MINSK: Zyklische Wiederkehr von Städten und Seelen

MINSK: Zyklische Wiederkehr von Städten und Seelen

Nach dem Genuss des großartigen With Echoes in the Movement of Stone ist es schwierig wieder klare Gedanken zu fassen. Denn mit ihrem dritten Album katapultieren sich MINSK zusammen mit dem Hörer in ganz andere mentale Sphären. Zwischen NEUROSIS, Progressive Rock und fernöstlichen Philosophien liegt die bizarre, aber wundervolle Welt der vier Musiker. Und da es im Nirwana schwierig ist per Telefon miteinander zu kommunizieren, beantworten Bassist Sanford Parker und Keyboarder und Sänger Timothy Mead meine Fragen ausführlich per E-Mail. 

 

Hallo Tim und Sanford, herzlichen Glückwunsch zu With Echoes in the Movement of Stone, ein großartiges Hörerlebnis, das mich tief berührt hat.

Danke, das bedeutet uns viel.

Euer neues Album beginnt mit dem heftigen Three Moons, danach wird das Album ruhiger und transzendenter, auch wenn immer wieder kurze, verstörende Momente vorkommen, wie in Pisgah. Habt ihr With Echoes in the Movement of Stone so arrangiert, damit der Hörer immer aufmerksam der Musik folgen kann?

Tim: Ja, ich denke es ist recht fair zu sagen, dass wir diese kurzen, verstörenden Momente verwenden um Aufmerksamkeit aufleben zu lassen. Wir gehen sehr bewusst vor, wenn wir Songs arrangieren. Und auch dabei, wie diese Stücke auf dem Album stehen müssen. Dynamik ist enorm wichtig für die Wirksamkeit eines Liedes, oder eines Teils davon. Three Moons packt den Hörer gleich von Anfang an und bietet ihm an, ihn auf der restlichen Reise zu begleiten. Pisgah hingegen packt dich sofort, aus einem ganz anderem Geisteszustand heraus und ändert diesen auf dramatische Art und Weise. Das Experimentieren mit dieser Art der Dynamik, in kleinen sowie großen Anordnungen, wird immer ein Teil von dem sein, für das MINSK steht.

Die Musik klingt sehr organisch, pulsierend und atmend, als würde sie leben. Liegt das an der Aufnahme, dem Songwriting oder sogar an beidem?

Sanford: Das ist eine Kombination aus beiden, aber zu einem größeren Teil liegt das an dem Songwriting. Wenn die einzelnen Stücke stehen ist es einfach meine Arbeit als Toningenieur sie einzufangen. Das betrifft alle Bands, mit denen ich arbeite. Was MINSK speziell betrifft, werden wir immer weiter daran wachsen einen organischen Klang und Vibe zu erzeugen.

Schreibt ihr die Musik als Kollektiv? Ich stelle es mir so vor, dass ihr einen ähnlichen Gemütszustand erreicht und lange herumprobiert, so lange bis das Material in groben Zügen steht.

Tim: Wir schreiben die Musik definitiv als Kollektiv. Normalerweise fangen wir mit einem Gitarrenthema an, von da aus entwickeln wir den Song, wir jammen und lassen unseren Gefühlen freien Lauf. Dabei spielen wir mit den unterschiedlichsten Arrangements. Wir haben den Luxus mit Sanford einen Produzenten in der Band zu haben. Das bedeutet, dass viel vom Songwriting im Studio passiert. Auf With Echoes in the Movement of Stone hatten wir die Möglichkeit, sogar noch mehr Material im Studio zu schreiben als in der Vergangenheit. Es gibt einige für uns bequeme Wege, neues Material zu schreiben. Aber was wirklich wichtig für uns ist, ist, dass wir uns gegenseitig motivieren und gemeinsam durch das Experimentieren wachsen.

Generell ist With Echoes in the Movement of Stone ein Album, das ziemlich vom Progressive Rock der Siebziger beeinflusst ist, wie in The Shore of Transcendence.

Sanford: Wir alle sind Fans der Siebziger und von Progressive Rock allgemein. Wir lassen diese Musik nicht bewusst in unsere Musik fließen, aber wenn du Fan von etwas bist, kannst du nicht vermeiden, dass diese Einflüsse irgendwo durchdringen

Außerdem gibt es gewisse orientalische Stellen, wie in Means to an End zu hören. Wie kommen diese in das Gesamtbild von MINSK?

 MINSK
Es gibt keine richtige oder falsche Antwort dafür, was das Artwork bedeutet. Eigeninterpretation ist alles.

