WUCAN: Heretic Tongues

Wie schön ist es doch, wenn man sofort erkennt, welche Band man gerade hört. Wie WUCAN, immer gern im Pool der Retro-Bands eingetütet, was ja auch passt, aber nur eine Ecke der Band erfasst. Zwei Demos und die erste EP „Vikarma“, aber vor allem beim 2015er Debütalbum „Sow The Wind“ folgten die platten Vergleiche Richtung BLUES PILLS und Co. Die Schweden um Elin waren halt das Aushängeschild vom Retro Rock mit Sängerin. Zwei Jahre später legten die Dresdener um Frontfrau Francis das Folgealbum „Reap The Storm“ nach. Nun endlich ist Scheibe Nummer Drei angesagt, die natürlich auch passend als Vinyl erscheint.

WUCAN erkennt man sofort auf „Heretic Tongues“

Und sofort weiß man, wer sich hier lautstark meldet. Der Opener „Kill The King“ ist ein kämpferischer Rocker, der sofort mit der Flöte zeigt, wo es langgeht. Immer wieder diese Vergleiche mit – wohl unvermeidbar – JETHRO TULL, die so gar nicht passen. Francis düdelt nicht mittelalterliche Melodien, sie rockt mit der Flöte und ersetzt oft Linien, die sonst eine Gitarre spielen würde. Ihre Stimme kommt rotzig und frech und vor allem eigen wie immer, man erkennt sie sofort. Sie spinnt wieder gleich rum, muss man nicht lieben, kann man aber. 1:33 und sie hat einen. Es wird ruhiger, da ist ein wenig FRUMPY bzw. junge INGA RUMPF zu erkennen. Ein zappeliger STEPPENWOLF-Part, spinniges Rumgesinge, das Live-Publikum wird sich die Stimmbänder verknoten. Da steckt in einem Song schon so viel, andere Bands machen daraus ein ganzes Album. Schwer zu erkennen, ich bin entzückt! Auch von ebenfalls knackig rockenden „Don’t Break The Oath“, das mit seinem „Paranoid“-Drive zum ausgelassenen Tanzen einlädt. Francis Stimme hier in einem ganz anderen Bild, sie gibt sich kraftvoll mit einer guten Portion NWOBHM. Oder doch ein Vibe gemischt aus LITA FORD und JOAN JETT in der Klangfarbe? Nicht als Abklatsch, einfach weil sie es kann.

Frontfrau Francis gibt wieder alles auf „Heretic Tongues“

Anders rockend das böse „Fette Deutsche“, das fast heavy daher kommt, wieder mit fettem Touch der ganz frühen NWOBHM. Die Jungs rocken hart, Francis singt böse, der Songs fällt zusammen. Diese psychedelischen Momente klingen ganz anders als bei vielen KollegInnen. Francis quält das Theremin, Philip vermöbelt sein Drumkit. Dann ist Schluss mit hart gerockt, wir gehen mit WUCAN in die 70er Dorfdisco. Funky, zappelig, hypnotisch schwebt man davon und fängt an zu tanzen. Hat man kürzlich KISS´s „Dynasty“ gehört, dann denkt man bei „Far And Beyond“ schnell mal an das gescholtene Disco-Album der Helden. Ein hippiesker Einbruch, man sieht die Lavalampe bildlich bunte Linien malen. Die Erweiterung „(Until We Meet Again)“ wird noch deutlicher, instrumental wird es richtig funky, der Vintage-Phaser wabbert, Francis singt sich durch elegante Rhythm & Blues-Linien. Statt Lavalampe gibt es eine in Weiß und Chrom glänzende Tanzfläche in der Schickimicki-Disco.

Auch die Herren WUCAN rocken und überzeugen mit ideenreichem Spiel

„Zwischen Liebe Und Zorn“ macht dann etwas deutlich, was immer wieder durchschimmert. Mag sein, dass das Original halt von der KLAUD RENFT-COMBO kommt, 1972 als Single und auf einem AMIGA-Sampler schon wie geschaffen für heute WUCAN mit Flöte und spinnig-zickigem Gesang, steht er natürlich kraftvoller gespielt WUCAN richtig gut. Wenn Francis im Refrain singt „… und er bewegt sich“ sieht man wieder bildlich vor Augen, wie das Publikum mitmacht und sich dreht und bewegt und zumindest hemmungslos tanzt zu dem griffigen Groove. Der immer mal wieder vom damals typischen Protestgezeter zerrissen wird. Aber es braucht kein Cover einer Band der frühen DDR-Rockszene im Hause WUCAN. Immer schon schimmert ganz viel typischer Ossi-Band-Charme durch. Und das dürfte die Band genau so positiv verstehen wie es gemeint ist. Höre ich WUCAN, dann denke ich oft auch an rockige Songs von Bands wie CITY, PRINZIP, BABYLON oder KARAT oder meine Lieblinge PHUDYS, die schon lange vor der Grenzöffnung immer mal in einem Club hier in der Nähe gespielt hatten. Irgendein Verwandtschaftsding machte es möglich.

