NOCTURNAL: Serpent Death

Ja, es gibt sie noch, jene herrlich analog und mit viel Hingabe zu einer anachronistischen Produktionsweise eingerotzten Scheibletten, die dem authentischen Sound von DESTRUCTION, DESASTER, EXUMER und Co. nacheifern. Im Falle von NOCTURNAL, die auf ihrem vierten Stahlprodukt fast schon übertrieben trocken sägende Gitarren auffahren, an denen Bandcheffe und Gitarrist Avenger lange gefeilt hat und die zweifellos “Serpent Death” einen markanten und unglaublich cool fräsenden Stempel aufdrücken, kam die Rückbesinnung auf jene tradierten, altehrwürdigen Werte nach dem aufgehübschten und relativ clean gehaltenen “Storming Evil” doch etwas überraschend. Umso erfreulicher fällt letztendlich das Gesamtergebnis dann aus, denn die erdige Aufmachung und natürlich wieder ein bestens bestücktes Arsenal an feinsten Old School Black Thrash-Riffs verschafft “Serpent Death” seinen besonderen Reiz: energetisch, fresh, messerscharf, aus der Asi-Hüfte geschossen und passend zum Albumtitel hochgradig giftig präsentieren sich Stücke wie ‘Beneath A Steel Sky’ (zukünftiger Livekracher!), ‘Void Dweller’ oder auch ‘The Iron Throne’ und zerhacken mal eben alle Zweifel, ob die Mainzer Formation nach sieben langen Jahren eingerostet sein könnte.

“Serpent Death” mit mutigem Statement

Denn auch wenn sich der kreative Tausendsassa an der Axt, der noch in unzählig anderen eigenen Bands und Projekten in Erscheinung tritt, nur dann bemüßigt fühlt, nämlich genau dann neue Langspielsongs an den Mann/an die Frau/ an divers zu bringen, wenn die Zeit reif und seine Lust dementsprechend dafür vorhanden ist, so ist die ungewöhlich lange Durststrecke nach “Storming Evil” auch mit den üblichen NOCTURNAL-Besetzungsproblemen zu erklären. Die es diesmal aber besonders in sich hatten: Nach Shouterin Tyrannizer, die aufgrund gesundheitlicher Probleme das Schiff verlassen hat, mussten auch noch Basser Vomitor (der nun bei den Belgiern POSSESSION eingestiegen ist) und Schlagzeuger Skullsplitter (u.a. auch noch bei den Doomern CROSS VAULT) ersetzt werden. Mit komplett neuer Belegschaft, bei der sich Avenger mit Witchburner-Fronter Invoker zum zweiten Mal bei den befreundeten “Ersatzteillager”-Thrashern bedient hat, kommt der Schlangentod zunächst auf ungewöhnlichen Pfaden auf einen zugekrochen: ‘Black Ritual Tower’, mit acht Minuten so “episch” wie keine andere NOCTURNAL-Nummer zuvor, baut sich langsam vor einem auf und ist tatsächlich ohne richtigen Refrain ausgestattet: Ein gewagtes Unterfangen also, was die Mainzer Formation mit dem SLAUGHTER MESSIAH-Drummer John Berry dem geneigten Old School-Banger zumuten wollen, das aber als mutiges Statement sofort einschlägt: denn der Opener mit seinen einzelnen, sinnig aufeinander abgestimmten melodischen Midtempoparts ist zu jeder Zeit hochspannend und einer der stärksten und interessantesten Tracks in der erneuten Unholy Thrash Metal-Zehnerpackung, die in knapp 47 Minuten zum bisherigen Meisterwerk der Underground-Hobbymetaller avanciert.

