JO STRAUSS: “Wir schreiben übers Sterben, damit wir Morde nicht selber begehen müssen”

Auf der Suche nach musikalischer Dunkelheit wird es den rastlosen Adepten früher oder später nach Wien verschlagen. Ohne an dieser Stelle die gängigen Klischees über Österreich im Allgemeinen und die (Haupt)Stadt im Speziellen zu befeuern, schien doch schon der Metal von dort morbider und verspulter als aus dem Rest der Welt (PUNGENT STENCH anyone?). Von einschlägigen Rock-Kapellen wie THE BLOODSUCKING ZOMBIES FROM OUTER SPACE oder den legendären DRAHDIWABERL ganz zu schweigen.

Gerade aber auch bei den alten AustroPop-Geschichten und noch davor wird man des Abgründigen fündig: In den Liedern von GEORG KREISLER („Schatz, ich hab’ eine Idee: Geh’n mer Taubenvergiften im Park!“) und LUDWIG HIRSCH, aber auch bei der frühen ERSTEN ALLGEMEINEN VERUNSICHERUNG lauert mehr, als auf das schnelle erste Ohr zu sein scheint.

Eine Neuentdeckung aus dieser Richtung ist JO STRAUSS. „Der blinde Fleck“ ist das dritte Studioalbum des in Berlin lebenden Wieners betitelt, dessen Sound nicht auf der Neo-AustroPop-Welle von WANDA und BILDERBUCH surft, sondern an die schon erwähnten LUDWIG HIRSCH und GEORG KREISLER, aber auch an TOM WAITS erinnert. Was der gelernte Grafiker und studierte Philosoph und seine vorzügliche Band hier mit leichter Hand zwischen Jazz, Pop und Wiener Lied zaubern, ist ganz großes dunkelbuntes Kino. Ring frei für ein langes Telefonat mit Monsieur STRAUSS …

Herr Strauss, wenn es um Ihre Musik geht, dann fallen zum Vergleich gerne ein paar berühmte Namen. Zum Beispiel LUDWIG HIRSCH …
Jo Strauss: Interessanterweise war ich mit HIRSCH auf Tour, als Gitarrentechniker und Lastwagenfahrer. Als ich damals bei ihm angeheuert habe, kannte ich ihn allerdings nur vom Namen her. Beeindruckt hat mich vor allem, wie er ein Lied hingelegt hat, wie man da dann mitgenommen wurde, geschmunzelt hat … und wie das am Ende manchmal völlig unerwartet gekippt ist. Oft war es bei ihm das letzte Wort, das einen ganzen Song auf den Kopf gestellt hat und bei dem einem das Lachen im Hals stecken blieb. Darin war LUDWIG HIRSCH ein großer Meister.

GEORG KREISLER?
Strauss: GEORG KREISLER verehre ich abgöttisch, das ist auch so ein Unberührbarer. Der ist eine ganz eigene Welt für sich, vor allem, was da musikalisch passiert ist. Ich habe einen Bekannten, der sich seit Jahrzehnten mit KREISLER beschäftigt, mit dem habe ich mich lange unterhalten, weil ich mal den Gedanken hatte, selbst eine KREISLER-Nummer zu bearbeiten. Doch da sind wir schnell überein gekommen, dass das totaler Humbug ist. Stattdessen gibt es auf jeder meiner Platten zwei H. C. Artmann-Vertonungen, der einen ähnlichen Zugang zur Welt hat. Dessen Gedichte treffen meine Gemütslage recht gut. Artmann verbindet ebenfalls das Morbide ganz wunderbar mit dem Schönen, sieht das Schöne im Hässlichen und anders herum. Da er aber „nur“ Dichter war und seine Texte nicht von Beginn weg instrumentiert wurden, ist das mit ihm etwas einfacher als beim werten Herrn KREISLER.

