FERNDAL: Wenn die Sonatenhauptsatzform im Black Metal landet

Nach dem überzeugenden zweiten Album „SingularitätenFERNDALs ist es mehr als angezeigt, im Norden Deutschlands digital vorstellig zu werden und sich von Sorathiel und Lestaya mehr erzählen zu lassen zu Klassik, Black Metal und einer Horde Gastmusikern…

Singularitäten” hat mir sehr gefallen – was ich mich jedoch nach dem Anhören frage, ist, wie der Albumtitel mit den Songs zusammenhängt. Soll er betonen, dass die Songs als einzelne Stücke gesehen werden sollen, also kein umfassendes Konzept vorliegt, das alle miteinander verbindet?

Sorathiel: Das Album folgt schon einem losen Konzept, das wir mit dem Albumtitel zum Ausdruck bringen wollen. Dass man den Titel auch dahingehend missverstehen kann, dass die einzelnen Songs für sich „Singularitäten“ sind, ist uns erst jetzt nach einigen Reaktionen aufgefallen. Die Texte beschäftigen sich mit Situationen, in denen der Mensch einzigartige Scheidepunkte zwischen Kosmos und Chaos erlebt. Diese Momente sind als Singularitäten frei von den Dualismen und entfalten eine unendliche Macht. Es stimmt allerdings insoweit, als dass die einzelnen Songs nicht aufeinander aufbauen oder so etwas, sondern jeder für sich steht.

FERNDALs Cello-Armee

Ihr habt ja in Sachen Gastmusiker eine ganze Gruppe von Cellistinnen angeheuert. Da man Celli nicht unbedingt mit Black Metal assoziiert, wäre es interessant zu erfahren, mit welchem überzeugenden Argument ihr sie zur Mitarbeit gewonnen habt… Und wie war die Zusammenarbeit?

Lestaya: Ja, nicht zu vergessen die Pianistin, die Organistin und die Waldhornistin… Die Argumente waren sehr einfach und stichhaltig: Mit den meisten bin ich befreundet, es sind Studienkollegen. Keiner der Gastmusiker hat mit Black Metal etwas zu tun, die Stimmung der Musik kann man aber recht gut ins klassische übersetzen. Zumindest den Part, den ich mitnehme in diese Arrangements. Dabei geht das Brachiale verloren, was Black Metal nicht zuletzt auszeichnet, und Leute, die in erster Linie DAS schätzen werden nicht viel mit den Adaptionen anfangen können. Trotzdem gewinnen wir auch etwas, nämlich einen emotional differenzierteren Umgang mit den Melodien und Harmonien. Insofern, wie so vieles, eine Frage der Herangehensweise und des Geschmackes.

Da ich die Musiker alle kenne, mit der Pianistin beispielsweise schon meine Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule gespielt habe, war die Zusammenarbeit mehr oder weniger routiniert und auf jeden Fall lustig! Die Musiker haben allerdings das Original vorher nicht gehört – ich will, dass wirklich etwas Neues entsteht! Nach den Aufnahmen haben wir reingehört – da Deborah und Irma schon WINDIR eingespielt haben, waren sie aber nicht mehr so arg überrascht, hehe.

FERNDAL lassen Improvisation und Planung zusammentreffen

Wie sieht der Songwritingprozess bei FERNDAL aus?

Sorathiel: Lestaya und ich schreiben bei uns die Songs und Texte recht unabhängig voneinander und bis wir einen Song mit FERNDAL proben, ist er meist recht fertig. Dann ändern sich ggf. nur noch Abläufe oder etwas am Schlagzeug. Das liegt an unserer Herangehensweise ans Songwriting, die eher wie die Komposition von klassischen Stücken ist: Wir entwickeln einen Song im Kopf und auf dem Papier, bevor sie ans Instrument kommen. Gerade Aspekte wie die Stimmführung müssen in einem Guss entstehen, um das Ergebnis zu erzielen, das wir beabsichtigen. Es gibt auch immer wieder einzelne Elemente, die improvisatorisch dazu kommen. Das sind dann aber meist Leadelemente in Cello, Gitarre oder cleanem Gesang, die auf ein vorhandenes Gerüst kommen.

