PAIN – Peter Tägtgren goes Rockstar?

An das neue PAIN Album "Rebirth" muss man sich erst gewöhnen, dennoch ist der Mix aus Industrial und Metal meiner Meinung nach gut gelungen. Nachdem der Meister überall kundgetan hatte, dass er einfach mal etwas anderes als Black und Death Metal machen wollte, war es auch an der Zeit, ihn etwas genauer zu seinem Bandprojekt Pain auszufragen.

An das neue PAIN Album Rebirth muss man sich erst gewöhnen, dennoch ist der Mix aus Industrial und Metal meiner Meinung nach gut gelungen. Nachdem der Meister überall kundgetan hatte, dass er einfach mal etwas anderes als Black und Death Metal machen wollte, war es auch an der Zeit, ihn etwas genauer zu seinem Bandprojekt Pain auszufragen. Während des Telefonats verwandelte sich Peter Tägtgren von einem etwas wortkargen Gesprächspartner zu einem netten Menschen, der ziemlich genau weiß, was er will und auch mal ein Witzchen macht – doch lest selbst:

Das Debütalbum von Pain kann man mit dem neuen Album Rebirth wenn überhaupt, dann nur in wenigen Punkten vergleichen…

Nun, das erste Album sollte eigentlich auch wie Rebirth klingen – ich wusste damals nur nicht wie ich diesen Sound erreichen kann. Heute kann ich meine Ideen entwickeln und vor allem auch umsetzten.

Pain ist für mich eine heterogene Mischung, man hört die Metal Elemente und die elektronischen Elemente, Rebirth hingegen ist eine Einheit ohne Brüche.

Exakt. Ich wollte dass Rebirth mehr nach Techno klingt, aber eben mit harten, schweren Gitarrenriffs im Hintergrund. Das erste Album war insgesamt viel gitarrenlastiger. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich meine Ideen so auf eine CD brennen konnte, wie sie in meinem Kopf klingen.

Pain hat eine dunklere Atmosphäre als Rebirth. Rebirth ist viel kälter, steriler…

Stimmt, das neue Album klingt nach etwas das ich futuristic metal nenne – moderner und härter. Ich hatte ein Rezept für dieses Album: AC/DC Drumming, Pantera Gitarren, kombiniert mit Scooter Techno – weißt du was ich meine?

Ähm. ja, ich kenne ein, zwei Songs von Scooter – leider…

Nun, das wollte ich verbinden. Es soll wie eine Einheit wirken.

Auf Pain ist auch ein Song namens Greed, der meiner Meinung nach wegweisend für Rebirth war…

Das ganze Album hätte so klingen sollen. Ich meine, ich bin nicht unglücklich mit der Scheibe, zu diesem Zeitpunkt war es das beste, was ich machen konnte. Aber Rebirth hat eben mehr Atmosphäre – ich habe mit dem Album erreicht, was ich schon früher wollte.

An den Tracks für Rebirth hast du seit Ferbruar 1997 geschrieben. Eine lange Zeit.

Gut, aber ich arbeite hart als Produzent und habe mein eigenes Studio. Ich habe hier mal einen Song geschrieben und da mal einen. Das Gute war, dass ich zwischendurch viel Zeit hatten, die Arbeit ruhen zu lassen und die Titel dann zu überarbeiten. Ich konnte mein Hirn ein bisschen schonen, haha. Ich habe die Songs wieder und wieder gehört. Es steckt viel Arbeit in den einzelnen Tracks, ich habe lange daran gebastelt. Zusammenbauen, arrangieren, wieder umstellen, neu arrangieren und so weiter, das war ein langer Weg.

Willst du mit Pain hauptsächlich Metal Fans erreichen oder hast du eine ganz andere Zielgruppe im Auge?

Beides. Es ist ziemlich komisch. In Schweden gibt es viele Leute, die einen ganz unterschiedlichen musikalischen Hindergrund haben und das Album mögen. Es gibt die Bravo-Kids – ich konnte das erst auch nicht glauben, aber es ist so – die Death und Black Metal Fans, die Techno-Freaks und Leute, die gar kein Metal hören. Die Single bekam Gold, und das Album verkauft sich sehr gut. Erstaunlich eigentlich…

Kannst du dir erklären, woran das liegt?

Nein. Meine Absicht war nicht, viele Alben zu verkaufen. Ich wollte etwas neues für mich machen, etwas mit dem ich arbeiten kann. Ich habe zu 99% mit Metal zu tun. Ich wollte mal etwas anderes. Ich wollte einen guten Sound, und gute Songs schreiben und dabei ein wenig mit Techno rumspielen.

