THE ORDER OF ISRAFEL: Wisdom

Ein Meisterwerk, das Doomklassiker und Metalnostalgie zusammenführt und schlichtweg begeistert. Pflichtkauf!!!

Was für ein blöder Einstieg in eine hoffnungsvolle Band wie THE ORDER OF ISRAFEL: Da bekommt man vom Basser schon ganz früh erste Demos der Band, hört sofort, dass hier was ganz Großes entsteht, nimmt von der Show nur das in überschaubarer Menge gepresste rote Doppel-Vinyl mit als Sammlerstück, weil man ja sicher ist, dass diese Band noch einiges zu erzählen hat und hoffentlich richtig groß wird – und der Plattenspieler will das Teil nicht. Macht er bei farbigen, durchsichtigen Platten gern, so´n Laserding findet dann die Rillen nicht. Und wie so oft gibt es tausend Gründe, dass man die CD letztendlich erst seit kurzem in den Händen hält. Alle Welt hat das Teil schon gehört, nur ich nicht, es ist echt verdoomt! Aber egal, gut Ding will Weile haben, auch das ist Doom, und so belagert Wisdom nun noch hartnäckiger den CD-Player.

Und der Eindruck, den die frühen Aufnahmen gemacht haben, wird sofort bestätigt. Man merkt durchgehend, dass hier keine Frischlinge am Werk sind, die auch mal eben eine Doom-Band haben wollen, weil das gerade so angesagt ist. Hier weiß jeder, was er zu tun hat. Basser Patrik Andersson Winberg hat bereits bei den DOOMDOGS gezeigt, wie die tiefen Töne zu klingen haben. Schade, diese Band hat nie den verdienten Erfolg eingefahren, aber Bandkopf Christer Cuñat Candela startet gerade neu durch. Drummer Hans Lilja sitzt auch nicht zum ersten Mal hinter den Drums, bediente auch bei LOTUS die Trommeln. Eine Band, die schon Classic/Retro-Rock spielte, als der Hype noch Lichtjahre entfernt war. Aber woher nur kenne ich Gitarrist Staffan Björck. Echte Schweden spielen ja eh in 665 Bands, irgendwo ist er einem sicher über den Weg gelaufen, hätte ja auch einfach fragen können. Update: beim 2-Mann Stoner Rock/Oldschool Metal-Projekt WILDEBEEST. Keine Fragen gibt es zum Kopf von THE ORDER OF ISRAFEL: Powerlocke Tom Sutton kennt man natürlich von CHURCH OF MISERY. Äh ja genau, der Australier in einer japanischen Doom-Band, der jetzt in Schweden lebt, wo sonst. Und wo er irgendwie auch bei HORISONT und NIGHT VIPER in die Saiten gegriffen hat. Letztere haben eine Japanerin als Sängerin, hm, kompliziert, muss man wohl doch mal nachhaken. Aber erstmal stehen die Songs zur Debatte, das Album als Ganzes, das sich geschlossen Israfel (oder auch Israfil) als Konzept-Thema genommen hat. Einer der vier Erzengel im Islam, auch irgendwie Musiker. Sein Job ist das Einleiten des jüngsten Gerichts, zweimal wird sein Horn ertönen, beim ersten Signal wird alles Leben enden, beim zweiten erheben sich die Toten. Vier Flügel, der riesige Körper behaart und mit Mündern und Zungen bedeckt, sexy klingt das nicht!

