LEPROUS: Tall Poppy Syndrome

Norwegen gegen Schweden, LEPROUS gegen OPETH…

Die Rivalität zwischen Norwegen und Schweden ist legendär und natürlich teilweise historisch belegt. Mal führen die Schweden ihre erfolgreichen Unternehmen an (okay, bevor die Finanzkrise das Saabselbstwertgefühl gefoltert hat), darauf kontern die Norweger mit dem Verweis auf ihre Rohstoffschätze. Über die Sprachen wird gewitzelt. Doch will man greifbare Resultate, wendet man sich am besten der Sparte Musik zu. Die schwedischen Death Metaller sehen die norwegische Black Metal-Ernsthaftigkeit als Freipass für humoristische Äußerungen – also keine Messbarkeit in diesem Bereich. Da wird es am Eurovision Song Contest schon exakter. Dort kämpft eine flotte Schwedenbraut (stets als Nostalgieverteidigung für die unvergesslichen ABBA rekrutiert) gegen einen norwegischen Fantasygeiger – Norwegen gewinnt, es steht 1:0.

Dann schickt Norwegen LEPROUS ins Rennen gegen die Schwedengötter OPETH. Diese mussten zuerst wohl akribisch Watershed-Recherche betreiben. Anders lassen sich die krassen Anlehnungen an das Album des Jahres 2008 wohl nicht erklären. Und LEPROUS machen ihre Sache gut. Visuell mit einer ansprechenden Mohnblume unterwegs, produktionstechnisch transparent und professionell ausgestattet (nur dem Snaresound fehlt es an Dynamik) und mit erstklassiger Spielfertigkeit steigt die ehemalige Touringband von IHSAHN in den musikalischen Ring.

Und austeilen können sie. Songs über acht Minuten sind kein Problem. 70s-angehauchte Passagen versüßen Dare You und grooven können LEPROUS ebenfalls. Starke Songs wie das ruhige Fate oder über siebenminütige, sensationelle He Will Kill Again überzeugen und überraschen auch noch beim Hördurchlauf im zweistelligen Bereich. Doping mit Schlafmohn findet ebenfalls keines statt, lieber punkten die Norweger mit musikalischer Raffinesse.

Und wie sieht es aus im Kampf gegen OPETH? Ein entscheidender Unterschied liegt im Gesangsbereich. Einars Stimme ist poppiger, gefälliger als diejenige des von ewiger Tragik und herzsprengender Melancholie geprägten Genies Mikael Åkerfeldt. Wirklich tief in die Seele greift also der Schwede, wenngleich LEPROUS ihnen dicht auf den Fersen sind. Hart auf hart kommt es dann im Bereich Songwriting. Beide Bands sind in schwindelerregenden Niveauhöhen unterwegs. Aber eben – OPETH könnens einfach besser.

OPETH besorgen Schweden also den Musikpunkt zurück, es steht 1:1. Aber sind LEPROUS Verlierer und Tall Poppy Syndrom ein schlechtes Album? Nein, im Gegenteil – weswegen hier auch gleich die explizite Kaufempfehlung ausgesprochen werden muss. Denn die Norweger sind extrem hoch hinaufgestiegen zum von OPETH besetzten Thron. Und gegen Götter würdevoll zu verlieren, ist nie eine Schande.

Veröffentlichungstermin: 08.05.2009

Spielzeit: 63:04 Min.

Line-Up:
Einar Solberg: Vocals, Keyboards
Tor Oddmund Suhrke: Gitarre, Vocals
Öystein Skonseng Landsverk: Gitarre, Vocals
Tobias érnes Andersen: Drums
Halvor Strand: Bass

Produziert von Jonas Kjellgren
Label: Sensory / Laser Edge / Alive

Homepage: http://www.leprous.net/

MySpace: http://www.myspace.com/leprousband

Tracklist:
1. Passing
2. Phantom Pain
3. Dare You
4. Fate
5. He Will Kill Again
6. Not Even A Name
7. Tall Poppy Syndrome
8. White