Tim: Das kommt in unsere Musik, wie alles andere auch, auf unterbewusste Art und Weise. Wir schreiben keine Musik unter der Prämisse, dass sie nach etwas Bestimmtem klingen soll. Etwas, das sich aus unseren Songs immer herausgefiltert hat, ist eine Art der Reise. Songs über die Reisen im Leben, die uns von anderen beschrieben werden, als würden sie irgendwo hin gehen. Und daher denke ich, dass es großartig ist, wenn bestimmte geografische Referenzen da außerdem hindurchgefiltert werden. Means to an End erschafft auf jeden Fall die Atmosphäre von etwas Fühlbarem, etwas von dem du glaubst Teil zu sein, ein Ort, an dem du dich wiederfinden kannst.

Die Musik von MINSK klingt außerdem seit jeher sehr meditativ, als wäre sie vom Buddhismus inspiriert. Könnt ihr das nachvollziehen?

Tim: Ja, ich verstehe diesen Vergleich. Meditation führt in einen Zustand, der außerhalb des normalen Bewusstseins liegt. Meiner Meinung nach ist das tatsächlich auch der Kern von dem, für das MINSK steht. Wir verwenden psychedelische Klänge, sich wiederholende Rhythmen und Trance-Elemente um genau das zu erzielen. Keiner von uns würde sich als praktizierender Buddhist bezeichnen, aber ich denke, da gibt es dennoch einige Elemente in uns, die durch fernöstliche Gedanken inspiriert wurden, wie der Verlust des Selbst, der Kampf mit dem Verlangen, zyklische Wiederkehr und so weiter.

Gab es andere persönliche oder musikalische Einflüsse für euer neues Album?

Sanford: Ein großer Einfluss war für mich das Album In the Future von BLACK MOUNTAIN. Ich liebe den Sound dieser Scheibe, er ist großartig rau und hat einen coolen Vibe. Auch WOVEN HAND ist ein großer Einfluss für mich. Wir hatten vor kurzem das Vergnügen mit ihnen spielen zu dürfen und es war absolut spirituell und überwältigend.

Normalerweise enden Alben dieses Genres mit einem ultraepischen Grand Finale, aber Requiem: From Substance to Silence bleibt ziemlich dezent. War das ein bewusster Schlusspunkt für With Echoes in the Movement of Stone?

Tim: Ja, definitiv. Ich glaube, in gewisser Hinsicht war das sogar für uns ein wenig untypisch. Aber dieser Song erschien uns einfach als das einzig passende Ende und daher trafen wir diese bewusste Entscheidung diesen Typ von Finale einzusetzen. Für uns erschien Requiem: From Substance to Silence wie der letzte Akt eines Dramas und die einzige Möglichkeit das Gesamte zu gestalten. Dieser Song schwillt an und beruhigt sich, es bietet dem Hörer die Möglichkeit alles, was zuvor furchterregend und triumphal war, zu reflektieren, aber der Song äußert sich nicht zur Zukunft.

Das Artwork und der Titel des Albums passen perfekt zusammen. Es sieht aus, als würde diese Statue erwachen, wie im Titel beschrieben. Ist das eine Art des spirituellen Erwachens durch die Musik?

Tim: Deine Interpretation ist toll. Es gibt allerdings keine richtige oder falsche Antwort dafür, was das Artwork bedeutet. Da wir hoffen, dass die Hörer nach den ersten zehn Durchgängen damit weiter machen, With Echoes in the Movement of Stone zu hören, liefert das Cover eine Inspiration für immer neue Interpretationen der Musik.

Da mir leider die Texte nicht vorliegen kann ich darüber keine Interpretation abgeben. Alleine die Titel erscheinen mir jedoch, als würden sie auch von dem Thema des Erwachens handeln.

Tim: Die Texte handeln nicht wirklich von einem Weg zum spirituellen Erwachen. Aber sie kommen von tiefen Orten in uns und sie reflektieren die wirklich heftigen Dinge in unseren Leben. Ich wünsche mir, dass diese Situationen ein Teil von unserem Prozess des Erwachens ist. Aber wir machen diese Musik, weil wir es müssen, eben aus einem bestimmten Grund. Und es passiert auch etwas besonderes, wenn wir vier zusammen kommen. Für mich ist dies das nächstmögliche zu einem spirituellen Erwachen. Aber ich weiß nicht einmal, was das Wort spirituell wirklich bedeutet. Dennoch, alle Musiker von MINSK werden seltsamerweise angezogen von einer Art der Geheimnisse, die im Universum existieren. Die Texte basieren auf Fragen dieser Art.

Die Verbindung zwischen dem mächtigen, obskuren Namen MINSK und der Musik besteht zweifellos. Was ist die Faszination an dieser Stadt, außer dem, was in eurer Biografie zu lesen ist. Wart ihr schon einmal dort?