Sexy ist dagegen das, was aus den Boxen kommt, sofern man sich zwischen klassischem Doom und traditionellem, frühen Metal wohlfühlt. Dabei wird man zum Auftakt noch zart akustisch in den Opener gezogen, bevor ein schwer drückender Groove die Wegrichtung klar macht. Zäh soll es sein? Ist es! Frühe COUNT RAVEN? Vielleicht, aber kraftvoller mit catchy Melodieführung. Eine bedrohliche, langgezogene Bridge, man spürt genau, dass da gleich was kommt. Diesen Moment herauszuziehen kann öde wirken oder richtig – im positiven Sinne – zermürben, und das beherrschen die Herren hier perfekt. Natürlich weiß man, wann genau es laut wird, hier mit einem alten CANDLEMASS-Riff, und noch eine Passage, und noch ein steigernder Part, vertraut aber genauso geht Doom in perfekt. Dass es auch anders geht, das zeigen THE ORDER OF ISRAFEL schnell im wörtlichen Sinn. On Black Wings, A Demon startet voll durch, eine fette Portion NWOBHM tritt ordentlich Popo. Das nicht wie so oft im Stil von JUDAS oder MAIDEN, sondern herrlich knarzig eher aus der Ecke TRESPASS, ETHEL THE FROG und ähnliche Helden aus der zweiten Liga. Beflügelnd wenn dann ein Hippie-Doom-Dance-Part in die Hüften fährt, nein der ist üüüberhaupt nicht bei CATHEDRAL geklaut, beim knackigen Schlusspart tut alles weh vom orgiastischen Highspeed-Doomdancing. Schluss mit Lustig, das Monster kommt! The Noctuus macht alles platt, normale Menschen haben jetzt wahrscheinlich Angst, traditionelle Doomer gehen vor Begeisterung auf die Knie. Bilder entstehen vor dem inneren Auge, ähnlich wie beim Erstkontakt mit DEM Doomsong Black Sabbath, Tom´s Gesang bedient sich hier auch deutlich bei OZZY. Nicht überraschend, dass es auch hier irgendwann abgeht, treibend mit TROUBLE-Touch mäht der Israfel alles nieder. Es fällt wieder auf, wie deutlich sich die Leads an den Vorbildern der geliehenen Parts orientieren. Hier denkt man schnell an die typischen Soli vom TROUBLE-Duo Wartell/Franklin, an anderen Stellen an BLACK SABBATH´s TONY IOMMI, klingt eine Passage nach SOLITUDE AETURNUS oder einer der zahlreichen Victor Griffin-Bands (PLACE OF SKULLS, IN~GRAVED, PENTAGRAM), dann ertönen auch die von dort gewohnten Melodien. Durchgehend ist es spannend, wie stimmig im Gesamtsound Elemente und Ausstrahlung des klassischen schwedischen Epic-Doom, kraftvollem US-Doom und die typischen Einflüsse der britischen Doom-Ikonen BLACK SABBATH oder CATHEDRAL vereint werden. The Earth Will Deliver What Heaven Desires lässt ordentlich Folkatmosphäre durchklingen, um dann doch wieder in einen zähen Groove aufzusteigen. Wenn sich die folkige Melodie immer weiter ausbreitet, da kommen echte Glücksgefühle auf, THIN LIZZY oder auch WISHBONE ASH lassen grüßen. The Order gibt nur ganz kurz richtig Gas, könnte auch ein irgendwo gefundenes Überbleibsel sein, soll hier aber an genau der Stelle seine Geschichte erzählen. Belassen wir es mit dem Zerpflücken der Songs, sie zelebrieren eben das, was wir bisher hören durften, abgesehen vom Spoken Words-Part The Vow. Wäre da nicht noch das Monsterstück Promises Made To The Earth, über eine Viertelstunde Kopfkino. Patrik bekommt viel Raum, seinen Bass sprechen zu lassen, Hans tut das, was heute viel zu wenig Drummer machen. Er zieht den Takt so herrlich zurück, dass es fast weh tut, Gänsehaut! Beim zähen Riff und der schweren Melodie muss ich unweigerlich an unsere wiedergeborenen Doom-Schwaben MIRROR OF DECEPTION denken. Sollte man nun meinen, in der Mitte des Songs geht es eh wieder erwartungsgemäß ab – Fehlanzeige! Man wechselt nur in einen anderen, ebenso zähen, bedrohlichen Groove, wieder kommen Glücksgefühle auf. Was für ein herrlicher Schlusspart, wieder mit herrlichen Gitarrenmelodien mit frühestem THIN LIZZY-Touch. Auch die übergangenen zwei echten Songs bringen genau das, was man sich als Doomer wünschen kann, wenn man dem traditionellen Sound des schönsten Genres im ganzen Metal-Zirkus verfallen ist. Wenn man diesen Sound zumindest seit den frühen 80ern lebt, dann bekommt man hier die Vollbedienung! Die ganzen großen Bands werden auf Wisdom verbraten, das aber so stimmig und konsequent, dass es eine wahre Freude ist. Die Elemente aus dem klassischen spät-70er/früh-80er Metal fügen sich perfekt ein und geben eine willkommene Frische im bedrohlichen Gesamtsound. Und trotz aller Anleihen bei den vertrauten Größen hat jeder Song etwas eigenes, jeder steht für sich, und doch hat die Band einen erkennbaren Faden, der alle Songs durchzieht und ihnen einen bereits typischen THE ORDER OF ISRAFEL-Stempel verpasst.

