NEUROSIS: Given to the Rising

NEUROSIS: Given to the Rising

Ich habe lange diesen Tag herbeigesehnt und bin irgendwie doch aufgeregt. Ich will heute versuchen Given to the Rising in Worte zu fassen, weiß aber sowieso, dass es mir nicht gelingen wird. Also gestehe ich mir lieber gleich ein, dass ich versagen werde und lasse meinen Gedanken ebenso freien Lauf wie bei den anderen 25, 30 Mal, in denen ich das Album in den letzten Wochen gehört habe. Denn ebenso intuitiv wie meine Meinung zu diesem Werk ist auch das, was ich dazu empfinde.

Given to the Rising schält den Hörer, blickt unter seine dickste und zähste Hülle. Sobald die ersten Töne erklingen ist der Konsument gefangen in der Welt von NEUROSIS und erfährt ein Album, das nach ruhigen Meisterwerken wieder richtig laut und heftig wird. Genau genommen ist Given to the Rising aber alles andere, als nur eine Rückkehr zu alten Stärken. Viel mehr wurde der Geist des alles Erdrückenden wieder gefunden und so eingesetzt, wie es auf The Eye of Every Storm nicht möglich war, denn dieses Album verlangte viel mehr die ambivalente Ruhe und Schönheit, die es letztendlich auch bekam. Drei Jahre später sind NEUROSIS wieder laut, spielen aber Songs, die viel mehr geprägt sind von der Neuzeit der Bandgeschichte als von der eruptiven Misanthropie von Enemy of the Sun oder Through Silver in Blood.

Das heißt für mich persönlich, dass Given to the Rising trotz seiner Dissonanz, seiner Schwärze, seiner Fähigkeit den Hörer zu erdrücken, ein Album ist, das Liebe ausstrahlt. Anders gesagt: Wenn du dich mit deiner Freundin gestritten hast, liebst du sie noch immer. Somit begeben sich NEUROSIS zwar nicht auf Kriegspfade mit ihrer Hörerschaft, aber sie ziehen sich in sich selbst zurück und lassen den Hörer allein mit ihrem Zorn, fast so als würden sie schmollen. Dabei bleibt immer eins gegenwärtig: Größe. Kein Zweifel besteht an der musikalischen Ausrichtung der Band – die ist nach wie vor mitreißend, schön, hässlich, tief, vielschichtig, groß und wunderbar.

Sicherlich werden gerade Anhänger älterer Tage schneller in Given to the Rising hineinfinden als in seinen Vorgänger, da das Werk schwerer und heftiger ist, aber es ist kein Schritt zurück, viel mehr ein deutlicher Schritt vorwärts, so als wüssten NEUROSIS heute mehr denn je was sie wollen. Dass Songwriting bei den kalifornischen Musikern eine ganz intuitive Angelegenheit ist, ist soweit auch klar. Also wird dies konsequenterweise verbunden und heraus kommt ein Meisterwerk wie Given to the Rising, das seinesgleichen sucht und sich in Dunkelheit suhlt, aber auch das Licht nicht vernachlässigt.

Das wird gleich mit dem Titeltrack klar, der laut und kompromisslos die höchst intensiven 70 Minuten einleitet und mit massiven Riffs den Hörer erdrückt. Danach wird es jedoch ruhiger, leiser und schlicht und ergreifend einfach schön, bevor sich der Song nochmals aufbaut und geradezu explodiert. So ähnlich passiert das acht mal auf diesem Album, stets in anderen Facetten. Fear and Sickness ist über weite Strecken beschwörend, leise und schwarz, To the Wind ist so von Leidenschaft und Schönheit erfüllt, dass man weinen möchte, bevor ein heftiger Doom-Part alles zerreißt. Der erste große Teil des Albums wird durch das pechschwarze At the End of the Road beendet, das erst düster und beschwörend mit viel Synthies und Atmosphäre eine gigantische Spannung aufbaut um schließlich ein zurückhaltendes Finale zu erfahren, das mit jedem Hören mehr an Substanz gewinnt.