NOCTURNAL agieren zwischen ungehobelter Mentalität und wohl überlegten Notenpositionierungen

Aber nicht nur hier, sondern verteilt über die ganze Spannweite der Platte, die über Dying Victims Productions das grellend heiße Licht der Welt erblickt, gelingt der Spagat zwischen aggressivem Chaos mit ungehobelter Mentalität und wohl überlegten Notenpositionierungen. Die nach außen hin lockere “egal, wenn mal was nicht hundertpro sitzen könnte” – Attitüde kommt äußerst charmant rüber und wird mit hoher Professionalität zelebriert. Hauptsache es geht unsanft und auf ruppigem Terrain mit schroffen Felsspitzen hinab in die glühenden Abgründe des Höllenschlunds. Dazu gesellen sich erneut mit Kennerhand aus- und in den Song eingearbeitete Gitarrensoli, die erstmals bei “Storming Evil” Einzug gehalten haben. Auf “Serpent Death” bekommen die Griffbrettläufe jedoch nochmal größere Freiräume und verhelfen der “roten” Scheibe wie bei ‘Bleeding Heaven’ somit zu ausladenderen Melodien, die in das Knüppelgerüst eingebettet einwandfrei funktionieren und NOCTURNAL einen sanften Schubs in Richtung klassischem Metal geben. Das ‘Damnator’s Hand’-Gefiedel bspw. ist ganze 80 Sekunden lang und hat in seinem Aufbau fast schon CHAPEL OF DISEASE-Konnotationen. Einfach grandios! Einzig ‘Circle Of Thirteen’ als gemächlicher Kontrapunkt mit SLAYEResker Dunkelheit mag in diesem Reigen bunter Riffattacken bei mir bis zum Schluß nicht zünden.

Vertraut der Schlange!

Und da wäre ja auch noch Invoker! Natürlich bekommen NOCTURNAL nach der charismatisch keifenden Tyrannizer, die die letzten beiden Scheiben eingesungen hat, mit dem Witchburner-Shouter eine tiefere Klangfarbe verpasst: Die gequält-herausgekotzten Vocals von Pino Hecker, so sein Alias, passen aber natürlich wie die Faust aufs Auge in den rüpelhaften Kontext, werden immer wieder von Schmier-mäßigen Screams – seltener auch mal von einem herzhaften Tom G. Warrior-”Uh” – durchbrochen und werden der Rasselbande hoffentlich noch lange erhalten bleiben. Was natürlich für die gesamte Rasselbande an sich auch gelten mag, schließlich sollte jetzt endlich auch mal Ruhe im Karton sein, um mit einem stabilen Line Up in geringeren Zeitabständen Alben von mindestens derselben Güte herauszubringen.

Das Jahr könnte also für blackened Thrash-Lunatics wesentlich schlechter verlaufen: erst NEKROMANTHEON, dann DESASTER und jetzt NOCTURNAL, die sich nach widrigen Umständen mit einem kleinen Paukenschlag zurückmelden, liefern 2021 teuflische Nackenschläge mit langem Nachhall und werden sicherlich in diversen Jahreslisten zu finden sein. Wer noch ein paar Silberlinge in seinen weißen Turnschuhen übrig hat, sollte diese in das dämonische “Serpent Death” investieren. Oder ist euch bekannt, dass in eine Schlange gesetztes Vertrauen Nachteile für einen nach sich zog? Eben!

 

Veröffentlichungstermin: 27.08.2021

Spielzeit: 47:18

Line-Up

Invoker – Vocals

Avenger – Guitars

Incinerator – Bass

John Berry – Drums

Label: Dying Victims Productions

Facebook: https://www.facebook.com/nocturnalunholythrash

Bandcamp: https://dyingvictimsproductions.bandcamp.com/album/nocturnal-serpent-death

NOCTURNAL  “Serpent Death” Tracklist

1. Black Ritual Tower
2. …From Terminal Death
3. Beneath A Steel Sky
4. Faceless Mercenaries (Audio bei YouTube)
5. Bleeding Heaven (Video bei YouTube)
6. Damnator’s Hand
7. Circle Of Thirteen
8. Void Dweller
9. Suppressive Fire
10. The Iron Throne