Ok, so ehrlich muss man sein: Wer Genrefremd nur mal eben reinschnuppert in Wisdom, der mag anfangs an Tom´s Vocals hängen bleiben. Seine Stimme ist recht eigen, nicht schön und nicht wirklich ein Garant für perfekte Intonierung. Aber Doom steht nun mal nicht für Ausnahmesänger wie Messiah Marcolin (CANDLEMASS, MEMENTO MORI, MERCY) oder Robert Lowe (SOLITUDE AETURNUS, CANDLEMASS, CONCEPT OF GOD), um mal bei den Klassikern zu bleiben. Doom steht für kauzige Vocals, die nicht immer schön sein müssen, aber die Intensität der Musik rüberbringen und unterstreichen müssen. Man denke nur an Männer wie Dan Fondelius (COUNT RAVEN), Chritus Linderson (GOATESS, LORD VICAR, SAINT VITUS, TERRA FIRMA, COUNT RAVEN), Lee Dorian (CATHEDRAL) oder auch Bobby Liebling (PENTAGRAM) und WINO (SAINT VITUS, THE OBSESSED, SPIRIT CARAVAN, THE HIDDEN HAND), alles keine Weltklassesänger, aber genau richtig für diese intensive Musik. Und da kommt Tom wieder ins Spiel, der zumindest eine Ecke schöner singt als bei CHURCH OF MISERY und seine Geschichte um den Todesengel greifbar erzählt. Gewöhnungsbedürftig, aber unterhaltsam ist sein harter Australischer Akzent, der aber in keinem Verhältnis steht zu seiner schwedischen Aussprache, über die seine Kollegen gern mal Witze machen.

Der Doom hat sich die letzten Jahre verändert, nicht immer zum Positiven, zumindest für Doomer der alten Garde. Wer auf den Erlöser wartet, der wird ihn genau hier finden! Ok, dass es nun gerade der Todesengel aus dem Islam ist, wer hätte das gedacht. Die Story um dieses Thema ist hervorragend ausgearbeitet, musikalisch perfekt umgesetzt, immer wieder entdeckt man neue Feinheiten, und alles wird von einer Band präsentiert, der man ansieht, dass sie auf die große Bühne gehört. Möchte man nicht, zu gern würde man mit ihnen in kleinen Clubs gemeinsam schwitzen. Aber mit so einem Meisterwerk und einem großen Label im Rücken sollte es mit dem Teufel oder von mir aus mit Israfel zugehen, wenn der nächste große Schritt nach vorn lange auf sich warten lässt. Toll und verdient für die Band, schade fast für die Fans.

Ein Meisterwerk, das Doomklassiker und Metalnostalgie in einem durchdachten, aber nicht zu kopflastigen Konzept perfekt zusammenführt und schlichtweg begeistert. Pflichtkauf!!! Dass wir es mit THE ORDER OF ISRAFEL mit vier total sympathischen Typen zu tun haben, das kann man ruhig auch noch erwähnen!

Deutliches Zeichen, wohin die Reise geht für THE ORDER OF ISRAFEL: Mit ihrem tollen Video zum Titelsong Wisdom haben die Herren nach so kurzer Zeit mittlerweile die 100.000-Views-Marke geknackt. Für eine neue Band ohne großen Medienhype drum herum definitiv ein riesen Erfolg.
Gerade haben die Jungs ein neues Video fertig gestellt, das in Kürze veröffentlicht wird. Es bleibt spannend, wenn das Video so gut ist wie der verarbeitete Song, kann ich es kaum erwarten, wie er uns auch visuell zum Ausrasten bringt! Sprach er, und wieder geht der Finger auf die Playtaste. Diesmal aber ohne Notebook auf dem Schoß, Zeit für gepflegtes Doomdancing!

THE ORDER OF ISRAFEL: Video Wisdom bei Youtube

Veröffentlichungstermin: 27.08.2014

Spielzeit: 64:48 Min.

Line-Up:
Tom Sutton – Vocals, Guitars
Staffan Björck – Guitars
Patrik Andersson Winberg – Bass
Hans Lilja – Drums

Label: Napalm Records

Homepage: http://www.theorderofisrafel.com

Mehr im Netz: http://www.facebook.com/TheOrderOfIsrafel

Tracklist:
Chapter I:
1. Wisdom
2. On Black Wings, A Demon
Chapter II
3. The Noctuus
4. The Earth Will Deliver What Heaven Desires
Chapter III:
5. The Order
6. Born For War
7. Promises Made To The Earth
Chapter IV:
8. The Vow
9. Morning Sun (Satanas)