SATYRICON auf Klassik

Eine Überraschung auf “Singularitäten” war die neoklassische Interpretation von SATYRICONs “Mother North”. Was für Feedback habt ihr darauf erhalten? Habt ihr auch eine Hörprobe nach Norwegen geschickt?

Lestaya: Das Feedback ist extrem unterschiedlich, von „Überflüssig“ über „Cool, aber zu lang“ bis „Der Höhepunkt auf dem Album“. Ich verstehe das gut, das kommt sehr auf die Hörerfahrung die die Hörerwartung der Rezipienten an. Und ich denke, dass es Hörer gibt, die sich etwas vor den Kopf gestoßen fühlen können von dieser Art der Hommage an SATYRICON. Für mich ist es ein wahnsinnig intensives Stück. Nach Norwegen geschickt haben wir es tatsächlich nicht, aber unsere „Arntor“-Version haben wir Gaute von WINDIR gezeigt – und ja auch schon live gespielt in Münster: Das war großartig, der Raum voll mit Metallern, die vollkommen aufmerksam und ruhig einem Quintett lauschen. Ich habe ansonsten nur in klassischen Konzerten eine so hohe Spannung erlebt. Live ist es auch möglich, zu transportieren, was wir transportieren wollen, auf einer Aufnahme fehlt da eine Ebene. Irgendwann hoffe ich auf die Möglichkeit, auch „Mother North“ live zu spielen, der Aufwand ist nur irre hoch, wir brauchen wirklich gute Musiker dafür plus idealerweise ein Klavier oder noch besser, einen Flügel. Ein E-Piano ist eher suboptimal.

Warum habt ihr genau “Mother North” ausgewählt?

Lestaya: Auf unserem Debütalbum haben wir WINDIR adaptiert, „Arntor, ein Krieger“. Insofern ist es jetzt schon nicht mehr einmalig. Damals haben wir schon mit verschiedenen Songs experimentiert, allerdings nur von WINDIR. Die erste Adaption haben Sorathiel und ich zusammen gemacht. Mother North habe ich gemacht, den Gedanken daran hatte ich schon länger, habe aber dann noch andere Stücke in Betracht gezogen – nur funktioniert das nicht mit allen Black Metal Songs gleichermaßen. Es gibt da sehr verschiedene Möglichkeiten, mit fremdem Songmaterial umzugehen, ich versuche immer, dabei sehr respektvoll zu bleiben. Sprich, ich addiere selbstverständlich eigene Harmonien und auch eigene Umgangsweisen mit den Melodien, versuche aber grundsätzlich bei der Stimmung zu bleiben, die ich dem Komponisten unterstelle erzeugen zu wollen mit seiner Musik. „Mother North“ ist natürlich ein Klassiker, abgesehen davon bedeutet mir der Song aus biografischen Gründen sehr viel. Er drängt sich nicht direkt auf als ideal für diese Besetzung, aber ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Und ja, wir arbeiten weiter daran, ich bin momentan beschäftigt mit einer Version von einem Song, die ich für einen Freund schreibe – weitere Infos dazu wird es dann demnächst irgendwann geben!

Habt ihr auch schon über die umgekehrte Variante nachgedacht, also ein klassisches Stück nehmen und es “metallisieren”?

Lestaya: Klar, das ist ja schon sehr oft gemacht worden, auch von Musikern die wir sehr schätzen (COR SCORPII, MISTUR, SATYRICON, um nur einige zu nennen) Da kann man eine Menge machen, ich persönlich übersetze lieber klassische Kompositionsstrukturen in die metallisierte Welt, aktuell schreibe ich grade eine Black Metal Fuge, ob und wenn, wie die jemals veröffentlicht wird, weiß ich aber noch nicht. In „Serenade“ hat Sorathiel so etwas gemacht: Einen polyphonen Metal Song in Sonatenhauptsatzform geschrieben. Ich finde das großartig, in den Aufnahmen hatte ich an dem Song mit am meisten Spaß, den Anfang habe ich ohne Klick nur zur Gitarre aufgenommen, das war wie klassische Kammermusik einspielen.