WUCAN bewahren einen tollen Ossi-Charme

Egal, ich finde es toll, dass WUCAN nicht nach angesagten schwedischen oder Ami-Bands schielen, sondern ihren ganz eigenen musikalischen Background einfließen lassen. Das lange „Physical Boundaries“ fasst dann zwölfeinhalb Minuten alles nochmal zusammen. Es wird psychedelisch, früheste PINK FLOYD, aber auch LUCIFERS FRIEND kommen in den Sinn, auch wieder entsprechende Ost-Bands. Hypnotisch groovt der Song vor sich hin, würzig riechende Rauchschaden, wieder die Lavalampe, tänzelnde Hippie-Girls, sehr cool! Natürlich wird es irgendwann kraftvoller, etwas LED ZEPPELIN, Anzeichen früher BLACK SABBATH-Gitarren von deren Debüt. Dann nimmt der Song zur Mitte hin kurz richtig Fahrt auf, aber falsch gedacht, er dreht sich wieder und lädt uns wieder zum Zappeln in der Disco ein. Um dann wieder zusammenzubrechen in einen hypnotischen Psychedelic-Flow. Francis Stimme zart zerbrechlich, man glaubt kurz nicht, dass diese Frau so wild und spinnig singen kann, wie bei den anderen Songs. Zum Schluss wieder kurz LUCIFERS FRIEND, aber das nur als Ausklang. Bei den ersten Durchgängen von vielen dachte ich dann immer, jetzt wäre noch ein ordentlicher Kracher gut. Aber nein, „Heretic Tongues“ ist fertig, alles ist gesagt.

WUCAN bleiben Retro, aber auf ganz eigene Art

WUCAN bestätigen mit „Heretic Tongues“ wieder, dass sie eine total eigenständige Band sind, die sich nicht in angesagte oder pauschal gezogene Schubladen stecken lassen muss. Der Mix aus hartem Rock der späten 60er und frühen 70er, der Psychedelic-Rock jener Zeit, auch mal härtere Anleihen an die frühe NWOBHM der späten 70er, die Ausflüge Richtung Disco und Funk, das passt alles zusammen. Es fällt schwer, Francis nicht in den Vordergrund zu schieben. Knusprig anzuschauen, tolle ganz eigene Stimme und eigenem Gesangsstil, mal rockig, spinnig, mal zart einschmeichelnd, dazu ihre Ausflüge an der Querflöte und dem Theremin, da vergisst man die Jungs gern mal. Aber auch die liefern einen klasse Job, sind ideenreich unterwegs und denken gar nicht daran, platt die üblichen Klischees des Retro Rock zu bedienen und ihrer Frontfrau den Spaß zu lassen. Auch wenn „Heretic Tongues“ dazu einlädt, ausgelassen durch die Bude zu tanzen, macht es absolut Sinn, sich das Album unterm Kopfhörer anzuhören und sich den zahllosen Feinheiten hinzugeben, die alle hier einfließen lassen.

Ein tolles Album, dass die DresdenerInnen sicher ganz weit nach vorne bringt

Wer sich in den genannten Ecken zuhause fühlt, der bekommt mit „Heretic Tongues“ eine Vollbedienung und sicher auch einen Anwärter für die besten Alben dieses Jahres. Unzählige Mal gehört und statt Abnutzung gibt es immer mehr Begeisterung und immer neue Kleinigkeiten zu entdecken. Ein tolles Album, dass die DresdenerInnen sicher ganz weit nach vorne bringt. Hoffen wir, dass sie nicht im Business verheizt werden und ihren ganz eigenen Charme behalten! Den sie auch gerade wieder auf die Bühne bringen. Unvergessen, wie sie 2015 mit SIENA ROOT auf Tour waren und Francis in aller Seelenruhe ihre Kabel fein säuberlich aufrollte und nebenbei mit mir ein Schwätzchen hielt, während die Schweden tapfer warten mussten und ihre Jungs längst am Feiern waren.

Die WUCAN-Tourdaten findet ihr in dieser News.

Veröffentlicht am 20.05.2022

Spielzeit: 41:59 Min.

Lineup:
Francis Tobolsky – Vocals, Rhythm Guitar, Theremin, Flutes, Acoustic Guitar, Synth, Percussion, Backing Vocals
Tim George – Lead Guitar, Keys, Synth, Background Vocals
Alexander Karlisch – Bass, Background Vocals
Philip Knöfel – Drums, Percussion, Background Vocals

Label: Sonic Attack Records

Homepage: http://www.wucan-music.de

Mehr im Web: https://www.facebook.com/wucanmusic

Die Tracklist von “Heretic Tongues”:

1. Kill The King
2. Don’t Break The Oath (Video bei YouTube)
3. Fette Deutsche
4. Far And Beyond (Video bei YouTube)
5. Far And Beyond (Until We Meet Again)
6. Zwischen Liebe Und Zorn
7. Physical Boundaries