Tim: Ich kann es nicht Worte fassen, die anders klingen als das, was du vermutlich schon gelesen hast. Es ist ein sehr alter und verwitterter Ort, gesehen vom weitentfernten Blick junger amerikanischer Augen. Es ist ein Ort, der wiederholt aufgestiegen und gefallen ist und steht zwischen den einfachen Definitionen von Ost und West. Derartige langanhaltende Konflikte gab es in unserer amerikalischen Welt noch nie. Daher erschien das als passende Analogie zu dem, was wir uns künstlerisch vorgestellt haben. Wir haben diese Stadt noch nie besucht, aber wir es würden liebend gerne.

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Meditation führt in einen Zustand, der außerhalb des normalen Bewusstseins liegt. Wir verwenden psychedelische Klänge, sich wiederholende Rhythmen und Trance-Elemente um genau das zu erzielen. MINSK zeigen sich beeinflusst von fernöstlicher Spiritualität.

Die Synthesizer sind auf With Echoes in the Movement of Stone altmodischer, aber auch wichtiger geworden, werden nach wie vor hauptsächlich im Hintergrund eingesetzt. Das Spektrum eurer Instrumente ist breit: Orgeln, Moogs sind enthalten, aber was wurde sonst noch verwendet?

Sanford: Wir würden sogar eine Küchenspüle verwendet, wenn sie gut klingen würde. Wir mögen es Instrumente zu verwenden, die es in heftiger Musik nicht oft zu finden gibt und das hebt uns von anderen ab. Wir wollten den Synthesizern und Orgeln mehr Platz einräumen und sie mehr in den Vordergrund rücken. Ansonsten haben wir bisher Saxophone, Flöten und Violinen verwendet und so ziemlich alles, was die Welt der Instrumente möglich macht.

Auch die gesangliche Bandbreite ist größer geworden. Von tiefem Brüllen bis hin zu epischen Gesängen gibt es so ziemlich alles. Bist du, Tim, euer einziger Sänger?

Tim: Nein, der Gesang ist wie alles andere nur ein Teil unseres Ensembles. Chris (Bennet – Gitarrist, Anm. d. Verf.) und Sanford singen auch. Es ist genau das selbe, wie mit den unterschiedlichen Sounds und Instrumenten, wir wollen ebenso mannigfaltige Stimmen und Arten des Gesangs einsetzen. Ich bin sehr zufrieden, wie vielschichtig der Gesang auf With Echoes in the Movement of Stone geworden ist, es gibt mehr Harmonien, mehr puren Gesang und unterschiedliche Stimmen, die gegenseitig Kontakt haben.

Das Drumming wird begleitet von vielen perkussiven Sounds. Welche Instrumente verwendet ihr da?

Sanford: Neben Tonys (Wyoming – Anm. d. Verf.) großem Schlagzeug haben wir Rototoms, diverse Handtrommeln, Rasseln, Tablettenbehälter, Metallwannen und Bierflaschen. Sag uns was dir einfällt, wir haben bestimmt schon darauf getrommelt.

Gibt es auf With Echoes in the Movement of Stone auch wieder Gastauftritte? Etwa die Violine in Requiem: From Substance to Silence oder die klassische Gitarre in Crescent Mirror?

Tim: Wir hatten auf diesem Album nur einen Gastauftritt. Chris Zajac hat die Violine in Requiem: From Substance to Silence und Crescent Mirror eingespielt. Die Akustikgitarre hat Chris selbst eingespielt.

Aber Bruce Lamont (Sänger und Saxophonist von YAKUZA – Anm. d. Verf.) war dieses Mal nicht mit von der Partie.

Sanford: Bruce hat zu einigen Songs gespielt, aber es hat dieses Mal einfach nicht geswingt. Erzwingen wollte niemand von uns irgendetwas, also haben wir es sein lassen. Es gab kein böses Blut, manchmal klingt es eben gut und manchmal nicht. Seitdem haben wir uns schon wieder umarmt und Frieden geschlossen.

Ihr habt kürzlich auch eine Split mit UNEARTHLY TRANCE veröffentlicht, auf der jeder von euch ROKY ERICKSON covert. Wer kam auf diese ungewöhnliche Idee?

Tim: Ich glaube, die Idee wurde geboren, als wir vor ein paar Jahren mit UNEARTHLY TRANCE auf Tour waren. Das ist wohl in der Nacht nach einem Gig passiert, wer diesen Einfall hatte weiß ich nicht mehr. Beide Bands sind große Fans von ROKY ERICKSON und wir dachten, es wäre wohl witzig, einen seiner Songs zu covern. Und es hat auch wirklich Spaß gemacht diesen Song zu spielen, außerdem ist es schön eine Split mit UNEARTHLY TRANCE zu haben. Sie gehören zu unseren besten Freunden und sind überwältigend gut. Zweifellos eine der besten Bands da draußen.

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Wir würden sogar eine Küchenspüle verwendet, wenn sie gut klingen würde. Sanford (rechts) kennt keine kreativen Grenzen.