Wie steht es mit Ihnen und TOM WAITS?
Strauss: Den finde ich außerirdisch gut und höre ihn sehr gerne. Ansonsten ist das bei mir mit musikalischen Einflüssen schwierig. Inspiration kommt meistens sehr direkt, ich muss mir keinen Künstler über Jahre anhören und verfolgen. Manchmal ist es tatsächlich auch nur ein einzelner Song, der zu mir findet – wie „Marinade“ von DOPE LEMON – meine Sommerentdeckung aus dem letzten Jahr. Da ist ein Auto an meiner Terrasse vorbeigefahren, aus dessen offenem Fenster eine Musik an mein Ohr drang, die wie eine moderne Version von LOU REED klang. Ich bin sofort aufgesprungen und dem Auto hinterher gerannt bis zur nächsten Ampel. Dort habe in den Wagen hinein geschrien: „Was hörst Du da gerade?“. Und der Fahrer brüllte zurück „DOPE LEMON“ und fuhr weiter.

War mit LUDWIG HIRSCH auf Tour und fuhr als Tourbus-Fahrer mit Bands wie BON JOVI um die Welt: JO STRAUSS (Foto: Klaus Bernadri)

Welche Platte in Ihrem Plattenschrank würde uns überraschen?
Strauss: Mal sehen … (Strauss geht mit dem Telefonhörer in der Hand durch seine Wohnung, wahrscheinlich Richtung Plattenschrank) … das Köln-Konzert von KEITH JARRETT wohl eher nicht, da ich ja gelernter Klavierspieler bin. Vielleicht FU MANCHU, das „California Crossing“-Album. Da war ich neulich sogar auf dem Konzert in Wien. Das erinnert mich an meine Jugendzeit, als ich in Rockbands musiziert und vom internationalen Erfolg geträumt habe.

Sie sind lange Tourbus gefahren, haben große Rock- und Pop-Bands durch die Lande geschaukelt …
Strauss: Das mache ich noch immer hin und wieder zum Auslüften. Ich möchte das nie im Leben hauptberuflich machen, aber alle paar Monate 5000 Kilometer geradeaus fahren, das hat etwas Meditatives.

Wer saß da so bei Ihnen im Nightliner?
Strauss: Schon die großen, internationalen Bands: PEARL JAM, BON JOVI, PAROV STELAR …

Vermutlich nicht der langweiligste Job auf diesem Erdball …
Strauss: Spätestens um drei Uhr morgens setzt sich irgendwer zu einem nach vorne. Und da nimmt man als Fahrer schon die ein oder andere Beichte ab. Was ich ganz großartig finde bei solchen Unternehmungen: Man kriegt mit, wie es bandintern läuft. Da ist der große Frontmann, auf den alle Augen gerichtet sind, doch in Wirklichkeit pickt der Schlagzeuger die Partie zusammen. Oder der Rockstar, dem man immer eine mondäne Großartigkeit unterstellt hat, entpuppt sich als sehr zerbrechlich …

JO STRAUSS: “Rauchen ist schön und glamourös”

Von JO STRAUSS gibt es bislang drei Platten – und jedes Cover zeigt quasi ein identisches Foto: Sie mit Brille und rauchend. Kein gutes Vorbild für die Jugend.
Strauss: Das ist mir aber egal. Rauchen ist schön und glamourös, ich mag das sehr gerne, und wirklich eine Belästigung ist es ja im Fall einer Fotografie nicht. Viel schöner ist der damit dokumentierte Verfall – und dass ich mich nicht ständig neu erfinden muss. Theoretisch sitzt da immer derselbe Mensch, den aber natürlich die Erlebnisse seit dem letzten Foto geprägt und verändert haben. Insoweit ist das eine spannende Frage: Wieviel hat der JO STRAUSS vom ersten Album mit dem JO STRAUSS von der dritten Platte noch gemeinsam? Is das überhaupt noch die selbe Person? Die erste Platte war noch schwer Berlin-lastig, da bin ich als Österreicher frisch nach Deutschland gekommen, wo ich mich prompt auf meine Sprache zurückgeworfen fand. Da waren auch noch lustige Nummern dabei, die sind inzwischen komplett verschwunden. Das neue Album erzählt ganz andere, durchwegs ernste Geschichten.