Hast du das Gefühl, dass es an der Zeit ist, etwas neues in der Metal Szene zu machen? Du hast schließlich einen verdammt guten Überblick durch deine Arbeit als Produzent.

Eigentlich würde ich nicht sagen, dass es an der Zeit für etwas neues sei. Aber es war an der Zeit für mich, etwas anderes zu machen, ich wollte als Producer mit anderen Arten von Musik arbeiten. Pain entstand letztendlich aus Spielereien.

Ich mag eigentlich kein Industrial oder Musik, in der zuviel Elekronik verbraten wird – mir ist das meistens zu steril. Rebirth hat aber noch etwas anderes, kannst du mir erklären was?

Nun, ich denke, dass Pains Musik lebendig ist, das liegt daran, dass ich eigentlich Schlagzeuger bin. Ich arbeite sehr hart am Drumming. Es gibt keine Gitarrensamples, das einzige was vom Computer kommt, waren die Keyboards und ein wenig Percussion. Ich wollte echtes Drumming – wenn du ein Schlagzeug programmierst, dann klingt es steril.

Was denkst du, wo ist die Grenze, was kann man mit Technik machen und was muss von Menschen eingespielt werden?

Das hängt davon ab, was für Musik du machst. Im Death und Black Metal Bereich sollte sich besser nichts ändern, da kommt es noch immer auf das Live-Feeling an. Der Sound wird natürlich immer besser – auch das hat etwas mit Technik zu tun.

Auf der anderen Seite darf man niemals aufhören, Dinge auszuprobieren. Es ist verdammt schwer diese Frage zu beantworten. Du musst deinem Herzen treu bleiben, dann kannst du auch experimentieren, wenn du hinterher zu dem Ergebnis stehen kannst.

Hattest du Angst vor den Reaktionen auf Rebirth? Black Metal und Death Metal Fans sind ja nicht gerade für Toleranz bekannt…

Ja, haha, stimmt. In Schweden hören extrem viele Leute Black und Death Metal. Und hier ist die Platte verdammt erfolgreich. Es gibt viele, die mir auf die Schulter klopfen und sagen: Tolles Album, blah blah blah. Es gibt auch viele die sagen: Hey, Pain ist cool, aber es ist nicht meine Tasse Tee. Ich mag lieber Hypocrisy – aber ich finde es gut, dass du so was machst. Andere sagen, Pain sei ein richtiger Killer. Vorwürfe wie Sell-out oder ähnliches habe ich bisher noch nicht gehört. Als ich vor zwei Jahren das erste Pain Album gemacht habe, ging das ziemlich unter, es gab fast keine Reaktionen. Leute, die mich kennen, wissen, dass ich ein wenig undurchsichtig bin und dann man nie genau sagen kann, was ich als nächstes mache. Je mehr ich ausprobiere, umso besser werden meine Produktionen, ich lerne dadurch sehr viel. Seit ich Rebirth gemacht habe, stelle ich fest, dass die Death und Black Metal Alben immer besser werden – von der Produktion her. Man kann es sehr negativ sehen, was ich mit Pain mache, weil man die Musik nicht mag, aber man kann auch eine gute Seite sehen: Old Man´s Child, Destruction – diese Alben habe ich danach produziert und sie klingen so viel besser. Aber eigentlich ist es mir ohnehin egal, was andere denken.

Wie hast du die Songs geschrieben und aufgenommen?

Zuerst nahm ich die Keyboards auf, dann kamen die Gitarren darüber. Das gibt ein weites Soundgebilde – es klang fast wie Death Metal. Danach kamen noch mal Keyboards dazu, die für sich genommen, nach Techno klingen. Im Kombination passt es einfach, es verschmilzt zu einer Einheit.

Aber warum passt es? Für mich liegen zwischen Techno und Metal Welten – um nicht zu sagen Universen?

Ich kann dir wirklich nicht sagen, warum das funktioniert. Ich habe furchtbar lange im Studio gesessen und probiert. Als ich es das erste Mal ausprobierte hat, hat es nicht funktioniert. Es braucht viel Zeit, bis du die Sachen findest, die wirklich zusammengehören.

Wie ist es eigentlich, ein Album im Alleingang aufzunehmen? Du bist einsam, keine Bandmitglieder, die vielleicht noch kritisieren oder auch Vorschläge einbringen. Ist es einfacher oder schwieriger?

Beides. Es dauert dreimal so lange, wenn du alles selbst machen musst. Auf der anderen Seite bin ich sehr zielstrebig, ich weiß was ich will und dafür arbeite und arbeite ich – bis es meiner Vorstellung entspricht. Ich gebe so gut wie nie auf. Ich habe eine Vision von einem Song wenn ich anfange ihn zu schreiben. Und ich würde dafür sterben, ihn so hinzubekommen, dass er dieser Vision entspricht. Ich bin verdammt stur und gebe niemals auf.