Außerdem ist eine Dreifach-Split mit STEVE VON TILL und US CHRISTMAS geplant, auf der HAWKWIND Tribut gezollt werden soll.

Sanford: Es wird statt STEVE VON TILL sein Alter EgoHARVESTMAN mitwirken. Jede Band wird vier HAWKWIND-Songs covern, was NEUROT RECORDINGS veröffentlichen werden. Diese Idee kam auf als US CHRISTMAS und MINSK Bier getrunken, Konzerte gespielt und Bier getrunken haben. Als Steve davon erfuhr, weigerte er sich das zu veröffentlichen, wenn er da nicht involviert wäre.

Was ist so faszinierend daran, Songs von Bands wie HAWKWIND zu covern? Und welche Tribute-Alben könnten außerdem einen Beitrag von MINSK erhalten?

Sanford: Das ist unsere Art ihnen eine Hommage zu zollen und den Bands Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die uns beeinflusst haben und ohne denen wir nicht existieren würden. Ich kann mir gut vorstellen auf einem SWANS oder JOY DIVISION-Tribute mitzuwirken.

With Echoes in the Movement of Stone wurde erneut von dir, Sanford, selbst produziert. War das eine Liveaufnahme?

Sanford: Wir haben Gitarre, Bass und Drums live aufgenommen, aber außer für die Drums gibt es für so ziemlich alles Overdubs. Wir haben uns dieses Mal vorgenommen nach zwei Wochen fertig zu sein. Die Arbeit an The Ritual Fires of Abandonment hat sich ewig hingezogen, wir haben zehn Monate gebraucht, zwischen Tourneen und allem möglichen anderen. Dieses Mal wollten wir ins Studio gehen und nicht mehr raus. Das Album wurde aufgenommen in den kältesten Wochen des letzten Winters, da hatten wir wirklich nicht den Wunsch rauszugehen.

Wie ist es eigentlich von einer Band Produzent und Musiker zu sein?

Sanford: Das kann wirklich strapaziös und hart sein, aber andererseits weiß ich exakt, wie ich klingen will und wie ich das erreichen kann. Ich glaube, das ist für mich viel einfacher, als wenn ich mich jemandem anderen erklären müsste. Manchmal helfen mir da auch ein paar Leute, dann dauert mein Tag nur siebzehn Stunden und nicht zwanzig.

Du hast viele Bands produziert oder zumindest aufgenommen, wie NACHTMYSTIUM, RWAKE, YAKUZA und unzählige mehr. Arbeitest du lieber als Produzent oder als Musiker? Ist Musiker mehr ein Hobby, während du dein Einkommen mit der Studioarbeit verdienst?

Sanford: Wegen dem Geld ist das Dasein als Musiker definitiv ein Hobby. Ich mag dennoch beides gerne, aber aus unterschiedlichen Gründen. Als Produzent helfe ich Bands ihre Songs zu fertigen und wenn das Endresultat ihren Vorstellungen entspricht, dann erfüllt mich das. Es ist das selbe Gefühl, als wenn einer meiner eigenen Songs fertig gestellt wird.

Kürzlich habt ihr eure erste Europatour absolviert. Im Herbst soll es eine zweite Tour geben. Gibt es da schon Details?

Tim: Ja, diesen Herbst werden wir mit A STORM OF LIGHT wiederkommen. Wir werden in England am 24. Oktober zum Damnation Fest in Leeds starten und danach auf das Festland wechseln. Andere Details gibt es noch nicht, sobald etwas feststeht lassen wir es euch wissen. (Anm. d. Verf.: Erste Daten wurden just bekannt gegeben und stehen im Vampster-Tourdatenkalender)

Ich konnte euch noch nie live bewundern, aber ich stelle mir vor, dass ein MINSK-Konzert eher eine Zeremonie, als eine normale Rockshow ist.

Tim: Ha, eine Zeremonie! Ich mag das. In mancher Hinsicht denke ich, dass dies richtig ist. Wir versuchen ein Konzert für uns die Zuschauer zu einer Erfahrung werden zu lassen.

Wundervoll. Kurz noch zu BURIED AT SEA. Wird es für das brilliante Mammutwerk Ghost einen Nachfolger geben?

Sanford: Ja, das ist der Plan. Ich denke, ich werde bald damit anfangen neues Material zu schreiben. Aber es ist schwierig neue Songs zu realisieren, da wir mittlerweile über das ganze Land verstreut leben. Aber wir haben fest vor, ein weiteres Album aufzunehmen.

Tim, Sanford, vielen für das Interview. Euch gehören die letzten Worte.

Tim: Danke für das Interview. Ich hoffe wir sehen uns im Herbst.

Sanford: Auch von mir vielen Dank. Wir freuen uns auf unsere nächste Reise.

Bilder: (c) Relapse Records