SLIPKNOT: We Are Not Your Kind

SLIPKNOT: We Are Not Your Kind

Dass SLIPKNOT die Schlüsselzeile der Standalone-Single „All Out Life” – einer Abrechnung mit der Business-Seite der Musikindustrie – zum Titel ihres sechsten Studioalbums erwählt haben, ist ein klares Statement. Eines, das zudem auf verschiedenen Ebenen funktioniert, denn „We Are Not Your Kind“ atmet genau den Geist des Widerstands, von dem die Band und ihre treue Anhängerschaft seit Jahrzehnten zehren. Und genau diesen versuchen SLIPKNOT nach den umstrittenen Vorgängern „.5: The Gray Chapter“ (2014) sowie „All Hope Is Gone“ (2008) musikalisch wieder einzufangen.

Mit Erfolg, denn SLIPKNOT schaffen tatsächlich den Spagat zwischen ihrem Frühwerk und den jüngeren Veröffentlichungen, tätigen dabei sogar den einen oder anderen Schritt in unerforschtes Terrain. Es gebe somit für alle ein bisschen was, könnte man spitzzüngig behaupten. Doch würde das völlig außer Acht lassen, wie schlüssig sich die 14 Tracks von „We Are Not Your Kind“ ineinanderfügen.

So roh und ungezügelt waren SLIPKNOT seit „Iowa“ nicht mehr

Die größte Überraschung ist sicherlich die wiedergefundene Härte, mit der uns manche Songs aus dem Nichts über die Visage fahren. So roh und ungezügelt wie in „Red Flag“, dem thrashigen „Solway Firth“ und dem ungemein starken „Nero Forte“ waren SLIPKNOT wohl seit „Iowa“ (2001) nicht mehr. Gerade Corey Taylors räudige Shouts in Letzterem erinnern in Sachen Flow und Timing an die frühen Tage der einstigen Nu Metal-Vorreiter.

„Critical Darling“ stützt sich ebenfalls auf Sprechgesang und einfach gehaltenes Riffing, bevor im Refrain Taylor den tief gestimmten Gitarren seine kristallklare Singstimme entgegensetzt. Viel Zeit lässt sich das Intro von „Orphan“, nur um Jay Weinberg plötzlich ein Doublebassgewitter losbrechen zu lassen, während Gitarren und Synthesizer im Verbund Alarmsirenen simulieren. Die blechernen Percussions verleihen dem Song in ein kaltes, unnahbares Antlitz, das seine rauen Kanten nur im eingängigen Refrain verbirgt.

Auf „We Are Not Your Kind“ gibt es auch vorsichtige Experimente

Dass sich SLIPKNOT nicht von ihrer melodischen Seite verabschieden würden, machte bereits die erste Single „Unsainted“ mit ihrem Ohrwurmrefrain klar. Einen weiteren Hit nach gleicher Bauart gibt es auf „We Are Not Your Kind“ aber nicht. Vielmehr sind die moderneren Einflüsse nun Ansatzpunkte für vorsichtige Experimente.

Da gibt es das schleppend-groovende „Birth Of The Cruel“, wo sich Sid Wilson, Craig Jones und Bassist Alex Venturella im Hintergrund austoben, und die Halbballade „A Liar’s Funeral“, die erst an „Snuff“ erinnert und dann voller Verbitterung eine Wendung erfährt, der Corey Taylor durch waschechte Death-Growls zusätzliche Intensität verleiht.

Der pulsierende Bass erzeugt mit dem unruhigen Piano in „Spiders“ eine geradezu hypnotisch-verstörende Atmosphäre, aus der sich später ein krummes Solo schält. Im Verbund mit Corey Taylors gesetztem wie poppigem Gesang ist das Resultat eine krasse Abkehr von allem, was SLIPKNOT bislang veröffentlicht haben. Obwohl das Stück mit der Zeit wächst, ist diese Form von Understatement mehr als mutig. Gleiches gilt für das fast siebenminütige „My Pain“, das zunächst kaum mehr ist als ein glorifiziertes Interlude und schließlich primär von seiner Atmosphäre und Taylors emotionaler Stimme lebt.

„We Are Not Your Kind“ ist kein Album für alle Tages- und Nachtzeiten

Und darin liegt dann auch der größte Kritikpunkt, den man „We Are Not Your Kind“ vorwerfen kann. Aufgrund der Fülle an Interludes („Insert Coin“, „Death Because Of Death”, “What’s Next”) und zusätzlicher Intros bzw. Outros einzelner Songs schlagen SLIPKNOT im Bestreben, ein umfassendes Hörerlebnis zu schaffen, manchmal über die Stränge.

Wir müssen in der richtigen Stimmung sein, um das Album als atmosphärisches Gesamtwerk von Anfang bis Ende genießen zu können. Nichtsdestotrotz ist das absolut richtig so, denn SLIPKNOT stellen hier ihre künstlerische Version an die erste Stelle. Und seien wir mal ehrlich, deutlicher kann man das titelgebende Statement „We Are Not Your Kind“ wohl nicht vorleben.

Veröffentlichungstermin: 9.8.2019

Spielzeit: 63:26

Line-Up:

Corey Taylor – Vocals
Mick Thomson – Gitarre
James Root – Gitarre
Craig Jones – Sampling
Sid Wilson – DJ
Shawn Crahan – Percussion, Backing Vocals
Alex Venturella – Bass
Jay Weinberg – Schlagzeug

Produziert von Greg Fidelman

Label: Roadrunner

Homepage: https://www.slipknot1.com/
Facebook: https://www.facebook.com/slipknot/

SLIPKNOT “´We Are Not Your Kind” Tracklist

1. Insert Coin
2. Unsainted (Video bei YouTube)
3. Birth Of The Cruel (Vertical Video bei YouTube)
4. Death Because Of Death
5. Nero Forte
6. Critical Darling
7. Liar’s Funeral
8. Red Flag
9. What’s Next
10. Spiders
11. Orphan
12. My Pain
13. Not Long For This World
14. Solway Firth (Video bei YouTube)

Florian Schaffer
Florian hat von 2008 bis 2015 Reviews und Live-Berichte für vampster geschrieben. Seit 2019 ist er wieder mit dabei. Lieblingsbands: AMORPHIS, ARCHITECTS, BARONESS, CULT OF LUNA, DARK TRANQUILLITY, GHOST BRIGADE, IN FLAMES, THE OCEAN. Genres: Black Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Metalcore, Post Metal, Progressive, Rock, Thrash Metal.