Das klingt so, als ob es für dich ein Vorteil ist, alleine zu arbeiten.

Exakt. Keiner quatscht rein oder drängelt rum und mault die ganze Zeit, dass er nun seine Sachen einspielen will. Ich hatte Zeit.

Der Gesang ist vielseitig, Grunts findet man genauso wie gesungene Passagen.

Singen war für mich das Schwierigste. Ich bin ein Death Metal Sänger, weißt du? Und dann musste ich plötzlich die richtigen Töne treffen, haha. Ich habe dann auch Harmonien und Backing Vocals selbst eingesungen. Plötzlich hat es geschnackelt und ich war ein guter Sänger, oder zumindest ein besserer Sänger als zuvor. Das hat aber verdammt lange gedauert. Ich meine, man kann immer besser werden, wenn man an sich arbeitet.

Du erwähntest vorher, dass du eigentlich ein Drummer bist. Haben die einzelnen Instrumente eine unterschiedliche Bedeutung für dich. Was bedeutet Dir die Gitarre und was dein Gesang?

Mhm, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Wenn ich etwas aufnehme, dann will ich, dass es so gut wie möglich ist. Das heißt aber nicht, dass alles kompliziert und schwierig zu spielen sein muss, das würde die Songs nur seltsam machen – es soll einfach so professionell wie möglich klingen.

Du hast Death Metal gemacht, du hast Black Metal gemacht, jetzt Industrial oder wie auch immer man Pain bezeichnen möchte… wie passt das alles zu dir? Ist in den verschiedenen Stilen deine Persönlichkeit gespiegelt?

Techno hat viel Energie, Death and Black Metal beinhalten auch viel Energie und ein starkes Image. Darum denke ich, dass die meisten norwegischen Black Metal Bands sich auch für Techno oder Industrial interessieren – oder unter welchem Begriff man die elektronische Musik auch zusammenfassen will. Ich weiß nicht warum und wo die Verbindung ist, aber sie ist da. Für uns, die wir aus dem dunkeln Norden kommen, haha…

Vielleicht ist es die Kälte, die in der Musik transportiert wird – Kälte und Bösartigkeit. Vielleicht findet man die auch in elektronischer Musik?

Es geht immer um Gefühle. Die Musik die man selbst macht, spiegelt immer das wieder, was man hört – das war nämlich zuerst da. Death and Black Metal gibt mir mehr als Popmusik. Popmusik bewegt mich nicht. Popmusik ist reine Zeitverschwendung, drei Minuten lang ein fickendes Nichts.

Ihr spielt auf dem diesjährigen Wacken Open Air und dem With Full Force. Wie wird die Show denn aussehen?

Ich weiß bisher nur, dass wir im Zelt spielen werden, vermutlich Mittags. Pain sind noch nicht bekannt genug für einen Gig am Abend, haha. Der Drummer von Immortal wird Schlagzeug spielen, der Hypocrisy Live-Gitarrist übernimmt die Gitarre, ein Keyborder und ein zweiter Gitarrist wird auch dabei sein, ich werde mich nur auf den Gesang konzentrieren.

Zu Rebirth gibt es keine Texte…

Die Texte werden im Internet veröffentlich werden. Ich hoffe, dass es im Juni soweit ist. Rebirth ist schließlich auf einem Major Label erschienen und die wären wenig begeistert, wenn ich die Texte hätte abdrucken lassen.

Gehen die Lyrics denn in dieselbe Richtung wie die depressiven, dunklen Texte von Pain?

Nein, sie behandeln mehr die Themen Religion, Aids, Sex und Drogen…

Wie bist du den zum Major Label Stockholm Records gekommen? Die erste Pain erschien bei Nuclear Blast…

Ich habe fast ein Jahr lang Demos an Major Lables verschickt – es hatte sich lange niemand dafür interessiert. Irgendwann kamen dann die Angebote, Stockholm Records haben dann den Zuschlag bekommen. Mit diesem Label im Rücken kann ich viel erreichen. Es ist das beste Label für jede Art von Musik in Schweden. Die kennen das Business so gut, ich war so oft im Fernsehen, bei Radiostationen wird die Single gespielt, unglaublich viele Magazine fragen nach Interviews, die machen ihren Job wirklich gut.

Hast du keine Angst, davor ein richtiger Rockstar zu werden?