Substanz ist übrigens zu 100% gegeben. Selbst bei dem Intermezzo Shadow, das den zweiten Teil des Albums spirituell einleitet. Darauf folgt das extreme Hidden Faces, das für mich das Locust Star der Neuzeit ist, sowie das unscheinbare, aber tiefe Water is Not Enough. Mit dem extremen Distill (Watching the Swarm) schließlich schaffen sich NEUROSIS ein Denkmal und liefern den besten Song ihrer Karriere ab, da er wirklich alles bietet was diese Band so wunderbar macht, von lärmenden, hypnotisierenden Passagen hin zu totaler Ruhe wird der Hörer stets ergriffen. Und nicht nur das, dieses Stück verschlingt ihn. Und wird nur übertroffen durch das abschließende Origin, das so leise Spannung aufbaut, dass es den Hörer fast zerreißt um zu einer Größe heranzuwachsen, die selbst für einen NEUROSIS-Song fast unheimlich ist und den Hörer ungeahnt heftig berührt.

Auch wenn die zehn Tracks des Albums allesamt abrupt enden, wirkt das Album wie aus einem Guss, auch wenn die Songs teilweise plötzliche Wendungen haben, die auch nach dem zehnten Hören noch schwer im Magen liegen, machen sie Sinn – mehr Raum kann man seiner Musik nicht zugestehen. Diese Kreativität, die Scott Kelly und Steve von Till mit ihrem Gitarrenspiel und ihrem harschen, erdigem Gesang ausströmen, ist schon fast unheimlich. Die Atmosphäre, die Noah Landis mit seinem Keyboards und Synthesizern erschafft entführt den Hörer weit weg und bereichert den Sound der Band wie sonst nur auf The Eye of Every Storm. Jason Roeders Drumming ist einerseits primitiv, aber hypnotisierend und so aus dem Bauch heraus, dass es besser nicht zu dieser Musik passen könnte.

Ebenso das Soundgewand: Das in nur 6 Tagen aufgenonmmene, live eingespielte Album klingt so roh und erdig, wie direkt aus dem Herzen. Und genau darauf kommt es an: Vergesst meine Interpretation des Albums, vergesst, was ihr über Musik, Gefühle, über die Bilder in eurem Kopf oder sonstiges wisst, schaltet einfach euer Hirn aus und euer Herz ein. So wird Given to the Rising ein Album werden, das euch gänzlich vereinnehmen wird. Hört es nicht rauf und runter, hört es wenn ihr Zeit habt. Wenn ihr das Bedürfnis habt es zu hören, nehmt euch die Zeit, aber erfahrt es bei vollem Bewusstsein. Lasst euch aufsaugen, lasst euer Herz an Größe gewinnen, indem ihr diesem Album einen Platz darin gebt. Zweifellos, NEUROSIS werden mit jedem Album besser, aber dass ich jetzt schon sagen kann, dass dies mehr als nur das Album des Jahres ist, ist erstaunlich. Given to the Rising, dieses emotionale, intuitive, spirituelle Meisterwerk, ist der Soundtrack zur Erkundung und Reinigung der Seele.

Veröffentlichungstermin: 18. Mai 2007

Spielzeit: 71:04 Min.

Line-Up:
Scott Kelly – Vocals, Guitars
Steve von Till – Vocals, Guitars
Dave Edwardson – Bass
Jason Roeder – Drums, Percussion
Noah Landis – Keyboards, Synthesizer, Samples
Josh Graham – Live Visuals

Produziert von NEUROSIS & Steve Albini
Label: Neurot Recordings

Homepage: http://www.neurosis.com

Tracklist:
1. Given to the Rising
2. Fear and Sickness
3. To the Wind
4. At the End of the Road
5. Shadow
6. Hidden Faces
7. Water is Not Enough
8. Distill (Watching the Swarm)
9. Nine
10. Origin