir waren zu fünft unterwegs, obwohl die Band damals sechs Mitglieder hatte. Unmittelbar nach der Tour haben wir uns dann auch entschlossen Kammermusik-Core nur noch zu siebt öffentlich darzubieten. Zu fünft sind wir dem eigenen Anspruch einfach nicht gerecht geworden, das haben wir dabei gelernt.

Timo: Natürlich war die Tour nicht sehr erfolgreich. Aber nur dadurch konnten wir einen großen Sprung nach vorne bewältigen. Wir hatten zuvor hauptsächlich in Jugendhäusern gespielt. Daher war es extrem wichtig Erfahrungen auf Club-Bühnen zu bekommen. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.

Der Wahnsinn lebt und Wirklichkeit verstehen sind, wenn ich mich nicht täusche, dieselben Aufnahmen wie auf dem Demo, oder?

Jörg: Das ist korrekt. Interessant ist, dass diese beiden auf der CD Zerrissen die anderen Aufnahmen aus der Studiosession 2004 einrahmen, sozusagen.

Ihr habt das Album 2004 bereits in Eigenregie veröffentlicht, dann im Aprilnochmal über Rabaczco. Wieso habt ihr nicht gleich gewartet, bis ihr ein Label gefunden habt oder die Eigenregie-Schiene konsequent durchgezogen? Im Grunde macht ihr ja jetzt immer noch fast alles selbst, soviel ich weiß.

Timo: Wir haben unser Album 2004 nicht in Eigenregie veröffentlicht. Es gab keine Werbung oder ähnliches. Wir wollten nur unseren Hardcore-Fans die Möglichkeit geben über unsere Homepage die CD zu bestellen. Dadurch hatten wir natürlich auch einen größeren finanziellen Anteil an den CD-Verkäufen. Es war klar, dass wir ein Label vor allem wegen der Vertriebsstrukturen benötigten. Leider machen wir heute auch noch fast alles selbst. Aber ich wäre froh, wenn das endlich jemand für uns erledigen würde.

Euer Album ist seit einiger Zeit auch bei Simevil erhältlich. Kannst du was dazu sagen, welchen Anteil die Downloads an den gesamten Verkäufen eures Albums haben? Ist das überhaupt von Bedeutung, in welchen Größenordnungen bewegt sich das?

Timo: Bei uns spielen die Verkäufe über Simevil bisher noch keine große Rolle. Aber ich denke in Zukunft steckt ein großes Potenzial in diesen Plattformen.

Habt ihr selbst schon mal Musik in einem Download-Shop erworben?

Jörg: Nein. Wenn, dann kaufe ich mir CDs.

Timo: Ich bin da auch ziemlich altmodisch. Booklet muss sein! Auch gerade wegen

der Texte.

Mir scheint, dass gerade in der Metalszene noch sehr viel Wert darauf gelegt wird, ein fassbares Produkt in den Händen zu halten. Wenn ich mir euer Booklet so anschaue, ist für euch ein Album auch ein Gesamtkunstwerk, richtig?

Das
Musik, Texte und Cover müssen für Timo immer ein Gesamtkunstwerk ergeben.

Jörg: Genau. Wenn man darauf Acht gibt, bleiben die CD und das Booklet erhalten und nach Jahren kann man sich das anschauen und anhören und Freude daran haben. MP3s oder Ähnliches sind auch wichtig, sie haben für mich aber nicht so einen hohen Stellenwert wie das fassbare Produkt.

Timo: Musik, Texte und Covergestaltung müssen für mich immer ein Gesamtkunstwerk ergeben. Daher haben wir darauf geachtet: Welches Cover passt zur Musik und den Texten? Wie muss es umgesetzt werden? Nach vielen Vorschlägen und beinahe Nervenzusammenbruch unseres Graphikers Magfly die Fliege konnten wir uns schließlich einigen. Jetzt stellt sich nur noch die Frage welches Bandmitglied auf dem Cover zu sehen ist?

Eure neue zweite Violinistin Anne ist nun seit Mai dabei. Welchen musikalischen Background hat sie? Anna, ihre Vorgängerin, kam ja aus der Klassik und hatte, soviel ich weiß, mit Metal vorher nicht viel am Hut.

Jörg: Anne ist Metal-Fan! Und das schon lange bevor wir uns kennen gelernt haben. Ich glaube, sie freut sich mit ihrem Instrument auch in einer Band spielen zu können. Sie ist motiviert und bringt auch ein wenig frischen Wind in die Band.

Timo: Anne hört FINNTROLL. Ich werde es wohl nie verstehen!

Dann werdet ihr wohl auf dem nächsten Album Humppa-Core spielen…

Timo: nur über meine Leiche…

Welches Mitspracherecht hat man eigentlich, wenn man die zweite Geige spielt?

Jörg: Wir unterschieden nicht zwischen erster und zweiter Geige: Beide sind gleich wichtig für den Kammermusik-Core. Jeder in der Band hat was zu sagen. Anne ist im Moment sozusagen der Hahn im Korb, nur anders herum. Entsprechend genießt sie natürlich eine gewisse Aufmerksamkeit seitens der Bandkollegen…