UNDEROATH: Voyeurist

UNDEROATH geben sich auf “Voyeurist” charakterstark: Die US-Amerikaner versuchen die Eigenheiten des Comeback-Albums mit der früheren Energie zu vereinen. Das Resultat ist nicht immer perfekt, folgt aber dafür auch nicht dem totgenudelten Genre-ABC.

„Nicht nur die Vergangenheit beeinflusst die Zukunft, sondern auch die Zukunft die Vergangenheit“, so der Uhrenmacher H.G. Tannhaus in der Netflix-Serie „Dark“. Zumindest im übertragenen Sinn mag das gar nicht so falsch sein: Wie oft hat sich angesichts späterer Schaffensperioden unser Blick auf das Frühwerk einer Band verändert? Nach dem kontroversen Comeback-Album „Erase Me“ (2018) war die Stimmung im UNDEROATH-Fanlager jedenfalls gespalten – zu soft, zu sehr auf Alternative Rock getrimmt, hieß es vielerorts. Ob nun „Voyeurist“ die direkte Reaktion darauf ist, sei mal dahingestellt, den Härtegrad ziehen die US-Amerikaner aber trotzdem wieder ordentlich an.

Tatsächlich scheint das neue Material die Erkenntnisse des Vorgängers mit der Energie und Aggression der früheren Tage vereinen zu wollen. Für klassischen Screamo / Metalcore ist „Voyeurist“ beizeiten fast schon zu experimentell und progressiv, hat aber gleichzeitig genug Feuer unterm Hintern, um live ordentlich im Pit aufzuräumen. Der knackige Opener „Damn Excuses“ gehört mit seinen Nu-Metal-Einflüssen in die zweitgenannte Kategorie, bevor „Hallelujah“ die vielschichtigen und fordernden Strophen mit einem mantra-artigen Refrain kontrastiert.

Es ist erfrischend, dass “Voyeurist” nicht nur dem totgenudelten Genre-ABC folgt

Grundsätzlich zielen UNDEROATH diesmal aber auf eine beklemmende und teils unbehagliche Atmosphäre ab: Sie ist das Rückgrat von „Voyeurist“, das weniger mit Hitsingles denn mit einer packenden Grundstimmung begeistern will. Die unruhigen Klänge und verstörenden Synths in „I’m Pretty Sure I’m Out Of Luck And Have No Friends“ sorgen etwa für Unbehagen, das sich auch im weiteren Verlauf nicht so leicht abschütteln lässt. Kurioserweise ist aber genau das erfrischend, weil es eben nicht dem totgenudelten Genre-ABC folgt. Dass nicht jedes Arrangement und jeder Track mit musikalischen Widerhaken ausgestattet ist, empfinden wir daher auch nicht als störend: Das Gesamtpaket macht’s.

Trotz kleinerer Durstrecken im Mittelteil findet „Voyeurist“ am Ende des Tages wieder in die Spur zurück, wenn etwa „We’re All Gonna Die“ wieder die Vorteile beider Welten unter einen Hut bringt. Spencer Chamberlains aggressive Screams sowie Drummer Aaron Gillespies Klargesang harmonieren tatsächlich ausgesprochen gut und setzen sich auch stimmlich von den üblichen Genre-Klangfarben ab.

UNDEROATH geben sich charakterstark

Einen eigenen Weg geht auch das abschließende „Pneumonia“, das sanft und zerbrechlich beginnt und über sieben Minuten abseits klassischer Songstrukturen mit Post-Rock- Sowie DEFTONES-Anleihen eine völlig unverbrauchte Seite der Formation zeigt. Melancholisch auf der einen Seite, düster und bedrückend auf der anderen – all das im Übrigen, ohne sich selbst zu kopieren oder die eigenen Wurzeln zu verleugnen. UNDEROATH bleiben somit nach vorne gerichtet und dabei ihrer eigenen Vision treu. Vergangenheit, Zukunft – auf „Voyeurist“ verschmilzt beides zu einem – wenn auch nicht immer perfekten – durchaus charakterstarken Genre-Beitrag.

Veröffentlichungstermin: 14.01.2022

Spielzeit: 38:39

Line-Up

Spencer Chamberlain – Vocals
Timothy McTague – Gitarre, Backing Vocals
James Smith – Gitarre
Christopher Dudley – Keyboards, Synthesizer
Grant Brandell – Bass
Aaron Gillespie – Drums, Clean Vocals, Piano

Produziert von Timothy McTague, JJ Revell, Aaron Gillespie, Chris Dudley und Spencer Chamberlain

Label: Fearless

Homepage: https://underoath777.com/
Facebook: https://www.facebook.com/underoath

UDNEROATH “Voyeurist” Tracklist

1. Damn Excuses (Visualizer bei YouTube)
2. Hallelujah (Video bei YouTube)
3. I’m Pretty Sure I’m Out of Luck and Have No Friends
4. Cycle ft. GHOSTEMANE (Audio bei YouTube)
5. Thorn
6. (No Oasis)
7. Take A Breath
8. We’re All Gonna Die
9. Numb
10. Pneumonia (Video bei YouTube)