Sie singen mit grabestiefer Stimme in ihrer Heimatsprache.
Strauss: Stimme und Dialekt schränken mich ganz wesentlich ein, aber zugleich ergibt sich daraus eine Freiheit: Das ist mein Zimmer, da kann ich rumwerken, wie ich will! Das ist so speziell, das kann deshalb auch nie „international durchstarten“ – also wird mir da auch keiner dreinreden. Das ist eine große Erleichterung.

Dürfen wir uns JO STRAUSS als Kunstfigur vorstellen?
Strauss: Die Bühnenfigur JO STRAUSS kann Sachen sagen, die ich als „privat-Strauss“ nicht sagen kann. Es ist eine Figur, die einen guten Teil von mir repräsentiert, der sonst großräumig unterdrückt werden müsste. Aber ja: Es hat von Anfang an eine Idee gegeben, was ich mit JO STRAUSS machen will. Und die ist tatsächlich im Anschluss an die letzte Tournee mit LUDWIG HIRSCH entstanden: Die Idee, Lieder zu machen, denen eine Traurigkeit inne wohnt, die aber nie direkt angesprochen wird.

Woher rührt diese vielzitierte Morbidität, die der österreichischen Musik so oft zu eigen ist oder ihr zumindest unterstellt wird?
Strauss: Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Zum einen wurden wir kollektiv in jungen Jahren gezwungen, sowohl Thomas Brezina als auch Thomas Bernhard zu lesen. Ein zweiter Grund ist dieser österreichische Dualismus, der historisch bedingt ist: Neulich unterm Kaiser war Österreich noch die Welt und ging bis ans Meer, ein paar Jahre später war das Land reduziert auf die Größe von Bayern. Da haben die Österreicher so eine bipolare Störungen abgekriegt, und um den Spagat zwischen „olles is leinwand“ und „alles is oasch“ in den Griff zu bekommen, haben wir das gemäßigte Sudern erfunden: Das berühmte Raunzen der Wiener. Aus dieser geschichtlich bedingten Kränkung heraus haben wir dann auch noch ein sehr funktionales Supplement installiert: Wir schreiben übers Sterben, nur damit wir die Morde nicht selber und tatsächlich begehen müssen

Nichtsdestrotrotz hat Österreich einen Lauf, was Popmusik angeht. Die spannenden Sachen kommen gerade aus Felix Austria, während sich in den deutschen Pop-Charts eine Legion von heimischen Befindlichkeitssäuslern an den immer selben Themen abarbeitet …
Strauss: Ich glaube, da rührt viel aus einem ganz ursprünglichen Komplex. Wir haben ja nicht mal eine gescheite Sprache, und selbst wenn wir hochdeutsch sprechen, klingen wir wie Schüler. 15 Jahre lang hat sich bei uns keiner getraut, auf österreichisch zu singen, lieber hat man in seinem Bauernenglisch Indie Rock gemacht. Erst vor ein paar Jahren hat sich das wieder emanzipiert. Man traut sich wieder zu singen, wie einem der Schnabel gewachsen ist – über die Themen, die uns beschäftigen. Das ist auch der einzige richtige Weg: Ich glaube, man kann nur in der Muttersprache sinnvoll, gehaltvoll, authentisch und tiefschürfend transportieren. Viele deutsche Musiker haben auch einen Dialekt, singen aber lieber hochdeutsch – und bleiben so viel leichter in einer Allgemeingültigkeit, in einer Oberflächlichkeit, hängen.

Als ich Sie vor ein paar Jahren live in Kufstein gesehen habe, ist jemand auf die Bühne gestürmt und wollte sich mit Ihnen prügeln. Ernten Sie öfter solch krasse Reaktionen?
Strauss: In dieser Form wie in dieser Nacht ist mir das tatsächlich nicht noch mal passiert. Grundsätzlich ist es aber so, dass ich von meinem Publikum sehr viel Disziplin fordere. Der Deal ist: „Ich sitze da vorne und singe, und ihr horcht’s zu.“ Und das funktioniert meistens auch. Von Zeit zu Zeit kommt mal ein Einwurf, und wenn es zu viel wird, dann weise ich die Leute in ihre Schranken: „Horcht’s zu oder geht, aber störet nicht meine Kreise!“

Was wird dereinst auf dem Grabstein von JO STRAUSS stehen?
Strauss: „Schee woars!“.

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