NOCTE OBDUCTA: Sequenzen einer Wanderung

Trennungsschmerz par excellence.

Erzähl mir nichts, auch du hast ihn schon einmal gespürt, den Trennungsschmerz. Dieses unsägliche Etwas, in dem du verarbeitest, sogar die schlechten Seiten wieder lieb gewinnst, nur weil du sie verloren hast. Es ist ein Kreuz mit dem Mitgefühl und mit der Sentimentalität und wenn es dir und mir so geht, warum nicht auch einer ehemaligen Black Metal-Band. Ehemalig aus zwei Gründen: NOCTE OBDUCTA gibt es nicht mehr, aber das weißt du eh schon. Das ist der eine Grund. Aber der Zweite ist ein viel gewichtigerer: Sequenzen einer Wanderung, das lange herbei gesehnte Abschiedsalbum der deutschen Genre-Innovateure, hat mit Black Metal eigentlich nichts mehr zu tun, geht deutlich weiter als die beiden hervorragenden Alben Nektar Teil 1 und Nektar Teil 2. Denn nun tauchen wir ab in diese dunkle Welt, die scheinbar wenig und doch alles bietet. Wenn du das hörst, idealerweise allein und im Dunkeln, dann sei nicht überrascht, wenn dir alte Weggefährten plötzlich gegenüber sitzen. Verbringe die Zeit mit ihnen, lange werden sie nicht bleiben können. Circa 45 Minuten. Da über weite Strecken von NOCTE OBDUCTA nur Atmosphäre aufgebaut wird, vor allem im ersten Teil des Albums, kehrt man in sich, lässt die Geister nicht zur Ruhe kommen, beschwört sie geradezu herauf. Fast kein Metal mehr, dafür ein schaurig-schöner Beginn, flächige Sounds, einige Gesprächsfetzen sind geisterhaft im Hintergrund zu vernehmen. Daneben stehen simple Riffs, epische Melodien, schöne Akustikstellen. Das alles gipfelt in einem Finale, dass ebenso bedrückend wie schön ist, das mit einem einzigen Sprachsample vom Anrufbeantworter den schlimmsten Tag deines Lebens wieder aufleben lässt und den bittersüßen Gesang zuvor erst wirklich zur Geltung bringt. Wie wir doch leiden… Aber ein Kribbeln im Bauch, wie an dem Tag, als du zu ihr gefahren bist und ihr euch ausgesprochen habt.

Die zweite Hälfte dieser Wanderung ist dann etwas weniger überraschend als Teil eins. Hier sind NOCTE OBDUCTA nach kurzer Anlaufphase wieder mehr in ihrer Heimat, in ihrer vertrauten Umgebung. Entsprechend gibt es auch wieder heftigere Riffs und schnellere Passagen zu hören. Dennoch sind die Musiker aus Mainz niemals so ungestüm, wie in ihren alten Tagen, dafür schleppend und düster, aber auch episch und monumental, bis zu seinem monolithischen Ende. Kannst du ausschließlich mit dem Album Schwarzmetall etwas anfangen, höre lieber weg. Bist du offen für alle möglichen dunklen Klangexperimente, ausufernde progressive Soundlandschaften, die so atmosphärisch sind wie ein Spaziergang durch die Stadt während eines Schneesturms, dann ist dies dein Album. Das bringt mich auf eine Idee: Zieh das doch einfach durch und höre dieses Werk. Hier wirst du Sequenzen einer Wanderung erst recht verstehen und lieb gewinnen. Bandchef Marcel hat ganze Arbeit geleistet, hat ein Abschiedwerk, das diese Bezeichnung auch wirklich verdient. Unter der scheinbar recht simplen Fassade verbirgt sich ein Abgrund, der dich nicht mehr hinaus lässt, wenn du einmal hineingefallen bist. Dieses Album ist nicht nur absolut einzigartig und originell, sondern auch verdammt gut gemacht, intelligent und niveauvoll. Hier steckt jeder Musiker gerne mal zurück, auch der Chef selbst, nur damit das möglichst homogene, stimmige, abwechslungsreiche und, das allerwichtigste, emotionale Gesamtbild bestehen kann, auch trotz der sehr sauberen und modernen Produktion, auch durch das wundervolle Booklet. Ziehe hinfort ohne Eile, spricht eine Vocoder-Stimme, und genau so ist es. Nimm dir Zeit für diese Musik, die den Trennungsschmerz spüren lässt. Noch nie hat ein Abschiedsalbum so sehr eben danach geklungen. Als hätten NOCTE OBDUCTA es schon immer so geplant. Ein Magnum Opus. Genau zur richtigen Zeit.

Veröffentlichungstermin: 5. Dezember 2008

Spielzeit: 44:00 Min.

Line-Up:
Flange – Keys, Progs
Marcel – Gitarren, Vox, Keys, Progs
Martin – Progs
Matze – Drums, Percussion
Nathalie – Design
Stefan – Gitarren, Vox
Suse – Fotos
Tom – Fotos, Design
Torsten – Vox
Vagelis – Bass

Produziert von Vagelis Maranis und NOCTE OBDUCTA
Label: Supreme Chaos Records

Homepage: http://www.nocte-obducta.de

MySpace: http://www.myspace.com/nocteobducta

Tracklist:
Teil 1
Teil 2