FERNDAL bewundern Bach

Klassische Komponisten: Wer nimmt die Favoritenrolle ein in diesem Bereich bei FERNDAL?

Sorathiel: So etwas wie eine Favoritenrolle eines speziellen Komponisten für die Musik von FERNDAL gibt es nicht. Auch für mich persönlich ist schwer zu sagen, wen ich favorisiere. Mit kann ein einzelnes Werk gefallen, obwohl ich mit anderem von demselben Komponisten wenig anfangen kann. Oder es liegt an der Interpretation im jeweiligen Konzert. Johann Sebastian Bach bewundere ich sehr, Robert Schumann hat sehr mitreißende Musik geschrieben (wenn er sie denn selbst geschrieben hat…), Rachmaninow auch… Ich besuche auch gerne Wagner-Opern – was ich in dem Kontext fast ungern sage, weil es im Metal ja fast zum guten Ton gehört, sich als „Wagner-Fan“ zu inszenieren. Es gibt auch viel spannende kontemporäre Musik, wie zum Beispiel die von Arvo Pärt.

Pärt mag ich auch sehr, während ich mittlerweile bei der Nennung Wagners sogleich an MANOWAR denken muss. Wie siehts aus im Black Metal-Bereich? Welche Band hat Dich zum Black Metal gebracht und findest Du sie noch immer relevant für Dich heute?

Lestaya: NECROPHOBIC, OLD MAN`S CHILD und BURZUM. Und zwar straight von der Klassik. OLD MAN`S CHILD höre ich die „The Pagan Prosperity“ noch ganz gerne, Burzum finde ich nach wie vor großartig, aber sehr stimmungsabhängig. NECROPHOBIC höre ich eigentlich gar nicht mehr, habe sie aber letztes Jahr zwei Mal live gesehen, auf dem WITH FULL FORCE und dem INFERNO – in Oslo waren sie wirklich, wirklich gut.

FERNDAL haben für 2019 reichlich Live-Pläne

Letzteres kann ich nur bestätigen. Ihr habt ja in eurer Diskographie (noch) keine Split-Veröffentlichung. Mit welcher Band (lebendig oder tot) würdet ihr am liebsten eine Split-CD aufnehmen und warum?

Sorathiel: Es gab tatsächlich schon Ansätze dazu, die aber bisher nicht realisiert wurden. Ich finde, für eine Split-Veröffentlichung sollte es immer einen Grund geben wie ein gemeinsames Thema oder dass man etwas zusammen aufnimmt. Letzteres geht mit toten Bands natürlich besonders gut! Du merkst – ich will die Frage, mit WELCHER speziellen Band wir so etwas machen wollen, gar nicht konkret beantworten. Denn die Gründe für eine gemeinsame Veröffentlichung sind neben der musikalischen Seite vor allem auch vom Kontext (Freundschaften, Situation, Organisatorisches) abhängig.

Wie sieht es mit Live-Plänen aus bei FERNDAL für 2019?

Sorathiel: Wir sind natürlich gespannt, wie unsere neuen Songs live funktionieren und für dieses Jahr ist schon einiges geplant. In nächster Zeit spielen wir etwa einmal im Monat und das ist auch eine ganz vernünftige Frequenz denke ich.

Arlette Huguenin Dumittan
Arlette ist seit 2000 bei vampster und unsere Schweizer Fachfrau für schwarze Musik und vegane Backrezepte. Lieblingsbands: DARKTHRONE, MAYHEM, HAIL OF BULLETS. Genres: Black Metal, Death Metal, Dark Metal/Rock.