Nein, ich werde niemals einer sein. Das liegt daran, dass ich einfach keine Rockstar-Persönlichkeit bin. Außerdem wohne ich mitten im Wald. Wollte ich ein Star werden, müsste ich nach Stockholm oder Göteborg ziehen, in Bars rumhängen und so tun als ob ich bereits einer wäre. Ich bin gar nicht der Typ für so was. Ich bin glücklich, wenn ich mir meine CDs anhören kann und meine Ruhe habe.

Ok, nun würde ich noch gerne ein uraltes Spiel machen: ich nenne dir einen Begriff und du sagest mir, was dir dazu einfällt.

Kinder:

Ich habe zwei. Es sollte eine Lizenz geben, die es einem erlaubt Kinder in die Welt zu setzten. Man sollte vorher auf jeden Fall einen Test machen müssen.

Arbeit:

Notwendiges Übel. Für mich ist Arbeit eine Droge – aber ich bin in der glücklichen Situation, mit dem was ich liebe, nämlich Musik, arbeiten zu können. Ich bin sehr glücklich darüber und ich hoffe, dass sich daran nichts ändert.

Drogen:

Scheißsache – mehr sage ich dazu nicht.

Heavy Metal Stars:

Alte Judas Priest oder so. Anfang der Neunziger verschwanden die wirklichen Stars. Heute kann jeder Alben veröffentlichen oder ein Label starten. Es gibt ganz wenige Bands, die Rock- der Popstars sind. HIM zum Bespiel. Für mich ist der Underground verdammt wichtig, er hat mein Leben erschüttert. Ich habe 1982 angefangen, Black Metal zu hören, nein 1981, als Welcome to Hell von Venom rauskam. Du siehst, ich bin ein alter Kerl. Ich höre mir das Zeug seit 19 Jahren an und jeder der sagt, ich hätte keine Ahnung, kann mich am Arsch lecken.

Außerirdische:

Es ist mein Hobby, alles mögliche darüber zu sammeln und zu lesen. Ich bin offen für den Gedanken, dass es Außerirdische gibt. Ich weiß nicht, ob sie wirklich zu uns reisen können. Aber ich denke, vielleicht waren sie schon vor sehr, sehr langer Zeit hier. Der Fortschritt geht so schnell voran. Vor 32 Jahren sind die ersten Menschen auf dem Mond gelandet – zehn Jahre zuvor hätte das niemand für möglich gehalten. Es war undenkbar, ins das All zu fliegen. Wenn du bedenkst, wie schnell wir uns entwickeln – wer weiß was in 300 Jahren ist und wer weiß, wie weit andere Lebewesen bereits vor 300 Jahren waren. Schau dir nur Computer an: Du kaufst ein brandneues Modell und drei Monate später ist es veraltet. Wir wissen nicht was kommt und was war.

Ich finde ja, das Rebirth auch etwas außerirdisches hat. Würde ich an Aliens glauben, würde ich mir vorstellen dass sie in einer solchen kalten, technik-dominierten Atmosphäre leben.

Cool. Es freut mich immer, wenn jemand meine Musik mit Bildern verbinden kann – mir geht es doch genauso wenn ich Musik höre, die mir gefällt. Wenn ich meine eigenen Songs schreibe, dann habe ich eine Vision – aber ich hatte nie über Aliens und Pain nachgedacht. Aber deine Idee und Interpretation gefällt mir.

Ok, nächster Begriff:

Kiss:

Diese Band hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Diese Band hatte ein gutes Image, alles war immer ein bisschen geheimnisvoll, die Bühnenshows waren klasse. Sie waren diplomatisch in ihren Interviews, es war immer alles ein bisschen nebulös. Sie hatten nie schlecht über andere Bands gesprochen – sie hatten coole Poster, cooles Merchandise.

So, das wars dann auch schon fast. Zum Schluss hätte ich noch das Vampster-Questionaire.

Was waren die drei letzten Alben, die dir richtig gut gefallen haben?

Rammstein – live in Berlin

Mash – geht in die Richtung von Depeche Mode, sehr coole Sache

Oh Mann, ich kaufe mir niemals Alben, ich habe gar keine Zeit, sie mir anzuhören… aber Led Zeppelin – Early days habe ich auch oft eingelegt in den letzten vierzehn Tagen.

Internet und Heavy Metal?

Es kann der Szene nützen, aber auch schaden. Du kannst deine Band präsentieren, ganz anders als das früher mit Demokassetten möglich war. Du erreichst mehr Leute.

Auf der anderen Seite kann es vorkommen, dass viele falsche Informationen verbreitet werden. Schließlich kann jeder etwas reinstellen. Ich war allerdings seit fast einen Jahr nicht mehr im Netz unterwegs.

Wen willst du mal treffen?

Kiss. Ich hätte so viele Fragen an sie.